Sind Alkoholiker verachtungswürdig?

Moderierter Treffpunkt zum Austausch für Interessierte und Hilfesuchende

Moderator: DMF-Team

Antworten
error6
Topicstarter
DMF-Mitglied
DMF-Mitglied
Beiträge: 596
Registriert: 30.04.06, 16:16

Sind Alkoholiker verachtungswürdig?

Beitrag von error6 » 24.02.09, 15:55

Hallo @LL !
Ich bin nun fast 20 Jahre trocken, aber
ich mache mir schon lange Gedanken darüber, was wäre wenn......
Wenn ich am Suff verstorben wäre, wie würden meine Kinder über mich denken?
Wäre ich der Papa, der tot ist oder der Säufer, der sowieso nix getaugt hat?
Wo, verdammt nochmal ist der Unterschied zwischen mir und anderen, die nicht aufhören konnten?
Aufhören wollten doch alle irgendwann einmal, nur die wenigsten schaffen es.
Aber sind sie deshalb anders zu bewerten?
Die Leute aus meinem Bekanntenkreis, die am Alkohol verstorben sind, wollten alle trocken werden.
Es waren durchweg intelligente Leute, die privat ihren Weg gegangen sind.
Ich habe lange, lange Gespräche mit allen Beteiligten geführt, also auch mit den Partnern der Betroffenen.
Ich habe zumindest erreicht, dass die Krankheit als solche akzeptiert wurde, auch nach dem Tod.
Niemand hat gesagt, der wollte es nicht anders.
Natürlich war immer das Thema, warum konntest Du trocken werden und er nicht.
Wir haben keine Antwort darauf gefunden.
Natürlich ist es schwer, mit einem Alki zusammen zu leben.
Natürlich muss er von alleine aufhören wollen.
Natürlich darf man nicht coabhängig werden.
Natürlich muss man an sich und die Kinder denken.
Natürlich muss er ganz unten sein, um zu kapieren.
Natürlich wird er wieder rückfällig...
Natürlich hau` ich dann mit Kind und Kegel ab.
Was ist richtig, was ist falsch?
Nach meinen Erfahrungen sind nicht alle Punkte richtig.
Aber da es meine perönliche Meinung ist, ist sie nicht diskutierbar.
Verlassen Männer ihre Frauen, weil sie sich in den Wechseljahren verändern?
Oder nach einer Schwangerschaftpsychose?
Da wird doch auch ein Zusammenhalten erwartet, oder nicht?
Gemeinsam schaffen wir das.....
Solange der Alkoholismus bei Männern, die im Berufleben (erfolgreich) stehen, nicht auffällt
(weil weggesehen wird), funktioniert die Gemeinschaft doch ewig.
Fällt dann aber die finanzielle Sicherheit weg, weil der Suff den Job gekostet hat,
ist der Zustand nicht mehr tragbar.
Dann ist der Mann auf einmal Alki, wo er gestern noch gerne mal gefeiert hat.
Niemand, aber auch niemand den ich kannte, war froh, saufen zu müssen.
Die Familie zu zerstören, die Kinder zu vernachlässigen.
Auf staksigen Beinen mit einer Leberzirrhose durch die Welt zu wackeln und im Leberkoma das Zeitliche zu segnen.
Wäre schön, wenn man dieses Thema diskutieren könnte.
:) error6

Alida Prahm
DMF-Moderator
Beiträge: 840
Registriert: 02.10.05, 07:21
Wohnort: Lemgow Kreis Lüchow-Dannenberg

Diskussionsrunde

Beitrag von Alida Prahm » 24.02.09, 18:48

Hallo error6,

vielen Dank für deinen offenen Beitrag. Und ich bedanke mich auch, dich näher kennen lernen zu dürfen.

Mir ging es da nicht anders. Irgendwie, denke ich: schlimmer noch. Denn als Frau dem Alk verfallen zu sein, ist heute in der Gesellschaft noch immer abscheuungswürdiger, als wenn ein Mann trinkt.

Also, für mich ist ganz klar, dass ein Alkoholiker nicht verachtungswürdig ist. So, wie er aussieht, ist er vielleicht verachtungswürdig. So, wie er sich benimmt auch. Aber der Mensch an sich nicht.

Ich habe festgestellt, dass sie, wenn sie nicht mehr trinken, ganz sensible und empfindsame Menschen sind, vielleicht manches Mal sogar zu sehr?

Alkoholismus ist nun mal eine Krankheit, die den Charakter des Menschen verändert, und das verstehen die meisten nicht zu trennen.

Wenn sich die Menschen trennen aufgrund dieser Krankheit, dann sollten sie nicht unbedingt mit dem Wort "Schuld" umgehen.

Ich möchte das mal so sagen: Wenn jemand eine Krankheit hat, ist er nicht schuldig. Wohlgemerkt gilt das jetzt natürlich nur bei Menschen, die keine Straftat begangen haben. Und auch da sollten wie die Schuldzuweisung adäquaten Personen überlassen.

Abhängige sowie Co-Abhängige schieben ihre "Schuld"-Zuweisungen untereinander immer hin- und her, weil sie sich so in die Enge gedrängt fühlen, dass sie nicht mehr anders können, als sich gegenseitig zu verletzen.

Wäre schön, wenn auch noch andere Meinungen dazukommen.

Liebe Grüße
Alida
Mit freundlichem Gruß
Alida Prahm
Moderation Brennpunkt Alkohol

keken
Interessierter
Beiträge: 12
Registriert: 01.08.08, 18:58

Beitrag von keken » 24.02.09, 19:56

Hallo,
natürlich sind Alkoholiker nicht verabscheuungswürdig. Slie sind krank.
Ich habe das bisher ja in diesem Forum schon beschrieben, dass ich meinen Kindern niemals etwas Schlechtes über ihren Vater erzählt habe. ich habe ihnen immer erzählt, dass es eine Krankheit ist, die man heilen kann, es aber ein sehr langer Weg ist mit sehr vielen Rückschlägen. Schlimm für die Angehörigen ist, dass man nicht helfen kann. Man kann die Alkoholiker unterstützen bei den Therapien, aber helfen kann man nicht. Man ist hilflos. Natürlich schieben die Alkoholiker die Schuld von sich. Schuld haben immer nur die anderen. So war das bei uns auch. Mein Mann hat mir immer die Schuld gegeben, dass er abhängig wurde. ich habe da nie mit ihm drüber gestritten, weil er es sowieso nicht eingesehen hat. Irgendwann war die Liebe weg. Den Mann, den ich einmal geliebt und geheiratet habe, den gab es nicht mehr. Die Krankheit hat ihn zerstört. Es gibt sicher auch andere Krankheiten, die die Persönlichkeit eines Menschen stark verändern. Man muss das immer einzeln betrachten, ob man sich trennt oder ob man wartet, dass es besser wird. Wenn man aber merkt, dass die Persönlichkeitsveränderung immer stärker wird und man kann deshalb nicht mehr zusammenleben, dann sollte man sich trennen. Ich habe zuerst Schuldgefühle gehabt, als ich mich getrennt habe, weil ich "einen kranken Mann" verlassen habe. Viele Leute haben mir das auch vorgeworfen. Aber ich konnte nicht anders handeln, ich und meine Kinder wir wären daran zugrunde gegangen.

Werner69
DMF-Mitglied
DMF-Mitglied
Beiträge: 123
Registriert: 08.12.08, 19:39

Re: Diskussionsrunde

Beitrag von Werner69 » 24.02.09, 20:23

Alida Prahm hat geschrieben:Ich habe festgestellt, dass sie, wenn sie nicht mehr trinken, ganz sensible und empfindsame Menschen sind, vielleicht manches Mal sogar zu sehr?


Das wird auch oft der Grund sein daß sie mit dem Trinken angefangen haben.
(Maskieren von Unsicherheit, Angst.....)

Was ich zu dem "verabscheuungswürdig" bemerkt habe ist daß sich oft die negativ äußern die selbst kurz vor einem Alkoholproblem stehen oder andere Probleme haben. Um selbst nicht "so klein dazustehen" suchen diese Leute sich oft einen noch schwächeren auf dem sie rumhacken können. Das sind dann meist auch die Leute die einem provokanterweise auch immer wieder ein Bier anbieten.

Bei Leuten die keine Probleme haben und sich abfällig äußern halte ich das für naiv oder schlicht als größenwahnsinnig.

Antworten