Ungewöhnlicher Einsatz -Pilzvergiftung !

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d-i-n
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Ungewöhnlicher Einsatz -Pilzvergiftung !

Beitrag von d-i-n » 03.09.06, 20:59

Hallo Forum,

hatte unlängst diesen seltenen Einsatz (mein erster dieser Art) mit einer echten Pilzvergiftung.

21:15 Uhr, ich traf mehrere Minuten vor dem RTW ein, Patientin ist ein 12-jähriges Mädchen in deutlich reduziertem AZ, das auf dem Boden liegt, sehr blass und am ganzen Körper zitternd. Die Mutter (bzw. Stiefmutter, wie sich später herausstellte) war leider wenig hillfreich, das Mädel hätte Pilze gegessen und nun sei ihr schlecht, sie hätte mehrfach erbrochen. Ein kleiner Junge (9) stand dabei und sagte, ihm sei auch komisch im Magen. Die Frage, ob es selbst gesammelte Pilze waren, wurde bejaht, das Essen war 3 1/2 h her. Auf meine Frage, wer denn die Pilze mit den Kindern gesammelt habe und ob ich den sprechen könne, meinte die Mutter, mit dem könne man jetzt nicht sprechen. Auf meine Bitte ihn herzuholen oder zumindest ans Telefon, sagte sie, der sei im Bad, aber der sei ganz komisch und aus dem würde man nichts herauskriegen :shock: !

Ich also ins weit entfernte Bad gerast, sitzt ein 43-jähriger Mann auf dem Klo, verwirrt, deutlich verlangsamt und mit starkem Muskelzucken an beiden Armen. Pupillen mittel und extrem träge LR. Nur rauszukriegen, daß er auch mehrfach erbrochen habe.

Mir ist bisher nur klar, daß dies Pilze mit neurotoxischer Wirkung sein müssen und ich befürchte sowohl bei Vater als auch Mädel einen drohenden Krampfanfall.

In dem Moment, wo ich zum Telefon rase, um einen 2.RTW anzufordern, kommt der Erste, zum Glück sogar mit einem RA-Praktikanten, also 3 Mann. 2. RTW und NA werden nachgefordert - 2.NA nicht zu kriegen !

Ich lege bei dem Mädchen einen Zugang und spritze ganz langsam 7 mg Diazepam, bis das Zittern aufhört, desweiteren eine MCP, weil sie über starke Übelkeit klagte :arrow: :idea: :!: ein grober Fehler mit dem MCP, sie hätte weiter erbrechen sollen.
Die anderen beiden haben den Mann aus dem sehr engen Bad in die auch enge Küche gebracht und erstmal auf einen Stuhl gesetzt (RR 140/100, HF 90) und einen Zugang gelegt, als der 2.RTW eintraf. Die kümmerten sich um das Kind und packten sie schon auf die Trage, sie war soweit kreislaufstabil. Ich also in die Küche und auch dem Mann (ca. 100 kg schwer und groß) 5 mg Diazepam langsam i.v.. Die Muskelzuckungen bzw. es waren eigentlich fokale Krämpfe sistierten sofort, der Mann wurde aber binnen 2 min tief bewußtlos !!! :( Da in der engen Küche kein hinlegen oder gar Intubation möglich war, trugen wir ihn im Eiltempo zur Trage, Atmung war gut, bis die Intubation/ Narkose gerichtet waren wurde er wieder wacher, reagierte auf Ansprache mit Augenöffnen, Vitalparameter einwandfrei, Sätt. ohne O2 96 %.

Da weiterhin kein 2. NA zu bekommen war, stand ich natürlich vor einem Problem. Zumal wir in dem extrem ländlichen Gebiet 30 km zur nächsten größeren Klinik (das kleine Haus der Grundversorgung am Ort nimmt keine Kinder auf) fahren mußten. Ich war in Riesen-Sorge, daß das Mädel so wie der Vater zunehmende neurologische Ausfälle entwickeln und eintrüben könne.
Aber was soll man machen... nachdem das Mädchen stabil, ansprechbar und bis auf träge LR neurologisch unauffällig war, blieb ich im RTW bei dem Mann, der kleine Junge kam in den RTW mit dem Mädchen und wir fuhren im Konvoi los. 10 km vor der Klinik stieß dann zum Glück ein weiterer NA zu uns, der die Kinder betreute. Kurze Übergabe vor den RTW`s und weiter ging die Fahrt. Die Patienten erreichten in unverändertem Zustand die Klink.

Achso... ich habe natürlich sowohl die erbrochenen Pilze des Mädchens aus dem Eimer, als auch die recht großen Pilzreste mitgenommen. Obwohl selbst Pilzsammler, konnte ich keinen eindeutigen Giftpilz erkennen, wobei ich aber eher die süddeutschen Pilzarten kenne. Naja... Fliegenpilz war jedenfalls nicht dabei :wink: .

Ein Anruf des Arztes der Intensivstation beim Giftnotruf brachte erste Anhaltspunkte - aufgrund des Aussehens eines Pilzrestes und der Symptomatik war ein Pantherpilz am wahrscheinlichsten. Die bestätigte sich später, als es der Klinik gelang, spätabends noch einen Fachmann der örtlichen Pilzberatungsstelle zur Begutachtung der Reste zu holen.

12 h später hatte der Mann noch leichte Gangstörungen, war geistig aber wieder klar. Das Mädel war sehr geschwächt (ihr war in der Kinderklinik zur Sicherheit noch der Magen gespült worden), aber ohne neurologische Symptome. Der kleine Junge hatte bis auf Übelkeit keine Symptome entwickelt, war aber die Nacht überwacht worden. Ist also nochmal gutgegangen !

Ich wollte das hier nur mal schreiben, um zu zeigen, daß man (zumindest ich :cry: ) bei so seltenen Krankheitsbildern doch sehr schnell an die Grenzen seines Wissens stößt. Ich könnte mir natürlich sonst wohin treten, daß ich die MCP gegeben habe :oops: und auch die Logistik vor Ort war wegen der Wechsel der RTW-Teams sehr ungünstig. Das Team mit dem Mädchen hatte nämlich das Valium nicht mitgekriegt (weil die initial bei dem Mann waren) und ich hatte es ihnen nicht übergeben. Mein Fehler, die bekamen das erst bei meiner Übergabe an den zweiten NA mit... war aber auch wirklich ziemlich blöde vor Ort, weil Küche und Wohnzimmer so weit auseinander waren und man voneinander gar nichts mitbekam.

Also, ich wollte Euch das mal erzählen, weil es ein seltener Einsatz war, weil nicht alles so lief, wie es laufen sollte (und zwar durch meine Fehler) - aber man kann hier ja nicht immer nur seine Glanzstücke vorstellen ! :roll:

Für Interessierte hier ein Link zu diesem Pilz http://www.giftinfo.uni-mainz.de/gift_de/pilze/pantherina_syndrom.htm -die Pilzsaison fängt ja gerade erst an !

Gruß von doc-in-not :wink:

FKP-Watcher
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Beitrag von FKP-Watcher » 24.09.06, 13:24

Hey Doc-in-Not!
Ich möchte meinen tief empfundenen Respekt zum Ausdruck bringen! Das du in der Lage bist auch so einen Fall hier vorzustellen. Ich bin der Ansicht das wir alle vor allem aus Fehlern besonders viel Lehrreiches ziehen können. Natürlich ist es angenehmer wenn man dabei über den Splitter im Auge des anderen diskutieren kann aber wenn jemand wie du den Balken im eigenen Auge zur Diskussion stellt hat das nochmal eine andere Qualität. Dafür brauchts `nen breites Kreuz! Zwar hatte ich auch schon vorher diesen sehr positiven Eindruck von dir und deiner Arbeit aber dieser Threat hat nochmal gezeigt aus welchem Holz du bist. Prima! Solche Ärzte braucht das Land.
Watcher

tricolor
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Beitrag von tricolor » 24.09.06, 16:24

Ich find Sie haben das toll gemacht, und beim nächsten Mal sind Sie schlauer (punkto MCP).
Ausserdem find ich es gut, dass Sie Ihre Arbeit jeweils reflektieren und andere auch vor selbst gemachten Fehlern zu schützen versuchen.

VG
tricolor

Erik Eichhorn
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Beitrag von Erik Eichhorn » 24.09.06, 21:04

Hallo doc-in-not,

ich frage mich gerade warum mir dieses Highlight entgangen ist. Ich muss den Fallbericht in den vergangenen Wochen schlicht überlesen haben.
Hut ab vor diesem spannenden, selbstkritischen Fallbericht. Davon wünsche ich mir mehr auf Rett-Med.

Zum Einsatz: Ganz so viel von dem was "schief" gelaufen ist, brauchst Du Dir auch gar nicht selbst auf die Mütze schreiben. Immerhin lief der überwiegende Teil glatt, wenn nicht sogar vorbildlich ab.
Besonders erwähnenswert finde ich die gute Verteilung der Anfangs knappen Ressourcen auf die verschiedenen Patienten und dass ihr frühzeitig daran gedacht habt ausreichend Hilfe anzufordern ! Auch hast Du den Worst Case, nämlich einen plötzlich ateminsuffizienten Patienten zu haben, immer im Auge behalten und alles vorbereiten lassen und dann ggf. sofort handeln zu können. Toll !
Zum MCP: Mann muss und kann nicht alles wissen. Nur muss man wissen, wer es weiß oder wo es steht.
Einige Leitsätze aus meiner Ausbildung im Crisis & Team Ressource Management.
"Fordere Hilfe an, lieber früh als spät..."
"Nutze Merkhilfen und Leitfäden..."
"Nutze alle zur Verfügung stehenden Ressourcen..."
Daher mein Tip für's nächste Mal, auch aus persönlicher Erfahrung: Bei entsprechenden Meldebildern kontaktiere ich manchmal die Giftinformationszentrale schon auf der Anfahrt. Die Kollegen dort sind so unglaublich fit und hilfsbereit, dass sie einem oft schon auf dem Weg zum E-Ort erste hilfreiche Tips geben können. Ggf. bleiben sie während des Einsatzes am Apparat um weitere Informationen zu erhalten, oder rufen nach eigener kurzer Recherche zurück. Unter Umständen lassen sich so bei gesicherter Diagnose sogar schon seltene Antidote organisieren.
Zum Valium: Variante 1 -> Bei Bedarf wird es eben aus dem RTW schnell neu aufgezogen, minimaler Zeitverlust. Variante 2 -> Ein vigilanter RA sollte dieses kleine Missgeschick eigentlich auch bemerken und darauf aufmerksam machen. Draussen sind wir immer ein Team. Es spricht absolut nichts dagegen den Teamleader auf etwas aufmerksam zu machen.
Bleibt mir eigentlich nur, Dir mal virtuell auf die Schulter zu klopfen, denn alles in allem finde ich doch ein sehr erfolgreicher Einsatzverlauf, mit entsprechend positivem Ausgang.

Herzliche Grüße in den Süden.... (lass uns mal wieder telefonieren)
Erik Eichhorn
Rett-Med
DMF-Moderator im Forum Rettungsdienst und präklinische Notfallmedizin

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