Das Leben der ausländischen Ärzte in Deutschland

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CsabaTatar
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Das Leben der ausländischen Ärzte in Deutschland

Beitrag von CsabaTatar »

Hallo!

Mein Name ist Csaba Tata, und ich bin Anästhesist aus Ungarn. Ich habe mein Studium vor fast 5 Jahren beendet und arbeite seitdem in Budapest. Ich habe schon lange mit dem Gedanken gespielt, Erfahrungen in Deutschland zu sammeln. Letztes Jahr habe ich einen Sprachkurs besucht, um mein Deutsch zu verbessern, und vor 2 Monaten habe ich die Sprachprüfung bestanden und mein C1-Sprachzertifikat erhalten.
Ich habe einige allgemeine Fragen zur Arbeit im deutschen Gesundheitssystem:
1. Wo werden die neuen Stellen im Allgemeinen ausgeschrieben? Gibt es ein zentrales System, oder werden sie auf der Webseite der Krankenhäuser ausgeschrieben?
2. Auf welche Schwierigkeiten könnte ich als Ausländer stoßen? Ich habe ein C1-Sprachzertifikat, ich kann relativ leicht Deutsch lesen und schreiben, aber ich habe trotzdem eine Art ungarischen Akzent. Würde dies zu einer (kleineren oder größeren) rassistischen Diskriminierung am Arbeitsplatz führen? Wie leicht würde es sein, mit den Kollegen auszukommen? Es sieht so aus, als gäbe es einige Vorurteile gegenüber Ausländern (https://www.zeit.de/gesundheit/2021-12/ ... una-aikins)
3. Wie sieht es mit der Arbeitszeit aus? Für mich ist es normal, jeden Tag 2 Stunden länger zu arbeiten. Wie ist das in Deutschland? Wie gut kann man die Zeit außerhalb der Arbeitszeit planen?

Mit freundlichen Grüßen,
Csaba
Humungus
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Re: Das Leben der ausländischen Ärzte in Deutschland

Beitrag von Humungus »

1. Offene Stellen findet man bei der Arge, in einschlägigen Zeitungen (Ärzteblatt etc) und direkt beim Krankenhaus, beispielsweise Homepage. Ärzte werden händeringend gesucht, wohl fast jedes Haus wird jemanden mit Approbation und passablem Deutsch mit Kusshand nehmen!

2. Ablehnung ist umso größer, je kulturfremder jemand ist und je größer die Konkurrenz, beispielsweise wenn es um Habilitation oder begehrte Eingriffe geht. Ich persönlich habe mit ungarischen Ärzten keine Schwierigkeiten gehabt. Im Gegenteil ist dee ungarische Akzent doch eher flott und sympathisch, insbesondere bei einem Lächeln. Xenophobie wird aber immer ein (vieldiskutables!) Thema bleiben - nicht nur in Deutschland.

3. überstunden sind bei dem heutigen Mangel zwar immer ein Thema, Arbeitsüberlastung auch, aber angestellte Ärzte sind gerade wegen des Mangels in einer starken Position. Dass unentgeltlich mehrgearbeitet werden muss wird es nur noch in Ausnahmefällen geben (siehe oben: Konkurrenz oder Karriere - das kann man ausbeuten). In besonderen Situationen mag das anders sein, aber nicht mehr im Durchschnitt, wie in der Zeit als ich so weit war wie Sie.
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CsabaTatar
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Re: Das Leben der ausländischen Ärzte in Deutschland

Beitrag von CsabaTatar »

Vielen Dank für Ihre schnelle Antwort.
the ghost of elvis
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Beitrag von the ghost of elvis »

Aus dem schönen Budapest: eine tolle Stadt! Eine Bekannte hat dort mal an der Semmelweis Universität studiert und ich habe Sie besucht.
Wenn ich mir die Anmerkung gestatten darf: wenn nicht finanzielle Aspekte an erster Stelle stehen, würde ich mir die Übersiedlung von Ungarn nach Deutschland noch einmal gründlich überlegen. Nicht nur landschaftlich und in Sachen Wetter hat Ungarn viele Vorteile zu bieten. Gesellschaftlich und politisch hat sich in Deutschland in den letzten 10-20 Jahren sehr viel verändert. Der linksgrüne Mainstream und die dazugehörigen Medien (inzwischen leider fast alle) haben nicht mehr viel gemeinsam mit der freien und toleranten Gesellschaft in der Bundesrepublik Ende des 20. Jahrhunderts. Andersdenkende, die eher bürgerlich oder wertkonservativ orientiert sind, haben es anno 2022 hier gar nicht mehr leicht.
Humungus
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Re: Das Leben der ausländischen Ärzte in Deutschland

Beitrag von Humungus »

Wenn Sie mit "bürgerlich oder wertkonservativ" die rechtsradikalen Gruppen meinen, die wieder erstarkt aus ihren Löchern kriechen, haben sie recht. Glücklicherweise weht der Wind wieder in ihr Gesicht. Ansonsten ist Deutschland auch für Bürgerliche noch immer ausgesprochen angenehm. Wenn Ihnen das ungarische Regime lieber ist, das ganz die populistische Geige spielt - mir wäre es gar nicht recht, obwohl ich "bürgerlich oder wertkonservativ" bin.
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CsabaTatar
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Re:

Beitrag von CsabaTatar »

the ghost of elvis hat geschrieben: 02.06.22, 12:49 Aus dem schönen Budapest: eine tolle Stadt! Eine Bekannte hat dort mal an der Semmelweis Universität studiert und ich habe Sie besucht.
Wenn ich mir die Anmerkung gestatten darf: wenn nicht finanzielle Aspekte an erster Stelle stehen, würde ich mir die Übersiedlung von Ungarn nach Deutschland noch einmal gründlich überlegen. Nicht nur landschaftlich und in Sachen Wetter hat Ungarn viele Vorteile zu bieten. Gesellschaftlich und politisch hat sich in Deutschland in den letzten 10-20 Jahren sehr viel verändert. Der linksgrüne Mainstream und die dazugehörigen Medien (inzwischen leider fast alle) haben nicht mehr viel gemeinsam mit der freien und toleranten Gesellschaft in der Bundesrepublik Ende des 20. Jahrhunderts. Andersdenkende, die eher bürgerlich oder wertkonservativ orientiert sind, haben es anno 2022 hier gar nicht mehr leicht.
Ich stimme mit Ihnen überein, aber vielleicht bin ich hier voreingenommen :)

Mein Hauptziel ist es, für bis zu 5 Jahre ins Ausland zu gehen, um Erfahrungen zu sammeln. Ich möchte eine andere Arbeitskultur und andere Ideen kennen lernen und meinen Horizont erweitern. Da ich bereits Deutsch und Englisch spreche, wäre es am einfachsten, in Länder zu gehen, in denen ich mich in einer dieser Sprachen verständigen kann.
CsabaTatar
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Re: Das Leben der ausländischen Ärzte in Deutschland

Beitrag von CsabaTatar »

Humungus hat geschrieben: 02.06.22, 20:03 Wenn Sie mit "bürgerlich oder wertkonservativ" die rechtsradikalen Gruppen meinen, die wieder erstarkt aus ihren Löchern kriechen, haben sie recht. Glücklicherweise weht der Wind wieder in ihr Gesicht. Ansonsten ist Deutschland auch für Bürgerliche noch immer ausgesprochen angenehm. Wenn Ihnen das ungarische Regime lieber ist, das ganz die populistische Geige spielt - mir wäre es gar nicht recht, obwohl ich "bürgerlich oder wertkonservativ" bin.
Für ungarische Verhältnisse bin ich ultra-liberal. Für deutsche Verhältnisse würde ich zu den Grünen tendieren.
Humungus
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Re: Das Leben der ausländischen Ärzte in Deutschland

Beitrag von Humungus »

Kommen Sie ruhig! Ich erinnere mich noch gerne an einen ungarischen Radiologen aus meiner Ausbildung. Der war zusätzlich noch Internist und Gynäkologe (damals gab es keine Prüfung, sondern eine automatische Anerkennung nach einigen Jahren). Er sagte immer "Pörkölt muss zwei mal brennen. Wenns reinkommt..." :mrgreen:
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CsabaTatar
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Re: Das Leben der ausländischen Ärzte in Deutschland

Beitrag von CsabaTatar »

Ich versuche, das deutsche Steuersystem zu verstehen: Soweit ich weiß, richten sich die Steuerklassen hauptsächlich nach dem Familienstand, und man zahlt Solidaritätszuschlag, wenn man über einer bestimmten Grenze verdient.
Es sieht so aus, dass man auch aus der Kirche austreten kann
Kirchensteuer
Steuerpflichtige, ob römisch-katholisch, evangelisch oder Mitglieder anderer steuererhebender Religionsgemeinschaften, zahlen einen Betrag in Höhe von 8 % in Bayern und Baden-Württemberg bzw. 9 % in anderen Bundesländern ihrer Einkommensteuer als Steuer an die Religionsgemeinschaft, der sie angehören.

Sie können die Kirchensteuer nur dann nicht mehr zahlen, wenn Sie aus der Kirche austreten.
Wie wird das hauptsächlich gemacht? Gehst du einfach zur Kirche und sagst: Hey, ich bin ausgetreten! Bekommt man ein Papier, das man beim Finanzamt oder bei seinem Angestellten einreicht?

Und dann gibt es noch die Sozialabgaben, was für mich sehr verwirrend ist. Was die Krankenversicherung angeht, so ist das Internet voll mit verschiedenen Meinungen/Artikeln.
Auf https://www.finanztip.de/krankenversicherung/ steht zum Beispiel unter Punkt 9, dass es besser ist, eine gesetzliche Krankenversicherung zu haben, aber ist das der Fall, wenn ich 31 Jahre alt bin und bis zu 5 Jahre in Deutschland verbringen möchte, um Erfahrungen zu sammeln?
Meinem Verständnis nach lohnt sich die private Krankenversicherung nur dann nicht, wenn man plant, in Deutschland im höheren Alter zu arbeiten.
Humungus
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Re: Das Leben der ausländischen Ärzte in Deutschland

Beitrag von Humungus »

1. Der Austritt aus der Kirche erfolgt NICHT bei der Kirche, sondern beim Standesamt! Achtung - wegen der massiven aktuellen Kirchenaustritte bestehen Wartelisten. Zuerst sollten Sie klären, ob Ihre Glaubensgemeinschaft überhaupt Kirchensteuer abführt, das ist nicht bei jeder der Fall, beispielsweise nicht bei muslimischen, orthodoxen und freikirchlichen Gemeinden.

2. Über Vor- und Nachteile der GKV und PKV kann man lang und breit schreiben. Das Wichtigste ist, dass es in Deutschland eine Pflichtversicherung gibt, wenn Sie einen deutschen Wohnsitz haben. Und privat krankenversichern kann man sich in Deutschland nur mit einem Mindesteinkommen und/oder wenn man berechtigt ist sich von der GKV befeien zu lassen, beispielsweise bei Selbständigkeit. Sie sollten sich beraten lassen, beispielsweise von einem unabhängigen Versicherungsberater oder von der GKV. Dabei ist es immer gut mehrere Stimmen zu hören. Auch bei Landsleuten, die bereits in Deutschland sind, können Sie sich umhören. Wenn Sie planen nur kurz in Deutschland zu sein (schade!), wäre eine PKV vom Beitrag her tatsächlich wesentlich günstiger - allerdings nur, wenn Sie keine Vorerkrankungen mitbringen.
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CsabaTatar
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Re: Das Leben der ausländischen Ärzte in Deutschland

Beitrag von CsabaTatar »

Humungus hat geschrieben: 07.06.22, 23:17 Wenn Sie planen nur kurz in Deutschland zu sein (schade!), wäre eine PKV vom Beitrag her tatsächlich wesentlich günstiger - allerdings nur, wenn Sie keine Vorerkrankungen mitbringen.
Danke. Ihr positiver Ton gefällt mir sehr.
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