Fall zum Mitraten

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d-i-n
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Fall zum Mitraten

Beitrag von d-i-n » 23.05.06, 14:22

Hallo Forum,

ich komme gerade von einem interessanten Einsatz und ´stelle den Fall hier zum Miträtseln vor:

13:43 Uhr, Alarm: Person nicht ansprechbar, Eintreffen nach 4 Minuten.

Patientin Jg.48 wird von der Tochter im Sessel sitzend gefunden (nicht klar, wie lange schon dort), reagiert kaum auf Ansprache, blass, zittert immer wieder am ganzen Körper.

Anamnese von Patientin ist sehr mühsam zu erheben, da diese zwar orientiert, aber deutlich verlangsamt ist und leise und verwaschen spricht:

Keine Vorerkrankungen, keine Medikamente, kein Schädeltrauma, war wegen HWS-Beschwerden bei der Hausärztin, dort Spritzen in den Nacken. Auf der Rückfahrt (selbst gefahren mit Auto) zunehmend Schwindel, Schwäche und Benommenheit, konnte gerade noch selbst in die Diele laufen, dort in den Sessel gesunken, meint selbst, sie sei nicht bewußtlos gewesen. Keine Schmerzen

Untersuchung: RR 95/55, HF 85 rhythmisch, BZ 94. Pupillen mittel, seitengleich, prompte Lichtreaktion. Reflexe seitengleich und lebhaft, keine pathologischen Reflexe. Keine Paresen, keine Parästhesien. Im Abstand von 10-30 Sekunden konvulsive "Zuckungen" und Schütteln des Rumpfes, wie wenn man sich bei Kälte kurz schüttelt. Etwas unruhig aber gleichzeitig schläfrig. Lichtscheu, hält Augen geschlossen.

Und nun ?

Noch Fragen oder schon irgendwelche Vorschläge, Verdachtsdiagnosen oder Therapieoptionen ?

Ist nicht unbedingt ein sehr häufiges Krankheitsbild, aber man könnte das schon errätseln denke ich. Wobei Anästhesisten hier klar im Vorteil sind :wink: !

Bin gespannt, ob Ihr drauf kommt ! :?: :idea:

Gruß von doc-in-not

SAN_FW
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Beitrag von SAN_FW » 23.05.06, 20:10

Hallo!

Nebenwirkungen von Xylocain?

Ich glaube, das wird beim "Quaddeln" (heißt das so? - die Injektionen in den Nacken) verwendet. http://www.gifte.de/Antidote/xylocain_2_%25.htm vgl. schwere Nebenwirkungen; könnte passen...

stefkoch
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Beitrag von stefkoch » 23.05.06, 20:37

Hallo zusammen,
interessanter Fall.
Wichtig wäre wohl zu wissen, was die Hausärztin da gespritzt hat, hattest du das telefonisch erfragen können? Das mit der NW von Xylo könnte bspw. ja schon stimmen.
Alternativ könnte es ja auch etwas aus der neurologischen Abteilung sein, Migraine accompagne (Lichtscheu), oder Basilaris- oder Sinusvenenthrombose (wobei das seltene immer noch selten und das häufige immer noch häufig ist :lol: )
MCP hat sie nicht zufällig wegen Übelkeit genommen, das die Zuckungen als Dyskiniesien zu interpretieren sind und nicht als eigentliche Erkankung?

@San_FW
nette Passage in deinem Text

"Bei schweren Zwischenfällen ist es immer ratsam, zur Behandlung des Patienten einen Facharzt für Anästhesie und Wiederbelebung hinzuzuziehen" ....

Wusste gar nicht, das es einem Facharzt für Wiederbelebung gibt... aus dem Fachgebiet der Reanimatologie :P der sogenannte Reanimator

VG

der Stefkoch

Erik Eichhorn
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Beitrag von Erik Eichhorn » 23.05.06, 20:43

Lieber doc-in-not,

ich habs mal ins RICHTIGE, neue Forum verschoben :-)

Bitte achtet in Zukunft darauf, alle Threads in denen es unweigerlich zur Nennung von Produkt- oder Medikamentennamen kommt gleich in den neuen geschlossenen Fachforen einzustellen. Das erleichtert uns die Arbeit und Euch die Übersicht.

Vielen Dank, Euer
Erik Eichhorn
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Thomas H.
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Beitrag von Thomas H. » 23.05.06, 21:03

Hallo Doc-in-Not,

ich würde zur neurologische Schiene tendieren.

Wie sieht es aus mit Meningismus?

Alleine von deiner Beschreibung her würde ich auf eine SAB tippen da ich
einen Fall mit änlicher Symptomatik und dieser Diagnose schon erlebt habe.

Alternativ wie sieht es aus mit einer Intox von Neuroleptika, die Beschreibung
hört sich für mich nach extrapyrimidalen Symptomen an. Gerade der krampfähnliche
Zustand ohne Koma ist für mich ein Hinweis auf diese Möglichkeit. Evtl. Gabe von Biperiden als diagnostisches Mittel.

Bin mal gespannt auf die Auflösung

Gruß

d-i-n
Topicstarter

Beitrag von d-i-n » 23.05.06, 23:03

Also erst mal Glückwunsch zu Eurem differentialdiagnostischen Wissen ! Die meisten aufgezählten Möglichkeiten, was alles dahinter stecken könnte, lagen tatsächlich im Bereich des Möglichen !

Die Auflösung:

Die Patientin hatte keine anderen neurologischen Ausfälle, kein Fieber, keine Meningismus, keine Medikamente genommen, keine alten oder frischen Kopfverletzungen, keine Krampfanfälle in der Vorgeschichte oder Familie.

San-FW :idea: hat die richtige Lösung -ich gratuliere ! Es war tatsächlich eine Nebenwirkung des "Quaddelns", bei dem ein Lokalanästhetikum in Form mehrerer subkutaner Depots gespritzt wird. Was genau gespritzt wurde, konnte ich vor Ort leider nicht in Erfahrung bringen, da die Hausärztin Mittagspause und den ABR laufen hatte.

Wenn Lokalanästhetika in die Blutbahn gelangen, können sie genau diese Symptomatik verursachen. Ich hatte vor Jahren einen solchen Fall mit exakt der gleichen Symptomatik in der Klinik gesehen, nach dem Einspritzen des Muttermundes mit Lidocain, ohne dieses Wissen wäre ich auch nicht drauf gekommen.

Meine Therapie: 2,5 mg Diazepam i.m. und die Konvulsionen, fokalen Krämpfe sowie Agitiertheit hörten sofort auf. Die ausgeprägte Lichtscheu kann ich allerdings auch nicht erklären (wobei die Differentialdiagnose einer Migraine accompagne auch hätte sein können, dies reagiert aber üblicherweise nicht auf Diazepam).

Wichtig ist mir auch, daß hier eine gründliche Anamnese des Rätsels Lösung erbrachte, ich hatte die Patientin genau gefragt, was sie vor dem Vorfall gemacht hatte. Da sie einmal pro Woche zum Quaddeln geht und es bisher gut vertrug, hätte sie es wahrscheinlich nicht erwähnt und die minimalen Einstichspuren am Nacken wären mir unter ihren langen Haaren gar nicht aufgefallen.

Allen, die mitgerätselt haben meine Anerkennung und danke für die Mühe ! Allen, die es nicht gewußt hätten: macht nichts, das muß ein Rettungsassistent oder-sanitäer wirklich nicht wissen, mein internistischer Notarzt-Kollege, dem ich es erzählte sowie der Klinik-Doc wären auch nicht drauf gekommen.

Gruß von doc-in-not :wink:

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