Was will der Mensch wirklich?

Konzept der Anregung und Förderung individueller Lernprozesse bei Patienten mit Störungen der Wahrnehmung, Bewegung und/oder Kommunikation

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Bettina
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Was will der Mensch wirklich?

Beitrag von Bettina » 21.10.06, 09:38

Hallo ihr alle da draußen,

schon wieder ich... und diesmal mit einer Frage:

Ich habe dieses Jahr meinen Opa begleitet... habe ihn begleitet von der Diagnose Krebs kurz vor Ostern bis zu seinem Tod Anfang September und es war eine sehr wichtige, sehr traurige aber sehr intensive Zeit für mich, für mein Verhältnis zu meinen Großeltern und meiner Familie... Während der Pflege und Begleitung hatte ich 6 Wochen "Auszeit" in Form eines langen Urlaubs (mein Opa hat mir versprochen, noch da zu sein, wenn wir heimkommen und er wollte, dass wir fliegen)... Als wir wieder nach Hause kamen ging es meinem Großvater erstaunlich gut (so gut wie es einem halt gehen kann mit einem riesen Nierentumor und multiplen Lungen- und Gehirnmetastasen)

Nach dem Urlaub waren wir jeden Tag zusammen und plötzlich ging es eigentlich immer und stetig bergab mit seiner Gesundheit,... eine seiner Aussagen hat mich ziemlich zum Nachdenken gebracht, die war: "Ich dachte du kommst heim und alles wird besser".

.. ist das eine Hoffnung, an die sich unsere Patienten auch klammern? Tun sie es ein stückweit für uns? Das wiede gesund werden? Das Plagen und Üben bei uns auf der Reha?

Ende August, Anfang September ging es meinem Opa dann sehr schlecht, er konnte nicht mehr aufstehen, konnte sich nicht mehr äußern, denn eine Metastase hatte seine Stimmbänder lahmgelegt... er hatte eine Hautmetastase auf dem Kopf, die aufgegangen ist und er wollte nichts mehr essen und trinken... ließ es zu, dass ich ab und zu seinen Mund anfeuchte... Das war die Zeit, während der mir bewusst war, unsere Begleitung während der Krankheit wurde zur Sterbebegleitung... meine Schwester und ich wollten das Sterben leichter machen mit Kerzen, leiser Musik, warmem Licht, alles das, was UNS gut getan hätte, aber wir haben gemerkt, dass das nicht wirklich das war, was unser Opa wollte, ein Mann, der den Krieg erlebt hat, der aus seiner Heimat vertrieben wurde, der sein Leben lang gearbeitet hat, wie ein Tier, der ein Kind verloren hat... das war er nicht... deshalb ließen wir ihn dann einfach in Ruhe, wir waren da... und als er starb, hat er sich einen Zeitpunkt ausgesucht, als er mit meiner Oma alleine war... die beiden haben immer alles unter sich ausgemacht...

Ich wollte jetzt nicht meine Geschichte loswerden oder Mitleid von euch... mich hat das aber sehr zum Nachdenken gebracht, was wir oft mit den Leuten veranstalten, mit dementen Menschen im Snoozeling Raum... mit Menschen, die in einer Pflegeoase (hab ich gestern kennengelernt) liegen bzw. leben... mit unseren vielfältigen Duftlampen und Aromaölen im Waschwasser... ich frag mich einfach

Was will der Mensch, der da liegt in seiner Demenz und Hilflosigkeit

und die Frage, ob wir ihn nicht noch mehr verwirren mit unseren Duftlampen und bunten Lichtern... und der Frage, ob wir nicht auch sehr viel für UNS tun, um dieses "Elend" für uns leichter erträglich zu machen?

Ich würde mich über die eine oder andere Antwort wirklich freuen

liebe Grüße

Bettina
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Peter Estner
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Beitrag von Peter Estner » 22.10.06, 18:55

Hallo Bettina,
da kommt es darauf an, ob wir "Sterbebegleitung" als Elend ansehen, bzw. in Mitleid mit uns selbst verfallen, da wir Abschied nehmen müssen, von jemanden den wir nicht gerne loslassen wollen. Natülich schaffen wir die Atmosphäre auch für uns, aber das wir es nur für uns machen, würde ich einfach nicht behaupten. Es ist eben diese besondere Lebenssituation: ein Mensch geht seinen Weg weiter alleine, ohne uns, ohne sich vielleicht Gedanken machen zu können, wie könnte es gestaltet werden. Die Gedanken können vielfältig sein, was wollte ich noch mitteilen, was habe ich noch zu erledigen, kann ich mich nun damit abfinden. So in etwa stelle ich es mir vor, manchmal höre ich von Situationen, wo sich die Sterbenden tatsächlich noch Zeit gelassen haben, bis die Menschen da waren, die ihnen sehr nahe standen, sie verabschiedeten sich und dann konnten sie gehen. Oft wird behauptet, dass auch die Angehörigen sagen sollten, es ist jetzt gut, du kannst jetzt gehen. Will damit sagen, die Umgebung ist unsere Sache, die zurückbleiben, die begleiten, aber das zwischenmenschliche, die Gefühle und Emotionen müssen friedlich sein, erst dann fällt der Abschied etwas leichter. Die Sterbebegleitungen die ich gesehen habe, die eine gewisse "Vorbereitungszeit" hatten, auch bei uns auf Station, die waren für mich die sinnlichsten und berührendsten, da hatte ich aber auch das Gefühl, dass alles gepasst hat, dass es entspannt ist, sogar ein Lächeln konnte ich beim Verstorbenen schon entdecken. Von daher ist die Atmosphäre für die Begleitenden auf jeden Fall auch sehr wichtig und darf bestimmt so sein.
Viele Grüße
Peter

Schwester
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Beitrag von Schwester » 05.11.06, 04:25

Hallo Bettina,
kurz nach dem Reinsetzen dieses Beitrages habe ich dir schon geantwortet...zumindest wollte ich das. Dachte dann, ich hätte alles weggeschickt. Nix da. Habe anstatt dessen alles gelöscht und bis jetzt nicht die Zeit und Muße gefunden mich nochmal neu hier einzubringen.
Versuche es jetzt zu vorgerückter Stunde (habe gerade Nachtdienst).
Basale versucht ja auch zu vermitteln auf uns zu hören, zu schauen wie es uns geht, was wir im Umgang mit Menschen empfinden usw.
Gerade deshalb denke ich auch, daß der Weg nicht falsch war den ihr gegangen seid.
Ihr habt die Situation in erster Linie für euren Opa gestalten wollen unter Berücksichtigung eurer Bedürfnisse und was euch gut tut. Sicherlich habt ihr drauf geachtet alles in Maßen zuhalten und nicht zu übertreiben.
Also was soll daran nicht gut gewesen sein.
Solche Situationen sind einfach privat und auch dienstlich zu schwer, als das man sie nur nach den Wünschen der anderen gestaltet. Denn nur wenn es uns in solch einer schweren Zeit "gut geht" (du weist sicherlich wie ich es meine) sind wir in der Lage und gestärkt mit Wohlbefinden und Kraft, um an die Sache ran zu gehen.
Herzliche Grüße aus Hessen sendet dir
Schwester :P
Ich kann,
weil ich will,
was ich muss.
(Immanuel Kant)

Bettina
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Beitrag von Bettina » 10.11.06, 09:58

Hallo ihr Lieben,

danke für euere Antworten... im Nachhinnein denke ich schon, dass es so wie es war gut war... mein Opa hatte die Autonomie selbst zu wählen und wir (als Familie) sind darauf eingegangen... wir kennen ihn... wissen um seine Biografie... wissen, wie er glebt hat.

Was mich aber außerdem auf diese Frage "Was will der Mensch wirklich" war auch die Anfrage einer Pflegeeinrichtung, ihnen etwas über das Konzept der basalen Stimulation zu erzählen, denn sie haben neu eine Pflegeinsel gestaltet... ein Zimmer, in dem drei bettlägrige demente Menschen liegen und das mit Farben, Licht, Musik... ählich einem Snoozeling Raum gestaltet ist... ist es wirklich das, was ein dementer Mensch braucht? Sie können sich nicht mehr wehren...

Oh weh, je mehr ich in dieses Konzept eintauche, umso mehr bin ich auf der Suche nach Antworten, umso mehr Fragen tun sich auf... und das ist gut so...

liebe Grüße

Bettina
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