Antibiose im Rettungsdienst

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Barathor
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Antibiose im Rettungsdienst

Beitrag von Barathor » 07.02.10, 09:33

Hallo miteinander,

Wir haben seit neustem auf unserem NEF ein Antibiotikum. Um genau zu sein Cefuroxim. Wir haben uns gefragt, wofür man es gebrauchen kann und kamen zu dem Ergebniss, dass es zum einen nach dem Legen eines intraossären Zugangs verwendet werden kann, da im Krankenhaus sowieso eine antiobiotische Nachbehandlung stattfinden muss, und zum anderen bei offenen Frakturen als frühzeitige Behandlung.
Meine Frage wäre in wie weit das Sinn macht und ob es dazu Erfahrungswerte gibt bzw. Studien?
MfG

Land-Ei
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Beitrag von Land-Ei » 07.02.10, 11:05

Hallo,

ein Intraossärer Zugang an sich ist keine Indikation zur präklinischen Antibiose. Er sollte nach 24h (spätestens 48h) entfernt werden. Generell ist eine Antibiose nach intraossärem Zugang nicht zwingend erforderlich.

Auch eine offene Fraktur muß präklinisch nicht antibiotisch versorgt werden.

Präklinisch nach frischer offener Verletzung findet man außerdem die wenigsten Keime in einer Wunde.

Die einzigste Indikation, die mir spontan einfällt, sind z.B. bei Kindern die Meningokokken-Sepsis und ähnliche Krankheitsbilder. Da profitiert ein Patient von der frühestmöglichen Antibiose.

Viele Grüße,

Land-Ei

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Beitrag von VK-Retter » 07.02.10, 11:37

Also die vorsorgliche Antibiose bei i.o.-Zugängen wird zumindest von den Herstellern empfohlen und steht auch in den SOPs. Scheint ja auch sinnvoll, da die Osteomyelistis die gefährlichste Komplikation darstellt...
Was die (vorsorgliche) Antibiose bei größeren (offenen) Frakturen angeht müsste man sich bezüglich Kosten/Nutzen natülich mal ein paar Studien ansehen. Ich weiß aber z.B. aus eigener Erfahrung das in mindestens zwei Krankenhäusern bei sogar bei bei regulären geplanten Eingriffen, wie z.B. Hüft-TEP schon vor der OP mit der AB-Prophylaxe begonnen wird (mit Cefuroxim). Bei Traumata im Schockraum..
zumindest wenn der Chef/richtige OA anwesend ist...

Wenn sie denn erkannt wird ist eine frühstmögliche AB-Therapie bei Meningokokkensepsis natürlich absolut notwendig. Cefuroxim wäre hier zwar nicht das typische Antibiotikum, ist sicher aber besser als nichts.

Vom üblichen Wirkspektrum her würde ich aber darauf tippen das das AB primär für Knochen/Weichteildefekte angeschaft worden ist.
Ist es eigentlich häufig das ein AB im RD vorgehlten wird? Ich habe noch keinen kennengelernt wo das so ist...
Quid pro quo?

Barathor
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Beitrag von Barathor » 07.02.10, 12:31

Hallo,

danke für eure raschen Antworten. Also ich habe bisher von keinem anderen Kreis gehört, wo es standartmässg auf dem NEF vorhanden ist. Auch die älteren Kollegen haben noch nie von derartigem gehört. Daher hat es uns umso mehr gewundert und ich begebe mich derzeit auf die Suche nach dem warum und dem Sinn.
Ich habe im Internet Dr Goole, Professor Bing und Privatdozent Altavista gefragt und mal ein wenig geforscht. Wie ich es lesen konnte, war das Outcome bei den wenigen sehr speziellen Studien im Vergleich nicht signifikant besser. Ich habe die Studien allerdings nur quergelesen und muss mich jetzt etwas genauer damit beschäftigen. Einzig was ich häufiger gelesen habe, ist, dass eine Antibiose bei einem Septischen Schock indiziert sein soll. Fraglich ob Cefuroxim das Mittel der Wahl ist, da es scheinbar nur bei bis zu mittelschweren Infektionen helfen soll. Konkrete Informationen zum Wirkungseintritt, was in einem solchen Fall von entscheidender Bedeutung wäre, und zur genauen Wirkung bei einem septischen Schock habe ich leider nicht gefunden.
Gilt denn nicht für Antibiotika: je eher, desto besser?

VK-Retter
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Beitrag von VK-Retter » 07.02.10, 14:22

Ist halt die Frage durch welchen Erreger die Sepsis (der septische Schock) ausgelöst wird. Generell ist Cefuroxim aber nicht falsch, da es ein relativ breites Spektrum abdeckt. Ist auch für die Sepsistherapie gelistet (bis zu 6g in 4 Dosen/d).

Normalerweise gilt für ABs:
Nur dann wenn nötig/sinnvoll,
dann aber so früh wie möglich
und vor allem
wenn, dann aber konsequent!

Gerade da sehe ich bei unvorsichtiger (präventiver) Gabe im RD die Gefahr das Resistenzbildung Vorschub geleistet wird. Und das bei einem AB das Standart auf vielen (unfall)chirurgischen Stationen ist. Cefuroxim ist nämlich normalerweise kein Single-Shot Medikament...
Müsste also in allen Fällen (egal ob es Sinnvoll war oder nicht) bis zur Eradikationsdosis weiter gegeben werden.. was weder für den Patienten angenhem sein dürfte (relativ häufige NW und Allergien gegen Inhaltsstoffe) noch finanziell in irgend einem Verhältnis steht (Wenn ich mich richtig erinnere war Ceforoxim nicht gerade billig).

Werde mich zu dem Thema Sinn und Unsinn der präventiven AB-Gabe im RD mal schlau lesen.. vielleicht finde ich ja etwas interessantes.
Quid pro quo?

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Beitrag von fa7x110 » 07.02.10, 15:42

Hallo Barathor,

Ich führe Peniicillin zur Behandlung von Meningokokken-Sepsis bei Kindern mit. bei unseren Transportzeiten von guten 30 Minuten zu einem pädiatrischen Zentrum durchaus sinnvoll.
Intra Ossäre Zugänge werden bei uns weder präklinisch noch klinisch antibiotisch behandelt, von welchen SOPs sprichst du VK? Die Prävalenz in unserem RD Bereich ist trotz regelmäßiger Anwendung von i.o. Zugängen gegen Null gehend.
In zwei RD Bereichen läuft zZ eine Studie über den Benefit von präklinisch eingeleiteter Breitbandandibiose beim Mehrfachtrauma, sollte sich dort etwas positives für den Patienten herausstellen werden wir weiter sehen.
Ich persönlich halte die blinde Antibiose für äußerst fragwürdig, gerade in Zeiten der Multiresistenzen.

Marcus

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Beitrag von Land-Ei » 07.02.10, 16:01

hallo,

vielleicht sollte man den Sinn einer präklinischen Antibiose mehr in den Vordergrund stellen. Und gerade zu Zeiten gefährlicher Multiresistenzen ist eine "prophylaktische" präklinische Antibiose sicherlich nicht angezeigt.

Grüße

Land-Ei

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Beitrag von VK-Retter » 07.02.10, 17:00

Ein Freund mach gerade die Ausbildung zum US-Paramedic..
..und der hat mir das ganz stolz erzählt. Werd den mal fragen ob der mir das auch schriftlich zukommen lassen kann. Meine aber auch das irgendwo mal gelesen zu haben.
In deutschen SOPs (sofern es sowas gibt) habe ich -zumindest auf die Schnelle - auch nichts finden können. Zumindest als Empfehlung/Möglichkeit, genau so wie die routinemäßige Lokalanästhesie, taucht die Antibiose aber immer wieder in der Literatur auf.
(z.B. Roewer, N., Praktikabilität des intraossären Zuganges bei Erwachsenen in der Notfallmedizin unter Verwendung eines mechanischen Applikationsgerätes, 2003)

Ich denke generell hat die präklinische Antibiose - auch bei Weichteilverletzungen - duraus seinen Wert. Aus den shcon genannten Gründen ist dies aber eher ein theoretischer Wert, da der behandelnde Arzt/Paramedic auch sicher in der Lagen sein muss abzuschätzen ob eine Antibiose gerechtfertigt/sinnvoll ist oder nicht. Und das trifft glaube ich auf den durchschnittlichen NA eher nicht zu...
Quid pro quo?

frequenzkatastrophe
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Beitrag von frequenzkatastrophe » 08.02.10, 01:37

kleine Anmerkung zu meinem Vorredner - ich denke die meisten Notärzte sind durch ihre klinische Tätigkeit sehr erfahren im Umgang mit Antibiosen, das dürfte nicht das Problem sein!

Ich sehe mehr ein Problem in den Kosten / dem Zeitverlust

abgesehen von der kindlichen Meningokokensepsis denke ich haben Antibiosen im RettDienst nix verloren. Da ist soweit ich weiß Penicillin das Mittel der Wahl, siweit ich weiß wird das in unserem Kreis auf dem NEF im Kinderkoffer vorgehalten.
Alle Anderen Indikationen sollten nicht auf der Straße gestellt werden. Zumal das Auflösen einer Antibiose, je nach Präperat auch Zeit braucht, ich denke ein Patient (gerade der traumatisierte) profetiert eher davon schnell im KH zu sein, anstatt vor Ort maximaltherapiert zu werden.

Ein Anderer Punkt sind die Kosten, einige Antibiosen sind verflucht teuer und ich denke, dass diese Medikamente auf vielen Rettungsmitteln regelmäßig verfallen würden, weil es keiner nutzt.

Diese Anmerkungen sind nur Bauchgefühl und haben nix mit evidenzbasierter Medizin zu tun ;-)
Jedes Ding ist Gift, allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist.

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Beitrag von VK-Retter » 08.02.10, 08:56

Na, da habt ihr aber mehr Glück mit den NAs als wir..
Es sind einfach viel zu viele unerfahrene (auch klinisch) Assistenzärzte dabei, quer durch alle Fachbereiche.. und besonders viel mit Antibiosen hat der durchschnittliche Gasman (der in D'land ja die meisten NAs stellen dürfte) ja auch nicht zu tun.. falls ich da falsch liege bitte korregieren.
Quid pro quo?

Erik Eichhorn
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Beitrag von Erik Eichhorn » 08.02.10, 10:23

Hallo zusammen,

Cefuroxim ist Mittel der Wahl zur Intialbehandlung der kindlichen Meningitis. Meningikokken sind eben nur ein Erreger, der dieses Krankheitsbild verursacht. Um auch seltenere Erreger intial (bis zum Antiobiogramm) mit abzudecken, gibt es erstmal Cephalosporine der 2. oder besser 3. Generation.
Werden dann Meningokokken nachgewiesen, kann man auf Penicillin G "zurückfahren"

Gruß,
Erik Eichhorn
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