Wie kann ich ihm helfen?

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Beth
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Wie kann ich ihm helfen?

Beitrag von Beth » 28.06.08, 13:39

Hallo.

Ich fürchte, mein bester Freund (22 Jahre und schwul) hat ein ernstes Alkoholproblem. Es lief in den letzten 3 Jahren nicht so gut für ihn. Er hat ein duales Studium angefangen, dass er hasst. Er hat es nur die Zeit durchgezogen, um seine Eltern nicht zu enttäuschen. Außerdem hatte er in den letzten Jahren keinen festen Freund, sondern nur viele Affären.
Am Anfang hat er immer nur am Wochenende was getrunken, nicht gerade wenig, aber wenigsten nur dann, wenn er in Clubs und Discos war. Mittlerweile hat er ein Sortiment an „harten Sachen“ bei sich Zuhause, das er ständig nachfüllt. Er erzählt mir immer (wir telefonieren täglich), dass er gerade wieder einen Karton Sekt oder schlimmeres einkaufen war. Er findet ständig neue Anlässe zu trinken: seine Lieblingsfernsehsendung, EM (er mag und guckt noch nicht mal Fußball!) und heute hat er schon ab 10 Uhr morgens was getrunken, weil ChristopherStreetDay ist. Er war schon betrunken arbeiten und auch in der Uni.
Ich hab ihm mittlerweile von meiner Sorge, er sei abhängig, erzählt und ihm Hilfe angeboten, aber ich kann nicht genau abschätzen, ob er sein Problem selbst schon erkannt hat. Am Anfang hat er immer gesagt, er sei kein Alkoholiker und „das machen doch alle…“. Jetzt wechselt er meist einfach das Thema. Obwohl er von meiner Sorge weiß und ich ständig deswegen mit ihm schimpfe, erzählt er mir pausenlos von seinen Alkoholeskapaden: „Oh, da war ich so breit, ich kann mich gar nicht mehr dran erinnern…“ oder „Was hab ich wieder gekotzt…“ Er erzählt mir, dass ihm erst nach 1 Flasche(!) Sekt ein bisschen dusselig wird. Es kommt mir vor, als wolle er, dass ich davon weiß. Ich bin die einzige, die weiß, wie schlimm es mittlerweile geworden ist.
Er beendet bald sein Studium, aber ich glaube, er steckt jetzt schon zu tief in diesem Alkoholsumpf drin. Zuerst wollte er wohl nur sein Unglück im Alkohol ertränken, aber jetzt kann er bestimmt nicht mehr aufhören. Ich gehe in 6 Wochen für ein halbes Jahr ins Ausland und habe Angst, dass er dann ganz die Kontrolle verliert. Ich weiß nicht, was ich noch tun soll. Ich weiß, dass der Betroffene selber erkennen muss, dass er ein Problem hat, bevor er sich helfen lässt. Aber das wird er nicht tun, ich kenne ihn seit 10 Jahren. Mein eigener Opa ist am Alkohol gestorben, in dem Jahr in dem ich geboren wurde, ich kann das nicht zulassen! Wie kann ich ihm helfen?
Soll ich es seinen Eltern sagen (und damit unsere Freundschaft gefährden)?

Alida Prahm
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Beitrag von Alida Prahm » 01.07.08, 15:15

Hallo Beth,

im Gunde genommen hast Du Dich bislang so verhalten, wie es der Problematik entspricht. Du hast offen mit Ihm über Deine Beobachtungen gesprochen. Da er mittlerweile das Thema wechselt, zeigt sich auf, dass er nicht mehr bereit ist, sich zu tief in die Karten sehen zu lassen. Und je mehr Du versuchst, mit ihm darüber zu reden, desto mehr wird er abblocken. Entweder in Form von Themenwechsel, Ausreden oder abschreckenden Angebereien und Selbstdarstellungen. Irgendwann könntest Du haben, dass er Dich nicht mehr sehen will, um versteckt dem Alkohol folgen zu können.

Jetzt mal eine dirkete Frage: Wie sollen die Eltern helfen? Glaubst Du ernsthaft, sie haben eine andere Möglichkeit als Du? Ihnen werden die Hände ebenfalls gebunden sein und sie werden sich ebenfalls winden und leiden wie auch Du.

Vergiss bitte nicht, dass Dein Freund ein erwachsener Mensch ist, der für sich und sein Tun verantwortlich ist. Er wird sich nicht helfen lassen können und wollen. Das kann er wirklich nur allein. Dabei allerdings ist eine liebevolle und geduldige Unterstützung der Menschen, die ihm nahe stehen Gold wert.

Die Entscheidung, seinen Eltern Deine Sorgen und Deinen Kummer aufzulasten musst Du selber fällen. Helfen können sie nicht. Allenfalls könntet Ihr Euch dann gemeinsam darüber unterhalten.

Vielleicht ahnen sie es auch schon, den diese Krankheit ändert den Menschen.

Vielleicht ist der Abstand zwischen Euch einmal ganz gut. So hast Du die Möglichkeit, für Dich zu erkennen, inwieweit Du Dich in diese Sache eingeben willst oder ob ein gesundes Loslassen für Dich besser wäre.

Ich wünsche Dir alles an Kraft und Mut, was es zu wünschen gilt. Komm gern wieder und schreib, wenn Du Aus- und Ansprache brauchst.

Liebe Grüße
Alida
Mit freundlichem Gruß
Alida Prahm
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nouvaleur
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Beitrag von nouvaleur » 17.07.08, 12:48

etwas direkter und schonungsloser, aber der Lage angemessener, gesagt: erst im Absturz kann sich der Mensch wieder fangen! Er ist noch in dem Stadium ohne jedes Problembewusstsein. Da gibt es keine Umkehr. Erst wenn er den Tod gesehen hat, kann er sich entscheiden, ob er vollens untergehen will oder sich zu neuem Leben aufrafft. Hier gilt wie sonst nirgend wo das Darwinsche Gesetz: sich behaupten oder verschwinden. Man muss es einfach auch schicksalhaft sehen. Wer in diese besondere Prüfung des Lebens gestellt wird, muss eben mehr an Festigkeit aufbrigen, als jemand anders. Der bekommt vielleicht Krebs und muss dabei stark sein.
Daher hat es auch wenig Sinn, die Eltern als weitere Jammerkulisse aufzubauen. An ihm allein hängt alles. Helfen ja, aber erst, wenn er weiss, dass es um's Letzte geht und dann den Willen aufbringt. So ist das nun mal mit "König Alkohol" (lesenswerter Buch von Jack London)
Hoffe den Kopf gewaschen zu haben.
N.

Beth
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Beitrag von Beth » 17.02.09, 22:27

Ich komme gerade von meinem besagten halbjährigen Auslandsaufenthalt wieder. Die Lage hat sich mittlerweile ziemlich verändert. Wir sind nicht mehr befreundet. Er hat mich 2 Wochen vor meiner Abreise in Katerstimmung beschuldigt, ihn bestohlen zu haben (was sich als Irrtum erwies, das gab er sogar zu) und mir die Freundschaft kündigte. Später wollte er von seinen eigenen Anschuldigungen nichts mehr wissen und ich würde mich künstlich aufregen...man merkt, ich habe meine Gründe, nicht mehr mit ihm befreundet sein zu wollen.
Trotzdem fürchte ich, er will mich in so einen Art Mitschuld für seinen Alkoholismus zwängen. Nach Monate langer Funkstille schreibt er mir, dass er am Abgrund steht und ob ich zu seiner Beerdigung kommen würde. Sonst kriegte ich nur Mails von ihm, die mir ziemlich garstig sagen, ich hätte keine Freunde und müsse mich ändern. Und dann solche Knaller dazwischen!
Ich weiß, das Verhalten nur schlecht einzuschätzen. Soll ich ihm helfen oder macht er das nur, damit ich mich schuldig fühle? Ich will nicht, dass er sich was tut oder ihm etwas zustößt. Ich will auch nicht der Grund dafür sein, dass er sich was tut...

MichaelaT
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Beitrag von MichaelaT » 18.02.09, 08:59

Hallo Beth,

willkommen zurück in old Germany. :wink:

Ich finde es gut, dass Sie etwas "Abstand" gewonnen haben - die Freundschaft mag in die Brüche gegangen sein, aber der Mensch hat noch seinen Platz in Ihrem Herzen und das ist völlig okay.

Es ist ein ganz normales Verhalten jedes Menschen, die "Schuld" immer zuerst bei anderen zu suchen - sehr schön zu beobachten bei Kindern (der Stein war schuld, dass ich gestolpert bin... die Lehrerin ist schuld, dass ich in Mathe nicht alle Aufgaben wusste usw).

Ein alkoholkranker Mensch entwickelt sich in gewissem Sinne rückwärts, das kann bis hin zum einnässen und einkoten im Vollrausch gehen.
Der Alkoholkranke sieht sich selbst als "Opfer" und gibt jedem das Gefühl, keine Ahnung zu haben und nichts zu verstehen.
Bitte seien Sie vorsichtig: dieses Opfer-Gefühl kann umschlagen in Wut auf die "Schuldigen" und nicht selten endet es mit Agression und körperlicher Gewalt.

Ziehen Sie sich bitte (!!!) diesen Schuh nicht an, lassen Sie sich nicht von ihm zum Sündenbock stempeln. Sagen Sie ihm klar und deutlich, dass ihn niemand zum Trinken gezwungen hat und dass nur er allein sich in diese Situation gebracht hat.
SAGEN SIE "STOPP!" und "HIER IST DIE GRENZE!"
Blocken Sie seine Angriffe ab, Ihr Leben geht IHN gar nichts an.
Rechtfertigen Sie sich nicht, diskutieren Sie mit ihm nicht über Ihr Leben.
Lenken Sie seinen Blick immer wieder auf IHN.
Dies kann - wenn Sie es wirklich wollen - natürlich mit dem Angebot verbunden sein "Wenn Du wirklich Hilfe willst, dann bin ich für dich da."

Versuchen Sie gefühlsmäßig Abstand zu halten.
Ihr "Bekannter" wird sich nichts antun - wer es wirklich vor hat, kündigt es nicht an. Das sind Versuche, Sie zu erpressen und Sie "weichzuklopfen".

Bitte schreiben Sie weiter, wenn Sie möchten.

Alles Gute und ein starkes Herz wünsche ich Ihnen.
Viele liebe Grüße,
Michaela

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Beitrag von SusanneG » 18.02.09, 10:20

MichaelaT hat geschrieben:Ihr "Bekannter" wird sich nichts antun - wer es wirklich vor hat, kündigt es nicht an. Das sind Versuche, Sie zu erpressen und Sie "weichzuklopfen".


Über diese Brücken würde ich nicht gehen - es gibt immer Ausnahme von Regeln!

So ein Hilferuf ist immer ernst zu nehmen.

Susanne

Beth
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Beitrag von Beth » 18.02.09, 14:03

Genau darum geht es, in wie weit ist dieses Verhalten ernst zu nehmen? Sind solche Nachrichten ein Schrei nach Hilfe oder bloß blöde Psychospielchen? Ich versuche soviel Abstand wie möglich zu gewinnen, antworte so gut wie nie auf seine Nachrichten. Ich weiß, dass es nichts bringen würde, offen darüber mit ihm zu reden. Er würde mich auslachen und dumm dastehen lassen. In der Situation wäre keinem geholfen. Was kann ich tun? Weiterhin nicht reagieren? Ihm wieder Hilfe anbieten (ohne Freundschaft dahinter)? Ihm raten sich anderen Freunden anzuvertrauen?
Ich weiß, hier wurde schon darüber geredet, mit dem Problem nicht andere zu belasten, aber es reicht mir auch langsam, als einzige diese Last zu tragen.

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Beitrag von SusanneG » 18.02.09, 14:06

Es ist als Hilferuf zu werten. Nicht mehr und nicht weniger.
Du bist nicht verantwortlich dafür was ER tut!

Ich war auch schon in solchen Situationen und hab dann einmal die nächsten Angehörigen, ein anderes mal den behandelnden Psychiater von diesen "Hilferufen" berichtet.

Susenne

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Beitrag von dora » 18.02.09, 15:01

hallo



Soll ich es seinen Eltern sagen (und damit unsere Freundschaft gefährden)?


das hast du im ersten Post geschrieben.
Euer Freundschaft schein nun kaputt zu sein, also könntest du doch nun mit den Eltern sprechen. Wissen die überhaupt was von seinem Problem :?:
Wenn er Selbstmordgefährdet ist, könnte man ihn zwangseinweisen :wink:
Obs was bringt kann keiner vorher sagen.
Wie sieht sein Studium aus ?

Aber es ist vor allem sein Weg den er gehen will, und du musst dirt bestimmt keine Vorwürfe machen. Lass dich nicht zu Coabhängigen machen.

Gruß dora

Alida Prahm
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Beitrag von Alida Prahm » 19.02.09, 16:27

@ MichaelaT

MichaelaT hat geschrieben:

Ihr "Bekannter" wird sich nichts antun - wer es wirklich vor hat, kündigt es nicht an. Das sind Versuche, Sie zu erpressen und Sie "weichzuklopfen".

Michaela


Möchtest du die Verantwortung dafür übernehmen?
Sonst möchte ich sehr darum bitten, solche Vermutungen nicht öffentlich zu machen.

Liebe Grüße
Alida Prahm
Mit freundlichem Gruß
Alida Prahm
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Alida Prahm
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Beitrag von Alida Prahm » 19.02.09, 16:39

Liebe Beth,

ich kann deine Gefühle gut verstehen, aber lasse dich nicht in eine Verantwortung ziehen, die dir auch nicht zusteht.

Mache alles öffentlich. Gehe zu seinen Eltern, spreche mit ihnen und weise auf Selbstgruppen hin.

Schicke seine Briefe ungeöffnet an ihn zurück - nicht lesen!

Mobbt er telefonisch, mache nicht viel Federlesen: Schaffe dir eine neue Nummer an.

Wenn es dir seelisch zu viel wird, möchte ich auch dir den Tipp geben, eine Selbsthilfegruppe für Angehörige und Freunde aufzusuchen

Lerne loszulassen.

Komme wieder.

Viel Mut und Kraft.
Liebe Grüße
Alida Prahm
Mit freundlichem Gruß
Alida Prahm
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