Deku-Matratzen um jeden *Preis*?

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Starmie
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Deku-Matratzen um jeden *Preis*?

Beitrag von Starmie » 30.08.07, 15:37

Hallo zusammen...

Ich arbeite auf einer interdisziplinären Intensivst. mit 12 Bettplätzen.
Vor einigen Wochen hatten wir einen Patienten, der trotz regelmäßigem Positionieren innerhalb weniger Stunden einen Dekubitus Grad 2 entwickelt hat. Die dazu gerufene Wundmanagerin war ziemlich ungehalten und erklärte uns:
*Jeder Patient, der eine Rötung oder nur geringfügige Gefährdung aufweist gehört auf eine Luftstrommatratze...zumal unser Haus einen Vertrag mit der Firma hat (soll heißen: wir können so viele und so oft wir wollen eine solche Matratze ordern)!*

Das hat nun zur Folge, dass wirklich fast jeder Patient (beatmete generell) ,der nur die geringste Rötung hat, auf solch eine Matratze *gepackt* wird.

Ich habe leider das Gefühl, dass das einwenig zu unreflektiert geschieht, denn alle anderen Aspekte (Grunderkrankungen, Komplikationen, Wohlbefinden) werden dabei fast komplett außer acht gelassen!
Nicht das man mich falsch versteht: Dekubitusprophylaxe ist extrem wichtig... aber läßt sich doch auch mit anderen Mitteln durchführen... Lagerung, Mikrolagerung und vor allem Mobilisation!
Leider stoße ich dabei auf ordentlich *Gegenwind* ...weil ja halt die Kollegin Wundmanagerin gesagt hat ... :? .
Ist es *Blinder ehorsam*? oder Verantwortung für eigene Entscheidungen nicht tragen wollen/können?

Ich würde gerne einmal wissen, wie ihr das seht und wie ihr es handhabt?

Was ist mit Beatmungspatienten, die eine Drainagelagerung (V- oder A- Lagerung) gebrauchen? Ich darf ja laut Hersteller keine Kissen/Decken auf die Luftstrommatratzen packen!
Was ist mit Patienten, die mobilisiert werden sollen? Und Oberkörperhochlagerung ist schon garnicht möglich, da diese Matratzen extrem glatte Bezüge aus Goretex haben.

Ich bin gespannt,ob ich mit meiner Meinung wirklich alleine stehe und wie ihr das seht.


LG Inge

Alma
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Beitrag von Alma » 30.08.07, 16:10

Hallo Inge!
*Jeder Patient, der eine Rötung oder nur geringfügige Gefährdung aufweist gehört auf eine Luftstrommatratze...zumal unser Haus einen Vertrag mit der Firma hat (soll heißen: wir können so viele und so oft wir wollen eine solche Matratze ordern)!*

Das hat nun zur Folge, dass wirklich fast jeder Patient (beatmete generell) ,der nur die geringste Rötung hat, auf solch eine Matratze *gepackt* wird.

Warum "regen" Sie sich über diese vorbeugenden Maßnahmen auf? :roll:
Nicht jede Institution ist in der Lage ( leider! ) hier vorbeugend einem Dekubitus entgegen zuwirken, zu lindern!
Wissen Sie eigentlich, wie heftig die Schmerzen eines Dekubitus sind? Was die betroffenen Personen durchleiden müssen?
Jede Bewegung und Aktivität wird zur Qual – wie wollen Sie bitteschön mobilisieren?

Leider stoße ich dabei auf ordentlich *Gegenwind* ...weil ja halt die Kollegin Wundmanagerin gesagt hat ..

Das kann ich uneingeschränkt begrüßen!

Gruß
Alma

Starmie
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Beitrag von Starmie » 30.08.07, 16:32

HILFE....
man hat mich mißverstanden!

Warum "regen" Sie sich über diese vorbeugenden Maßnahmen auf?

Ich rege mich nicht über vorbeugene Maßnahmen auf...im Gegenteil!
Ich angagiere mich sehr für die Dekubitusprohylaxe!
Ich weiß natürlich wie schmerzhaft ein Dekubitus ist und wie wichtig daher die Vorbeugung ist und sein sollte.

Es geht mir nicht darum, die Matratzen in Frage zu stellen...Ich halte sie generell erst einmal für ein sehr gutes Hilfsmittel.
Vielmehr war meine Frage, ob es immer nötig ist, jeden Patienten, ohne jedliche Reflektion auf solch eine Matratze zu positionieren. Ist es nicht viel wichtiger, erst einmal andere Hilfsmittel auszuschöpfen... natürlich mit einer intensiven Beobachtung und ständiger Kontrolle!!!

Jede Bewegung und Aktivität wird zur Qual – wie wollen Sie bitteschön mobilisieren?

Ich spreche von Prophylaxe...und selbstverständlich nicht von Patienten die schon einen Dekubitus haben !



Was ist mit Patienten, die durch einen Apoplex schon sehr in ihrer Wahrnehmung eingeschränkt sind? Währe da, wenn es natürlich möglich ist, nicht angebracht, durch Mobilisation vorzubeugen.

Nicht jede Institution ist in der Lage ( leider! ) hier vorbeugend einem Dekubitus entgegen zuwirken, zu lindern!

Das ist mir bewußt! Und es sollte natürlich das Ziel sein, JEDEN Dekubitus zu verhindern... aber meiner Ansicht nach mit Ausschöpfung ALLER Mittel.

LG Inge

Alma
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Beitrag von Alma » 02.09.07, 11:29

Hallo
HILFE....
man hat mich mißverstanden!

Keinesfalls! :roll:
Menschen reagieren nun einmal unterschiedlich sensibel :!:

Gruß
Alma

Elisabeth D
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Beitrag von Elisabeth D » 02.09.07, 13:28

Wem als einzigste Maßnahme zur PROPHYLAXE eines Dekubitus eine Luftstrommatratze einfällt, handelt nicht sehr professionell. Wie stehts mit Lagerungsintervall verändern und Microlagerung?

Luftstrommatratzen haben sicher ihre Anwendungsbereiche, aber eine kritiklose Anwendung - wie hier empfohlen- sollte auch zum Wohle des Pat. unterbleiben.

Elisabeth

Starmie
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Beitrag von Starmie » 02.09.07, 14:04

Hallo...Danke Elisabeth...genau das meinte ich damit.


@Alma....Kollegen werfen mir oft vor, bei demThema *Dekubitusprophylaxe* übersensibel zu reagieren.



Ich möchte nur, dass man jedem Patienten die optimale und angepaßte Vorsorge zukommen läßt. Ich wünsche mir, dass jeder Patient sein Recht auf die bestmögliche Betreuung und Pflege bekommt.
Ich denke , dass jeder von uns (pflegenden) in der Pflicht steht, reflektiert und überlegt zu handeln.

Bela
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Beitrag von Bela » 02.09.07, 14:15

Keine Matraze der Welt kann einen Dekubitus _verhindern_, lediglich das entstehen eines solchen verzögern, bzw. die Heilung eines vorhandenen Dekubitus begünstigen.

Die _einzig_ effektive Massnahme (auch mit Luftstrombett) ist und bleibt nun mal die Entlastung.
Es gibt (zur Zeit) kein Matrazen-System, welchen einen Auflagedruck unterhalb des venösen Verschlussdruckes aufbringt. Da hilft auch keine Pulsation, Wechseldruck, etc....

Bei allen Vorteilen eines solchen Matrazen-Systems, es hat auch eine Menge Nachteile, so dass ein Einsatz nur nach klarer Indikationsstellung geschehen sollte (darf!).

Bewusstseinseingeschränkte Patienten - dazu zählen auch (analgo-)sedierte (Beatmungs-)Patienten - verlieren mit der Zeit das Gefühl für ihre Körpergrenzen. Das wird mit dem Einsatz einer Luftstrommatraze in nicht unerheblichem Masse verstärkt. Die Folgen daraus, sind nicht wirklich überschaubar.

Ein Bewegungseingeschränkter Patient wird in/auf einem Luftstrombett nur noch mehr in seiner Bewegung eingeschränkt. Das ist wie der Versuch, sich in einem halbleeren Wasserbett aufzusetzen.
Hinzu kommt, dass die Mobilisation eines Patienten, durch ein solches Bett erheblich erschwert wird.
Und ja - selbst einen Patienten mit einem schon bestehenden Dekubitus. kann man (muss man!) Mobilisieren. Immerhin arbeiten wir alle (nehme ich mal an) auf einer Intensivstation, da wird es doch wohl möglich sein, eine adäquate Schmerztherapie zu machen, oder? ;)

Auch ich will mich hier auf keinen Fall gegen den Einsatz eines solchen Systems ausprechen, aber - wie bei allem - sollte man sich Gedanken über die Vor- und Nachteile machen.

Starmie
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Beitrag von Starmie » 02.09.07, 14:27

Stimmt, Bela... keine Matratze allein ist ein adäquartes Hilfsmittel zur Deku.-Prophylaxe! Und entbindet nicht von Mobilisation (ob nun Lagerung...besser Positionierung...oder Aufstehen).

Eine Frage von mir noch....Sind in euen Häusern schon der *Nationale Standard Dekubitusprophylaxe* implementiert?

Ich würde gerne wissen, welche Erfahrungen es damit gibt!

deittrinker
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Beitrag von deittrinker » 05.09.07, 16:59

Hallo liebe Inge,
also auch bei uns werden Luftstrommatratzen oder Wechseldrucksysteme auch nur nach gründlicher Indikationsstellung angewandt obwohl unser Haus ebenfalls einen ähnlichen Vertrag hat. Bei allen Vorteilen die ohne Frage solche Matratzensysteme bieten, verfolgen wir in unserem Hause trotzdem die Philosophie dem Pat. solange es geht ein physiologisches Körpergefühle zu belassen also lagern, mobilisieren, Körpergefühl vermitteln usw. . Jeder Pat. in einer Spezialmatratze verliert dieses Gefühl innerhalb kürzester Zeit. Ich kann mich im weiteren der Argumentation von Bela nur anschließen. Natürlich ist es in unserem Hause ebenfalls selbstverständlich Deku Pat. zu mobilisieren, da gibt es genug Möglichkeiten. Schmerzen dabei werden selbstverständlich dementsprechen behandelt.

Grüße der Deittrinker

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