unklares Abdomen

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nebel
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unklares Abdomen

Beitrag von nebel » 06.07.07, 15:50

Hallo liebe Forum-Leser,
ich habe mir gedacht, dass ich nun auch mal ien vlt. ganz interessantes Fallbsp. hier veröffentlichen kann. Es ist ein reeler Einsatz gewesen und ich hoffe, dass es nicht zu einfach für euch ist. Wenn doch, dann tut es mir leid.


Einsatzmeldung: (3.07 Uhr) RTW, XY Str., unklares Abdomen,

Notfallbild vor Ort:

- Eltern vor Ort, setzten Notruf ab
- Mädchen, 17 Jahre, liegend im Bett
- ansprechbar, aber aufgrund Schmerzen im linken / rechten Oberbauch nur bedingt kommunikationsfähig

So, mehr Informationen gibts nun nimmer. Interessieren würde mich zunächst euer genaues Vorgehen, chronologisch geordnet.
Hoffe es nehmen viele dran teil.

mbela
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Beitrag von mbela » 06.07.07, 17:09

Das lässt ja wieder viel Platz für Phantasien :)

Ich mach mal den Anfang.

Da wohl definitiv starke Schmerzen Nachforderung NA durch Kollegen.

- Vorstellen
- Puls tasten (ich gehe mal von keinem Schock aus)
- Anamnese (Eigen-/Fremd-): Beginn der Symptome, Schmerzart, Palpation Abdomen, Vorerkrankungen, regelmässige Medikamenteneinnahme
- RR, EKG, SpO2, Zugang

Aber ohne zumindest die ersten Werte bleibt einfach zu vieles Möglich. Von der Pankreatitis über Intox bis EU-Schwangerschaft, Trauma möglich? Entsprechend der erhobenen Werte und der in Erfahrung gebrachten Informationen dann weitere Maßnahmen, welche ich mit dem nächsten Häppchen dann weiter ausführen werde.

Gruß,
Markus
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nebel
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Beitrag von nebel » 06.07.07, 20:16

    Das lässt ja wieder viel Platz für Phantasien Smilie
:wink: mein erstes Fallbsp. muss ja für euch wenigstens ein bißchen interessant sein.

    Da wohl definitiv starke Schmerzen Nachforderung NA durch Kollegen. [list=]

    :oops: einen wichtigen Aspekt, der aber auch erst kurze Zeit nach Eintreffen in der Anamnese von uns herausgefunden wurde: Hausarzt war ca 7 Std. vorher mal vor Ort und applizierte der Patientin ein Analgetikum, woraufhin die Schmerzen aber nicht besser wurden.
    Auch wenn sich das nun etwas blöd anhört, aber aufgrund der erfolglosen Schmerztherapie und aufgrund eines nur kurzen Anfahrtweges zum Krankenhaus, haben wir einen NA nicht nachgefordert.

    Puls: schwach tastbar, regelmäßig, tachykard, Frequenz: 120 / min
    fremd- / Eigenanamnese: Übelkeit seit dem morgen, Palpation des Abdomen: weich, kein Druckschmerz; Bauchschmerzen seit dem Abend, dauernd anhaltender und in der Stärke gleichbleibender Schmerz, Appendix noch drin, schnelle Atmung, keine Schwangerschaft, kein Sturz in den letzten 48 Std.
    RR: schlecht messbar, palpatorisch 100mmHg
    EKG: Sinustachykardie
    Vorerkrankungen: bis auf insulinpflichtigen Diabetes keine
    Sp02: 90 %

    vom Zugang legen haben wir zunächst abgesehen, weil keine klare Indikation (Notkompetenz) vorlag.

    So, ich hoffe, dass ich noch nicht zuviel verraten habe und es vlt. noch ein bißchen spannend bleibt :roll: .
    Wenn jemand schon eine gesicherte Diagnose hat, dann kann er sie mir ja zunächst per PN schicken, um anderen Usern ne Chance zu geben.
[/list]

Erik Eichhorn
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Beitrag von Erik Eichhorn » 06.07.07, 20:44

Mag ja sein, dass sich das aus der Ferne anders anhört, aber:

schwacher, tachykarder Puls, HF ~120/min, SaO2 ~90%

Hört sich für mich alles nach einer potenziell vital bedrohten Patientin an. Ich glaube nicht, dass ich den Weg ohne Notarzt und vor allem venösem Zugang angetreten hätte. Auch wenn junge Mädchen manchmal amöboide Blutdruckverhältnisse haben, dass ist ganz sicher auf dem Weg zum Schockgeschehen. Zudem kompensieren junge Leute oftmals sehr lange einen drohenden Schock um dann binnen weniger Minuten massiv einzubrechen, dass man kaum weiß, was man zuerst machen soll.

Diabetes in der Anamnese? BZ-Kontrolle !!! Mag zwar selten sein, aber immerhin nicht so selten, dass ich es noch nicht erlebt hätte: Pseudoperitonitis diabetica.
Dass dort ein Hausarzt war und die Analgetikagabe erfolglos war, spielt für mich momentan eine untergeordnete Rolle. Es soll Fälle geben, da haben Pferde vor die Apotheke gekotzt :-)
Die Liste der Differentialdiagnosen ist entsprechend lang, bis hin zum Bauchaortenaneurysma ist da gedanklich alles drin. Da man in Bäuche draussen auf der Strasse schlecht reingucken kann, wäre mir momenatn ein zügiger Transport am wichtigsten.

Also Fazit: Hört sich für mich nicht nach unklarem Abdomen sondern nach akutem Abdomen an.

Bin gespannt, was gleich passiert.
Erik Eichhorn
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Franko
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Beitrag von Franko » 07.07.07, 06:20

Extern betrachtet riecht es hier m.E. schon nach akuter vitaler Bedrohung.
Was versteht man denn unter "kurzer Anfahrtsweg" zum KH? Welchen Einfluss hatte den die entsprechende von Euch sicher durchgeführte Lagerung auf die Vitalwerte? Trat darauf hin eine Veränderung ein?
Welche Stoffgruppe der Analgetika wurde denn durch den Hausarzt verwendet?
Um einen ersten Tipp abgeben zu wollen, warte ich noch auf das Ergebnis der BZ-Bestimmung. Die Indikation für einen Zugang ist übrigens nicht die Notkompetenz sondern die vitale Bedrohung der Patientin!

Im übrigen:
Was ist für einen Retter der Unterschied zwischen einem Notarzt und der Anwendung eines Kondoms? -->
Mit ist auf alle Fälle sicherer, aber ohne macht es halt mehr Spass!?!
:wink: :? :oops:
Auch wenn es ein Witz ist, denkt mal drüber nach!
Schönes Wochenende und ich bleibe gespannt
Frank

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Beitrag von Dr. Ch. Erbschwendtner » 07.07.07, 09:55

Hallo !

Prinzipiell eine interesante Geschichte.

Vitale Bedrohung - besseres Übernahmemanagement im KH - alles Dinge für den NA sprechen, ebenso wie Eriks Einwände.

Zu den schon reichlichen DDs noch eine zusätzliche:

Pseudoperitonitis diabetica

Bin mal gespannt, wie es weitergeht.



Im übrigen:
Was ist für einen Retter der Unterschied zwischen einem Notarzt und der Anwendung eines Kondoms? -->
Mit ist auf alle Fälle sicherer, aber ohne macht es halt mehr Spass!?!

Auch wenn es ein Witz ist, denkt mal drüber nach!


Leider ist das kein Witz, sondern für manche Realität.
Und die muß der Patient ausbaden ....

Gruß

Erbschwendtner
Dr.Ch. Erbschwendtner
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Erik Eichhorn
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Beitrag von Erik Eichhorn » 07.07.07, 10:20

Erik Eichhorn hat geschrieben:Diabetes in der Anamnese? BZ-Kontrolle !!! Mag zwar selten sein, aber immerhin nicht so selten, dass ich es noch nicht erlebt hätte: Pseudoperitonitis diabetica.


Guck mal Christian, ich war schneller :-)
Erik Eichhorn
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Marc02
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Beitrag von Marc02 » 07.07.07, 13:09

Wie lange bräuchte man ins nächste aufnahmebereite KH ?
Ist das Abdomen schon auskultiert worden ?
Was für Schmerzen sind es genau ?
Was hat sie vom HA gegen die Schmerzen bekommen ?

Dr. Ch. Erbschwendtner
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Beitrag von Dr. Ch. Erbschwendtner » 07.07.07, 21:26

Guck mal Christian, ich war schneller


Okay habe ich überlesen, sollte wohl man Ferien machen :oops:

Bin schon gespannt, was aus dem Fall wohl wird :idea: :?:

Gruß

Christian
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nebel
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Beitrag von nebel » 07.07.07, 22:31

Ui, sind ja einige Antworten hinzu gekommen und kann euch auch schonmal beruhigen....die Antworten sind echt gut !!

Aber zunächst erstmal zur vitalen Bedrohung: vlt. wurde es von meiner Seite aus etwas überspitzt beschrieben, sorry. Trotzdem haben wir prophylaktisch, nachdem eine kardiale Vorerkrankungen ausgeschlossen wurde, eine Schocklage hergestellt. Resultat = 2. RR - Mesuung: 110 / 80mmHg, HF weiterhin 120/min. Nebeneffekt der Schockklage: Bauchdeckenentspannung (...Schmerzen wurden aber leider dadurch nicht gelindert) vom HA wurde übrigens ein Medikament appliziert, welches den Wirkstoff Midazolam (2,5g) beinhaltet...wie gesagt wirkungslos.

Die Anfahrtzeit zum nächsgelegenen Krankenhaus betrug 7 min, zusammen mit der Besserung des RR und der von uns sehr schnell herausgefundenen Verdachtsdiagnose, haben wir uns gegen die Nachalamierung eines NA entschieden...man möge es mir Nachsehen :?

mmhh, die in diesem Fall sehr entscheidende Maßnahme war:
Diabetes in der Anamnese? BZ-Kontrolle !!!


Diese ergab bei dieser Patientin einen Wert von 405mg/dl ... dann hat sich vieles schnell zusammen gereimt: tiefe, schnelle Atmung = Kussmaul Atmung --> Versuch der körpereigenen Kompensation der Azidose, die durch den hohen Glukosgehalt im Blut entstand. Und auch der zunächst etwas bedenkliche RR konnte man noch herein basteln, aber nachher mehr dazu.

Erstmal gratuliere ich allen:
"Pseudoperitonitis diabetica" Tippern

Nachdem wir aus den Eltern weitere Anamneseinformationen herausgequetscht hatten, um eine die Ursache rauszukriegen, und die Eltern über unsere Verdachstdiagnose aufklärten, bereiteten wir zügig den Transport vor. Das nächste KH erreichten wir in ca. 7 min, bei dem wir uns über unsere Leitstelle vorher schon mit der Verdachtsdiagnose Hyperglykämie anmelden ließen.


:( mmhh,....ihr wart echt schnell, hatte mich so gefreut es hier vorstellen zu dürfen, ich hoffe es war nicht für jeden zu leicht ??

Mein internes Fazit:
Die Hyperglykämie entstand durch einemassives Flüssigkeitsdefizit, Probe bezüglich stehenden Hautfalten leider nicht durchgeführt. Hätte ich es gemerkt, dann hätte man schon am Einsatzort Volumen substituieren sollen / müssen . :(

Vielleicht habe ich noch mehr Fehler gemacht und deswegen habe ich noch eine Bitte an euch: Sagt sie mir, daraus kann ich nur lernen.

Danke, dass ich mein Bsp. hier vortragen durfte und es sogar zu einer kleinen Diskusion angeregt hat. Hoffe, dass ich es schaffe nochmal ein spannendes zu finden.

Wünsche noch allen eine gute Nacht und noch eins: BZ - Messung dauert nicht lange und jeder Patient hat ein recht darauf :)

mbela
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Beitrag von mbela » 08.07.07, 00:44

nebel hat geschrieben:...vom HA wurde übrigens ein Medikament appliziert, welches den Wirkstoff Midazolam (2,5g) beinhaltet...wie gesagt wirkungslos.....


Hmmm, Analgetikum?

Aber zurück zum wesentlichen, "Pseudoperitonitis diabetica", ich wäre darauf auch nicht gekommen. Wie gesagt, ich hätte auf den NA nicht verzichtet, denn keiner sollte Schmerzen leiden müssen, dafür dankt dir der Patient wirklich.

Noch was zu deinem Schlußsatz :) Von wegen BZ-Messung dauert ned lang und jeder Pat. hat ein Recht darauf *nach-oben-zeig*.

Grüße,

Markus
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Beitrag von nebel » 09.07.07, 11:10

Midazolam...son quatsch, ich meinte natürlich ein Medikament mit dem Wirkstoff Metmaizol...kenne die Produktname etwas besser, aber den darf man ja, glaube ich, hier nicht nennen (oder doch? in einem Fachforum?).


Wie entsteht eigentlich eine "Pseudoperitonitis diabetica", wodurch entstehen hier die Schmerzen?

Welchem Analgetikum hätte man hier am besten applizieren sollen?
Bzw. welche Infusionlsg. ist bei einer Hyperglykämie am ratsamsten?

Danke für jede Antwort und einen schönen Tag noch
nebel

Dr. Ch. Erbschwendtner
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Beitrag von Dr. Ch. Erbschwendtner » 09.07.07, 19:55

Hallo !

Wie entsteht eigentlich eine "Pseudoperitonitis diabetica", wodurch entstehen hier die Schmerzen?


Da streiten sich noch die Experten. Auslöser ist eine Blutzuckerentgleisung (ketoazidotisch beim Typ I oder hyperglykämische-hyperosmolar beim Typ II)

Durch die osmotische Diurese kann es zu ausgeprägten Flüssigkeitsverlusten, Elektrolytverlusten und Verschiebungen und pH Veränderungen kommen.

Bzw. welche Infusionlsg. ist bei einer Hyperglykämie am ratsamsten?

Empfohlen wird in den Guidelines die präklinische Gabe von 1000 ml NaCl 0,9 %.
Die weitere (klinische) Therapie richtet sich nach BZ, Schwere der Entgleisung. Laufende BZ, BGA und E-lyt Kontrollen sind erforderlich.


Midazolam...son quatsch, ich meinte natürlich ein Medikament mit dem Wirkstoff Metmaizol...
--> Metamizol

mfG

Erbschwendtner
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Erik Eichhorn
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Beitrag von Erik Eichhorn » 09.07.07, 19:56

@ nebel

Google ist doch unser Freund :-)

Pseudoperitonitis diabetica

Die Therapie mit Analgetika hat nicht oberste Priorität. Bei ketoazidotischer Stoffwechsellage ist es wichtig, frühzeitig den hohen Volumenverlust auszugleichen. 500ml - 1000ml isotone Elektrolytlösung sind präklinisch sicher sinnvoll.

Gruß,
Erik Eichhorn
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Beitrag von Erik Eichhorn » 09.07.07, 19:57

Diesmal war Christian schneller. :-)

Gleichstand....
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