Herzinfarkt, ist es wirklich so eindeutig/hoffnungslos?

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BeckyWell
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Herzinfarkt, ist es wirklich so eindeutig/hoffnungslos?

Beitrag von BeckyWell »

Hallo zusammen. Ich bin bei meiner Suche immer wieder auf dieses Forum gestoßen und habe über zwei, drei ähnliche Fälle gelesen, wo letztendlich trotz schlechter Prognosen Hoffnung begründet war. Nun bin ich neu hier, danke dass es sowas hier gibt.

Mein Vater (72, Bluthochdruck, Tabletten nahm er nur sporadisch, starker Raucher, Quartalstrinker, schlecht zu Fuß, Probleme mit Gicht, hat ziemlichen Raubbau mit seinem Körper betrieben) hatte am Dienstag letzter Woche einen Herzinfarkt. Es waren Personen bei ihm, die ihn sofort reanimiert haben bis der RTW kam. Die haben ihn zwei mal reanimiert, direkt ins Krankenhaus gebracht, wo er einen Stand bekommen hat und den Körper runter gekühlt haben. Da wurde auch ein Wert zur Einschätzung der Neurologie genommen, (NSE?) der lag bei 41 und war somit wohl ganz gut. Der Arzt blieb zwar allgemein und sagte, man müsse dann eben mal gucken, ob er aufwacht, aber ich dachte, das wird schon!
Er ist ein sehr zäher Mensch. Am Mittwoch oder Donnerstag (ich bin gar nicht mehr ganz sicher) hat man begonnen die Körpertemperatur wieder zu erhöhen. Ich war jeden Tag für eine Stunde bei ihm. Am Freitag hat man das erste mal Propofol weggenommen und da sah ich die ersten Bewegungen bzw. Zuckungen. Der Blutdruck ging hoch, er würgte wegen dem Tubus und musste wohl husten. Er wurde knallrot. Das tat mir in der Seele weh, ich dachte sofort: er quält sich. In der Nacht bekam er daher auch wieder Propofol. Samstag und Sonntag war er ruhiger, zuckte mal mit den Lippen oder man sah Augenbewegungen unter den Liedern. Ich dachte: okay, das geht eben sehr langsam vorwärts, vor allem weil er Nachts immer noch wieder sediert worden war um keinen Stress zu haben.
Ich habe noch Bruder und Schwester, die beide mit ihren Familien im Urlaub waren, als das geschah. Mein erster Gedanke war, ich sage nichts, und warte erst mal ab.
Zumal wir alle ein schwieriges Verhältnis zu ihm haben. Bis die wieder da sind, ist er auch wieder wach. Am Montag kam dann die Oberärztin zu mir und erklärte, dass der zweite NSE-Wert bei über 100 lag und gar nicht gut ist und man ein CT gemacht habe und man davon ausgeht, dass er einen Hirnschaden hat und nicht mehr wach wird. Es gebe zwei Möglichkeiten: entweder ein Luftröhrenschnitt und er wäre ein Pflegefall oder man würde extubieren und dann ginge es schneller.
Am Dienstag würde noch ein EEG gemacht und sie ginge davon aus, dass es diese Einschätzung bestätigen würde.
Ich war so vor der Kopf gestoßen. Klar habe ich an die Möglichkeit gedacht, aber offenbar hat mein Verstand diese nicht für ernsthaft möglich gehalten. Ab da habe ich nur geheult, ich wusste auch nicht was ich noch sagen sollte. Ich war dann noch eine halbe Stunde bei ihm, an diesem Tag war er ein wenig von mir weg gedreht. Und da sah ich plötzlich, wie er bei einer dieser „Atemzüge“ die Augen etwas öffnete. Aber er starrte in den Raum, nahm mich offenbar nicht wahr. Ich streichele immer seinen Arm und drücke seine Hand. Versuche ihm ja auch immer zu erzählen, bisher reagierte er nicht. Ich habe mich aber in diesem Moment einfach nicht getraut um das Bett herum zu gehen und ihm in die Augen zu sehen. Ich hatte solche Angst, was geschieht. Im Nachhinein frage ich mich immer wieder: warum öffnete er ausgerechnet da die Augen. Vielleicht hat er das alles gehört, hatte Panik. Es fühlt sich an, als zerbricht mein Herz bei dem Gedanken. Und dass ich versagt habe.
An diesem Montagabend habe ich mit meiner Mutter meine Geschwister angerufen und sie informiert.
Natürlich hatten sie auch 1000 Fragen
Heute war ich mit meiner Mutter da. Es war wie ein Abschied. Wir haben dem Arzt nochmal sehr viele Fragen gestellt, auch nach dem Augenöffnen gefragt. Er sagte: Hirntod sei er nicht, der Hirnstamm sei intakt, daher der Atemreflex und das Augenöffnen. Der Kreislauf sei stabil. Gestern habe er viel selbst geatmet, heute immer mal wieder zu schwach, die Maschine gleiche das aus.
Ich habe gegenüber der Ärztin auch gestern schon über die Situation mit meinen Geschwistern informiert, dass mein Bruder erst Mittwoch, also mittlerweile heute und meine Schwester Samstag da sein wird. Man sagte, wir sollen in Ruhe als Familie entscheiden, wenn wir vollständig seien. Aber alle Ärzte seien sich einig, dass er nicht wieder wach werden wird.

Ich habe nun immer abends den Drang dorthin zu fahren und ihn zu beobachten. Ärgere mich über meine Unsicherheit, manchmal traue ich mich nicht mit ihm zu reden. Denke danach: ich habe nicht alles versucht. Ich war nicht lang genug da, es war vielleicht falsch, das die Gespräche mit den Ärzten vor ihm stattgefunden haben. Ist das normal?
Ich muss ihm mehr vermitteln, dass wir da sind und er alle Zeit hat. Die Besuchszeiten stehen draußen angeschlagen mit 1 Stunden von 15-18 Uhr. Meint ihr ich soll mal fragen, ob ich auch abends kommen darf? Ich bin da leider sehr unsicher im Verhalten.
Dann denke ich, ich sollte mir die Werte/Berichte geben lassen und mehr Meinungen einholen. An wen wendet man sich damit?
Andererseits denke ich, wenn man ihn extubiert, entscheidet er, ob er leben will oder nicht. Oder nicht?

Der Schmerz ist unfassbar, mein Partner ist eine große Stütze. Ich bin aber jeden Tag allein dorthin, weil ich allein sein wollte.

Ich wäre für eine Einschätzung sehr dankbar.

Rebecca
Dr. A. Flaccus
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Re: Herzinfarkt, ist es wirklich so eindeutig/hoffnungslos?

Beitrag von Dr. A. Flaccus »

Guten Abend,

es ist immer schwer, aus der Ferne - und ohne den Patienten zu sehen - eine Einschätzung zu geben.

Ich fasse mal zusammen, was ich aus Ihren Berichten herauslese:

- schnelle Reanimation
- initial "hoffnungsvoller" Verlauf
- aktueller NSE-Wert um 100
- jetzt eine Woche nach Ereignis
- Spontanatmung vorhanden, aber kein Aufwachen

Was zur annähernden Beurteilung mindestens noch fehlt:

:arrow: der genaue EEG-Befund
:arrow: der Befund der CT-Untersuchung
:arrow: die exakte Beurteilung eines Facharztes für Neurologie
:arrow: werden noch Medikamente zur Sedierung gegeben (Sufentanil? Propofol?)

Grundsätzlich ist es bei dem von Ihnen geschilderten Verlauf möglich, dass sich Dinge noch zum Positiven verändern.
Andrerseits sind die ärztlichen Kolleg:innen direkt vor Ort. Sie behandeln Ihren Vater Tag für Tag und wissen am besten, wie es um ihn steht.
Und leider ist es so, dass die Prognose mit jedem Tag des Nicht-wach-werdens schlechter wird. Auch der steigende NSE-Wert spricht leider dafür.

Vielleicht ist es Ihnen ja möglich, die o.g. Befunde in Erfahrung zu bringen.

Am Ende muss man entscheiden ob man "Leiden verlängert" oder tatsächlich eine Chance auf Besserung besteht. Dazu braucht man aber viele Informationen und eine solche Entscheidung muss natürlich sorgsam abgewogen werden.
Wenn Sie also weitere Informationen haben, können wir in diesem Forum gern versuchen, Sie bei der Entscheidungsfindung zu unterstützen.

Dr. A. Flaccus
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BeckyWell
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Re: Herzinfarkt, ist es wirklich so eindeutig/hoffnungslos?

Beitrag von BeckyWell »

Guten Abend,

vielen Dank für Ihre Antwort.
Ihre Zusammenfassung kann ich bestätigen.

Ich fragen morgen nach diesen Unterlagen.
Propofol bekommt er seit Sonntag gar nicht mehr.
Sufentanil noch immer. Das ist doch aber ein Schmerzmittel, oder?
Man sagte mir, wenn wir uns fürs extubieren entscheiden würden, würde er z.B. Morphium bekommen. Ich ging davon aus, das hilft ihm alle das zu ertragen…

Ich melde mich morgen nochmal.
Dr. A. Flaccus
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Re: Herzinfarkt, ist es wirklich so eindeutig/hoffnungslos?

Beitrag von Dr. A. Flaccus »

Guten Tag,

Sufentanil kann - ähnlich wie auch Morphin - durchaus zu einer Beeinträchtigung des Bewußtseins führen. Das ist eine Nebenwirkung, die insbesondere beim Morphin durchaus erwünscht ist.
Das ist auch abhängig von der Dosis.

Im Fokus steht aber ganz klar die Beurteilung durch einen Facharzt für Neurologie: Wie wird der Zustand eingeschätzt? Sind Veränderungen im Verlauf zu beobachten? Zeigen EEG und CCT Hinweise auf einen sog. "hypoxischen Hirnschaden" (Untergang von Hirngewebe durch Sauerstoffmangel)?

Wenn diese Fragen beantwortet werden können, kann man perspektivisch über weitere Schritte sprechen.

Dr. A. Flaccus
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BeckyWell
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Re: Herzinfarkt, ist es wirklich so eindeutig/hoffnungslos?

Beitrag von BeckyWell »

Guten Tag,

Ich war am 27., also Donnerstag abends völlig desillusioniert. Er saß aufrecht und hustete wirklich schlimm. Die Ärztin sagte uns, er entwickelt eine Lungenentzündung, hatte 39 Grad Fieber.
Ich dachte an diesem Tag, es ist wirklich Zeit, es gut sein zu lassen.
Alle Ärzte mit denen wir gesprochen haben in all den Tagen, sagten uns, dass er definitiv nicht mehr wach werden wird, weil das Gehirn Schaden genommen hat, zu lange ohne Sauerstoff war.
EEG und CT wurden ja nur das eine mal letzte Woche Montag angefertigt, wo genau das festgestellt wurde. Der sonstige Verlauf verschlechterte sich, wie bereits beschrieben. Als wir Freitag kamen, war er viel ruhiger, ich glaube man hatte ihm noch mal Antibiotika gegeben (?).
Wir ließen ihn sofort extubieren, ich hätte das am liebsten schon am Vortag gemacht, aber wir wollten warten, bis meine Schwester da war und die Ärzte bestärkten uns ja auch ausdrücklich darin.
Freitagnacht geschah nichts. Ich habe mich schon Donnerstag irgendwie innerlich abgeschottet. Schwer zu erklären.
Am Samstag verlegte man ihn auf eine normale Station, ohne Infusionen oder sonst etwas. Wir alle finden das furchtbar grausam.
Er bekommt Fentanyl(?)- Pflaster, also Betäubungsmittel auf die Brust, und es ist, als schliefe er.
Ich erinnere mich, letzte Woche gefragt zu haben: „versorgen sie ihn weiter, wenn extubieren wird?“ und der Arzt sagte: „ja natürlich, er ist doch unser Patient“.
Aber ich glaube wir haben uns da missverstanden, ich wollte mit der Frage genau das vermeiden. Man lässt den Körper doch nun im Grunde genommen, verhungern und verdursten. Ich schreibe das jetzt hier, aber ich vermeide seit Tagen, darüber nachzudenken. Weil ich nichts dagegen tun kann.
Heute ist Dienstag und er liegt seit vollen vier Tagen da und schläft. Das haben wir nicht erwartet und ich fühle mich furchtbar, wir alle dachten, er hört in den nächsten Stunden einfach auf zu atmen. Aber er atmet sehr kräftig. Vielleicht haben wir alles falsch gemacht. Das Schlimmste ist, dass ich immer denke, was wenn er das alles noch mitbekommt???
Als wir Freitag extubieren ließen, waren wir natürlich völlig fertig mit den Nerven. Haben mit ihm geredet, geweint. Einmal öffnete er die Augen. Recht lange, 20 Sekunden? Sein Blick war leer. Aber ich frage mich seit Tagen: warum?
Seither hat er sich nicht mehr gerührt. Vielleicht wegen der starken BTM-Pflaster.
Ich hoffe einfach, dass wir das Richtige tun, eigentlich finde ich es ganz sicher falsch jemanden so sterben zu lassen, aber was sollen wir sonst tun? So ein Leben hätte er auch nicht gewollt.
Ich fühle seit Tagen nicht mehr viel, vielleicht weil ich diese Gedanken nicht ertragen will.

Viele Grüße,
Becky
Dr. A. Flaccus
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Re: Herzinfarkt, ist es wirklich so eindeutig/hoffnungslos?

Beitrag von Dr. A. Flaccus »

Hallo,

leider kann ich Ihnen auch nach diesem Beitrag nicht wirklich weiterhelfen.

Warum bekommt ein Patient BTM-Pflaster, wenn offenbar kein Grund für "Schmerzen" vorliegt?
Wird der Patient noch irgendwie ernährt / mit Flüssigkeit versorgt?
Gibt es eine erneute fachneurologische Einschätzung?

Offenbar gibt es ja zumindest einen Hustenreiz und spontane Augenöffnung. Wie wird das eingeschätzt?
Wie lautet das Therapieziel?

Ich weiß - meine Fragen helfen Ihnen nicht weiter, aber die Antworten auf diese Fragen können Ihnen vielleicht weiterhelfen.

Wenn Sie noch weitere Fragen haben, sind wir gerne für Sie da.

Dr. A. Flaccus
Dr. A. Flaccus
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