PM: Demenz-Studie: Einsatz von Psychopharmaka hochbedenklich

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jaeckel
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PM: Demenz-Studie: Einsatz von Psychopharmaka hochbedenklich

Beitrag von jaeckel »

Demenz-Studie: Einsatz von Psychopharmaka hochbedenklich


- Bremer Arzneimittelexperte Prof. Gerd Glaeske kritisiert
Fehlversorgung mit Neuroleptika
- Hausärzt*innen in der Zwickmühle
- "Aktivierende Pflege statt chemischer Ruhigstellung"

Rund 30 % aller demenzerkrankten männlichen hkk-Versicherten bekamen
im Zeitraum eines Jahres mindestens einmal ein Psychopharmakon
verordnet, obwohl diese Medikamente bei Menschen mit Alzheimerdemenz
mehr schaden als nutzen. Dabei handelt es sich größtenteils um
Neuroleptika, die üblicherweise bei Schizophrenie und Psychosen
angewendet werden. Das ist das Ergebnis des aktuellen Demenzreports
der Universität Bremen unter der Leitung des Arzneimittelexperten
Prof. Gerd Glaeske in Kooperation mit
der hkk Krankenkasse.

Bremer Arzneimittelexperte Prof. Gerd Glaeske kritisiert
Fehlversorgung mit Neuroleptika

Die Neuroleptika-Fehlversorgung belastet männliche und weibliche
Patienten in ähnlicher Weise. Die Analysen zeigen, dass der
prozentuale Anteil der betroffenen hkk-Versicherten mit
Neuroleptika-Verordnungen über die Jahre insgesamt sogar angestiegen
ist.

Unterschiedliche Psychopharmaka und Schlafmittel, vor allem
Neuroleptika und Benzodiazepine, werden zusammengenommen deutlich
häufiger verordnet als Antidementiva. Diese sollten trotz mancher
Zweifel an ihrer Wirksamkeit jedoch bevorzugt eingesetzt werden, um
die Chance zu erhöhen, das Fortschreiten der Demenz zu verlangsamen.

"Es gibt keinen Grund, Demenzerkrankte mit konventionellen
Neuroleptika zu behandeln, da nicht belegt ist, dass diese
Medikamente Verhaltensstörungen bei den Betroffenen positiv
beeinflussen", sagt Glaeske.

Darüber hinaus verdichten sich seit einigen Jahren die Hinweise, dass
Neuroleptika bei Demenzerkrankten schwerwiegende unerwünschte Folgen,
wie etwa Herzinfarkt, Schlaganfall sowie Lungenentzündung, haben
können und mit einer insgesamt erhöhten Sterblichkeit zu rechnen ist.
Die noch immer häufige Verordnung ist auch deshalb besorgniserregend,
weil die Zulassungsbehörden und auch die pharmazeutischen Unternehmen
die Ärzt*innen schon vor mehr als zehn Jahren auf das erhöhte
Sterberisiko
hingewiesen haben.

Außerdem können Neuroleptika bei Ruhelosigkeit und sogenanntem
herausfordernden aggressiven Verhalten von Demenzpatient*innen
möglicherweise zu einem rapiden Verfall der kognitiven
Leistungsfähigkeit beitragen. Glaeske: "Eine kurzfristige Anwendung
ist lediglich dann vertretbar, wenn die Betroffenen ohne
entsprechende Medikation eine unbeherrschbare Gefährdung für sich
oder andere sind."

Hausärzt*innen in der Zwickmühle

Als Ursache für die häufige Anwendung von Neuroleptika über lange
Zeiten nennen Forscher [1] unter anderem emotionales Stressempfinden
bei den Betreuungspersonen (überwiegend bei den Pflegenden), das von
Hilflosigkeit, Überforderung, Ärger, Unzufriedenheit und körperlicher
Bedrohung geprägt ist.

Die Bremer Hausärztin und Geriaterin Heike Diederichs-Egidi kennt die
immensen Belastungen von Angehörigen und Pflegekräften aus ihrem
Praxisalltag: "Es ist für alle extrem belastend, wenn ein dementes
Familienmitglied jede Nacht Kinder und Eltern aufweckt. Die Kinder
schlafen in der Schule ein und die Eltern sind praktisch
arbeitsunfähig. Da befinde ich mich als Hausärztin in einer
Zwickmühle - wem werde ich jetzt wie gerecht und wessen
gesundheitliches Risiko schätze ich höher ein?" Natürlich
verschreibe sie dann zunächst Neuroleptika, damit sich die Situation
entschärft. Denn die gesundheitlichen Belastungen seien auch für
pflegende Angehörige und Pflegekräfte enorm. "In den Pflegeheimen
kommt der Personalmangel hinzu - diese Situation erlebe ich zunehmend
als unwürdig." Gleichwohl lehnt auch sie die längerfristige
Verordnung von Neuroleptika ab.

"Aktivierende Pflege statt chemischer Ruhigstellung"

Glaeske fordert deshalb, dass Verhaltensstörungen bei Demenz
vorrangig durch eine Optimierung der Pflegesituation, ein gezieltes
Training von Alltagsfertigkeiten oder durch milieutherapeutische
Maßnahmen wie Ergotherapie behandelt werden. "Das Wichtigste ist, für
die Erkrankten so lange wie möglich ihre Würde sowie ihre
Alltagsfähigkeiten aufrechtzuerhalten und ihnen Erinnerungen aus
ihrer früheren Lebenszeit zu bewahren. Die immer noch weit
verbreitete Verordnung von ruhigstellenden Mitteln bei
Menschen mit Demenz ist langfristig keine akzeptable Strategie", sagt
der Bremer Arzneimittelexperte. "Insgesamt sollten zudem die sich
mehrenden Hinweise auf Präventionsmöglichkeiten zur Verringerung der
Alzheimerdemenz berücksichtigt werden - Bewegung, Ernährung,
Kommunikation und Beschäftigungsmöglichkeiten gehören dazu."

Diederichs-Egidi empfiehlt darüber hinaus die Verwendung von
Biografiebögen und auf die jeweilige Person zugeschnittene
Beschäftigungsangebote in Pflegeheimen, um den individuellen
Bedürfnissen und Erfahrungen der Patient*innen gerecht werden zu
können. "Nicht jeder will tagein, tagaus Mensch ärgere Dich nicht
spielen", so Diederichs-Egidi. Eine individuelle Ansprache helfe
Demenzerkrankten, sich zu beruhigen.

[1] Höwler E (2010). Herausforderndes Verhalten bei Personen mit
demenziellen Veränderungen aus der Perspektive von Pflegenden -
Erleben und Strategien. Stuttgart: Kohlhammer.

Unterstützung und eine kostenlose Beratung für Betroffene und
Angehörige gibt es unter http://www.wegweiser-demenz.de ,
http://www.deutsche-alzheimer.de und für Bremen unter
http://www.diks-bremen.de/

Der Report und die Präsentation von Prof. Dr. Glaeske sind zu finden
unter: http://www.hkk.de/presse/pressemitteilungen .

Über die hkk Krankenkasse (Handelskrankenkasse): Die hkk zählt mit
mehr als 700.000 Versicherten (davon mehr als 550.000
beitragszahlende Mitglieder), 23 Geschäftsstellen und 2.100
Servicepunkten zu den großen gesetzlichen Krankenkassen. 2019 betrug
das Versichertenwachstum mehr als 50.000 Kunden. Mit ihrem
Zusatzbeitrag von 0,39 Prozent ist sie das sechste Jahr in Folge die
günstigste deutschlandweit wählbare Krankenkasse. Zu den
überdurchschnittlichen Leistungen zählen unter anderem mehr als
1.000 Euro Kostenübernahme je Versicherten und Jahr für Naturmedizin,
Vorsorge sowie bei Schwangerschaft. Das vorteilhafte
Preis-Leistungs-Verhältnis wird durch eine über Jahrzehnte gewachsene
Finanzstärke und Verwaltungskosten ermöglicht, die mehr als 25
Prozent unter dem Branchendurchschnitt liegen. Die rund 1.000
Mitarbeiter*innen der 1904 gegründeten hkk betreuen ein
Ausgabenvolumen von mehr als 2,5 Mrd. Euro (2,0 Mrd. Euro für die
Kranken- und 500 Millionen Euro für die Pflegeversicherung).

Pressekontakt:
Prof. Dr. Gerd Glaeske
Tel.: 0421.2185 8559
E-Mail: mailto:glaeske@uni-bremen.de

hkk Krankenkasse (Handelskrankenkasse), Martinistr. 26, 28195 Bremen
Holm Ay Tel.: 0421.3655 1000
Maike Habben Tel.: 0421.3655 3147
Ilja Mertens Tel.: 0421.3655 3177
E-Mail: mailto:presse@hkk.de; Internet: http://www.hkk.de

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