PM: Ärztetag lehnt Übertragung ärztlicher Tätigkeiten ab

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Gunnar Piltz
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PM: Ärztetag lehnt Übertragung ärztlicher Tätigkeiten ab

Beitrag von Gunnar Piltz » 24.05.08, 10:24

Ärztetag lehnt Übertragung ärztlicher Tätigkeiten an Nicht-Ärzte ab

Ulm, 23.05.2008

Der 111. Deutsche Ärztetag in Ulm hat sich am Freitag entschieden gegen Modellvorhaben ausgesprochen, „die auf Arztersatz und Aufweichung des Facharztstandards in Diagnostik und Therapie hinauslaufen“. Solche Pläne gefährdeten die Patientensicherheit, zersplitterten die Einheitlichkeit der Heilkundeausübung und erzeugten mehr statt weniger Rechtsunsicherheit. „Deshalb ist eine Substitution ärztlicher Leistungen durch Leistungen nichtärztlicher Gesundheitsberufe mit gleichzeitiger Übertragung ärztlicher und juristischer Verantwortung für deren ordnungsgemäße Durchführung abzulehnen und an der einheitlichen Ausübung der Heilkunde durch approbierte Ärzte festzuhalten“, heißt es in dem Beschluss. Dagegen befürwortete der Ärztetag eine Delegation in der medizinischen Versorgung an Gesundheitsfachberufe unter der Voraussetzung der „therapeutischen Gesamtverantwortung des Arztes“. „Wir setzen auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsberufen, wie dies auch in der Vergangenheit gelungen ist. Eine Substitution ärztlicher Tätigkeiten lehnen wir jedoch ab“, fasste Dr. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, die Meinung des Ärztetages zusammen.

Die Übertragung ärztlicher Tätigkeiten, also die selbständige Ausübung von Heilkunde, auf die Angehörigen der Pflegeberufe sei eine „bewusste und politisch gewollte Substitution ärztlicher Tätigkeiten“, kritisierte Windhorst. „Dies ist der direkte Weg in die Zwei-Klassen-Medizin: Eine ärztliche Versorgung mit einem Rechtsanspruch auf Facharztstandard und eine nichtärztliche Versorgung zweiter Klasse.“ Maßstab für die Fortentwicklung der Aufgabenverteilung zwischen den Gesundheitsberufen sei das Primat der Qualität und Sicherheit der Patientenversorgung. Erst dann kämen ökonomische Aspekte wie die Optimierung von Prozessen und die Wirtschaftlichkeit. „Der Arzt muss sich auf seine Kernkompetenzen konzentrieren können und von arztfremden Aufgaben entlastet werden“, sagte Windhorst.

Für die nichtärztlichen Berufe ergäben sich dabei neue Aufgabenfelder im Case-Management, der Gesundheitserziehung und Gesundheitsförderung, in Prävention, Rehabilitation und der Versorgung Pflegebedürftiger. So müsse die Rolle der Medizinischen Fachangestellten/Arzthelferinnen im multiprofessionellen ambulanten Team gestärkt werden. Die Bundesärztekammer habe im Oktober 2007 bereits fünf neue Fortbildungscurricula für Medizinische Fachangestellte verabschiedet, die sich mit den Themen Patientenbegleitung und Koordination, Ernährungsmedizin, Versorgung älterer Menschen, Prävention im Kindes- und Jugendalter sowie Prävention bei Jugendlichen und Erwachsenen befassen, so Windhorst.

Auch in der stationären Versorgung sieht die Ärzteschaft durch verbesserte Qualifizierungen nichtärztlicher Berufe Entlastung, beispielsweise bei der Dokumentation und Verschlüsselung, die durch medizinische Dokumentationsassistenten besser gewährleistet werden könne als durch Ärzte.

Entschieden lehnte der Ärztetag Konzepte ab, die im Rahmen eines verkürzten Medizinstudiums auf einen neuen Primärversorgertyp hinauslaufen, zu dem auch nichtärztliche Leistungserbringer zugelassen werden sollen. „Der Deutsche Ärztetag lehnt die Einführung einer Bachelor/Masterstruktur in der Medizin ab. Das einheitliche und hochwertige Medizinstudium mit dem Abschluss Staatsexamen muss erhalten bleiben“, forderten die Delegierten.

Quelle: Pressemitteilungder Bundesärztekammer

  • Referat zum 111. Ärztetag: Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsberufen
    (Dr. med. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe)
    Download [pdf/108KB]

Kerstinchen933
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Beitrag von Kerstinchen933 » 25.05.08, 17:03

Hallo.
Ich habe vor kurzem hier im Forum nach diesen Themen oder Beiträgen gesucht, leider bisher nichts gefunden. Ich finde es gut das dieses Thema hier angesprochen wird, denn es ist hier immer mehr am kommen. Leider erfährt man auch zu wenig darüber. Man hört immer nur das es im Ausland diese Sache schon seit Jahren gibt und mit Erfolg. Aber so wirklich viel erfährt man dann doch nicht darüber. Es gibt ja auch viele Nachteile über die nicht ausreichend gesprochen wird bzw die überhaupt angesprochen werden.
In der Klinik in der ich tätig bin, ist es auch schon im Gespräch.

Vielen Dank für diesen Beitrag, ist sehr interessant. Jetzt kann man dies auch mal mit einem anderen Auge betrachten.
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Beitrag von Gunnar Piltz » 26.05.08, 15:53

Hallo Kerstin,

eigentlich haben wir in der Vergangenheit bei AnInt.de mehrfach über dieses Thema berichtet. Als Grundlage für eine "Neuordnung von Aufgaben des ärztlichen Dienstes" wurde eine Studie von der Deutschen Krankenhausgesellschaft in Auftrag gegeben, welche Sie hier nachlesen können. Auch die diesbezüglichen Reaktionen vom Deutschen Pflegerat und vom DBfK finden Sie auf unseren Seiten.

Wie an anderer Stelle schon geschrieben, sind diese Bemühungen meines Erachtens an der Basis eigentlich kaum noch zu vermitteln. Auf der einen Seite reden wir von einem dramatischen Pflegenotstand und einer gefährdeten Patientenversorgung, auf der anderen Seite von Pflegeweiterentwicklung und einer neuen Aufgabenverteilung im Krankenhaus durch eine verstärkte Übernahme ärztlicher Tätigkeiten.

Bevor wir uns eine mögliche Entlastung der Ärzte durch die Übernahme unliebsamer Aufgaben überhelfen lassen, müssen wir erst mal eine ausreichende pflegerische Versorgung unserer Patienten wieder sicherstellen. Für alles andere haben wir derzeitig nämlich keine Ressourcen. Schaut man sich die Personalentwicklung und Budgetverteilung der letzten Jahre an, ist der ärztliche Dienst zu Lasten der Pflege aufgebaut worden. Mit den Forderungen einer verstärkten Übernahme ärztlicher Tätigkeiten würde sich diese Entwicklung nun über die Umverteilung der Aufgaben fortsetzen.

Und betrachten wir diese Thematik mal realistisch, werden schon seit vielen Jahren, zumindest in den Funktionsabteilungen, originär ärztliche Leistungen in den Pflegebereich verlagert. Hinter verschlossenen Kliniktüren findet diese Entwicklung auf der Grundlage der Delegation schon lange statt.

Herzliche Grüße
Gunnar Piltz
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Pflegerat kritisiert "Ulmer-Papier"

Beitrag von Gunnar Piltz » 27.05.08, 10:39

Kritik des Deutschen Pflegerates (DPR) am „Ulmer-Papier“

Wie nicht anders zu erwarten, stoßen die die von der Bundesärztekammer auf dem 111. Deutschen Ärztetag in Ulm vorgelegten Grundsätze zur Weiterentwicklung der medizinischen Versorgungsstrukturen in Deutschland bei Vertretern des Deutschen Pflegerates (DPR) auf nachhaltige Kritik ( Quelle: kma – Artikel v. 23.05.08 ).

Es werden die altbekannten Positionen wiederholt und mehr oder weniger direkt darauf hingewiesen, dass sich der DPR im guten Einvernehmen mit dem Sachverständigenrat im Gesundheitswesen und dem Deutschen Krankenhausinstitut weiß. Wenn letztlich Pflegekräfte insbesondere nach der Expertise des DKI ärztliche Aufgaben übernehmen sollen, werde man sich nicht verschließen, so die Präsidentin des DPR.

Der DPR ist freilich nunmehr zur Einsicht gelangt, dass hierfür besondere Voraussetzungen geschaffen werden müssen. Ein solches gilt insbesondere für die berufs- und haftungsrechtlichen Implikationen, die mit einer Neuordnung der ärztlichen Tätigkeiten resp. Aufgaben verbunden sind.
Die „Garantieerklärung“ des DPR, wonach eine hohe fachliche Expertise, die sich auf wissenschaftliche Forschungen und Begründungen stütze, zugesichert werde könne, reicht für sich allein genommen nicht aus.
Der emanzipatorische Anspruch jedenfalls der Funktionäre der Berufsverbände und mancher rechtskundiger Pflegedirektoren nach dem Motto, „wir können das“, reicht nicht zu, um die pflegetherapeutische Ausrichtung des Pflegeberufs umfassend rechtlich absichern zu können.

Wir dürfen nunmehr gespannt sein, welche rechtspolitischen Vorschläge vom DPR unterbreitet werden, die letztlich zur Rechtssicherheit der von den Berufsverbänden vertretenen Pflegenden beitragen sollen. Hier beginnt die „Arbeit“ im Detail und ein bisheriges Wunschdenken wird konkreten Vorschlägen weichen müssen.

Neben dem obersten Ziel der Patientensicherheit wird der DPR darauf zu achten haben, dass auch die Belange der Pflegenden hinreichend berücksichtigt werden, die allen voran nach berechtigterweise nach Rechtssicherheit streben.

Um es gleich vorwegzunehmen: Der Hinweis mancher Pflegerechtler, dass das Risiko nicht sonderlich groß sei, weil dieses versicherungstechnisch ausgeschlossen, zumindest aber gemildert werde könne, überzeugt in der Gänze nicht. Hier entziehen sich die Pflegerechtsexperten einer dogmatischen Diskussion – wohlwissend um die Tragweite der geplanten Neuordnung der Aufgaben im Gesundheitswesen und die damit einhergehende Pflichtenbindung der Pflegenden.

Es ist dringend davor zu warnen, den „Pflegenden mehr Steine statt Brot“ zu geben.

Lutz Barth ( 26.05.08 )
Debstedter Str. 107, 27607 Langen
Tel. 04743 / 278 001
Internetportal: www.iqb-info.de
E-Mail: webmaster[at]iqb-info.de

Gunnar Piltz
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Stellungnahme des DPR zum Ulmer-Papier

Beitrag von Gunnar Piltz » 28.05.08, 11:19

Stellungnahme des Deutschen Pflegerates zum Ulmer-Papier des 111. Deutschen Ärztetages

Die Bundesärztekammer hat anlässlich des 111. Deutschen Ärztetages ihre Vorstellungen zur Weiterentwicklung der medizinischen Versorgungsstrukturen in Deutschland vorgelegt. Ein wichtiger Bestandteil des Ulmer Papiers sind die Grundsätze für das Zusammenwirken der Gesundheitsberufe. „Dieser Vorschlag erkennt zwar die Notwendigkeit muliprofessioneller Teams und berufsgruppenübergreifender Versorgungsstrukturen an“, so Marie-Luise Müller, Präsidentin des Deutschen Pflegerates, „er stellt jedoch immer noch das ärztliche Handeln auch dort in den Vordergrund, wo die Kompetenzen bereits heute und zukünftig eindeutig im pflegerischen Bereich liegen. „Der bevorstehende demografische Wandel mit einer wachsenden Zahl von hochbetagten, steigend mulitmorbiden oder pflegebedürftigen Menschen fordert einen Paradigmenwechsel in Medizin, Pflege und Sozialwesen“, so Müller weiter. „Ohne qualifizierte, ausreichende pflegerische Versorgung ist eine medizinische Intervention bei Menschen mit Pflegebedarf meist ohne nachhaltigen Erfolg.“

DPR-Presseinformation

Berlin (27. Mai 2008) – Viele Krankheiten entstehen aus einem Mangel an fachlich qualifizierter Pflege. Die Zunahme demenzieller Erkrankungen fordert einen Ausbau der pflegerischen Hilfs- und Betreuungsangebote. Dieser Einsicht wird auch die Überarbeitung des Pflegebedürftigkeitsbegriffes folgen. Suchterkrankungen oder Gewalt- und Vernachlässigungsproblematik in Familien zeigen, dass besondere Anstrengungen auch auf dem Gebiet der Prävention dringend notwendig sind. „Deshalb brauchen wir eine integrative Sicht auf die medizinischen und pflegerischen Bedürfnisse und die Leistungsangebote der verschiedenen Professionen im Gesundheitswesen“, erklärt die Präsidentin des Deutschen Pflegerates. Der Deutsche Pflegerat begrüßt daher ausdrücklich die Stellungnahme der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland, die in ihrem Positionspapier zur „Zukunftsorientierten Zusammenarbeit in der Patientenversorgung“ den nicht ärztlichen Heilberufen eine partnerschaftliche Kooperation in der Gesundheitsversorgung vorschlagen. Der Deutsche Pflegerat sieht sich in dieser Sichtweise durch das 2007 veröffentlichte Gutachten des Sachverständigenrats im Gesundheitswesen bestätigt. Dieser empfiehlt einen Neuzuschnitt der Aufgaben der Professionen im Gesundheitswesen. „Das Monopol der Ärzteschaft in der Ausübung der Heilkunst, ist ein Modell der Vergangenheit“, so Marie-Luise Müller. „Heute sehen wir, dass verschiedene Professionen an der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung beteiligt sind. Sie müssen in den Bereichen, in denen sie ausgebildet sind, die Berechtigung erhalten, ihre Leistungen auch unabhängig von der ärztlichen Verordnung anzubieten und mit den Krankenkassen abzurechnen.“

Dem Deutschen Pflegerat geht es wie dem Deutschen Ärztetag um die Erhaltung und Förderung der medizinischen und pflegerischen Qualität. „Wer durch eine fundierte Ausbildung befähigt ist den Pflegebedarf eines Menschen zu ermitteln, der soll dies auch in der Praxis tun dürfen. Wer gelernt hat spezifische Gefährdungen, wie ein Dekubitusrisiko oder ein Sturzrisiko zu erheben, der sollte die Kompetenz erhalten, unverzüglich die notwendigen prophylaktischen Maßnahmen zu ergreifen und dafür auch die finanzielle Honorierung erhalten.“ erklärt die Präsidentin des DPR. Das bisherige medizingesteuerte System behindert dies durch das ärztliche Verordnungsmonopol und die Trennung der Versorgungssektoren in den Sozialgesetzbüchern V und XI. „Dem Deutschen Pflegerat geht es nicht um die Übernahme von ärztlichen Leistungen, für die Pflegende nicht hinreichend ausgebildet sind, wie dies in der Vergangenheit oftmals polemisch unterstellt wurde“, betont Marie-Luise Müller. Wenn Pflegende ärztliche Aufgaben übernehmen sollen, aber jüngst vom Deutschen Krankenhausinstitut gefordert, wird man sich dem nicht verschließen - so die Ansicht des Deutschen Pflegerates. Allerdings muss vorausgesetzt werden, dass die notwendigen Qualifikationen vorliegen und haftungsrechtliche und berufsrechtliche Fragen eindeutig geklärt wurden.
Angesichts der neuen Anforderungen an das Gesundheitssystem kann die professionelle Pflege in Deutschland ein differenziertes Leistungsangebot vorlegen. Garantiert werden kann eine hohe fachliche Expertise, die sich auf wissenschaftliche Forschungen und Begründungen stützt.
Die Kernaufgaben der professionellen Pflege liegen demnach
  • in der Ermittlung des Pflegebedarfes
  • in der Ermittlung von Gefährdungspotentialen durch Gesundheitsrisiken und Pflegedefiziten
  • in der Planung und Auswertung des Pflegeprozesses,
  • in der fachlich korrekten Durchführung pflegerischer Maßnahmen,
  • in der Integration medizinischer Maßnahmen in die Lebenswelt des Patienten und
  • in der Verbesserung der Lebensqualität durch pflegerische Interventionen bei chronischen Verläufen.
„Damit dieses Leistungsangebot ressourcenschonend und ohne Reibungsverluste beim Pflegebedürftigen und Patienten ankommt, ist ein ideologiefreier Diskurs, der im Gesundheitssystem tätigen Institutionen und Berufsgruppen unerlässlich.“ So fasst Marie-Luise Müller die Forderungen des Deutschen Pflegerates zusammen.
„Im Hinblick auf das Berufsrecht und auf die Vergütung müssen von der Politik die Voraussetzungen geschaffen werden, dass die Pflegeberufe auch im Sinne der Heilkunde dort tätig werden können, wo pflegerische Maßnahmen an der Vermeidung oder Heilung von Krankheiten beteiligt sind“, so abschließend die Präsidentin des DPR.

Quelle: Deutscher Pflegerat (DPR) → Pressemitteilungvom 27.05.2008

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