Probleme mit Alkoholismus in der Familie

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ChatNoir
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Probleme mit Alkoholismus in der Familie

Beitrag von ChatNoir » 16.05.08, 14:06

Schönen guten Tag,

mir liegt seit längerer Zeit ein Problem auf der Seele, das mich quält. Vielleicht kann ich hier ja Hilfe oder zumindest Anregungen dafür finden.

Die Vorgeschichte: Meine Mutter trinkt, seit ich mich erinnern kann. Es gibt bessere und schlechtere Phasen, als ich ein Kind war, war sie oft vormittags betrunken, heute vorrangig abends. Meine Schwester hat auch eine Alkoholabhängigkeit entwickelt, mittlerweile ihren vierten Entzug hinter sich und ist seit ein paar Monaten trocken. Sie hat die Alkoholsucht aber eher aus einer Art Suchtverlagerung aufgrund ihrer Bulimie entwickelt. Meine Mutter war nie in Therapie; sie wird wohl weitertrinken, ist mittlerweile über 70 und ich habe die Hoffnung aufgegeben, daß sich etwas ändert.

Nachdem ich nach Alkoholwegkippen, Schreien, tätlichen Auseinandersetzungen, Tränen und Auszug vor fast 15 Jahren ein eigenständiges Leben aufgebaut hatte, mußte ich einen Weg finden, mit der Alkoholsucht meiner Mutter umzugehen. Ich habe immer angeboten, eine Familientherapie mitzumachen, falls doch einmal therapeutische Hilfe in Anspruch genommen werden sollte und der Therapeut das für angezeigt hielte. Ich habe meiner Mutter klar gesagt, daß ich sie liebe, aber keinen Kontakt mit ihr möchte, wenn sie etwas getrunken hat, weder telephonisch noch persönlich. Sie hat sich nicht daran gehalten, hat oft stocktrunken angerufen, wenn sie sich endlich getraut hatte oder sogar nach Verabredung betrunken vor meiner Tür gestanden, um meinen kleinen Sohn und mich zu besuchen. Am Telephon war ich meist konsequent und habe ihr gesagt, daß ich nun auflegen möchte, aber wegschicken konnte ich sie nicht. Sie war sogar angetrunken auf der Beerdigung meines Schwiegervaters. Das alles führt dazu, daß ich mich schon gar nicht mehr mit ihr verabrede. Wenn ich ihr sage, daß ich Angst habe, daß sie beim nächsten Mal wieder betrunken ist, reagiert sie höchst gekränkt.

Dazu kommt, daß sie relativ ungepflegt ist, ihre Wohnung auch. Über die Wohnung habe ich mit ihr schon gesprochen, daß ich da nicht mit meinem Sohn hin will, darauf reagiert sie auch beleidigt. Ich habe - wohl auch aufgrund der Schlampigkeit früher bei uns zuhause - seit Jahren einen Hygienezwang, der den Umgang damit nicht leichter macht. Ich muß aber sagen: Auch ohne diese meine Störung wäre mir das zu viel.

Ich will sie nicht auch noch übermäßig mit meinen Problemen mit ihrer Krankheit belasten - zur Zeit ist es so, sie leidet sehr unter dem Alkoholismus meiner Schwester, obwohl sie ihn unterstützt hat, indem sie mit ihr getrunken hat, und sie mußte in den letzten Jahren eine nahe Verwandte versorgen (nicht alleine, sondern mithilfe eines Pflegedienstes und meiner Tante), die kürzlich verstorben ist. Daher habe ich auch häufig nicht das Gespräch beendet, wenn sie anrief und betrunken war.

Wie soll ich nun damit umgehen? Ich weiß, daß der Alkoholismus ihr Problem ist und der Rest meins. Ich kann und will sie zu nichts zwingen, weder dazu, sich in Therapie zu begeben noch dazu, sich oder ihre Wohnung zu pflegen. Ich weiß, daß mir das nicht peinlich sein muß, trotzdem ist es das; ich leide darunter, daß der Kontakt immer weniger wird, und sie auch. Dennoch kann ich ihn so nicht ertragen und finde es auch nicht richtig, weder für mich noch für mein Kind.
Soll ich da knallhart sein? Soll ich offen mit ihr über alle meine Probleme, die da dranhängen, reden? Ich bin ziemlich ratlos. Ich wünschte, es wäre möglich, einmal ganz spießig sonntags zum Mittagessen mit meinem Kind zu meiner Mutter zu fahren. (Ich mußte das jetzt einfach 'mal so sagen.) Ich würde ihr gern helfen, für sie und für mich, aber ich weiß nicht, was ich tun soll.

Vielleicht kann mir jemand irgend etwas dazu sagen. Entschuldigung, daß der Text so lang geworden ist.

Bobbele

Beitrag von Bobbele » 16.05.08, 14:32

Hallo ChatNoir

Mutti will dir nichts böses antun,dich nicht kränken,aber sie kann nicht anders, weil der Alkohol stärker als alles andere ist-das ist Sucht.
Und wenn sie so bedudelt ist plagt sie das schlechte Gewissen noch mehr und dann ruft sie dich an(sie ruft um Hilfe).

Das Problem ist zu komplex als es hier mit ein paar Worten lösen zu können,aber du bist auf dem richtigen Weg,lebe dein Leben, so schlimm das klingen mag,aber es sind ihre Probleme.
Es gibt in fast jeder Selbsthilfegruppe für Süchte Gruppen vor Ort für Angehörige und es wäre dir zu raten solch eine zu besuchen, allein schon, damit du mit dieser Problematik fertig wirst.

Vielleicht kommst du dann mit etwas mehr Hintergrundwissen besser an sie ran, wobei ich dir aber gleich dazu sagen muss,wenn sie nicht will,geht garnichts,dennoch glücklich ist sie so nicht.

ChatNoir
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Beitrag von ChatNoir » 16.05.08, 14:52

Hallo Bobbele,

danke für Deine Antwort.
Ich weiß, daß sie mir nichts Böses will, sie leidet ja selbst sehr darunter, daß sie uns das Leben als Kinder so zur Hölle gemacht hat. Dennoch kann ich mich von innerlichen Vorwürfen nicht freisprechen, nicht, weil sie krank ist, sondern weil sie nichts dagegen unternommen hat. Ich denke, das gehört zu der Krankheit, dennoch empfinde ich so und ich denke, das darf ich auch. Sie weiß das auch, es wird aber nicht thematisiert, wenn sie nüchtern ist, ist der Umgang weitestgehend unbefangen.
Das Thema Kindheit ist aber für mich abgeschlossen, ich will jetzt einen Umgang mit ihr finden. Daß sie Hilfe in Anspruch nehmen wird, glaube ich kaum; sie leidet mehr unter den Gründen, die sie zum Alkohol getrieben haben als unter dem Alkoholismus, und da ist der Alkohol für sie wohl das kleinere Übel.

Ich weiß, daß ich zu einer Selbsthilfegruppe gehen sollte; ich wollte hier nur gern den Anfang machen und hören, was Leute dazu zu sagen haben.

Danke jedenfalls!

Alida Prahm
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Beitrag von Alida Prahm » 18.05.08, 06:31

Hallo ChatNoir,

hier in diesem Forum gibt es sehr viele user und userinnen, die die gleichen Probleme haben wie Du. Vielleicht nützt es ja, wenn Du mal wirklich mit ihr ein offenes Gespräch führst. Dazu gehört aber auch eine zeitweise Nüchternheit Deiner Mutter und auch die Bereitschaft zur Offenheit. I

ch will nicht sagen, dass es bei einem Alkoholiker nicht möglich ist, mit ihm zu sprechen, das ganz sicher nicht. Nur das Endergebnis dieses Gespräches wird nicht so verlaufen, wie Du es Dir wohl in Deinem Herzen wünscht. Sie wird nicht aufhören zu trinken, weil Du eine familiäre und friedvolle Beziehung wünscht. Sie wird es nur schaffen, wenn sie es für sich will.

Wenn Du den Mut hast, so versuche ein Gespräch. Spreche mit ihr nur, wenn sie noch nichts getrunken hat und das auch nur an einem neutralen Ort, an dem sie keinen Zugriff zu Getränken hat. Lass Dein Kind bei diesem Gespräch "außen vor". Wenn Du dieses Gespräch für Dein Gewissen brauchst, ist es notwendig.

Viel Erfolg. Und melde Dich wieder, wenn Du das möchtest.

Liebe Grüße
Alida Prahm
Mit freundlichem Gruß
Alida Prahm
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madeira
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Selbsthilfegruppe kann segensreich sein

Beitrag von madeira » 18.05.08, 19:23

Hallo ChatNoir,

mir haben die Gespräche mit Leidensgenossen, überwiegend Leidensgenossinnen sehr geholfen, die Situation klarer zu sehen, zu verstehen und damit rationaler umzugehen ohne mich selbst dabei kaputt zu machen.
Schau mal im Internet bei http://www.al-anon.de rein; vermutlich gibt es auch in Deiner Nähe eine eine Gruppe von Angehörigen von Alkoholikern, die sich regelmäßig trifft.

Alle Gute

madeira

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