Frage zu Contusio Cerebri

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Rainer1967
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Re: Frage zu Contusio Cerebri

Beitrag von Rainer1967 »

Sehr geehrter Hr. Dr.Flaccus,

erkennt man das an irgendwelchen Notizen/Hinweisen auf dem Laborausdruck?

Es liegen zwei Messungen vor, also vermute ich mal das auch einmal ateriell gemessen wurde (Labor Krankenhaus) und beide Werte liegen nicht viel auseinander.
Auf einem Test ist die Temperatur mit 37 Grad mit angegeben.

Es irretiert mich wirklich am meisten, das am Unfallort ein SHT durch den Notarzt aufgenommen wurde und 30 min nach dem Unfall war es dann ein Schleudertrauma der HWS - bevor überhaupt irgendwelche tiefer gehende Untersuchungen durchgeführt wurden, obwohl der Unfallmechanismus dafür sehr unwahrscheinlich ist und meines Wissens nicht schon am Unfallort eine einseitige Bewegungsverlangsamung (linke Seite) bewirkt.

Mit freundlichen Grüßen und einen erholsamen Sonntag,

Rainer

Dr. A. Flaccus
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Re: Frage zu Contusio Cerebri

Beitrag von Dr. A. Flaccus »

Hallo,

normalerweise gibt man bei den Proben "art" (für arteriell) oder "ven." (für venös) mit an.

Die von Ihnen beschrieben Werte müßten eine sofortige Intubation und Beatmung nach sich ziehen, wenn sie arteriell gemessen wurden.

Dazu müßte man dann viele andedre Dinge wissen, die zu diesem Zeitpunkt messbar waren:

- wach? ansprechbar? orientiert?
- "Glasgow Coma Scale" (GCS)?
- Eigenatmung? Frequenz?
- peripher gemessene Sauerstoffsättigung (Sp=2)?

Zu den unterschiedlichen Diagnosen können nur die Beteiligten vor Ort etwas sagen. Das ist aus der Ferne reine Spekulation!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. A. Flaccus
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Rainer1967
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Re: Frage zu Contusio Cerebri

Beitrag von Rainer1967 »

Dr. A. Flaccus hat geschrieben:Hallo,

normalerweise gibt man bei den Proben "art" (für arteriell) oder "ven." (für venös) mit an.

Die von Ihnen beschrieben Werte müßten eine sofortige Intubation und Beatmung nach sich ziehen, wenn sie arteriell gemessen wurden.

Dazu müßte man dann viele andedre Dinge wissen, die zu diesem Zeitpunkt messbar waren:

- wach? ansprechbar? orientiert?
- "Glasgow Coma Scale" (GCS)?
- Eigenatmung? Frequenz?
- peripher gemessene Sauerstoffsättigung (Sp=2)?

Zu den unterschiedlichen Diagnosen können nur die Beteiligten vor Ort etwas sagen. Das ist aus der Ferne reine Spekulation!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. A. Flaccus
Hallo,

- wach und ansprechbar ja, orientiert nein / GCS 15 und Eigenatmung ebenfalls vorhanden
- Frequenz unter Beruhigungsmittel 12, ca. 30 min später (bei Übergabe) 19
- bei den Blutgaswerten habe ich keinen Hinweis auf art oder ven gefunden, Notarzt hat Sauerstoff gegeben - 100 % Sauerstoffsättigung
- Blutdruck 180 / 110 bei HF von 110 nach bei Übergabe KH 158 / 96 und Puls von 105
- Einseitige Bewegungsverlangsamung links, diverse Prellungen links (OSG, Knie, Hüfte, Ellenbogen) sowie rechtes Knie medial
- starke Gurtmarken am li Hals und Bauch - MRT nur an den schmerzenden Gelenken und Teilen der WS
- Bei Sono freie Flüssigkeit im Unterbauch
- keine neurologische Abklärung

- nach dem stationären Auffenthalt : behandelnder Neurologe stellt folgende unfallbedingte Ausfälle fest - negative Bauchhautreflexe (vorher vorhanden), Hypopathie inkl. Pallhypästhesie gesamte linke Seite, Fingerversuche links verlangsamt und unsicher, Babinskirefl. positiv u.s.w eindeutig traumatische Genese (Behandlung durch BG abgebrochen) - Defäk. gestört - geht nur unter Abführmittel
- der nachuntersuchende Neurologe (BG) stellt die gleichen Ausfälle fest, aber keine organische Ursache

Dr. A. Flaccus
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Re: Frage zu Contusio Cerebri

Beitrag von Dr. A. Flaccus »

Guten Tag,

nach diesen Informationen halte ich die mitgeteilten Blutgaswerte für venös.

GCS 15 und auch im Verlauf fehlende Beatmung sprechen m.E. gegen einen manifesten Sauerstoffmangel (Hypoxie).

Die von Ihnen mitgeteilten Defizite sind durch das Trauma gut erklärbar, ein Sauerstoffmangel als Ursache ist hier nicht wahrscheinlich.

Selbstverständlich sind diese Aussagen in ihrem Wert begrenzt - ich kann auch nur Rückschlüsse aufgrund Ihrer Angaben machen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. A. Flaccus
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Rainer1967
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Re: Frage zu Contusio Cerebri

Beitrag von Rainer1967 »

Ich wünsche Ihnen ebenfalls einen guten Tag,

ich gehe genau von diesem Punkt, den Sie erläutert hatten, ebenfalls aus. Es ergeben sich eben aus den vielen Punkten nur diese zwei Möglichkeiten. Eine Halbseitensymptomatik in diesem Unfang, die sofort am Unfallort schon feststellbar ist, da ist es schon komisch das es keine organische Ursache haben soll.

Da war einfach nur die Frage ob es ev. ein Sauerstoffmangel hätte sein können, was aber auf Grund des Ablaufes eher am unwahrscheinlichsten ist.

Die Behandlung durch den Notarzt überdurchschnittlich gut (so wie man sich das vorstellt) und im Krankenhaus war auch völlig i.O. - Schockraum u.s.w. / es ist nur komisch, was dann an Schriftlichen bei dem Kostenträger raus kommt.

Vielen Dank für die Mühe und eine schöne Woche,

Rainer

Rainer1967
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Re: Frage zu Contusio Cerebri

Beitrag von Rainer1967 »

Hallo,

auch zu diesem Thema ein kurzes Upgrade. Der Leistungsträger hat sämtliche Ansprüche abgelehnt mit der Begründung das die Folgen nicht unfallbedingt wären, entweder durch die Borreliose (und da lach ich mich mal krank :lachen: ) oder degenerativ.
Zu unserem Glück war es noch nicht zu spät wenigstens einen Teil der Folgen zu behandeln.

Bezüglich der verletzten Schulter hat sich eine Ossifikation des Ligm. coracoacromiale (große knöchernde Randanbauten) ohne Hinweis auf degenerative Veränderungen herausgestellt - OP Befund.
Die Halbseitenstörung und die Obstipation bestehen immer noch. Die Halbseitenstörung ist wohl auf eine Contusio spinalis (in Verbindung mit der Contusio cerebri) zurück zu führen, da die Störung ab dem HWK 4/5 besteht und sich auch dort deutliche knöchernde Abauten gebildet haben und auch die Obstipation ist auf eine motorische Darmstörung zurück zu führen.

LG Rainer

Rainer1967
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Re: Frage zu Contusio Cerebri

Beitrag von Rainer1967 »

Also für die, die sich soviel Mühe gemacht haben und uns ein wenig den Weg gewiesen haben.

Das erstbehandelnde Krankenhaus hatte nicht nur in den Abrechnungsunterlagen eine Hirnstammschädigung mit ICD S06.9 hinterlegt, sondern auch die nunmehr an den Leistungsträger bestätigte Epikrise enthält ebenfalls die gleiche ICD.

Ich kann mir jetzt natürlich auch denken, warum bei der Entlassung kein Arztbrief ausgehändigt wurde. Denn auf diesem fehlen sämtliche Unterschriften der behandelnden Ärzte und ausgefertig wurde dieser durch den D-Arzt im Krankenhaus mit der Prognose: nach 14 Tagen wieder arbeitsfähig.
Hierauf fehlen zwei Diagnosen (inkl. der Hirnstammschädigung) und andere wurden im Vergleich zur Epikrise inhaltlich verändert.

Liebe Grüße, Rainer

Muppet
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Re: Frage zu Contusio Cerebri

Beitrag von Muppet »

Hallo,
S06.9 ist keine spezifischen Diagnosenschlüssel. Nimmt man für Hirnerschütterungen mit kurze Bewusstlosigkeit.
ICD- S = quasi alles was man in der Notfallmedizin sieht, Vergiftungen, Verletzungen usw. (also vorübergehende, bzw. "Momentbefunde").

Chronisch Neurologisch = G Diagnosen.
Zwei ganz verschiedene Sachen.
Steht einen "Z" dahinter -> abgeschlossen (z.B. nach einem OP).

Hirnstammschädigung ist sehr schwerwiegend, da es oft sehr viele überlebendswichtige Funktionen betrifft. Wenn das Hirnstamm durch einem Aufprall verletzt wird (und dafür muss das Aufprall enorm stark sein), sieht es schlecht aus - scheint hier eine Verwechslung zu geben.
Trauma bedingte Hirnstammschädigungen sind sehr, sehr oft tödlich. Unwahrscheinlich das das hier passiert ist.
Schmerz- und Beruhigungsmitteln machen auch Amnesie.
Entlassungsbrief und Endepikrise sind auch nicht das Gleiche, da beim Endepikrise 3 Leute drauf schauen und es wird auch nochmal mit der Akte verglichen. Der vorläufigen (Entlassungs-)Brief wird schon beim Ankunft des Patients oft angelegt und nach und nach erweitert. Endepikrise ist darauf aufgebaut und etwas detaillierter, da alle Befunde und Verlauf bekannt sind.
Gruß
Muppet

Rainer1967
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Re: Frage zu Contusio Cerebri

Beitrag von Rainer1967 »

Hallo Muppet,

es gab keinen Entlassungsbrief der Station, wurde verweigert mit der Begründung bei einem Wegeunfall gibt es sowas nicht (war ein normales Krankenhaus mit D-Arzt, der aber selbst nicht behandelt hat). Es fanden keine weiteren Behandlungen in diesem Krankenhaus statt, somit kann man dort überhaupt keine vorlaufenden Diagnosen stellen.

Die interkraniale Verletzung ist als Diagnose hinterlegt, aber sei es drum. Fakt ist, das diese (wie auch einige andere Diagnosen der behandelnden Ärzte) nicht weiter geleitet wurde.

Wenn man eine Hemiparese mit Ausfall der kompletten Sensibilität auf der linken Körperhälfte (durch zwei verschiedene Neurologen erhoben), Kraftverlust in den Händen (schlaffe Parese), Störung der motorischen Darmfunktion mit chronischer Obstipation, Gedächtnisstörungen, chron. Kopfschmerzen nicht als schwere Störung bezeichnet (extreme Blutdruckschwankungen, Sehstörungen u.s.w.) dann weiß ich auch nicht.

Klar war es eine extreme Krafteinwirkung, 70 km/h Aufprall von der Seite so das Motorblock reißt und das Fahrzeug um 90 Grad herumgeschleudert wird und man kann per einfacher Rechnung die auf dem Köper einwirkende Kraft auf mindestens 40 G festlegen.
Die Amnesie wurde durch die Notärzte aufgenommen, also bevor noch Schmerz oder Beruhigungsmittel wirkten und auch die einseitige Bewegungsverlangsamung, soweit wir heute wissen Transport mit Rettungshubschrauber vom Unfallort.
Also direkt nach dem Unfall festgestellt und durch Notarzt dokumentiert, lt D-Arzt nicht vorhanden und 2 Wochen später wieder durch einen Neurologen festgestellt.
Die Hemiparese hat sich langsam verbessert, der Rest ist geblieben.

Übrigens sind die Coup Contre Coup Verletzungen in den Schnittaufnahmen der HWS zu sehen, auch Blutungsherde im Bereich des Hirnstamms - auch wenn kein Schädel-MRT gemacht wurde. eine Fehlstellung des Dens und eine unfallbedingte Spondylose, auch eine Ossifikation in der Schulter bildet sich ja nicht ohne Grund.

Liebe Grüße, Rainer

Muppet
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Re: Frage zu Contusio Cerebri

Beitrag von Muppet »

Hallo,
bei Hirn bedingte Hemiparesen ist das Gesicht betroffen.
Beide machen Kopfschmerzen - HWS eher stärker. Das Gehirn ist nicht schmerzempfindlich, nur die Hirnhäute - Schwellung weg, wird es besser.
Gehirn eher spastische Paresen, Wirbelsäule eher schlaffen.
Intrakranielle Verletzung ist sehr schwammig - heißt leider alles und nichts.
Blut am Hirnstamm kann von beides kommen, nur wenn ein Gefäß am Hirnstam platzt gibt es auch kognitive Ausfälle.

Wollte nicht damit sagen, dass die Verletzungen nicht schlimm sind. Habe aber viele Hirnstammverletzungen gesehen, die im Koma oder Tod geendet haben.

Gruß
Muppet

Rainer1967
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Re: Frage zu Contusio Cerebri

Beitrag von Rainer1967 »

Hallo Muppet,

vielen Dank für die Antwort. Ich kann noch nicht alle Einzelheiten beschreiben, leider.

Nur soviel, damit Sie meine Gedanken nachvollziehen können, im ersten D-Arzt Bericht an die Berufsgenossenschaft steht als Diagnose - ich zitierte: "multiple Prellungen" (das war die einzig genannte Diagnose) Arbeitsfähigkeit innerhalb von 14 Tagen wieder gegeben, keine traumatischen Schädigungen, Beratung durch die BG nicht notwendig.

Selbst wenn man von einer noch dynamischen Entwicklung der Folgen ausgeht, so ist das wohl jenseits von Gut und Böse. Es wurde keine weitere neurologische Diagnostik durchgeführt. Es reichte, das ein Neurologe eines UK die Befunde bestätigt hatte und der Meinung war, das es nicht auf den Unfall zurück zu führen sei und das obwohl ihr behandelnder Neurologe eindeutig die Unfallbedingtheit, durch Vorbefunde untermauert, festgestellt hatte.

Liebe Grüße, Rainer

Micha80
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Re: Frage zu Contusio Cerebri

Beitrag von Micha80 »

Hallo Rainer,

wie Äusern sich denn die Blutdruckschwankungen?
Wurden mal MRTs der Wirbelsäule angefertigt? möglich das da noch etwas probleme macht.

Grüße Micha

Rainer1967
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Re: Frage zu Contusio Cerebri

Beitrag von Rainer1967 »

Hallo Micha,

ja klar ist zusätzlich was an der Wirbelsäule, der behandelnde Neurologe geht zusätzlich von einer contusio spinalis an der HWS aus. Es haben sich auch Spondylosen an der HWS gebildet (nach dem Unfall waren diese innerhalb von 2 Monaten bei einem wiederholten MRT dann nachweisbar).
Es bestand auch eine Wirbelsäulensteilstellung nach dem Unfall.

Direkt nach dem Unfall war auch die Hemiparese nachweisbar, welche sich gebessert hat aber leider nicht weg ist. Seither ist ja auch die motorische Darmstörung mit chr. Obstipation vorhanden.

Zusätzlich sind nunmehr die Reflexe an den Unterarmen beidseitig erheblich verstärkt (Begutachtung vor kurzem zu einem anderen Vorgang), obwohl diese vor dem Unfall durch die Polyneuropathie nur schwach auslösbar waren.

LG Rajo

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