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Erfahrungsbericht einer (Ex)-Frau eines Alkoholikers

Verfasst: 24.02.09, 11:39
von keken
Hallo,
ich weiss nicht, ob das hier jemanden interessiert. ich wollte aber mal aufschreiben, wie mein Ex-Mann sich verhalten hat und wie sehr ihn sein Alkoholismus verändert hat.
Mein Ex-Mann und ich wir hatten zwei Söhne. Er hat als Landesbeamter gearbeitet und uns ging es eigentlich gut, auch in der Beziehung. Er hat schon immer gerne Alkohol getrunken, aber nie so viel, dass er ausfallend wurde und sturztrunken war. Im Jahre 2000 habe ich nach dem Erziehungsurlaub wieder angefangen zu arbeiten. Dazu musste ich über 3 Monate ganztags arbeiten, weil viel Unterricht erforderlich war. Er hat in dieser Zeit seine Arbeitszeit auf 50 % reduziert, damit das alles klappte. Das fand sich natürlich sehr schön, dass er mich so unterstützt hat. Aber mit meiner Berufstätigkeit fingen eigentlich unsere Probleme an. Es ging schleichend, aber so langsam hatten wir Beziehungsprobleme. Wir hatten uns immer weniger zu sagen. Er trank jeden Abend sein Feierabendbier,auf Feiern etwas mehr. ich habe sehr selten getrunken, mir schmeckt Alkohol nicht. So langsam hat sich auch seine Persönlichkeit verändert, das verlief auch schleichend. Richtig gemerkt habe ich es an einem Abend Anfang 2002. Ich bekam plötzlich einen Migräneanfall. Unsere beiden Söhne waren beide beim Handballtraining und mussten abgeholt werden. Ich habe ihn gefragt, ob er die beiden abholen könne. Er meinte, er hätte keine Zeit, er hat seine Zeitung noch nicht zu Ende gelesen. Das war für mich ein schwerer Schlag. Früher hat er so etwas immer gemacht, hat sich sogar freigenommen, wenn ich krank war und die Kinder versorgt werden mussten, wenn es bei mir gar nicht ging. ICh war geschockt, dass er nicht wahrgenommen hat, wie schlecht es mir ging. Ich bin dann trotz Migräneanfall losgefahren und habe die Kinder geholt. Einige Wochen später bin ich dann mit einer Freundin eine Woche in den Urlaub gefahren. Das hatten wir schon 2 Jahre vorher geplant. Mein Mann hatte sich eine Woche Urlaub genommen, um die Kinder zu betreuen. Ich bin also losgeflogen. Am gleichen Tag bekam ich über Handy einen Anruf, indem mir mein Mann unterstellte, dass ich diesen Urlaub nur gemacht habe, um mich von ihm zu trennen. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Da war nie die Rede von. Er hat sich das eingeredet. Am nächsten Tag hat mich meine Mutter angerufen und mir gesagt, dass sie die Kinder weggeholt hat, da er volltrunken ist und sich nicht mehr um die Kinder kümmern könne. Jeder kann sich vorstellen, wie mir zumute war, weit weg von zuhause und dann sowas.
Als ich wieder zuhause war, bin ich mit meinem Mann sofort in eine Entzugsklinik gefahren. Er wollte das selber und hatte das mit seinem Chef abgesprochen. Ich wollte ihn unterstützen. Er war dann zwei Wochen in der Klinik. Als er wieder rauskam, hat er wieder angefangen zu arbeiten - und auch wieder zu trinken. Er hat mir erzählt, es gibt so etwas wie "kontrolliertes Trinken", er dürfte ruhig zwei Bier trinken. ich habe lange mit ihm darüber diskutiert, er war aber nicht davon abzubringen. Ich habe auch die Augen zugemacht und gedacht, das schafft er schon. Im Keller habe ich dann öfter seine Flaschen getrunken und auch im Kühlschrank habe ich die Flaschen entsorgt. Ich weiss, dass das nichts bringt, aber es war für mein Gewissen. Meinen Jungs habe ich von der Krankheit ihres Vaters erzählt, als er das erste Mal in der Klink war. Der Große war da 10, der kleine 7. Ich musste es ihnen erzählen, da sie ja mitbekommen haben, als meine Mutter ihn weggeholt hat. Sie haben auch an ihrem Vater gehangen.
Mein Mann bekam von seinem Arbeitgeber die Auflage, zur Suchtberatung zu gehen und eine Therapie zu machen. Ich habe ihn unterstützt und bin auch mit zur Therapie gegangen. Während einer Sitzung fragte die Therapeutin uns, wer von uns beiden mehr tut, also mehr um die Ohren hat. Da habe ich ihr meinen Tagesablauf geschildert. ich habe zu dem Zeitpunkt 25 Stunden die Woche gearbeitet, jeden Mittag gekocht, den Haushalt komplett alleine gemacht, die Hausaufgaben komplett alleine gemacht und die Jungs 3 Mal die Woche zum Training gebracht. An den Wochenenden hatten sie Turniere, da habe ich sie auch alleine hingebracht. Mein Exmann hat eigentlich nichts gemacht. Er hat aber bei der Therapeutin angegeben, er tue am meisten, da er ja 8 Stunden täglich in seinem Büro wäre. Die Therapeutin meinte, dass da sehr viel Bedarf bei meinem Mann wäre. Ein paar Wochen später bekam ich von der Therapeutin einen Anruf, er würde nicht mehr zu seinen Sitzungen erscheinen und sie müsste den Arbeitgeber informieren. Fast zur gleichen Zeit fand ich in unserem Schrank einen Bon, auf dem mehrere kleine Flaschen Korn, Kräuterlikör usw. drauf waren. Also mein Mann hat sich die harten Sachen gekauft. Ich habe ihn darauf angesprochen, er hat es zugegeben. ich habe ihn vor die Wahl gestellt, entweder verzichtet er vollkommen auf den Alkohol und macht eine mehrmonatige Kur oder ich werde mit den Kindern ausziehen. Er hat gesagt, er will nicht auf den Alkohol verzichten. ich habe ihm eine Woche Bedenkzeit gegeben. Nach einer Woche habe ich ihm dann gesagt, dass ich mir eine Wohnung nehme. Am nächsten Tag war ich mit meinen Söhnen bei einem Handballturnier. Als wir abends nach Hause kamen, war mein Mann total betrunken und ist nur noch gestolpert. Da habe ich ein paar Sachen gepackt und bin mit den Jungs zu meinen Eltern. Er hat dort natürlich ein paar Mal angerufen, war vollkommen betrunken, konnte nicht mehr zur Arbeit geben. Sein Arbeitgeber hat versucht, ihn zu bewegen, dass er eine mehrmonatige Entziehungskur macht. Er wollte nicht. Wir haben uns dann zu einem Gespräch in unserem Haus getroffen. Da hat mein Mann eingewilligt, diese Kur zu machen. Erst musste er allerdings in ein normales Krankenhaus und dort eine Entgiftung machen. Als er dort im krankenhaus war, hat er mich angefleht, dass ich mich nicht von ihm trenne, dass er keinen Alkohol mehr trinkt und so weiter. Aber ich wollte nicht mehr! Ich wusste, dass es nicht mehr geht, zuviel ist passiert. ich musste in erster Linie an meine Kinder denken. Aber ich habe ihn weiter unterstützt. Als er in dieser Klinik war, wo er insgesamt 3 Monate war, habe ich ihn regelmäßig am Wochenende mit den Jungs besucht. Er hat jeden Tag abends angerufen und mit den Jungs gesprochen. Als er dann entlassen wurde, ist er fast gleich rückfällig geworden. Schlimmer als je zuvor. Während dieser Zeit habe ich meinen jetzigen Mann kennengelernt, der mir eine große Stütze war. Nach ein paar Monaten musste mein Ex-Mann wieder für ein paar Monate. Als er wieder rauskam, hat er wieder getrunken. Die Jungs haben mir das jedes Mal erzählt, wenn er, was sehr selten vorkam, mal etwas mit ihnen unternommen hatte. Sie wollten nicht mehr zu ihm, aber ich wollte, dass sie den Kontakt zu ihrem Vater nicht verlieren. ich habe auch nie schlecht über ihn gesprochen. Niemals. Dann lernte er eine Frau kennen. Er hat sie in der Kneipe kennengelernt und sie hat auch ganz gerne getrunken. Sie war vom Intellekt her weit unter ihm. Man konnte keine vernünftigen Gespräche mit ihr führen, weil sie den nicht folgen konnte. Entschuldigung, aber so ist sie. ist ja auch egal, ich habe mich gefreut, dass er jemanden hatte und nicht mehr alleine war. Die Jungs wollten inzwischen gar nicht mehr zu ihm. wenn er anrief, hat er immer nur mit dem Ältesten gesprochen, den Jüngsten wollte er nie haben. ich weiss bis heute nicht warum. Ich habe ihn dann immer angerufen und gesagt, dass er den Jüngsten anrufen soll, damit er nicht traurig ist.
Wir sind jetzt im Jahr 2004 und die Scheidung lief. ich habe mit meinem Ex-Mann abgesprochen, dass ich das alleinige Sorgeerecht bekommen sollte. Es war ihm auch lästig, ständig irgendwelche Unterschriften für die Jungs zu leisten. Er interessierte sich immer weniger für sie. Die Scheidung war Anfang 2005.ich habe kurz darauf geheiratet. Im Sommer 2005 kam mein Ex-Mann ins Krankenhaus wegen einem Leberschaden, er ist kurz darauf gestorben. Vorher hat er noch auf dem Totenbett seine Freundin geheiratet. Ich schreibe das hier auf, weil es auch von Bedeutung ist. Wir hatten ein Haus zusammen, grundbuchmäßig gehörte es noch 50 % jedem von uns. Also gehörte dieser Frau 25 % des Hauses, auch hat er seine Lebensversicherung, die für seine Kinder gedacht war im Fall des Todes, 2 Wochen vor seinem Tod auf seine Frau geändert. Ich schreibe das hier auf, damit man erkennen kann, wie sehr ein Alkoholiker sich im Laufe der Zeit verändert. Mein Ex-Mann hat sich früher sehr um die Kinder gekümmert, sehr viel mit ihnen unternommen, es wurde immer weniger und als er im Sterben lag, hat er ihnen auch noch die Versorgung genommen. Das kann ich bis heute nicht verstehen.
Meine Söhne sind inzwischen 17 und 15. Sie sprechen nie von ihrem Vater, der Große war vor über einem Jahr das letzte Mal am Grab, der Kleine seit der Beerdigung gar nicht. Wenn sie über ihn sprechen, ist es meistens negativ. ich habe nie negativ über ihn gesprochen, aber sie haben ihre Erfahrungen gemacht. Heute weiss ich, dass alles sehr schleichend verlief und seine Persönlichkeit sich langsam verändert hat. Er hat wohl getrunken, weil er mangelndes Selbstbewusstsein hatte und nur wenn er etwas intus hatte, fühlte er sich gut.
Ich habe früher übrigens immer AUsreden gehabt, wenn er was getrunken hat. Er fühlt sich nicht, hat viel gearbeitet usw. So habe ich das erklärt, dass er öfter geschlafen hat, wenn wir Besuch hatten. Ich habe es verdrängt und wollte unsere "heile Welt" nicht zerstören. Nach der Trennung habe ich damit aufgehört und alle, die gefragt haben, habe ich bestätigt, dass mein Ex-Mann Alkoholiker ist. Es war zwar peinlich, aber ich musste da durch.
Mein Ex-Mann hat sein Leben zerstört und ist am Alkohol gestorben, ich bin froh, dass ich den Absprung geschafft habe und meinen jetzigen Mann zum richtigen Zeitpunkt kennengelernt habe. Meine beiden Jungs lieben ihren Stiefvater mehr, als wie man sich das vorstellen kann. er ist immer für sie. ich bin glücklich, dass sie ganz normale Jungs sind und auch nicht trinken. Sie waren noch nie betrunken. Der Große geht zwar mal weg, aber mehr als zwei Bier trinkt er nicht und das vielleicht alle 8 Wochen mal. Der Kleine hat noch nie etwas getrunken, ist sehr negativ dem Alkohol gegenüber.

Vielleicht sind jetzt einige gelangweilt über meinen Beitrag. Aber er hat mir geholfen.
Vielleicht macht sich der eine oder andere, der gefährdet ist, Gedanken, was er seiner Familie mit dem Alkohol antut. Man darf nie vergessen, dass vor allen Dingen die Kinder leiden. Sie bekommen alles mit und man kann sie nie belügen. ich war offen zu meinen Kindern, anders ging es nicht, ich konnte und durfte sie nicht belügen. Sie haben es verkraftet.

Verfasst: 24.02.09, 13:12
von error6
Hallo keken!
Für mich steht folgendes fest:
Dein Ex hat schon viel früher getrunken als Du vllt auch jetzt noch glaubst.
Alkoholiker wird man nicht in 3 Jahren, das dauert viel, viel länger.
Nur haben sie Fähigkeit, ihre Sucht lange geheim zu halten.
Ich gehe in einem geschilderten Fall davon aus, dass er zu betrunken war, um Auto zu fahren.
Nämlich als er die Kinder abholen sollte. Nur hast Du es nicht bemerkt.
Mein Fall tut nichts zur Sache, aber zur Verdeutlichung:
Ich habe auf der Wache `gepustet`, und man glaubte an ein defektes Gerät.
Das Ergebnis waren 3,85 Promille, und niemand hatte es vorher bemerkt.
Was Deine Kinder betrifft, so sollte und kann man hier überhaupt keine Prognosen treffen.
Es wird angenommen, dass das Suchtpotential in der Kindheit geprägt wird.
Zudem soll es möglicherweise genetisch veranlagt sein. Aber alles mit sollte und könnte.
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Das Leben hat es da nicht so gut mit Dir gemeint.... aber....
auch Dein verstorbener Ex Ehemann hat mein postumes Mitgefühl. Denn das war ja nicht
mehr er selbst, das war ein alkoholkranker Mann. Der nicht, wie die meisten auch, die
Kraft hatte zu widerstehen.
Das würde ich irgendwann versuchen Deinen Kindern zu vermitteln.
Das Allerschlimmste ist es, von der Abhängigkeit zu wissen. Zu wissen, dass man etwas tun muss.
Zu wissen, dass man am Alkohol sterben wird, wenn man nicht aufhört.
Zu wissen, dass man zu schwach ist.
Irgendwann ist dann ein Stadium erreicht, in dem man darüber nicht mehr nachdenkt, nachdenken kann.
Mir persönlich tut jeder leid, der es nicht geschafft hat, einfach nicht schaffen konnte,
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Aber das ist nun Geschichte und es ist schön, dass es Dir und Deiner Familie gut geht in allen Belangen.
Jeder, der mit einem Alkoholiker liiert war oder ist, muss auch an sich denken.
Sonst zerbricht er mit ihm daran.
Viele schaffen das auch nicht, und so sind zwei Leben zerstört.
Du hast das gemacht, was Du in diesen Situationen für richtig gehalten hast und das war gut so.
Alles Gute,
:) error6
edit:
Was mir noch auffällt, ihr habt ja relativ schnell neue Partner gefunden.
Meinst Du, die Ehe hätte auch ohne Alkohol heute noch Bestand? Nicht nur `wegen der Kinder`?
Sie war vom Intellekt her weit unter ihm.
Aber doch mit Gespür für eine kleine finanzielle Absicherung....

Verfasst: 24.02.09, 14:46
von keken
Schwer zu sagen, ob wir weiter verheiratet gewesen wären. Er hat sich so verändert, er war nicht mehr der Mann, den ich mal geheiratet habe. Seine ganze Persönlichkeit war vollkommen anders. Jemand, der nur an andere gedacht hat, ist plötzlich ein vollkommener Egoist.
Ich habe meinen jetzigen Mann 7 Monate nach der Trennung kennengelernt. Ich habe es nicht darauf angelegt, es ist einfach passiert, was auch gut war. Auch für die Kinder.
Was mal mit den Kindern wird, weiss man natürlich nicht. keiner kann in die Zukunft schauen. Sicher gibt es immer die Angst, ob sie auch mal abhängig werden. Aber im Moment sieht es nicht so aus. Man sieht so viel komasaufende Kinder/Jugendliche. Da gehören sie nicht zu. SIe haben beide Ziele in ihrem Leben und sind Leistungssportler.
Sicher war er schon vorher alkoholkrank. ich habe es verdrängt. Er ist sicher auch betrunken Auto gefahren. Er hat seine Sucht anfangs auch verborgen. Vor sich, vor mir und allen anderen Leuten.
Was ich noch nicht geschrieben habe. Nach seiner ersten Entgiftung im Jahr 2002, kurz vor unserer Trennung, ist seine Schwester gestorben. Sie war auch Alkoholikerin. Er hat das Leiden von ihr lange Zeit mitbekommen, aber vor sich selber nicht eingestanden, dass er selber auf dem besten Wege dahin war, ebenso zu enden. Ist ja dann 3 Jahre später auch passiert.
Mit meinen Söhnen habe ich sehr oft über ihren Vater und die Krankheit gesprochen. Ich habe ihnen immer wieder gesagt, dass er krank ist und sich so verhält und viele Dinge vergessen hat. Dass er sich so verändert hat auf Grund seiner Krankheit. Sie haben es verstanden, aber es saß bzw. sitzt alles zu tief. Sie haben ihn volltrunken erlebt, hatten Angst vor ihm, vor Enttäuschungen und immer die Angst ihn zu sehen, wenn er betrunken ist. Bis heute habe ich ihn niemals schlecht gemacht. Ich versuche die Jungs immer zu überreden, dass sie mal zum Grab gehen. Sie wollen nicht. Was sie ihm nicht verzeihen können, ist die Tatsache, dass er noch mal geheiratet hat und was sich für Konsequenzen daraus ergeben haben. Und dass er nicht mehr an sie gedacht hat. Das sitzt tief. ich bin froh, dass wir den Weg geschafft haben und heute ein glückliches Leben führen. die Jungs sind auf dem richtigen Weg und das macht mich auch sehr froh und glücklich. Kein Mensch kann sich vorstellen, wie das ist, mit einem Alkoholiker verheiratet zu sein. Man kann zwar viel verdrängen, aber eben nicht alles. irgendwann kommt alles hoch.

Verfasst: 24.02.09, 15:00
von error6
Ich habe zu dem Thema, welches mir sehr beschäftigt, einen neuen thread eröffnet.
Damit Du es nicht persönlich nimmst.
:) error6