Mangelernährung im Überfluss

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Gunnar Piltz
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Mangelernährung im Überfluss

Beitrag von Gunnar Piltz » 14.06.08, 13:26

Mangelernährung im Überfluss – Wie sich Mangelernährung im Krankenhaus auswirkt

(Hamburg) In deutschen Krankenhäusern ist fast jeder dritte bis vierte Patient mangelernährt. Höheres Alter, Krebs- und Mehrfacherkrankungen sind die Hauptfaktoren für eine Mangelernährung. Sie führt zu einem längeren Krankenhausaufenthalt und Genesungsverlauf sowie zu höheren Kosten.

"Aktuelle Berechnungen (CEPTON, 2007) lassen im deutschen Gesundheitswesen durch krankheitsbedingte Mangelernährung zusätzliche Kosten von neun Milliarden Euro annehmen", sagt Prof. Dr. Arved Weimann, Klinik für Allgemein- und Visceralchirurgie Klinikum "St. Georg" Leipzig gGmbH und neuer Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V. (DGEM) anlässlich der Dreiländertagung "Ernährung 2008" in Hamburg. Besondere Risikogruppen für Mangelernährung seien geriatrische Patienten, Patienten mit bösartigen Tumoren und solche mit schweren chronischen Erkrankungen, insbesondere auch vor Organtransplantation. Ein zielgerichtetes Ernährungsmanagement (stationär und ambulant) und die rechtzeitige und richtige Ernährungstherapie kann die Lebensqualität der Betroffenen deutlich verbessern und bieten ein hohes Einsparpotenzial für das Gesundheitswesen.

Die Netzwerkstudie "Mangelernährung" der DGEM hatte Ende 2006 ergeben, dass 43 Prozent der Krankenhauspatienten über 70 Jahre mangelernährt waren, dazu litten im Vergleich nur 7,8 Prozent der Patienten unter 30 Jahren an Mangelernährung. Die meisten Fälle von Mangelernährung wurden in geriatrischen (56,2 %), onkologischen (37,6 %) und gastroenterologischen (32,6 %) Abteilungen beobachtet. Insgesamt mussten mangelernährte Patienten mit einer 43-prozentigen Verlängerung ihres Krankenhausaufenthaltes rechnen. Die gesamte Studie finden Sie in: "Clinical Nutrition", Volume 25, Issue 4, August 2006, p. 563 - 572, The German Hospital Malnutrition Study.

Der Europarat hat 1999 eine Initiative zur "Hospital Malnutrition" ins Leben gerufen und 2003 eine Resolution der Minister verabschiedet (https://wcm.coe.int/rsi/CM/index.jsp) Wesentliches Ziel war hierbei, in den Mitgliedsländern die Bedeutung des Ernährungsstatus in das öffentliche Bewusstsein zu bringen. Bisher bestand große Unsicherheit bei der Erfassung des Ernährungsstatus und beim frühzeitigen Erkennung von Risikopatienten. Die Initiative setzt sich für einheitliche Standards und Richtlinien ein. Eine weitere Initiative ist der europaweite "NutritionDay", der an einem Stichtag die Ernährungssituation in europäischen Krankenhäusern und in 2008 auch erstmalig in Pflegeheimen erfasste.

Bisher fehlte eine einheitliche Empfehlung zur Definition der Mangelernährung. Das hat sich nun geändert: Es gibt einheitliche Empfehlungen der European Society for Clinical Nutrition and Metabolism (ESPEN) zur Erkennung von Risikopatienten. Liegt der Gewichtsverlust bei mehr als fünf Prozent in den letzten drei Monaten, ist der Körpermassenindex (BMI) kleiner als 20,5 und wurde in der letzten Woche nur 75 Prozent der üblichen Kalorienmenge verzehrt, so deutet das auf eine Mangelernährung und schwere Erkrankung hin.

Ein schweres ernährungsmedizinisches Risiko liegt besonders bei Patienten der Chirurgie vor, wenn einer oder mehrere der folgenden Parameter für den Patienten zutreffen: BMI kleiner als 18,5, Gewichtsverlust zehn bis 15 Prozent in den letzten sechs Monaten, Subjective Global Assessment (SGA) Grad C, Serumalbumin kleiner als 30g/l bei Ausschluss einer Leber- oder Nierenerkrankung. (ESPEN, 2006).

Um die Mangelernährung gezielt zu bekämpfen, muss zunächst eine klare Indikation für die Überwachung des Ernährungsstatus gestellt werden. Das bedeutet, der Ernährungszustand des Patienten wird nicht nur erhoben, sondern auch permanent überwacht und gegengesteuert. Nur dadurch kann man verhindern, dass die Mangelernährung sich manifestiert und zu längeren Liegezeiten und schwierigerem Krankheitsverlauf führt. Gleichzeitig ist es notwendig, eine gezielte und rechtzeitige Ernährungstherapie einzuleiten. Dies gilt umso mehr, da die Verweildauer im Krankenhaus durch das pauschalierte Entgeltsystems (DRG) häufig verkürzt wird. Hier ist besonders wichtig, dass eine sektorenübergreifende Infrastruktur zwischen stationärer und ambulanter Betreuung eine Fortsetzung der Ernährungstherapie im ambulanten Bereich garantiert.

Weitere Informationen: www.dgem.de

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft (idw) → Pressemitteilung vom 12.06.2008

Gunnar Piltz
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Beitrag von Gunnar Piltz » 14.06.08, 13:29

Künstliche Ernährung von Intensivpatienten verbessert Überlebensrate

Rechtzeitiger Beginn, richtige Dosis und Zusammensetzung sorgt für weniger Sterblichkeit

(Hamburg) Es könnten circa zehn bis 20 Prozent mehr Patienten auf der Intensivstation überleben, wenn rechtzeitig mit der richtigen Ernährungstherapie begonnen würde. Mehrere neuere Studien haben gezeigt, dass eine adäquate künstliche Ernährung die Überlebensrate der Intensivpatienten wirklich verbessert. "Studien aus den 90er Jahren haben allerdings keine solche Verbesserung gezeigt, so dass viele Krankenhäuser bis heute unter anderem aus Sparsamkeitsgründen keine Notwendigkeit sehen, Intensivpatienten rechtzeitig, adäquat und lebenserhaltend zu ernähren," sagt Prof. Georg Kreymann, von der Medizinischen Klinik I, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf sowie Tagungspräsident der Dreiländertagung "Ernährung 2008" vom 12. bis 14. Juni in Hamburg. Viele Intensivpatienten werden häufig zu spät, in zu geringer Dosis oder mit den falschen Substraten ernährt. Häufig seien auch ethische Bedenken im Spiel, da der Grad zwischen hungern oder verhungern lassen oder einen Menschen einfach nur noch zu ernähren, immens schmal ist. Im Gegensatz zur Ernährung von Intensivpatienten ist die Ernährung kritisch Kranker eine Selbstverständlichkeit. Ansonsten würde die von jeder schweren Erkrankung bewirkte Katabolie, der Abbau körpereigener Substanzen, innerhalb von kurzer Zeit zum Tod durch Verhungern führen. Bei Intensivpatienten scheinen die ethischen Bedenken bei einer künstlichen Ernährung hingegen größer zu sein.

Die neueren Studien belegen, wie sinnvoll es ist, Intensivpatienten rechtzeitig und richtig zu ernähren. Eine Studie aus dem Jahr 2004 (Martin CM et al.) zeigte, dass mit der Anwendung einer Leitlinie zur Ernährung die Hospitalsterblichkeit von 37 auf 27 Prozent sank. 2006 machte eine Beobachtungsstudie (Artinian V et al.) deutlich, dass eine frühe enterale Ernährung (über den Magen-Darm-Trakt) gerade in der Gruppe der schwerstkranken Patienten zu einer signifikanten Senkung der Sterblichkeit um zwölf Prozent führt. Griffiths (1997) und Goeters (2002) haben nachgewiesen, dass der Zusatz von Glutamin-Dipeptiden zu einer parenteralen Ernährung (unter Umgehung des Magen-Darm-Traktes) eine signifikante Verbesserung der Überlebensrate bewirkt. Immunonutrition, eine besondere Form der Ernährung, die bei kritisch Kranken angewendet wird, soll den Krankheitsverlauf durch Beeinflussung des Immunsystems positiv verändern. Wird eine solche künstliche Ernährung eingesetzt, so zeigten Studien, dass sie auch einen positiven Einfluss auf die Häufigkeit von Infektionen bei kritisch kranken und chirurgischen Patienten hat und die Liegezeiten verkürzt werden können.

Ebenso ist belegt, dass eine enterale Ernährung angereichert mit speziellen Fettsäuren nicht nur den Gasaustausch bei Patienten mit einer schweren Lungenerkrankung verbessert, sondern auch bei Patienten mit einer Sepsis, einer außer Kontrolle geratenen Infektion, zu einer signifikant um 20 Prozent gesteigerten Überlebenschance führt.

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft (idw) → Pressemittelung vom 12.06.2008

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