Arzthonorar für Kassenpatienten

Moderator: DMF-Team

Micado
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Arzthonorar für Kassenpatienten

Beitrag von Micado »

Das ist sicherlich ein brisantes Thema, das zwar schon häufig öffentlich diskutiert wurde, ohne jedoch endgültige Aufklärung zu liefern. Es wird der Eindruck erweckt, dass nach der letzten Reform (Datum?) das Arzthonorar nur noch pauschal je Quartal nach Vorlage der Versichertenkarte mit ca. 35 € (wohl unterschiedlich je nach Fachrichtung) von den GKV gezahlt werde, eine Leistung werde dabei nicht berücksichtigt. Mir sagte mal ein Facharzt (allerdings augenzwinkernd): "Jetzt sind Sie in diesem Quartal schon zum zweiten Mal hier, damit ist mein Honorar von 32 € abgearbeitet." In Fernseh-Diskussionen kam sogar zum Ausdruck, dass es nur noch darum ginge, soviel Versichtenkarten wie möglich in einem Quartal "einzusammeln" und die Patienten nach Möglichkeit die Praxis nicht weiter bevölkern. Das klingt alles unheimlich, ist kaum zu glauben. Und deshalb melde ich mich hier, um zu erfahren, was nun wirklich stimmt. Kann ein Arzt neben dem pauschalen Quartalshonorar Leistungen abrechnen? Man denke zunächst an das Gespräch (die Beratung), ohne dass eine Verordnung erforderlich ist - vielleicht nur ein Ratschlag, das "Abhorchen", Blutdruckmessen, EKG, Einsatz Ultraschall, Blutsenkung, Vorsorgeuntersuchung mit Belastungs-EKG, Röntgenaufnahmen, Spritzen. Das alles soll nicht extra abgerechnet werden können??? Es wurde ja auch behauptet, in der Situation müssten Ärzte IGEL-Leistungen anbieten, um überleben zu können. Den Katalog der "Wunschleistungen" bekommt man ja in einigen Praxen direkt präsentiert. Jetzt geht es aber nur um Leistungen aus der GKV. Was kann ein Arzt nun wirklich abrechnen? Wünschenswert wäre eine ehrliche Aufklärung. Danke im Voraus.
Micado

Gesundheit!

Morgan le Fay

Re: Arzthonorar für Kassenpatienten

Beitrag von Morgan le Fay »

Hallo Micado,

ich glaube kaum, dass Ihnen da ein Arzt antworten wird.

Nehmen wir mal die Zahlen aus 2009:
Damals verdiente im Schnitt jeder Arzt aus seiner vertragsärztlichen Tätigkeit um die 200.000 Euro (Spannbreite von 70.000-400.000)*.

Im Mittel kostete jeder gesetzl. Versicherte wegen Arzthonorare jährlich ca. 550 Euro*

Wenn also jeder Arzt an jedem Patienten im Quartal nur 30-50 Euro abrechnen könnte, dann wären das im Jahr 120-200 Euro und nicht 550 Euro.

Daraus folgt, dass neben den Pauschalen etliche Extraposten abgerechnet werden (können).

Was an IGeL erwirtschaftet wird, lässt sich nur schätzen.
Ich nehme an, dass es mindestens 1/3 des Einkommens des Arztes ausmachen dürfte.

*lt. Veröffentlichung der AOK "Zahlen und Fakten 2010/2011"

Micado
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Re: Arzthonorar für Kassenpatienten

Beitrag von Micado »

Hallo Interessierter,
danke für das Lebenszeichen. Dass ein Arzt darauf antworten würde, habe ich nicht erwarten können. Dennoch gehe ich davon aus, dass es Insider gibt, die sich mit der Materie auskennen. Ich meine, es ist im Interesse einer gewissen Transparenz, dass zumindest das System erklärt wird. So muss man sagen, dass in allen früheren Verlautbarungen nur lamentiert und geklagt wurde. Erstaunlicherweise ist es um die Sache ziemlich ruhig geworden. Umso interessanter ist es, mal grundsätzlich zu erfahren, was da wirklich los ist. Letztendlich geht es ja um die Beiträge der Versicherten. Ihr Beitrag war schon richtungweisend. Ich hoffe, dass sich noch jemand findet, der konkreter darauf eingehen kann. Vielen Dank.
Micado

Gesundheit!

Morgan le Fay

Re: Arzthonorar für Kassenpatienten

Beitrag von Morgan le Fay »

Wie konkret soll ich denn werden? :wink:
Ich bin zwar nur ein Augenoptikermeister, aber für die Piratenpartei im Ressort Gesundheitswesen tätig.
Ein bissel kenn ich mich schon aus....

Micado
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Re: Arzthonorar für Kassenpatienten

Beitrag von Micado »

Hallo Morgan le Fay,
ich möchte eigentlich nur das System verstehen. Gibt es z. B. eine Tabelle wieviel welcher Facharzt als Pauschale erhält, wenn ich mit einer Überweisung zu ihm komme. Gibt es einen Unterschied, wenn ich ohne Überweisung als Kassenpatient zu ihm komme? Was ist durch die Pauschale abgedeckt? Und was kann ein Arzt zusätzlich abrechnen? Das gibt es sicherlich viele Wenn und Aber, die von der Kassenärztlichen Vereinigung überwacht werden. In meinem Ursprungsbeitrag habe ich ein paar Leistungen aufgeführt, die mich besonders interessieren, da sie bei mir stattfinden. Der Grund meiner Nachforschung ist der, dass es im Bekanntenkreis eine nicht enden wollende Diskussion um das Thema gibt, da durch vielen öffentlichen Diskussionen Anfang 2009 mehr Verwirrung gestiftet wurde als Aufklärung. Die jetzige Diskussion im Bekanntenkreis reicht von: "Der Arzt bekommt lediglich die Pauschale, aber der Einsatz von Medikamenten (Spritzen) und Geräten (Ultraschall/Röntgen) kann zusätzlich abgerechnet werden." bis hin: "Das ist alles Quatsch, der Arzt kann jeden Handschlag abrechnen." Danke für Infos.
Micado

Gesundheit!

Morgan le Fay

Re: Arzthonorar für Kassenpatienten

Beitrag von Morgan le Fay »

"Jeder Handschlag" ist Blödsinn. Dann würden die Ärzte sicher nicht jammern.

EBM heißt die Lösung des Rätsels. Das ist der Einheitliche Bewertungsmaßstab.

Ich bitte die etlichen PDF-Dateien unter dem Link selbst herunterzuladen und je nach Interesse zu studieren. Dann dürfte eigentlich alles klar sein.

Wieviel die Punkte, die es "für jeden Handschlag" gibt, am Jahresende wert sind, weiß kein Mensch. Zur Zeit liegt der Punktwert afaik so um die 5 Cent.

Je häufiger eine Position dieser Listen abgerechnet wird, desto weniger sind die Punkte dafür wert.
Man hat also durchaus nachvollziehbare Gründe, zum Jahresende keine Termine mehr an GKV-Patienten zu vergeben. Jeder Patient, der NICHT kommt, erhöht den Wert der Punkte.
Das Berechnen der Punktwerte dauert und dauert. Daten über tatsächliche Einkünfte liegen den Ärzten deshalb erst ein Dreivierteljahr nach Abschluss des Kalenderjahres vor.

Micado
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Re: Arzthonorar für Kassenpatienten

Beitrag von Micado »

Alles, was mit jetzt noch einfällt: Wenn aus den Mitgliedsbeiträgen auch noch die Leute bezahlt werden, die sich diese EBM's ausgedacht haben, ist es kein Wunder, dass die Kassen leer sind. Vermutlich leben ganze Völkerstämme davon, dieses Gestrüpp auch noch zu überwachen und zu handhaben. Ich habe einige EBM's mal durchgeblättert. Fehler, Irrtümer, Missverständnisse sind vorgrammiert. Kaum zu glauben, dass zum Schluss eine "echte Leistung" zur Abrechnung kommt.

Ich danke für die Nachhilfe, wenn mich das auch nicht wirklich weiter bringt, außer der Erkenntnis, dass das System undurchschaubar ist. Aus Vermutung ist Realität geworden.
Micado

Gesundheit!

Humungus
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Re: Arzthonorar für Kassenpatienten

Beitrag von Humungus »

Morgan le Fay hat geschrieben:Ein bissel kenn ich mich schon aus....
Sie meinen damit, dass Sie sich der Zahlen der AOK und damit des BMG bedienen? Ahnung zu haben heißt auch, Statistiken korrekt lesen zu können, insbesondere zwischen den Zeilen!

Ich rede jetzt von mir als Augenarzt: Pro Quartal kriege ich ein Budget von 18 Euro pro Patient. Und dieses Budget multipliziert man mit der durchschnittlichen Scheinanzahl der Fachgruppe, das sind 1500 Scheine. Heißt: der durchschnittliche Augenarzt kriegt von der Kasse pro Quartal 27.000 Euro. Und davon behandelt man alle Patienten. Kommen mehr als 1.500, kriegt man im nächsten Jahr mehr Budget, im aktuellen behandelt man kostenlos. Behandelt man zu viele, kriegt man pro Patient weniger Budget. Bei einem Augenarzt ist das Budget schon mit der ersten Leistungsziffer überschritten, alles weitere bringt also nur etwas, wenn man das Gesamtbudget nicht überschritten hat, was wohl keinem Augenarzt gelingen wird (denn das Budget entspricht ja seinen Patientenzahlen im letzten Jahr!).

Extra gibt es Laser (wenn man einen hat!) und Operationen. Aber keine "Kleinoperationen" wie Hagelkörner, eingebrannte Fremdkörper und so. DIe macht man im Budget. Zwar gibt es nämlich dafür Leistungsziffern, aber: die bringen letztendlich ja nichts.

Von dem, was man dann am Ende hat, zieht man die Praxiskosten ab. Natürlich in erster Linie Personal, Miete, Versicherungen, Strom/Telefon etc. Man kann sich schnell ausrechnen, dass vom Kassenhonorar nicht viel bleibt.

Heißt: was man braucht, sind private Leistungen. Dass IGeL ein Drittel ausmachen und man an Privatpatienten reich wird, ist der Traum eines Optikers, der wahrscheinlich in einer reichen Gegend wohnt. Auf dem platten Land sind die Patienten meist relativ arm und wollen keine Zusatzleistungen. In der ehemaligen DDR sind Privatpatientern extrem dünn gesät.

Ärzte sind so schwerreich, dass sie mittlerweile ihre Praxen nicht mehr an Nachfolger verkaufen können. Die wollen nämlich kein Geld scheffeln. In den Krankenhäusern stapeln sich die Ärzte, weil die Arbeitsbedingungen und die Einkommen so toll sind. Ääääh, wie, das stimmt nicht? Doch, ich habe doch die AOK-Statistik gelesen!

Kommen wir also mal zur Statistik. Nur mal ein einfachstes Beispiel, um diese der Zahlenspielerei zu entlarven: Ein durchschnittlicher Augenarzt hat im Jahr laut AOK ein Kassenhonorar von ca. 234.000 Euro. Die Kosten pro Patient der AOK für Ärzte sollen ca. 600 Euro sein.

Dann würde ein Augenarzt pro Jahr 390 Patienten behandeln, pro Arbeitstag also 2. Die durchschnittliche Scheinzahl des Augenarztes ist 1.500. Heißt: eigentlich müsste ein Augenarzt im Schnitt pro Jahr laut AOK 3.600.000 Euro Honorar haben (Wahnsinn, ich bin im statistischen Paradies!).

Selbst einem Piraten ist ersichtlich, dass hier etwas nicht stimmen kann!

Morgan wird Ihnen sicherlich erklären, was. Und wer das ganze Geld wirklich kriegt, nämlich nicht der Feld-Wald-und-Wiesen-Augenarzt oder Hausarzt oder Hautarzt und schon gar nicht Psychologe! Und er wird Ihnen (nach einem kleinen Update) auch erklären, warum seit vielen Jahren die Punktwerte nicht mehr nachträglich berechnet werden, sondern fest sind, übrigens bei 3,5 cent, und eben nicht, wie früher versprochen, 5 cent.

Zu Ihrer ursprünglichen Fragestellung kann ich Sie einladen, sich im Forum Gesundheitspolitik umzusehen. Die Frage ist dort schon mehrfach beantwortet, und dort (und nicht in "Medizin in den Medien") sitzen die kompetenten Leute.
Augenarzt? Flatrate. Für nur 18 Euro all you can (tr)eat, ein ganzes Quartal lang! DAS ist heutige Gesundheitspolitik.

Morgan le Fay

Re: Arzthonorar für Kassenpatienten

Beitrag von Morgan le Fay »

Kommen wir also mal zur Statistik. Nur mal ein einfachstes Beispiel, um diese der Zahlenspielerei zu entlarven: Ein durchschnittlicher Augenarzt hat im Jahr laut AOK ein Kassenhonorar von ca. 234.000 Euro. Die Kosten pro Patient der AOK für Ärzte sollen ca. 600 Euro sein.

Dann würde ein Augenarzt pro Jahr 390 Patienten behandeln, pro Arbeitstag also 2. Die durchschnittliche Scheinzahl des Augenarztes ist 1.500. Heißt: eigentlich müsste ein Augenarzt im Schnitt pro Jahr laut AOK 3.600.000 Euro Honorar haben (Wahnsinn, ich bin im statistischen Paradies!).

Selbst einem Piraten ist ersichtlich, dass hier etwas nicht stimmen kann!
Ja, selbst einem Piraten ist klar, dass diese Rechnung ..ääähm, sagen wir mal, misslungen ist. :evil:

Die 600 Euro Ausgaben sind ja nicht vollumfänglich für Augenärzte verwendet worden!!!

Mann, echt, der Shitstorm und die Art und Weise, wie man derzeit versucht, uns zu diskreditieren, gehen auf keine Kuhhaut mehr.

Humungus
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Re: Arzthonorar für Kassenpatienten

Beitrag von Humungus »

Genau, hier sagen Sie etwas Wahres: diese Statistiken sind da, um zu diskreditieren.

Welcher Eindruck soll erzeugt werden? Na, der, dass es den Ärzten eigentlich viel zu gut geht und sie nicht so jammern sollen. Die Broschüre ist nämlich auch gleichzeitig ein Verkaufsprospekt und eine Verhandlungsbasis.

Und nun gegen wir einen Schritt weiter und glauben mal an die Zahlen der AOK (ich persönlich glaube einer Statistik nie blind, sondern erst, wenn ich die prüfen konnte): wie kann es denn kommen, dass ein kleiner Augenarzt 18 Euro kriegt (wenn er lasert, vielleicht 23 oder so), ein HNO-Arzt Ähnliches, ein Hausarzt vielleicht 35-50 Euro? Na, da muss es Ärzte geben, die extrem viel kriegen. Die nämlich, die massenhaft Operationen ausführen (lassen).

Und wir wissen nun: das große Geld geht in die Zentren, in denen viele, viele Ärzte sitzen und viele, viele OPs machen.

Diese Zentren sollen auch noch gefördert werden, und die kleinen Ärzte sollen weg. Das ist nämlich was Ziel der Politik ist.

Und jetzt können wir noch einen Schritt gehen: in der Statistik steht ja drin, dass die Ärzte alle so zwischen 180.000 und 300.000 kriegen. Aber wir wissen ja jetzt, dass dies nur ein Durchschnitt ist und es einige wenige Großzentren gibt, die viel, viel mehr kriegen.

Was sagt uns das? der "normale" Arzt kriegt viel weniger, das ist in der Statistik nur nicht erwähnt. Eine seriöse Statistik nennt nämlich immer auch neben Mittelwerten die Standardabweichungen. Und dann könnte man sehen, dass die Streuung extrem ist.

Warum die AOK das nicht macht? Den Schluss sollte hier jeder selber ziehen.

Und nun gehen wir den letzten Schritt: wenn die kleinen Ärzte eigentlich nicht viel verdienen und die Zentren ganz viel - ja, warum gehen die kleinen Ärzte nicht alle in die Zentren und verdienen dann auch ganz viel? Ach - das ist ja geplant...nur sollen die kleinen Ärzte natürlich Angestellte sein, und damit weiterhin nicht viel verdienen.

Nur noch am Ende zu dem Thema: wenn alle kleinen Ärzte vom Land weggehen - kommen die Zentren dann aufs Land? Nein?
Augenarzt? Flatrate. Für nur 18 Euro all you can (tr)eat, ein ganzes Quartal lang! DAS ist heutige Gesundheitspolitik.

Adromir
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Re: Arzthonorar für Kassenpatienten

Beitrag von Adromir »

Morgan le Fay hat geschrieben: Mann, echt, der Shitstorm und die Art und Weise, wie man derzeit versucht, uns zu diskreditieren, gehen auf keine Kuhhaut mehr.
Dazu klink ich mich kurz ein. Ich bin ein bekennender Piratenwähler gewesen. Leider, wenn ich in Ressorts bei den Piraten lese, die nix mit Datenschutz usw. zu tun habe, dann werden sie leider für mich wieder nicht mehr wählbar.

Das hat aber nichts mit Shitstorm zu tun, sondern einfach damit, daß die Piraten in den Bereichen ausserhalb ihrer "Kernkompetenz" (nach aussen hin) eher schlecht besetzt sind, dort von Idealen, die sie selbst gefordert haben, abrücken.

Morgan le Fay

Re: Arzthonorar für Kassenpatienten

Beitrag von Morgan le Fay »

@Adromir
Das tut mir leid.
Aber mal ehrlich: Welche "Kernkompetenz" besitzen denn Sie, um zu beurteilen, wo wir "schlecht besetzt" seien?
Ich bin nicht hier, um für meine Partei Werbung zu machen und wir haben auch bestimmt noch einen weiten Weg vor uns, aber nicht jedes rhetorisch ausgefeilte und mit der inbrünstiger Überzeugung vorgetragene Geschwätz von "Fachleuten" oder Mitgliedern etablierter Parteien hat mehr Gehalt an "alleingültiger" Wahrheit. Oft sind Statement einfach von Eigeninteressen geprägt und objektiv falsch.
Ich bin froh darüber, dass meine Partei in vielen Dingen so unerfahren ist oder war. Nur so stellt man mitunter Fragen, die woanders nicht gestellt werden. Wenn wir aber beispielsweise das Thema Inzucht abhandeln und dazu beschließen, dass analog zur schweizerischen Handhabung der Paragraf abeändert oder abgeschafft werden soll, dann heißt es gleich: Die Piraten sind für ´s Kinderf!cken!

Wenn wir Unterricht in den Schulen anregen, der den Umgang mit Drogen thematisiert (wozu bekanntlich auch Nikotin und Alkohol zählen), dann heißt es gleich: Die Piraten wollen Schüler das Kiffen erlauben.

Wir werden als Spinner abgetan, wenn wir das Gesundheitswesen in Frage stellen, wie es sich, für alle mehr als offensichtlich, nicht bewährt hat und - inzwischen schreibe ich lieber "angeblich" - so manchen Arzt an den Rand des Ruins gebracht habe. Wir sind unfähige Träumer, weil wir nicht einfach jede noch so abstruse Forderung der Ärzte erfüllen wollen und können.

Insofern bin ich gern Pirat, meinetwegen auch Anarchist. Aber ich sehe nicht tatenlos zu, wie Egoismus und Unfähigkeit den Menschen vermeidbares Leid zufügen oder gar das Leben kosten.
Beispiel:
Jeden Tag sterben in D 3 Leute, weil man nicht imstande ist, rechtzeitig Transplantate zu beschaffen. Andererseits gibt es Leute, die im hohen und höchsten Alter gerne sterben würden, weil sie nur noch Schmerzen ertragen müssen und man lässt sie nicht.

Und derlei Baustellen gibt es gerade genug. Welche Partei sollte sich den Themen annehmen, wenn nicht wir? Welche Partei hat denn für diese Zustände gesorgt oder sie tatenlos akzeptiert?
Die Piraten?

zerlina
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Re: Arzthonorar für Kassenpatienten

Beitrag von zerlina »

Adromir hat geschrieben:Ich bin ein bekennender Piratenwähler gewesen. Leider, wenn ich in Ressorts bei den Piraten lese, die nix mit Datenschutz usw. zu tun habe, dann werden sie leider für mich wieder nicht mehr wählbar
Also ich zähle mich nicht zu den Piratenwählern eben weil ich der Meinung war, dass außerhalb des Ressorts Datenschutz wenig Fachkenntnis vorhanden ist. Im Gesundheitressort belehrt mich Morgan le Fay gerade eines besseren. Ich bin beeindruckt und muss sagen die Piraten werden mir immer sympathischer. :wink:

Micado
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Re: Arzthonorar für Kassenpatienten

Beitrag von Micado »

Ich muss schon sagen, es wird immer spannender. In den Parteienstreit will ich mich nicht einmischen. Nachdem ich nun alle Beiträge, die mir bis zum 8. 12. vorlagen in meinem interessierten Bekanntenkreis präsentiert habe und auch noch jeder auf seine Weise Erkundigungen eingezogen hat, gibt es ein übereinstimmendes Fazit: Viel schlauer geworden ist man nicht - eher noch verwirrter. Was auch fasziniert, ist der Umstand, dass das Thema aus der öffentlichen Diskussion fast ganz verschwunden ist. Nun darf man gespannt sein, was die ganz aktuelle Ankündigung, dass die sogenannte Praxisgebühr überdacht wird, da die jetzige nicht zur Verminderung der Praxisbesuche geführt habe. Bedeutet das eigentlich, dass mit einer hohen Zahl von Praxisbesuchen auch höhere Kosten auf die Krankenkassen zukommen? Eigentlich merkwürdig, wenn doch mit der Fallpauschale ein Patient pro Quartal sozusagen finanziert ist. Dann kann er doch so oft zum Arzt gehen wie er will und die Praxis belagern. Wird daraus eigentlich noch jemand schlau? Ist einem Arzt gedient, wenn es eine Gebühr von 5 € je Praxisbesuch gibt und dadurch je Quartal ein Patient nur einmal erscheint? Rein theoretisch dürfte der Arzt keine Einbußen erleiden, es sei denn, er könnte dann weniger IGel anbieten. Dazu kann bestimt noch jemand etwas sagen.......oder?
Micado

Gesundheit!

Humungus
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Re: Arzthonorar für Kassenpatienten

Beitrag von Humungus »

Micado hat geschrieben:Bedeutet das eigentlich, dass mit einer hohen Zahl von Praxisbesuchen auch höhere Kosten auf die Krankenkassen zukommen?
Das ist nicht der Fall. Die GKVen zahlen "mit befreiender Wirkung" einen Betrag an die KV, die diesen nach eigenem Ermessen auf die Ärzte verteilt.

Heißt: der GKV ist es wurschtegal, ob ein Patient 1x, 10x oder auch 100x pro Quartal zum Arzt geht. Und es ist ihr bis auf wenige Ausnahmen auch völlig egal, welche Leistungen erbracht werden - ist ja "all inclusive"!

Das ist auch der Grund, warum den Patienten bei der GKV so oft beschieden wird, die Kasse "zahle alles". Weil es der GKV recht ist, dass alles "aufs Haus" geht.

Nun gibt es natürlich ein Problem: jedes Jahr gibt es Verhandlungen zwischen der KV und der GKV, und da ist die Häufigkeit der Arztbesuche und die erbrachten Leistungen natürlich immer ein Argument. Und was dazukommt, ist der sich verschärfende Ärztemangel. Beides soll dadurch reduziert werden, dass weniger Patienten zum Arzt gehen, und weniger oft.
Ist einem Arzt gedient, wenn es eine Gebühr von 5 € je Praxisbesuch gibt und dadurch je Quartal ein Patient nur einmal erscheint? Rein theoretisch dürfte der Arzt keine Einbußen erleiden, es sei denn, er könnte dann weniger IGel anbieten. Dazu kann bestimt noch jemand etwas sagen.......oder?
Eins muss man gleich voraus sagen: die Praxisgebühr kassiert zwar der Arzt, sie wird ihm aber vom Honorar abgezogen. Heißt: der Arzt ist nur Kassenwart für die KV.

Prinzipiell profitiert ein Arzt davon, dass ein Patient kein zweites oder weiteres Mal in die Praxis kommt, denn die Folgeuntersuchungen werden quasi nicht oder nur minimal bezahlt ("Teppichbenutzungsgebühr"), er hat aber ähnliche Unkosten wie beim ersten Besuch. Bei Folgebesuchen lassen sich IGeL kaum anbieten - es gibt keinen neuen Grund dafür. Man muss aber davon ausgehen, dass eine sinkende Besuchsfrequenz und sinkendes Leistungsvolumen dazu benutzt werden wird, die Gesamtvergütung der Ärzte zu kürzen.

Übrigens habe ich bei Einführung der Praxisgebühr einen merkbaren Rückgang an Patienten verzeichnet. Besonders die Hartz-IVer und andere sozial Schwache haben sich einen Arztbesuch erspart, gerade am Jahresanfang, wenn sie noch nicht von der Zuzahlung befreit waren. Die Praxisgebühr und auch die jetzt geplanten Gebühren treffen die Schwachen!
Augenarzt? Flatrate. Für nur 18 Euro all you can (tr)eat, ein ganzes Quartal lang! DAS ist heutige Gesundheitspolitik.

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