Meinungen zu Schmerzmittelgabe

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Adromir
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Meinungen zu Schmerzmittelgabe

Beitrag von Adromir » 14.05.12, 02:12

Ich versuche mal den Fall, der mich beschäftigt möglichst neutral zu schildern, da ich im Moment sehr an unvoreingenommenen Meinungen zu folgendem Fall interessiert bin:

Person X, Jahrgang 1977, ist ein Bewohner einer psychischen Langzeiteinrichtung (offener Wohnbereich).

Als Diagnosen hat er eine
paranoide Schizophrenie,
Benzodiazepinmißbrauch (in der Vergangenheit)
Alkoholismus (immer noch aktuell).

Aktuelle Dauermedikation:
Valproinsäure (retadiert): 600mg-600mg-600mg-0
Quetiapin (retadiert): 0-0-0-600
Amitryptilin: 25mg-25mg-25mg-0
Haloperidol Tbl. : 3mg-5mg-5mg-3mg
Omeprazol: 40mg-0-0-0

Als Bedarf:
Melperon Tbl. bis 150mg/24h


Bewohner hat keine erkennbare Krankheitseinsicht, setzt seine sämtlichen finanziellen Mittel in Alkohol um. Die Einnahme seiner Medikamente erfolgt eher unregelmäßig, meist aufgrund seines Alkoholkonsums mit erhöhten Alkoholwerten (Medikamentengabe erfolgt auf ärztliche Anweisung bis zu einem Atemalkoholwert bis 0,5 Promille). Auch sonst ist die Compliance zur Regelmäßigen Medikamenteneinnahme eher gering, es werden immer wieder neue Medikamente zur Ansetzung gefordert und die Einnahme nach kurzer Zeit wieder verweigert um sie nach Absetzung als Bedarfsmedikation einzufordern.
Zudem ist der Bewohner massiv auf Teein und Koffeinhaltige Getränke fixiert, trinkt mehrere Liter Cola oder kocht sich äußerst starke Tees (4-5 Teebeutel auf eine Tasse+ 5-10 Teelöffel Zucker).

Nun zur dem, was direkt zur Fragestellung dazu gehört: Seit Einweisung in den Wohnbereich beklagt der Bewohner immer wieder Schmerzen im Brustbereich, diese bezeichnet er selbst als seelische Schmerzen, gegen die er das Koffein/Teein bzw. den Alkohol nehmen müsse. Somatisch wurden diese Beschwerden orthopädisch und kardiologisch abgeklärt, wobei kein pathologischer Befund gefunden wurde.

Vor Jahren wurden diesem Bewohner, aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen, Ibuprofen 600mg als Bedarfsmedikation gegen Schmerzen angesetzt.

Nun verabreichen ihm Pflegekräfte des Wohnbereichs seit einer kurzen Zeit bei Klagen über diese "seelischen Schmerzen" immer wieder Ibuprofen bis hin zu einer Tagesdosis von 1200mg, da er dieses seitdem auch massiv immer wieder einfordert, dieses wird im Team sehr kontrovers diskutiert, da ein Teil der Pflegekräfte dieses Vorgehen nicht für gut heißt. Sie sehen in dem ganzen ein weiteres Suchtverhalten dieses Bewohners und lehnen es ab, ein Medikament ohne vorliegende Indikation zu verabreichen. Eine weitere somatische Abklärung der Schmerzen wird vom Bewohner abgelehnt. Die Befürworter sehen darin die Möglichkeit, womöglich den Alkoholkonsum des Bewohners zu begrenzen, weil er vielleicht weniger Alkohol konsummiert, wenn er stattdessen die Tabletten erhält und diese besser zu kontrollieren seien.

Jetzt würde mich interessieren, auf welchen Standpunkt sich andere Personen zu diesem Punkt stellen würden. Ich hoffe, ich hab meinen eigenen Standpunkt nicht zu sehr durchscheinen lassen...

Renate02
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Re: Meinungen zu Schmerzmittelgabe

Beitrag von Renate02 » 17.05.12, 09:33

Nehmen Sie auch die Meinungen von "interessierten Laien", die von Suchterkrankungen und psychischen Erkrankungen nur eine eher oberflächliche Ahnung haben?
Wenn ja:
Grundsätzlich sehe ich jede Gabe von Suchtmitteln kritisch. Aber, auch wenn's gemein klingt: Schmerzmittelabhängigkeit führt (immer? oft?) zu Kopfschmerzen, was vielleicht die Motivation, einen Entzug durchzuführen, erhöht...
Ich habe nur kein Vertrauen, dass die Schmerzmittelabhängigkeit wirklich zu einem geringeren Alkoholkonsum führt. Über kurz oder lang wird der Patient beides haben. Über die Wechselwirkungen weiß ich nicht viel, aber gesund wird's wohl nicht sein. Raten die meisten Packungsbeilagen von Schmerzmitteln nicht von einem gleichzeitigen Alkoholkonsum ab?

Eine laienhafte Idee habe ich noch: Kann man die Brustschmerzen mit Massagen behandeln? Wenn er organisch gesund ist, können sie nichts schaden (in diesem Fall müssten es nicht einmal therapeutische Massagen sein, Wellnessmassagen würden genügen - die sind meist preisgünstiger, zumindest gibt es mehr Leute, die sie durchführen können). Vielleicht kann die menschliche Zuwendung zumindest das psychische Abhängigkeitspotenzial verringern? (Betonung auf "verringern" - es wäre naiv und blauäugig zu glauben, man könnte die Sucht damit behandeln. Das wäre doch gar zu schön um wahr zu sein)

Nach allem, was ich über Suchterkrankungen weiß (zugegebenermaßen denkbar wenig), werden sie sehr, sehr oft durch ein geringes Selbstwertgefühl verursacht. Hier würde ich (falls möglich) lieber ansetzen als bei dem Versuch, eine Sucht durch eine andere zu ersetzen.

Um also meine Meinung zusammen zu fassen:
Ich verstehe den Standpunkt der Pflegekräfte, die dem Bewohner das Schmerzmittel geben wollen, habe aber kein Vertrauen, dass man damit seinen Alkoholkonsum ernsthaft und dauerhaft begrenzen kann. Sind Tabletten wirklich besser zu kontrollieren? Ich befürchte eher, dass es nicht so einfach ist, wie die "Ibuprofen-Befürworter" hoffen. Deshalb wäre ich mit der Schmerzmittelgabe vorsichtig und würde lieber nach anderen Alternativen suchen.

Aber, wie gesagt, ich bin kein Fachmann.

jaeckel
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Re: Meinungen zu Schmerzmittelgabe

Beitrag von jaeckel » 17.05.12, 10:55

Da dieses Schmerzmittel schwere bis lebensbedrohliche unerwünschte Wirkungen hervorrufen kann und die Langzeitrisiken enorm sind, ist die Gabe/Einnahme ohne zwingende medizinsche Indikation abzulehnen. Die häufigsten NW sind Magen-/Darmblutungen und langfristig Nierenschäden bis hin zum Nierenversagen. Aber auch das kardiovaskuläre Risiko (Herzinfarkt/Schlaganfall) ist deutlich erhöht.
Alles Gute!

Herzlichen Gruss
Ihr

Dr. med. Achim Jäckel
Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Nephrologie
Intensivmedizin, Notfallmedizin, Hypertensiologe (DHL)

error6
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Re: Meinungen zu Schmerzmittelgabe

Beitrag von error6 » 17.05.12, 11:32

Renate02 hat geschrieben: werden sie sehr, sehr oft durch ein geringes Selbstwertgefühl verursacht.

Nein, absolut nicht.
Es trifft quer Beet alle Charactere, es fällt bei gewissen Gruppen nur mehr auf.
Die Leute, welche ihren Alkohol öffentlich im Park konsumieren, sind bei weitem
nicht in Überzahl gegenüber den , ich sag`s mal salopp, feineren Alkis.
Es ist schon richtig, dass aus mangelndem Selbstwertgefühl getrunken wird,
aber Personen mit großem Ego haben eben "ihre anderen Gründe".
Wenn ich über meine Alkikarriere nachdenke, so waren die sogen. Pennner nie in der
Überzahl, nur, wie schon gesagt, auffälliger.
Zum eigentlichen Thema, Alkohol ist nicht durch Tabletten zu ersetzen.
(Nicht zu verwechseln mit begleitenden Medis beim Entzug, wobei hier auch nicht der Alkohol ersetzt wird)
Es funktioniert für eine sehr kurze, begrenzte Zeit, aber aus eigener Erfahrung nicht über max. 24 Stunden.
Dann aber muss die Dröhnung, egal womit, so stark sein, dass sie den Entzug übertrifft.
Und dazu reicht nicht aus, was sich Ottonormalverbraucher vorstellen würde, für ihn könnte
diese Dosis letal sein.
Der Erfolg wird dann irgendwann sein, dass man doppelt abhängig ist.
:) error6

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