Sauerstoff bei Reanimation?

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BlauerEngel
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Sauerstoff bei Reanimation?

Beitrag von BlauerEngel » 16.07.08, 16:43

Hallo zusammen!

Wie ist das bei Euch auf der Station mit der Sauerstoffgabe bei Reanimation geregelt?
Fangt ihr direkt mit einem FiO2 von 1,0 an oder erst mit weniger?
Und nach welchen Kriterien ist das festgelegt?

Danke schonmal für eure Antworten!

Gunnar Piltz
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Beitrag von Gunnar Piltz » 16.07.08, 17:56

Hallo Blauer Engel,

dass wichtigste Ziel der Reanimation ist der Transport von genügend Sauerstoff zu den lebenswichtigen Organen (Herz und Gehirn). Der sekundäre Reanimationserfolg (gemessen am neurologischen Outcome des Patienten) wird maßgeblich durch eine frühzeitige und ausreichende Oxygenierung dieser Organe nach dem Herz-Kreislaufversagen bestimmt. Durch die externe Herzdruckmassage lässt sich nur ein verminderter Kreislauf zum Sauerstofftransport erzeugen. Um eine annähernd ausreichende Oxygenierung unter diesem "Notkreislauf" zu erzeugen, sollte demnach so früh wie möglich die Sauerstoffaufnahme durch eine Beatmung mit reinem Sauerstoff erhöht werden.

Auf der Intensivstation ist dies technisch wohl am einfachsten über das Beatmungsgerät oder bei der Masken-Beatmung (bis zur Intubation) mit einem Demand-Ventil zu realisieren. Bei Reanimationen außerhalb notfallmedizinischer Einrichtungen wären der Gebrauch eines Sauerstoff-Reservoirs am Beatmungsbeutel und die Beimischung maximal verfügbaren Sauerstoffs üblich.

Für die Sauerstoffgabe unter Reanimation gilt: "Viel hilft viel!"

Herzliche Grüße
Gunnar Piltz
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BlauerEngel
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Beitrag von BlauerEngel » 17.07.08, 22:21

Hallo!

Also verstehe ich das richtig, dass bei euch direkt mit einem Fio2 von 1,0 beatmet wird?
Habe nämlich mal gelesen, dass es auf einigen Neo-Intensivstation anders gehandhabt wird, z.B. mit einer Anfangs"dosis" von 40% und dann abhängig von den gemessenen Sp02-Werten.

Wie ist es denn bei den anderen Forumsteilnehmern?
Bitte um ein paar mehr Antworten! Danke!

Nursy
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Beitrag von Nursy » 18.07.08, 20:01

Hallo zusammen,
bei uns ist es auch so das bei einer Reanimation immer mit 100 % Sauerstoff beatmet wird. Nach Stabilisierung und Blutgasen wird dann reduziert. Sonst steht aber immer die These " Ohne Luft in die Gruft" :)

Gunnar Piltz
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Beitrag von Gunnar Piltz » 19.07.08, 10:58

Hallo BlauerEngel,

im Bereich der Erwachsenen-Reanimation gilt die Verwendung von 100 % Sauerstoff zur Beatmung auch nach den aktuellen Guidelines als Standard.

Neugeborene können im Rahmen einer Reanimation sowohl mit 100% Sauerstoff, als auch mit geringerer FiO2 beatmet werden. Hintergrund für diese Aussage sind Untersuchungen neonataler Asphyxien, bei denen man während der kardiopulmonalen Reanimation und in der frühen Phase der Kreislaufwiederherstellung, Reperfusionsschäden durch die Bildung von Sauerstoffradikalen nachweisen konnte. Diese Schädigung durch Sauerstoffradikale wird als eine Ursache neurologischer Defizite nach kardiopulmonaler Reanimation diskutiert. In Studien wiesen Neugeborene, die postpartal mit 21% Sauerstoff reanimiert wurden, im Vergleich zu Kindern, die mit 100% Sauerstoff reanimiert wurden, eine signifikant geänderte Aktivität von Antioxidantienenzymen im Alter von 28 Tagen auf (Vento et al; Saugstad et al).

So wird in manchen Zentren die Reanimation von Neugeborenen mit einer FiO2 von 0,21 begonnen und nach der Sättigungsmessung schrittweise erhöht, bis Werte zwischen 85-93% erreicht sind.

Herzliche Grüße
Gunnar Piltz
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*knoxville*
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Beitrag von *knoxville* » 19.07.08, 15:41

Guten Morgen!

Bei uns: immer 100% bis zur Stabilisierung, dann nach BGA.

Gruss Marc

lion40
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Beitrag von lion40 » 19.07.08, 16:44

Hallo zusammen,
muss da einmal einiges zur Reanimation sagen, bin jetzt seit 20 Jahren auf Intensiv und in der Anästhesie tätig und es hat sich da ja viel in Sachen Reanimation geändert.
Die Frage war wie kann ich auf Station die Sauerstoffgabe bei einer Ranimation händeln.
Am besten ist bei einer laufenden Reanimation sowieso "nicht das BEATMUNGSGERÄT",
sondern der Ambubeutel mit einem Sauerstoffreservoibeutel, bringt bein 2-3 fachen Einstellung 98% Sauerstoff. Wärend der Reanimation jemanden an ein Beatmungsgerät zu hängen wird als sehr fragwürdig gesehen.
ein erfolgreiche Reanimation ist immer noch órdentliche Herddruckmassage und Sauerstoff. Patienten werden daher erst auf Intensiv transportiert wenn sie einen ordentlichen Auswurf haben.

Dirk Jahnke
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Beitrag von Dirk Jahnke » 20.07.08, 12:47

Moin lion40

Mal eine genauso rigorose Antwort :wink:

Wenn Beutel dann gleich Demandventil - 100% O2 ohne weitere Einstellung :D
Wer ein Reservoir vorhält sollte auch ein Demandventil organisieren können!

Wärend der Reanimation jemanden an ein Beatmungsgerät zu hängen wird als sehr fragwürdig gesehen.


Von wem ? :D
ERC Guidelines for Resuscitation 2005:
There are some
data indicating that the ventilation rates delivered
by healthcare personnel during cardiac arrest are
excessive.61,129 Automatic ventilators or resuscitators
provide a constant flow of gas to the patient
during inspiration; the volume delivered is dependent
on the inspiratory time (a longer time provides
a greater tidal volume). Because pressure in the airway
rises during inspiration, these devices are often
pressure limited to protect the lungs against barotrauma.
An automatic ventilator can be used with
either a facemask or other airway device (e.g., tracheal
tube, LMA).


http://www.erc.edu/download_gl.php?d=5
Seite 54

Patienten werden daher erst auf Intensiv transportiert wenn sie einen ordentlichen Auswurf haben.


Eigentlich "sollten". Gibt da ja auch andere Ansichten siehe Rettungsdienst, die manchmal auch Sinn machen. Innerklinisch habe ich solche Situationen aber auch schon erlebt.Hängt halt immer von Situation und Ort der Reanimation ab. Transport unter Rea ist aber sicher auch bei uns innerklinisch eher die Ausnahme! :D
Tschau
Dirk Jahnke

lion40
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Beitrag von lion40 » 20.07.08, 16:30

hi Dirk
gebe dir hier ein paar Antworten auf die Frage warum während der Reanimation es nicht sinvoll ist den Patienten an ein Beatmungsgerät zu hängen.
Bei den meisten Beatmungsgeräte, ist es doch so wenn du eine ordentliche Herzdruckmassage machst man kein ordentlichen Beatmungsdruck somit kein ausreichendes Tidalvolumin entsteht, wo wir wieder bei der der Sauerstoffversorgung sind.
ich bin Reanimationsbeauftragter bei uns im Haus und der erfahrungswert unter laufender Reanimation ist einfach mit einem ordentlichen Ambu besser.
Selbst eine Studie in den USA beweisst dies. da wurden über längere Zeit Patienten nur über eine Ohiomaske mit Sauerstoff versorgt während einer laufende Reanimation, load and go. War das Outcome bei den patienten statistisch besser als bei unseren Verhältnissen.
ich danke dir, dass du eine schöne Diskussion mit entfacht hast
gruß lion

deittrinker
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Copression first !!!

Beitrag von deittrinker » 25.07.08, 14:24

Hallo, ein nettes Thema,

habe auch schon ein paarmal reanimiert und wollte meine Erfahrungen los werden. Habe übrigens auch mal eine nette Studie gelesen von einer Arbeitsgruppe um Cobb (Seattle, USA) dass auch die Kardiokompression allein das Überleben der Patienten ermöglicht:

Es konnte an 520 Patienten mit prähospitalem Herz-Kreislauf-Stillstand

(241 Patienten nur Kardiokompression, 279 Patienten Herzkompression und Ventilation)

gezeigt werden, dass die Überlebensrate mit alleiniger Kardiokompression höher war als
in der Gruppe von Patienten mit zusätzlicher Atemspende!?!

Interessant nicht wahr, auch die ERC legte sich fest das die Kompression erstmal wichtiger sei als die Beatmung, jedenfalls beim Erwachsenen, da hier ein Herzkreislaufstillstand in den meisten Fällen kardialer Ursache ist und daher der PaO2 ausreichend vorhanden ist um den Pat. über die Runden zu schaukeln, aber wem sag ich das...

Aber, geht ja nicht auf Dauer, daher muß innerklinisch der Pat. vom Fachpersonal so optimal versorgt werden wie es eben geht, also auch mit O2 daher gilt bei uns die Regel :
Alle Regler auf 10 und 100% am Respirator. Allerdings ist dann eine Person immer damit beschäftigt die Alarme (P Max., Tidalvol., Obere Alamgrenze, AMV, nervig auf Dauer...) zu unterdrücken und die Beatmung zu optimieren, daher gönnen wir uns den Luxus und beatmen während Compression noch per Hand mit Ambu. Ganz sicher ist natürlich ein Demandventil, aber ein Reservoire erreicht nahezu die gleiche fast 100% Mischung, also wenn man ausreichend Sauerstoff da hat und nicht über Flasche beatmet und O2 sparen muß, reanimieren wir mit Ambu + Reservoire.


Aber entscheidend ist hier nicht die äußere, sondern die innere Atmung und die produzieren wir nur durch eine gute Kompression!!!

Grüße der Deittrinker

Gunnar Piltz
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Beitrag von Gunnar Piltz » 27.07.08, 15:14

Hallo Deittrinker,

ich habe bei AnInt.de zum Thema der hier angesprochenen Studienlage mal einige ältere Beiträge herausgesucht:

:arrow: „Hands-Only CPR“ durch Laien (04.04.2008)
:arrow: Neue Studie: Reanimation ohne Atemspende (15.03.2008)
:arrow: Reanimation: Beatmung mit reinem Sauerstoff noch sinnvoll? (22.05.2007)
:arrow: Laienreanimation: Herzdruckmassage ohne Beatmung (17.03.2007)


Das Konzept der "Hands-Only-CPR" wurde meines Wissens bislang nur durch die AHA als Kampagne für den Bereich der Laienreanimation publiziert. Eine gleichlautende Vorgabe (auch für die Breitenausbildung) gibt es in Europa durch den ERC noch nicht. Die hier angeführte Studienlage gilt unter Experten derzeitig als strittig und wird vermutlich erst in den Guidelines 2010 vom ERC aufgegriffen werden. Ob und wie sich das Konzept der „minimally interrupted cardiac resuscitation“ auch für die Reanimation durch Fachpersonal auswirken wird, bleibt abzuwarten. Man kann aber sicherlich davon ausgehen, dass zumindest zur Einleitung der Wiederbelebungsmaßnahmen die Phasen der Thoraxkompressionen noch weiter ausgedehnt werden.

Dennoch wird es auch in Zukunft keine professionelle Reanimation ohne Beatmung und Sauerstoff geben. Mit welchem Hilfsmittel die Beatmung durchgeführt und der Sauerstoff eingebracht wird, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Eine, an die Gegebenheiten angepasste, höchstmögliche Sauerstoffkonzentration ist (zumindest im Bereich der Erwachsenenreanimation) anzustreben.

Herzliche Grüße
Gunnar Piltz
DMF-Moderator

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