Patienenverfügung

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CM787
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Patienenverfügung

Beitrag von CM787 » 05.06.11, 16:42

Ich finde leider kein schon angefangenes Thema über Patientenverfügung....

Ich möchte kurz einen Fall "erzählen", der mir letzens in meinem Nachtdienst passiert ist und vielleicht einige Meinungen dazu hören.

Ich arbeite als KS in einem Altenpflegeheim. In meinem Nachtdienst, um ca. 4.00 Uhr fand ich eine Bewohnerin (Z.n. Appoplex 2002-- letzer 2010, seither Bettlägrig und Pfelgebedürftig) im Bett vor, krampfend zur linken Seite, hatte zuvor erbrochen, stirrer Blick und schwer atmend.

Ich schnappte mir direkt die Patientenakte und das Telefon, tippte schon die nummer der Rettungsleitstelle ein, als ich plötzlich groß vermerkt auf der Bewohnerakte sah: BW hat Patienenverfügung!

Also rief ich zuerst bei der Notfalldienstzentrale an. Ich berichtete über den o.g Fall, fügte bei, das die Bw im Besitz einer Patientenverfügung sei.
Von der NDZ wurde ich aufgefordert, umgehend die Rettungsleitstelle anzurufen, mit der Begründung, das dies ein akuter Fall ist und das nichts mit einer Patientenverfügung zu tun hätte.

Also rief ich die Rettungsleitstelle an... Wie oben berichtete ich über den Fall, ebenfalls fügte ich bei, das die Bw eine Patientenverfügung hat.
Der telefonist der Rettungsleitstelle war sooooooo genervt und unhöflich!!
Er fragte zuerst was er dann mit der BW soll, ich solle den Hausarzt anrufen.
Ich erreiche doch nachts um 4 keinen Hausarzt mehr!
Dann schimpfte er und befahl, das ich die Notfalldienstzentrale anrufen soll!!
Ich sagte das ich berreits mit dieser telefoniert hätte und diese mich aufgefordert haben, die Rettungsleitstelle anzurufen.

Schließlich schickte er mir, nach längerem diskutieren, doch jemanden vorbei. Und siehe da, die Bw hatte ihren 3. Schlaganfall erlitten!


Das ist mein erster Fall gewesen mit einer Patientenverfügung...

Kann das denn möglich sein das keiner die Verantwortung für Menschen mit Patientenverfügung übernehmen möchte??

War es denn falsch das ich am Telefon gesagt habe das die Bewohnerin im Besitz einer Patientenverfügung ist???

Dieser Fall geht mir nicht mehr aus dem Kopf!

Ich habe auch die PDL und sogar den Heimleiter über den Vorfall informiert. Die PDL weiß, das es schon öfter probleme mit der Rettungsleitstelle gegeben hat.(Zwecks unhöflichkeit etc.)

Über die Patientenverfügung wurde weiter nicht gesprochen.


Der Notarzt der da war und die BW behandelte bestätigte meine Handlung.

Kennt sich denn jemand richtig gut aus in Sachen Patientenverfügung???

Was tue ich z.B., wenn in einer Patientenverfügung steht: es soll im Falle eines Notfalles KEIN NOTARZT hinzugefügt werden??? Darf ich das selbst entscheiden???
Muss ich den Betreuer vorher informieren???

Wie geht ihr denn mit solchen Fällen um???

Die Bw ist nach 3 Tagen KH-aufenthalt wieder ins Heim zurückgekehrt, zum Sterben. Sie hat in der Patientenverfügung stehen, das sie keine Lebenserhaltenden Maßnahmen möchte, auch keine künstliche Ernährung. Der Betreuer stimmte im KH der Patientenverfügung zu und lehnte auch das legen einer PEG-Sonde ab!
Außerdem bekommt die BW keine Lebenserhaltenden Medikamente mehr, nur noch NACL zur Flüssigkeitszufuhr.

der Matze
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Re: Patienenverfügung

Beitrag von der Matze » 06.06.11, 08:34

Guten Morgen CM787,
Kann das denn möglich sein das keiner die Verantwortung für Menschen mit Patientenverfügung übernehmen möchte??
Ja, denn auf die Entfernung kann man sich nicht sicher sein, ob das, was man am Telefon erzählt, auch stimmt. Stellen Sie sich vor, Sie sind Disponent und bekommen einen entsprechenden Anruf. Wie würden Sie reagieren? Würden Sie das vorbehaltlos glauben? Wen würden Sie schicken? Notarzt und RTW, um das vor Ort zu überprüfen? Vielleicht wissen, dass dann 3-4 Personen bei einem Einsatz gebunden sind, bei dem es nicht viel zu tun gibt?
War es denn falsch das ich am Telefon gesagt habe das die Bewohnerin im Besitz einer Patientenverfügung ist???
Nein.

Was tue ich z.B., wenn in einer Patientenverfügung steht: es soll im Falle eines Notfalles KEIN NOTARZT hinzugefügt werden??? Darf ich das selbst entscheiden???
Muss ich den Betreuer vorher informieren???
Das ist eine gute Frage. Kein Notarzt bedeutet z.B. nicht "keine Hilfe". Sie könnten dennoch den Rettungsdienst anfordern, der den Betroffenen dann in ein Krankenhaus bringt, wo er behandelt wird - das ist dann ja kein Hinzuziehen eines Notarztes.
Viele interpretieren Patientenverfügungen möglichst großzügig, denn die Angst, später rechtliche Schritte bzgl. unterlassener Hilfeleistung erfahren zu müssen ist häufig größer als die, wegen Missachtung einer Patientenverfügung belangt zu werden.


Ich gehe davon aus, dass Sie nicht den einzigen Bewohner mit einer Verfügung hatten. Warum bitten Sie nicht den Arbeitgeber um eine Fortbildung zu dem Thema? Sie sind auch garantiert nicht die einzige Person im Haus, die diesbezüglich Informationsbedarf hat.



Mit freundlichen Grüßen,
der Matze,
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Info: Koma und Aufwachen auf der Intensivstation

Peter Estner
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Re: Patienenverfügung

Beitrag von Peter Estner » 07.06.11, 20:10

Hallo CM 787,
danke für die offene und immer wieder aktuelle Frage. Ich arbeite auf einer Intensivstation und auch wir bekommen oft Patienten von einem Altenheim. Wenn ein akutes Ereignis eintritt, sowie Matze schon geschrieben hat, dann sind viele Fragen erst einmal nicht geklärt. Da haben Sie auf jeden Fall mal richtig gehandelt und haben Hilfe geholt. Diese Hilfe dürfen Sie auch erwarten und da gibt es überhaupt keinen Grund, dass jemand unfreundlich ist. Hier wiürde ich eben auch noch einmal von Ihrer PDL nachhaken, das ist schließlich sein Job, als Rettungsleitstelle. Wenn einer hier etwas zu entscheiden hat, ja dann immer auch ein Arzt vor Ort. Die Patientenverfügung ist hier erst einmal zweitrangig und muss geprüft werden. Dann wird der Betreuer hinzugezogen usw.
Nehmen wir an, die Patientin hatte einen Krampfanfall beispielsweise oder etwas anderes zwar lebensbedrohliches, aber wieder regenerierbar, dann würden Sie sich immer Vorwürfe machen. - Also, alles richtig gemacht und mein Tipp ebenfalls, holen Sie sich jemanden, der eine Fortbildung zur Patientenverfügung bei Ihnen im Haus durchführen kann, das ist bestimmt eine gute Idee.
Viele Grüße
Peter E.

Annette Koch
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Re: Patienenverfügung

Beitrag von Annette Koch » 10.07.11, 07:14

Hallo CM 787,

leider komme ich aus beruflichen Gründen erst jetzt dazu ihr Anliegen aufzunehmen, aber meine Vorgänger haben ja schon vorzüglich geantwortet.
Die Versorgung des zu Pflegenden steht erstmal an erster Stelle.
Ich habe immer nach diesem Schema gehandelt und die Angehörigen dankten es mir. Als Zusatz habe ich ihnen erklärt, dass im akuten Notfall auch akutes Leiden entstehen kann, das im Krankenhaus gemildert werden kann, wie auftretende starke Schmerzen usw.
Das ist auch für den Angehörigen nachvollziehbar und er kann dann zusammen mit den Ärzten weiter entscheiden. Wird ein ein alter Mensch im Altenheim aufgenommen und es ist klar dass eine Patientenverfügung vorliegt, hab ich schon im Vorfeld einige Gespräche mit dem Angehörigen geführt, die diese Situation mit einschließen.
Liebe Grüße

Annette Koch
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