Schocklage bei SHT

Moderator: DMF-Team

OliverS.
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Schocklage bei SHT

Beitrag von OliverS. »

Hallo,

eben ist bei uns auf dem Dienstabend eine heftige Diskussion entbrannt, ob die Schocklage beim SHT kontraindiziert ist.

Könnte jemand Fachkundiges diese Diskussion evtl. auflösen?

Mfg
Oliver

FLindi
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Beitrag von FLindi »

Hallo Oliver,

Patientenen mit Verdacht auf SHT sollen ca. 30 Grad Oberkörper hoch gelagert werden. Dabei soll die Hirndurchblutung vermindert werden um der Gefahr eines entstehenden Hirndrucks / Hirnödem entgegen zu wirken.

Falls Du noch einen Quellennachweis benötigst, melde Dich noch mal bei mir. Ich sende sie Dir per PN.

Bis denne

Frank

Erik Eichhorn
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Beitrag von Erik Eichhorn »

Liebe User,

m. E. ist die Schocklage beim SHT nicht gänzlich kontraindiziert. Wenn der cerebrale Perfusionsdruck durch allzu niedrige Blutdruckverhältnisse gefährdet ist, würde ich auch Flachlage bzw. im Extremfall Schocklage anstreben. Bei einem RR von 70 mmHg kommt bei Oberkörperhochlage von 30° allein aufgrund der Schwerkraft im Hirn nix mehr an.
Meine Faustregel:

RR syst. über 100 mmHg : Oberkörper hoch
RR syst. um 100 mmHg: Flach
RR < 80 mmHg : Schocklage

Bin gespannt, was unsere Akademiker dazu sagen.

Gruß,
Erik Eichhorn
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FLindi
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Beitrag von FLindi »

@ Erik

Ich habe mal eben noch einen Blick in die "schlauen Bücher" geworfen. Bei näherer Betrachtung kommen sie Deiner Faustformel recht nahe (3 verschiedene Herausgeber).

Schönen Gruß
Frank

OliverS.
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Beitrag von OliverS. »

Hallo,

sorry hatte Vergessen zu sagen, das die Quelle der Diskussion das Script "Das Schädelhirntrauma im Rettungsdienst" von dieser Seite hier war. Dort steht auf Seite 15 das ein SHT eben keine Kontraindikation für die Schocklage sei.

Bin aber mal gespannt was dazu noch raus kommt.


Mfg
Oliver

Erik Eichhorn
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Beitrag von Erik Eichhorn »

Das hatte ich eben im Posting bestätigt. Flindi nach nochmaliger Literaturrecherche offenbar auch.

Also nix für ungut. Schön, dass unsere Downloads solche Verwendung finden. Genau dafür will Rett-Med da sein. Toll !

Gruß,
Erik Eichhorn
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downcase
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Beitrag von downcase »

die kopftieflagerung allein verbessert den zerebralen perfusionsdruck nicht um einen einzigen mmhg. denn perfusionsdruck ist immer arterieller mitteldruck minus venöser mitteldruck. und letzterer steigt beim tieflagern an. darüber hinaus steigt aber der transmurale druck der hirngefäße was wiederum die entsprechender schädigung einem hirnödem und erst recht einer blutung vorschub leistet.
eine kopftieflagerung im sinne einer trendelenburg-lagerung scheint mir somit in jedem fall kontraindiziert. auch eine isolierte hochlagerung der beine ist nur so lange sinnvoll, wie es darunter wirklich zu einem anstieg des blutdrucks (und zwar v.a. des diastolischen drucks) kommt. wenn das nicht der fall ist -- und das müßte natürlich überprüft werden -- muß sie sofort rückgängig gemacht werden.

wie auch immer: das sind alles pathophysiologische überlegungen und darauf basierende meinungen. wenn jemand eine quelle hat, die sich auf outcome-basierte daten stützt, dann wäre das natürlich sehr interessant.

grüße

downcase

Juwely
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Beitrag von Juwely »

Ich glaube an der Formel CPP = MAP -ICP ist ja nichts zu rütteln.
auf deutsch: der Blutdruck im HIrn = mittlere arterieller Druck - Druck im Schädel

Wenn ich jetzt bei einem SHT-Patient mit einem syst. Druck von 80mmHg die Beine hoch lege erhöhe ich den Blutdruck.
ABER: ich erhöhe gleichzeitig den ICP, was mir für die intrakranielle Durchblutung rechnerisch ja nichts bringt!
"Ein Irrweg führt auch dann in die Irre wenn er von Leitplanken gesäumt ist" - Bischof Kamphaus

Sam81
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Beitrag von Sam81 »

Ich würde einen SHT Patienten mit einem MAP unter 70mmHG zumindest in eine Flachlagerung bringen, bei OK geht der RR ja noch mehr den Bach runter und es kommt im Hirn gar nix mehr an, und das wäre doch noch schlimmer als ein Hirnödem.

Gilt im Zweifelsfall net auch:
heal first what kills first und das wären dann ja auch die Vitalparameter sprich vor allem den niedrigen Blutdruck durch Flachlagerung n bisserl besser in Griff zu bekommen?!

Dr. Ch. Erbschwendtner
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Beitrag von Dr. Ch. Erbschwendtner »

Hallo !

Ein paar Anmerkungen zum SHT.

Primärer Hirnschaden (direkt durch Trauma) Kontusionen, Axonschäden, Gefäßabrisse.
Diese sind für NA/RA in der Regel nicht therapierbar.

Sekundärer Hirnschaden, durch optimale Therapie zu verhindern / minimieren.
Ursachen: Hypotension, Hypoxie, Hyperkapnie, Anämie, BZ-Entgleisungen aber auch Hypokapnie u.m. bedingt sein.

Chesnut et al. haben gezeigt, daß Hypotonie und Hypoxie die zwei wesentlichsten Ursachen für den sekundären Hirnschaden sind.

Prognose an Hand dieser zwei Parameter:
RR normal + pO2 normal 50 % überleben ohne schwere Spätschäden
ist ein Parameter erniedrigt sind die Prognose
RR und pO2 erniedrigt: 50 % versterben, nur 15 % überleben ohne Spätschäden.

60 % Mehrfachtraumatisierte ... Lagerung muß alle wichtigen Verletzungen berücksichtigen, ebenso die Kreislauftherapie.

Eckpfeiler der Behandlung sind:

1.) Sicherung der Oxygenierung
in der Regel durch Intubation und Beatmung mit fiO2 0,5 und mehr.
pCO2 Zielbereich 32 - 36 mmHg
Hyperventilation nicht anzustreben (Hypokapnie verschlechtert Prognose)
höhere PEEP Werte vermeiden, erhöhen intrathorakalen Druck und vermindern den
venösen Rückstrom.
2.) Kreislaufstabilisierung
Blutdruck ist wesentlich (beeinflußbare) Faktor für den cerebralen Perfusionsdruck,
welcher > 60 mmHg sein sollte. Das heißt systolische Druckwerte um 130 mmHg sind
anzustreben um einen adäquaten MAP zu erreichen.
Allerdings müssen andere Verletzungen dabei berücksichtigt werden. (Stichwort
abdominelle unstillbare Blutung.)
3.) Lagerung
Achsengerechte Lagerung der HWS, nach Kreislaufstabilisierung Oberkörper 25 - 30
Grad Hochlagerung. Eine Kopftieflage ist zu vermeiden. Schockhosen oder Beinhoch-
lagerung können zur Stabilisierung beitragen.

mfG

Erbschwendtner
Dr.Ch. Erbschwendtner
Internist, LNA
Rett-Med
DMF-Moderator im Forum Rettungsdienst und präklinische Notfallmedizin

SAN_FW
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Beitrag von SAN_FW »

Hallo!
Dr. Ch. Erbschwendtner hat geschrieben: Schockhosen
Ich kenne diese aus den USA, hier in D habe ich sie jedoch noch nie gesehen. Wo werden solche Hosen denn vorgehalten?

Informierter Patient

Beitrag von Informierter Patient »

Nur mal eine Anmerkung aus Irritation heraus:
Den klärenden eher richtliniengemässen Abschluss von Herrn Dr. Erbschwendtner hätte ich mir als einzigen Beitrag hier gewünscht.
Denn ich stelle mir bestimmt nicht allein beim Lesen hier als Laie, bzw. mal evtl. betroffener Patient, so eine Diskussion am Einsatzort vor. Grusel! :shock:

*knoxville*
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Beitrag von *knoxville* »

Hallo Oliver,
Ich kann jetzt nur aus dem Klinikalltag berichten...
Bei uns wird bei SHT Patienten jederzeit der medikamentösen Therapie der Vorzug gegeben. Sollte man mit Medi´s nicht weiter kommen, wird der Patient mit leicht erhöhtem Oberkörper (Kopf>Herz) und hochgelagerten Beinen gelagert. Allerdings haben wir den Vorteil, dass wir meistens ICP, MAP und CPP auf einen Blick kontrollieren können.
Eine "richtige" Schocklage kommt bei uns nicht zum Einsatz.
Aber bis der Patient durch den Bodycheck ist, ein Stiffneck anhat und auf der Vakuummatratze liegt, die VP´s ermittelt sind... ist mit Sicherheit in den meisten Fällen ein NA vor Ort, der den Blutdruck medikamentös heben kann.
Ansonsten kann ich mich nur Sam81 anschliessen.

Gruss MArc

Thomas H.
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Beitrag von Thomas H. »

Hallo Informierter Patient,

schön dass Sie sich für den Bereich der Notfallmedizin interessieren.

Solche Foren im allgemeinen, und dieses im speziellen, sind dafür da Diskussionen vor dem
Patienten zu vermeiden.

Die Medizin entwickelt sich rasent schnell weiter (ob vorwärts kann man geteilter Meinung
sein, soll hier aber nicht das Thema sein). Dafür sind solche Diskussionen zwischen
Fachpersonal unabdingbar, wichtig und für "Frischlinge" unserer Zunft sehr informativ.

Ich freue mich wirklich sehr dass Sie teilhaben an unseren Diskussionen, bitte aber Sie
und alle anderen Laien zu verstehen, dass es auch in der Medizin kein "Schwarz" und
"Weiß" gibt, sondern viele Graustufen.

Sollte Sie solche Fachdiskussionen verunsichern, sollten Sie sich überlegen ob es
überhaupt Sinn macht diese zu lesen.

MfG

Morris
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Beitrag von Morris »

SAN_FW hat geschrieben:Hallo!
Dr. Ch. Erbschwendtner hat geschrieben: Schockhosen
Ich kenne diese aus den USA, hier in D habe ich sie jedoch noch nie gesehen. Wo werden solche Hosen denn vorgehalten?


Hallo,

zum Beispiel die Bundeswehr hält solche MAST (Military bzw. Medical Anti Shock Trousers) vor. Im zivilen Berich haben sie sich (noch?) nicht flächendeckend durchgesetzt.


Gruß
"Denken ist die schwerste Arbeit, die es gibt. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum sich so wenige Leute damit beschäftigen."
Henry Ford (1863-1947)

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