Intensivmedizin: Rationierung längst Realität

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Gunnar Piltz
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Intensivmedizin: Rationierung längst Realität

Beitrag von Gunnar Piltz » 09.05.08, 17:57

Intensivmedizinische Versorgung: Rationierung ist längst Realität

Sparen in den teuersten Abteilungen

Der Druck auf die Krankenhäuser, ihre Finanzierungslücken zu schließen, ist enorm (3). Liegt es nicht auf der Hand, gerade die Leistungen der teuersten Abteilungen zu begrenzen beziehungsweise notwendige Kapazitäten zu limitieren? Aber wie steigert man Produktivität bei der Versorgung eines Intensivpatienten? Eine Begrenzung teurer Therapieverfahren wäre eine Option – eine Begrenzung der Intensivbetten-Kapazität eine andere. ... weiter

Dtsch Arztebl 2008; 105(19): A-995
Link zu www.aerzteblatt.de

Gunnar Piltz
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Beitrag von Gunnar Piltz » 09.05.08, 17:58

Die zum Teil sehr kontroversen Aussagen bei dieser Fragebogenaktion verwunden mich eigentlich nicht. Nahezu allen Akteuren des Gesundheitswesens ist bewusst, dass wir uns die heute oft grenzenlos betriebene Intensivmedizin in diesem Maße kaum mehr leisten können. Dennoch sind wir aber weit davon entfernt, auf diesen drohenden Kollaps und die Ressourcenknappheit zu reagieren. Einzig die Intensivbetten-Kapazität, so scheint es, führt derzeitig überhaupt zu einer Limitierung oder zu einem Nachdenken über das Outcome einer Intensivbehandlung.
Die Realität ist ein immer älterwerdendes Patientenklientel mit einer ganzen Reihe von schwerwiegenden Begleiterkrankungen, die auf der Intensivstation oft grenzenlos, bis an den Rand des menschenmöglichen und bezahlbaren, therapiert werden. Häufig limitiert nur der unaufhaltsame Sterbeprozess weitere Maßnahmen.

Gibt es bei Euch Auswahlkriterien oder Kontraindikationen für eine Aufnahme auf die Intensivstation?

Herzliche Grüße
Gunnar Piltz
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jaeckel
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Beitrag von jaeckel » 10.05.08, 09:17

Lieber Herr Piltz,

danke für den Beitrag. Spannend! Heizt eine Kapazitätsbegrenzung auf interdisziplinären Intensivstationen ev. auch den medizinischen Generationenkonflikt an? D.h. werden ggf. eigentlich austherapierte "alte" internistische Fälle noch auf Intensiv gebracht und für "junge" Akutfälle besteht dann manchmal keine (Aufnahme-) Kapazität? - Ich zumidest habe so etwas oft erlebt.
Alles Gute!

Herzlichen Gruss
Ihr

Dr. med. Achim Jäckel
Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Nephrologie
Intensivmedizin, Notfallmedizin, Hypertensiologe (DHL)

Gunnar Piltz
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Beitrag von Gunnar Piltz » 11.05.08, 17:52

Lieber Herr Dr. Jäckel,

an den Zuständen hat sich seit Ihrer klinischen Zeit nichts geändert, obwohl ich der Meinung bin, dass es im Gegensatz zur operativen Intensivmedizin im internistischen Intensivbereich einfach andere Maßstäbe gibt. Hier limitieren beispielsweise sehr viel früher ein infarktgeschädigtes Herz mit einer zu geringen Auswurfleistung oder die schweren Begleiterkrankungen den absehbaren Therapieerfolg. In den operativen Fächern wird dies häufig ganz anders bewertet, da der Patient ja nicht an einer vorbestehenden KHK oder COPD, sondern der Wahrnehmung nach an der Magen- oder Gallenoperation verstirbt.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen der medizinischen und der operativen Intensivmedizin liegt in der unterschiedlichen Art der Aufnahme / Zuweisung. Wird im internistischen Intensivbereich die Bettenkapazität durch Notfallaufnahmen bestimmt, limitiert sich im operativen Intensivbereich die Bettenkapazität in erster Linie durch die Anzahl und Qualität der elektiven (postoperativen) Aufnahmen, welche zum Teil ja auch steuerbar ist. Wie häufig erlebt man die Situation, dass die Intensivstation bis auf das letzte Bett mit "Langliegern" belegt ist und es hart umkämpfte Warte- bzw. Vorranglisten der unterschiedlichen chirurgischen Disziplinen für postoperative Intensivaufnahmen gibt. Umso unverständlicher wird es, wenn im peripheren Stationsbereich eine große Anzahl an Patienten auf ihre dringend benötigte OP warten muss und zugleich jedes frei gewordene Bett sofort mit einem neuerlichen "Langlieger" nachbelegt wird.

Auch habe ich den Eindruck, dass es eine doch sehr unterschiedliche Wahrnehmung zwischen den Disziplinen gibt und gerade in den operativen Fächern dass Outcome der zum Teil hochbetagten Patienten nur wenig reflektiert wird. Natürlich kann man ungeachtet der Vorerkrankungen und des Alters heute rein technisch nahezu alles operieren. Aber wie sinnvoll erscheinen beispielsweise riesige Tumoroperationen oder palliative Eingriffe für eine durch Alter und Vorerkrankung doch deutlich eingeschränkte Lebenserwartung. Und selbst wenn man dies postoperativ durchaus erkennen kann, werden alle technischen und medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft, da die chirurgische Maßnahme ja primär erfolgreich war und nun die intensivmedizinisch aufgetretenen Probleme dem chirurgischen Ergebnis entgegenstehen.

Wir werden uns aus gesellschaftlicher, ökonomischer und ethischer Sicht zukünftig auch mit dem medizinischen Generationenkonflikt zu beschäftigen haben, um bei dieser rasanten Entwicklung nicht aus dem Segen der Intensivmedizin einen Fluch zu machen.

Herzliche Grüße
Gunnar Piltz
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