Hirnabszess - lange Heilungsdauer?

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jama
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Hirnabszess - lange Heilungsdauer?

Beitrag von jama » 05.05.14, 14:28

Guten Tag

Mein "Fall" begann vor mehreren Jahren mit Kopfschmerzen rechts und gleichzeitigen Schmerzen im Schulter-und Nackenbereich. Anfänglich traten die Schmerzen sporadisch auf, besonders nach körperlicher Betätigung oder wenn ich emotional "belastet" war (positiv oder negativ). Ueber die Jahre hinweg wurden die Intervalle kürzer und die Schmerzen stärker. Da ich seit meiner Jugend eine rheumatische Erkrankung habe, wurde beim Rheumatologen die rechte Schulter mehrmals untersucht, man ging davon aus, dass die Kopfschmerzen durch Verspannungen kamen. Die Befunde der Schulter waren jedoch so, dass man sich die von mir beschriebene Stärke der Schmerzen nicht wirklich erklären konnte. NSAR zeigten keine Wirkung und eine begonnene Physiotherapie musste abgebrochen werden, da die Schmerzen nach der Behandlung jeweils zunahmen. Blutuntersuchungen zeigten keinen erhöhten CRP Wert, jedoch über Jahre hinweg hatte ich immer wieder leichtes Fieber und (andauernd) leicht erhöhte Leukozyten, was mein Rheumatologe mit Entzündungen in den Gelenken erklärte.

Während Jahren lebte ich mit diesen Schmerzen, wurde aber zunehmend verzweifelter und fühlte mich auch in meinem Umfeld unverstanden (kein Wunder, wenn man über so lange Zeit hinweg dauernd und immer wieder über Kopf-und Schulterschmerzen klagt, die medizinisch nicht wirklich erklärbar waren). So wurde ich dann zur Psychotherapie überwiesen, die jedoch keine Besserung brachte. Ich sah mich bereits als hoffnungslosen Fall und verlor mehr und mehr meine Lebensfreude, zog mich zunehmend zurück. Das ganze Leben wurde zu einer einzigen Qual, ich ertrug keine Leute mehr um mich herum, fühlte mich den Anforderungen des Alltags nicht mehr gewachsen und bemerkte auch, dass ich Geräusche immer schlechter ertrug. Sei es Kinderlärm, Bauarbeiten in der Nachbarschaft oder auch die Musik des Nachbarn - es wurde zur Hölle für mich.

Anfang 2013 kamen plötzlich neue Beschwerden hinzu. Mir fiel auf, dass ich immer öfter meine Kaffeetasse, die links von mir auf meinem Pult steht, nicht mehr wahrnehme. Nur wenn ich meinen Kopf ganz nach links drehte, konnte ich sie wieder sehen. Immer öfter konnte ich die Breite der Türrahmen nicht mehr abschätzen und lief dagegen (immer links), ebenso lief ich links in die Wand, wenn ich durch den Flur ging. Es gesellten sich weitere Symptome dazu - daneben greifen mit der linken Hand, Konzentrationsstörungen, kognitive Einschränkungen, starke Müdigkeit und das Gefühl krank zu sein. Ich schob das alles darauf, dass ich mich da wohl in etwas verrannt hatte, mir das alles einbilde und man eh nichts tun kann.

3 Wochen vor Pfingsten 2013 wurden die Schmerzen noch stärker und blieben anhaltend bestehen. An Schlaf war nicht mehr zu denken und mein Lebenswille schwand zusehends. Eigentlich wollte ich nur noch sterben. In dieser Zeit trat dann ein neues Symptom auf, jedesmal wenn ich mich körperlich angestrengt hatte, oder aufgeregt war, sah ich einen schwarzen Balken vertikal vor meinem linken Auge, der im Takt des Herzschlags pulsierte.
Am Pfingstmontag hielt ich es nicht mehr aus und rief die Notfallärztin an, die nach einigem Hin und Her dann zu mir nach Hause kam. Sie untersuchte mich und machte einige neurologische Tests, bevor sie mir sagte, es sei eine Migräne mit Aura. Ich bekam Tabletten und den Rat, mich bei Gelegenheit einem MRI zu unterziehen, um andere Erkrankungen auszuschliessen.
Nach Einnahme der Medikamente nahmen die Kopfschmerzen für einen oder zwei Tage leicht ab, danach kamen sie in voller Wucht zurück, mit allen Symptomen die ich dazu noch hatte. Langsam bekam ich Angst, konnte mir kaum noch vorstellen, dass die Migräne ist. So rief ich beim Hausarzt an, schilderte der Sprechstundenhilfe meine Symptome und hatte eine Stunde später einen Termin. Auch der Hausarzt machte einige neurologische Tests, während denen er zusehends nervöser wurde (mein mich begleitender Partner ebenso, da er mit im Sprechzimmer war). Nach Meinung des Hausarztes war da etwas mit meinem Hirn und er überwies mich sofort und ohne Umweg in die Notaufnahme des nächstgelegenen Krankenhauses.
Dort angekommen wurde ein CT gemacht, Blut abgenommen etc. und ich musste viele Fragen beantworten. Nach kurzer Wartezeit kam dann der diensthabende Oberarzt zu uns und erklärte, dass man auf den Bildern etwas gefunden habe in meiner rechten Hirnhälte, etwa so gross wie ein Hühnerei. Man könne nicht sagen, was genau es sei, die Bilder würden nun gleich ins Unispital geschickt, wo sie von Neurochirurgen begutachtet würden. Ich bekam ein Zimmer zugewiesen und wurde stationär aufgenommen.
Am nächsten Tag kam die Nachricht vom Unispital, dass ich sofort dorthin verlegt werden müsse. Dies geschah am gleichen Tag und nach weiteren Untersuchuchungen (CT & MRI, mit und ohne Kontrastmittel) war klar, dass es sich um einen Abszess in meiner rechten Hirnhälfte handelt, den man am nächsten Tag punktierte. Mir wurde gesagt, dass man dabei den Eiter aus der Abszesskapsel entfernt hatte (und Proben für eine Kultur ins Labor schickte), die Kapsel selbst jedoch nicht entfernt werden konnte.
Nach der Punktion blieb ich insgesamt zwei Wochen hospitalisiert und bekam 3 verschiedene, hochdosierte Antibiotika über einen zentralen Venenzugang unterhalb meines rechten Schlüsselbeines. Aus dem Labor gab es lange Zeit kein Ergebnis, da es sich anscheinend um sehr langsam wachsende Erreger handelte. Erst kurz vor meinem Austritt war klar, welche beiden Antibiotikas nötig sind. Während dem Klinikaufenthalt suchte man nach der Ursache des Abszesses. Ich wurde von Kopf bis Fuss untersucht, auch eine zahnärztliche Untersuchung wurde gemacht. Kein Ergebnis, man konnte den "Herd" nicht finden.

Nach elf Tagen wurde der zentrale Venenzugang entfernt, da sich eine leichte Entzündung gebildet hatte. Bis zu meinem Austritt 3 Tage später gab es ein Antibiotika per Infusion und eines zum schlucken in Tablettenform. Dies musste noch einige Zeit weitergeführt werden und so benötigte ich für weitere 10 Wochen die Spitex (ein mobiler Pflegedienst), die mir alle zwölf Stunden eine Infusion stecken und das Antibiotika darüber verabreichen mussten (ein fester Zugang wurde leider nicht gestattet von den Aerzten). Zusätzlich musste ich alle 8 Stunden eine Tablette einnehmen, ebenfalls ein Antibiotika. Insgesamt bekam ich 12 Wochen diese hohen Dosen Antibiotikas verabreicht.

Die Schrumpfung der Abszesskapsel wurde in einem abschliessenden MRI überprüft, welches ein gutes Ergebnis zeigte. Ich war somit erst mal entlassen, es wurden auch keine weiteren Untersuchungen angedacht.

Es geht mir heute schon viel besser, obwohl ich kurz nach der Beendigung der Behandlung eine Netzhausablösung an zwei unabhängigen Stellen im linken Auge hatte, die laut Augenärztin eventuell auch mit der Hirnsache im Zusammenhang standen. Das Auge wurde operiert und bereitet mir nur noch wenige Probleme.

Einige Symptome jedoch sind geblieben, ich habe nach wie vor das Gefühl, dass die linke Körperhälfte nicht zu mir gehört, erschrecke manchmal über Bewegungen meiner linken Hand, habe immer wieder Drehschwindel und bin nach wie vor nicht sehr aufnahmefähig. Ich kann viele Menschen um mich herum nicht lange aushalten, werde sehr schnell müde und muss mindestens einmal pro Tag mich ausruhen. An arbeiten wäre nicht zu denken (was ich glücklicherweise nicht muss, da ich schon sehr lange eine Rente habe).
Bei Wetterwechsel habe ich häufig die "alten" Kopfschmerzen wieder, teilweise ausstrahlend bis in den Nacken und die Schulter rechts. Meist sind sie nach einem oder zwei Tagen wieder vorbei. Es fehlt mir auch an Konzentration und ganz schlimm empfinde ich, dass mein Kurzzeitgedächtnis kaum noch vorhanden ist. Ich vergesse teilweise innert weniger Minuten, was man mir gesagt hat. Manchmal habe ich auch Nervenschmerzen im Gesicht, meist auf der rechten Seite (komischerweise). Auch das Gefühl, das in meinen Hirn "etwas vor sich geht" ist immer wieder präsent.

Nun meine Frage: Ist es normal, dass diese Symptome so lange Zeit anhalten? Ich "trainiere" regelmässig meine Koordination der linken Hand, löse oft Kreuzworträtsel, lese viel und gerne. Kann ich sonst etwas tun, um mein Hirn zu untertstützen?
Mein Hausarzt hat mir auch erklärt, dass das Hirngewebe dort wo der Abszess war, nicht verdrängt wurde sondern quasi eingeschmolzen wurde durch den Eiter. Stimmt das?
Gibt es da Möglichkeiten, das wieder zu verbessern, so dass andere Teile die Funktionen übernehmen, die dadurch beeinträchtig wurden?

Uff, viel Text, viele Fragen...tut mir leid, dass es so lang geworden ist. Ueber die ein oder andere Antwort würde ich mich sehr freuen und bedanke mich im voraus herzlich für's lesen. :D

Liebe Grüsse,
jama

Muppet
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Re: Hirnabszess - lange Heilungsdauer?

Beitrag von Muppet » 05.05.14, 19:08

Hallo,
Abszess rechts Parietal?
Alien Hand -> sensorische Zentrum ist gestört.
Antworte nachher ausführlicher.
Gruß
Muppet

jama
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Re: Hirnabszess - lange Heilungsdauer?

Beitrag von jama » 05.05.14, 19:41

Hallo,

der Abszess befand sich im Occipitallappen.

Muppet
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Re: Hirnabszess - lange Heilungsdauer?

Beitrag von Muppet » 05.05.14, 21:51

Hallo,
Einige Symptome jedoch sind geblieben, ich habe nach wie vor das Gefühl, dass die linke Körperhälfte nicht zu mir gehört, erschrecke manchmal über Bewegungen meiner linken Hand, habe immer wieder Drehschwindel und bin nach wie vor nicht sehr aufnahmefähig. Ich kann viele Menschen um mich herum nicht lange aushalten, werde sehr schnell müde und muss mindestens einmal pro Tag mich ausruhen.
Das sind nicht okzipitale sondern parietale Symptomen - da ist wohl eine Verbindung gestört worden. Rechte Parietallappen -> Integration visuellen, auditiven, räumliche, körperliche Informationen. Ist hier eine Störung wird man sehr schnell überfordert. Schwindel ist ebenfalls parietal. Lässt sich super mit Carbamazepin, Oxcarbazepin oder Lamotrigin (Anitepileptika) behandeln. EEG - kann auch Form vom Epilepsie sein. Ist aber leider oft im EEG nicht sichtbar. Geht es mit Antiepileptika weg.... dann weißt du was Sache ist. Epilepsie ist nicht nur krämpfen. Dieses Form ist extremst selten. Wird häufig übersehen. Ist nicht typisch. Schwindelanfälle - das Raum dreht vom links nach rechts mit wahnsinnsgeschwindigkeit? Du verlierst ganz kurz die körperlichen Orientierung? Zudem - grosseren Anfälle, wenn überhaupt, kommen eher im Schaf. Kriegt man nicht mit.
Räumliche Illusionen können auch vorkommen. Sachen wirken ein paar Sekunden nah oder fern oder verzerrt.
Okzipital -> nur visuell, Wiedererkennungsstürung, ggf. Blindheit. Passt nicht zu was du beschreibst. Es gibt ein Sulci. Transverse Occipital Sulci, geht in der Intraparietale Sulci über. Okzipital und Parietal sind keineswegs voneinander getrennt.
Anfang 2013 kamen plötzlich neue Beschwerden hinzu. Mir fiel auf, dass ich immer öfter meine Kaffeetasse, die links von mir auf meinem Pult steht, nicht mehr wahrnehme. Nur wenn ich meinen Kopf ganz nach links drehte, konnte ich sie wieder sehen. Immer öfter konnte ich die Breite der Türrahmen nicht mehr abschätzen und lief dagegen (immer links), ebenso lief ich links in die Wand, wenn ich durch den Flur ging. Es gesellten sich weitere Symptome dazu - daneben greifen mit der linken Hand, Konzentrationsstörungen, kognitive Einschränkungen, starke Müdigkeit und das Gefühl krank zu sein. Ich schob das alles darauf, dass ich mich da wohl in etwas verrannt hatte, mir das alles einbilde und man eh nichts tun kann.
Willkommen in der Welt des visuellen Neglect Syndroms. Habe ich auch. "Bin nur schusselig, tollpatschig". Nein. Leider nicht. Problem damit - man nimmt es - wenn überhaupt, sehr spät wahr. Ist ebenfalls Störung rechte Parietallappen. Was du beschreibst, ist klassisch dafür. Geht leider mit viele Defiziten einher.

Man kann wieder Entfernungen noch Winkeln einschätzen. Wird im Raum desorientiert. Hemianopsie (das heißt linke Gesichtsfeld fehlt). Augen sind vollkommen normal, Gehirn kann aber nichts mit Informationen anfangen, kann es nicht integrieren. Augen zu -wo ist das Bein? ist das Arm gehoben oder nicht, wie stehen die Füße? Wissen wir nicht ohne hinzugucken.
Gibt es da Möglichkeiten, das wieder zu verbessern, so dass andere Teile die Funktionen übernehmen, die dadurch beeinträchtig wurden?
Ganz ehrlich? Jein.
Bei dir ist es noch frisch genug etwas zu machen.
1. MRT Kontrolle sollte gemacht werden - da ist definitiv etwas im Parietallappen nicht in Ordnung.
2. Neuropsychologische Therapie. Wenn nicht möglich (es gibt nicht so viele) Reha am besten (intensives Training).
vorübergehende Notlösung - Ergo der auf Neuro spezialisiert ist.
3. Krankengymnastik nach FNP - Neurospezialisten.

Du hast Einsicht. Ich hatte es damals nicht - leider. Bei dir ist es frisch. Therapierbar.
Kam bei mir durch meinem Arbeit raus - ich arbeite in der Neuropsychologie. Erfahrene Kollegen ist es aufgefallen. Auf die eine Seite hochbegabt (verbal), auf der andere... komplett Panne. Kam öfters zu spät. Verfahren. Sollte visuo-konstruktiven Tests vorführen. Ging nicht. Studiere Psychologie und Medzin - alles super bestanden. Außer Statistik. Warum? Akalkulie. Zahlen haben räumliche Beziehung, Rotation ist nicht nur visuell. Kann plus aber nicht minus rechnen. Karten lesen ist so ne Sache...

Ich suche dir einen Link raus - sind kostenlosen Tests die man zum visuelle Training benutzen kann. Vermute wird bei dir auch so sein - baslale und geteilte Aufmerksamkeit sind normal. Selektive Aufmerksamkeit nicht- daher kommen die Gedächtnisprobleme. Relevante Information wird nicht gespeichert. Einfachen Test - gibt im Internet viele Change Blindness Tests. Mein Chef braucht 20-25 Sekunden. Ich 6 Minuten, falls ich es überhaupt schaffe.

Neuropsychologen findest du hier:
http://www.gnp.de/_de/fs-Behandlerliste.php
Wenn keine in der Nahe - bei der GNP anrufen, da die Liste nicht ganz aktuell ist. Wohnst du in Berlin - kann ich dir Adressen geben (oder du landest bei mir :-) )

Wenn was ist - auch gern per PN melden. Ich lebe seit 10 Jahren damit.
Gruß
Muppet

jama
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Re: Hirnabszess - lange Heilungsdauer?

Beitrag von jama » 05.05.14, 23:21

Hallo Muppet,

ganz herzlichen Dank für die ausführliche Antwort!
Das sind nicht okzipitale sondern parietale Symptomen - da ist wohl eine Verbindung gestört worden.
Der Abszess selbst war im Okzipitallappen, so steht es jedenfalls im OP- Bericht. Mir wurde aber gesagt, dass ich weitreichende Oedeme rund um den Abszess hatte und ebenso eine grossflächige Entzündung. Von daher kann es sicher gut möglich sein, dass auch anliegende Bereiche mitbetroffen waren (und noch immer sind, was die Auswirkungen angeht).
Schwindelanfälle - das Raum dreht vom links nach rechts mit wahnsinnsgeschwindigkeit? Du verlierst ganz kurz die körperlichen Orientierung? Zudem - grosseren Anfälle, wenn überhaupt, kommen eher im Schaf.
So ungefähr fühlt es sich an, ja. Der Verlust der Orientierung ist allerdings wirklich nur ganz kurz und ich bleibe dann meist einfach kurz stehen, bis es vorbei ist.
Es gibt ein Sulci. Transverse Occipital Sulci, geht in der Intraparietale Sulci über. Okzipital und Parietal sind keineswegs voneinander getrennt.
Huch, das verstehe ich nicht wirklich. Was ist ein Sulci?
Man kann wieder Entfernungen noch Winkeln einschätzen. Wird im Raum desorientiert. Hemianopsie (das heißt linke Gesichtsfeld fehlt). Augen sind vollkommen normal, Gehirn kann aber nichts mit Informationen anfangen, kann es nicht integrieren. Augen zu -wo ist das Bein? ist das Arm gehoben oder nicht, wie stehen die Füße? Wissen wir nicht ohne hinzugucken.
Vor meiner Einweisung ins Krankenhaus, war das gesamte linke Gesichtsfeld "weg". Das hat sich aber im Laufe der Behandlung dann erheblich gebessert. Geblieben ist das "komische" Gefühl bezüglich meiner linken Körperhälfte, was jedoch nicht so weit geht, dass ich die Lage der Arme oder Beine nicht benennen könnte. Vorwiegend irritiert mich die linke Hand, die bei Bewegungen ein Gefühl des "Fremdseins" auslöst (im Sinne von; gehört nicht zu mir).
Bei dir ist es noch frisch genug etwas zu machen.
1. MRT Kontrolle sollte gemacht werden - da ist definitiv etwas im Parietallappen nicht in Ordnung.
2. Neuropsychologische Therapie. Wenn nicht möglich (es gibt nicht so viele) Reha am besten (intensives Training).
vorübergehende Notlösung - Ergo der auf Neuro spezialisiert ist.
3. Krankengymnastik nach FNP - Neurospezialisten.
Das werde ich mal mit meinem Hausarzt besprechen, da die Behandlung im Unispital diesbezüglich abgeschlossen wurde. Ob eine Therapie von meiner KK übernommen würde müsste ich abklären. Auch, wo ich sowas machen könnte, da ich noch nicht Auto fahre und aufgrund meiner Gehbehinderung (rheumatische Erkrankung) keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen kann (die sind hier in der Schweiz grösstenteils nicht behindertengerecht eingerichtet).
Du hast Einsicht. Ich hatte es damals nicht - leider. Bei dir ist es frisch. Therapierbar.
Kam bei mir durch meinem Arbeit raus - ich arbeite in der Neuropsychologie.
Darf ich fragen, was bei dir die Ursache war?
Zahlen haben räumliche Beziehung, Rotation ist nicht nur visuell. Kann plus aber nicht minus rechnen. Karten lesen ist so ne Sache...
Ganz ehrlich...ohne Taschenrechner wäre ich aufgeschmissen. :oops: Mit Zahlen kann ich gar nicht, die überfordern mich total. Lesen und auch schreiben jedoch geht, wobei ich vor der Behandlung kaum noch auf der Tastatur schreiben konnte, weil ich die Buchstaben mit der linken Hand nicht mehr finden konnte. Auch die Denkfähigkeit (vor allem Assoziationen) war eingeschränkt. Hat sich aber nach und nach etwas verbessert.

Ich habe nun mal nach diesen Tests gegoogelt und einen gemacht. Ich benötige im Durchschnitt etwa 3-5 Minuten, bis ich die Unterschiede erkennen kann. Teilweise auch länger. Mir scheint, das ist ein gutes Training, das ich nun mal ein wenig weiterführen werde. Danke für diesen Tipp und auch für den Link. Da ich jedoch in der Schweiz zu Hause bin, ist das leider keine Möglichkeit. Aber ich bin sicher, dass mich mein Hausarzt an die Neurologie im Unispital überweisen kann, da wo ich operiert wurde.

Was mich doch noch interessieren würde - es ist also normal, dass viele Symptome erst mal längere Zeit bleiben und nur langsam (oder auch teilweise gar nicht) zurückgehen?
Mir ist zwar bewusst, dass ich mehr als Glück habe, überhaupt noch zu leben, aber ich bin keine geduldige Patientin und will oft schon wieder mehr können, als möglich ist. :roll: :wink:
Wie gehst du damit um, dass gewisse Einschränkungen bleiben, die sich ja doch sehr auf den Alltag auswirken? Da du noch beruflich tätig bist, ist das sicher noch viel schwieriger als für mich, die ja Zeit und Musse hätte um zu heilen und sich an die verbliebenen Probleme zu gewöhnen.

Liebe Grüsse,
jama

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Re: Hirnabszess - lange Heilungsdauer?

Beitrag von Muppet » 06.05.14, 09:48

Hallo,
Was ist eine Sulcus? - die "Graben" oder "Furche" im Gehirn.
Darf ich fragen, was bei dir die Ursache war?
Hirntumor OP ging nach Hintern los. Kam zur Schwellung, Hirnstammödem und Hydrocephalus. Das Hirn wurde verschoben und es kam zu eine Blutung und die Hirnhäute waren an diese Stelle irritiert. Wurde einiges beschädigt, Hirnstamm und Parietallappen sind äußert empfindlich.
Was mich doch noch interessieren würde - es ist also normal, dass viele Symptome erst mal längere Zeit bleiben und nur langsam (oder auch teilweise gar nicht) zurückgehen?
Leider ja.
Mit Therapie kann man sie etwas verbessern oder lernen einiges zu kompensieren. Aber leider nicht alles.
Das Hand gehört mir nicht - ist Neglect Syndrom. Kann man versuchen mit gezielten Krankengymnastik zu therapieren (KG nach PNF). Da wird das Tiefenwahrnehmung etwas verbessert.
Man muss lernen die Linke Seite wieder zu integrieren und als sein eigenenen zu sehen - und möglichst viel benutzen. Kann man auch alleine zu Hause machen.
Es gibt viel Informationen über diese Störung im Internet. Es ist gut einiges zu lesen, damit man es versteht - es werden auch Therapiebeispiele benannt.
Kann man für sich adaptieren und üben.
Auch das Spiel Tangram (gibt's für unter 10 Euro). Hintern im Buch sind die Lösungen (also die Steine sind getrennt dargestellt) mit die fängt man an und versucht die Entfernungen hinzukriegen (ggf. gross kopieren, oder zusätlich als Karten bestellen - Originalen sind sehr klein) und dass nicht alles verdreht ist - entweder von Partner kontrollieren lassen, oder Lineal benutzen, um das Ergebnis zu kontrollieren. Es gibt auch gross gedruckte Vorlagen für Neuropsychologen - weiß aber nicht wie teuer sie sind. Da sind die Entfernungen und Winkeln schwieriger als das normalen Form. Wenn das klappt, versucht man die Formen am Anfang der Anleitung hinzukriegen (sind komplett schwarze Formen).
Auch "Where's Waldo" - es gibt kostenlos online. Trainiert selektiven Aufmerksamkeit und Suchverhalten. Direkt mittig vor der Bildschirm sitzen. Und nicht links vom Bildschirm sitzen, oder Kopf drehen, nur die Augen dürfen bewegt werden! Sonst ist das schummeln.

Lesen geht gut, da die linke Hirnhälfte dafür zuständig ist. Sprachfunktionen (inkl. Lesen, Zeichensprache) bleiben daher heil. Aber... man hält das Buch eher nach rechts.
Wie gehst du damit um, dass gewisse Einschränkungen bleiben, die sich ja doch sehr auf den Alltag auswirken?
Muss früher losfahren, da ich 0 Orientierung habe. Habe Handy Navi, aber kapiere oft nicht, dass man den drehen muss. Naja, so sehe ich etwas von die Welt - nur leider unfreiwillig.
Sonst bin ich halt etwas verpeilter als anderen - muss mehr strukturiert sein. Termine aufschreiben. Visuelle Funktionen soweit wie möglichlich mit sprachlichen kompensieren (z.B. Liste von Straßennamen statt Stadtplan).
Visuelle Reize möglichst niedrig halten - sonst halluziniere ich (wenn nicht auf Antiepileptika). Im Sommer -> Sonnenbrille.
Zum Einkaufen - mehr Zeit nehmen. Schwierig in vollen Regeln eine bestimmte Sache zu finden (auch gutes Trainingsmöglichkeit).
Aber es gibt natürlich Gefahrquellen. Durch diese Körperwahrnehmungsstörung hat man ein höheren Verletzungsgefahr. Man reisst das Hand nicht so schnell weg, wenn man sich verbrennt. Bis ich wußte was los war, war ich ein wandelnde Katastrophe. Passe jetzt mehr auf. Verletzungen halten sich jetzt in Grenzen.

Die Schwindelanfälle bin ich unter Antiepileptika eigentlich komplett los. Ich bin leider oft nicht stehengeblieben. Körper "verschwindet" einfach ein paar Sekunden lang. Kann den so schlecht kontrollieren. Auf ein Fahrrad oder beim Autofahren....böse. Das Schwindel kommt ja komplett ohne Warnung, ist zwar extremst kurz, aber heftig. Das Sicht ist ja auch ganz kurz beeinträchtigt. Man bleibt bei Bewusstsein zwar, aber Handlungsfähig ist man nicht besonders. Ich greife immer unkontrolliert nach links (Kleine Tipp - nicht an heissen Kochtopf festhalten - nicht gut).
Carbamazepin, Oxcarbazepin, Levetiracetam und Lamotrigin haben bei mir alle funktioniert - ist aber ein bißchen Trial und Error was man allgemein am besten verträgt (Nebenwirkungen).

Klingt alles böse, aber ich komme eigentlich allgemein sehr gut zur Recht. OK, meine Neurologin teilt diese Meinung nicht so ganz.
Wie gut man zur Recht kommt, hängt von Einsicht, Verständnis der Defiziten, Fähigkeit alternative Strategien zu finden, geeignete Behandlung und Motivation ab.
Gruß
Muppet

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