Langzeitprognose bei Basalganglienblutung

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PeterG
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Langzeitprognose bei Basalganglienblutung

Beitrag von PeterG » 25.12.12, 17:18

Hallo,

Mein Vater hatte gestern nach einem Nachmittagsschlaf starke Koordinationsstörungen und Lähmungen der linken Körperhälfte, woraufhin der Notarzt gerufen und mein Vater ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Diagnose: Hirnblutung. Er wurde noch am selben Abend operiert, heute wurde uns mitgeteilt, dass es sich um eine große Basalganglienblutung handelte. Auf dem Röntgenbild ist die Blutung zu sehen, sie umfasst etwa 1/3 der Hirnhälfte.
Beim heutigen Kontroll-CT konnten keine Nachblutungen festgestellt werden, er ist auch ansprechbar, die Lähmung hält allerdings an. Nun habe ich jedoch gelesen, dass die Langzeitprognose bei Basalganglienblutungen ziemlich schlecht ist, dass nur noch ca. 1 Drittel der Patienten nach einem Jahr lebt. Woran liegt das aber? Sind daran Nachblutungen schuld? Kann man die Gefahr irgendwie reduzieren? Und ist irgendwann ein Punkt erreicht, an dem man "aus dem Schlimmsten raus ist" oder besteht permanent weiter die Gefahr, dass das ganze tödlich verläuft?

Würde mich über Antworten sehr freuen.

Vielen Dank und schöne Feiertage,
Peter

Muppet
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Re: Langzeitprognose bei Basalganglienblutung

Beitrag von Muppet » 25.12.12, 18:57

Hallo,
die Basalganglien gehören zu der Schaltstelle im Gehirn. Eine Blutung hier hat meist ein schlechte Prognose, da durch das Blutung lebenswichtige Stukturen beschädigt werden können. Blutgase sind für Hirngewebe toxisch, d.h. Hirnzellen schwellen an, werden unterversorgt und sterben, durch dieses Prozess schwillt es mehr an, es kann ein Schlaganfall entstehen- Teufelskreislauf. Das kann auch das Ventrikelsystem schnell blockieren - Hirndruckansteig.Schwellungen können dann Thalamus und Hirnstamm beschädigen - im schlimmsten Fall wacht man dann nie wieder auf - daher ist das allgemeine Prognose schlecht - Beschädigung der Thalamus.

Bei deinem Vater ist wohl schnell genug eingeschritten worden - dass er so schnell wach ist, ist sehr positiv zu betrachten, viele liegen erstmal im Koma - das heisst, der Thalamus/lebenswichtige Strukturen sind völlig unbeschädigt geblieben, das Schaden hält sich in Grenzen. Auch dass das Blutung gestoppt werden könnte, ist positiv- verhindert ja weitere Schaden.

Größter Risiken sind: Nachblutung, Schwellungen, Schlaganfall und Hydrocephalus. Hauptrisikofaktor ist Bluthochdruck. Ein versorgten Aneurysma hat eher nur ein Post-OP Schwellung als Risikofaktor.

Das Risiko sinkt nach ca. 1 Woche bzgl. Schwellung und Nachblutung. Wie hoch weitere Risiken sind hängen von Grunderkrankungen/Grund warum das Blutung entstanden ist, ab. Wie gesagt, Bluthochdruck ist das größtes Risiko, dass es nochmal auftritt.
Nach einem Jahr kann man eine Prognose bzgl. Defizite stellen.
Ich wünsche Euch alles Gute
Muppet

PeterG
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Re: Langzeitprognose bei Basalganglienblutung

Beitrag von PeterG » 25.12.12, 20:36

Hallo Muppet, lieben Dank für deine Antwort. Ich habe gerade nochmal mit einem Pfleger gesprochen: offenbar ist die Aussage der Ärztin, die Blutung sei gestoppt worden, nicht richtig. Im CT konnten noch immer "ziemlich große Mengen Blut" gesehen werden, und man müsse nun abwarten, wie sich das entwickelt. Ich weiß aber nicht, ob es sich um eine Nachblutung handelt oder um Restblut der ersten Blutung.Naja, wenigstens ist er noch immer bei Bewusstsein.

Muppet
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Re: Langzeitprognose bei Basalganglienblutung

Beitrag von Muppet » 25.12.12, 21:11

Hallo,
Restblut wird noch sehr lang zu sehen sein, wenn es nicht wahrend der OP ausgesaugt wurde, was oft nicht möglich ist ohne gesunde Gewebe zu verletzen ist - das sieht man noch Monate später. Wichtig ist, das die Menge nicht mehr wird.
Was war die Ursache für das Blutung?
Alles Gute
Muppet

PeterG
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Re: Langzeitprognose bei Basalganglienblutung

Beitrag von PeterG » 25.12.12, 21:13

Hallo Muppet, danke für deine Antwort. Die Ursache für die Blutung ist bisher unklar. Mein Vater litt meines Wissens nicht an Bluthochdruck. Kurz vor Beginn der ersten Symptome hatten meine Eltern Geschlechtsverkehr. Mehr ist uns leider auch nicht bekannt.

PeterG
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Re: Langzeitprognose bei Basalganglienblutung

Beitrag von PeterG » 26.12.12, 15:02

Hallo, nochmals ich. Wir haben ihn heute wieder besucht. Er kann etwas besser sprechen, aber er schläft sehr viel. Er hat immer nur kurz die Augen aufgemacht und mit uns gesprochen, aber dazwischen ist er immer wieder in einen leichten Schlaf gefallen (der laut Pfleger nicht sehr tief ist). So viel hat er gestern nicht geschlafen, auch heute Morgen am Telefon wirkte er fitter. Ist es normal, dass er am 2. Tag nach der OP (die war abends am 24.) so viel schläft? Auch war seine rechte Gesichtshälfte sehr stark geschwollen (vor allem am Auge). Beim Sprechen hat uns nicht richtig fixieren können, seine Augen sind immer umher gewandert. Ich weiß jetzt nicht genau, was ich davon halten soll.
Grüße, Peter

Dr. A. Flaccus
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Re: Langzeitprognose bei Basalganglienblutung

Beitrag von Dr. A. Flaccus » 26.12.12, 17:13

Guten Abend!
Ich weiß jetzt nicht genau, was ich davon halten soll.
Die Antwort hat Muppet bereits gegeben:
Nach einem Jahr kann man eine Prognose bzgl. Defizite stellen.
Man braucht jetzt sehr viel Geduld! Das was Sie beschreiben ist für eine derartige Blutung schon ein sehr gutes Früh-Ergebnis! (Was leider nicht bedeutet, das es auch so bleibt - s. Muppets Beitrag oben).

Es wird in den folgenden Tagen oft ein "Auf und ab" geben. Der neurologische Zustand wird wechseln, es gibt gute und schlechte Tage.
Den Gesamtverlauf muß man über Wochen und Monate hinweg sehen.

Hier spielen Neurologen und Physiotherapeuten eine entscheidene Rolle.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. A. Flaccus
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PeterG
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Re: Langzeitprognose bei Basalganglienblutung

Beitrag von PeterG » 26.12.12, 17:40

Vielen Dank für Ihre Antwort. Also muss diese Schläfrigkeit (Somnolenz?) nicht automatisch als eine Vorstufe zum Koma gesehen werden? Wir haben eben Angst, dass diese Bewusstseinstrübung nun immer schlimmer wird.

Dr. A. Flaccus
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Re: Langzeitprognose bei Basalganglienblutung

Beitrag von Dr. A. Flaccus » 26.12.12, 17:45

Hallo,
Dr. A. Flaccus hat geschrieben:Man braucht jetzt sehr viel Geduld! Das was Sie beschreiben ist für eine derartige Blutung schon ein sehr gutes Früh-Ergebnis! (Was leider nicht bedeutet, das es auch so bleibt - s. Muppets Beitrag oben).

Es wird in den folgenden Tagen oft ein "Auf und ab" geben. Der neurologische Zustand wird wechseln, es gibt gute und schlechte Tage.Den Gesamtverlauf muß man über Wochen und Monate hinweg sehen.
Details können Ihnen nur die behandelnden Ärzte vor Ort mitteilen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. A. Flaccus
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Re: Langzeitprognose bei Basalganglienblutung

Beitrag von Muppet » 26.12.12, 17:51

Hallo,
das man schläfrig wird, ist ganz normal. Dein Vater hat sehr viel durchgemacht und ein Hirn-OP nach eine Blutung ist ein massiven Belastung für der Körper - es braucht am Anfang irre viel Energie nur ein paar Stunden wach zu bleiben- es ist als wäre man 10 Marathons hintereinander gelaufen.
Dieses auf und ab, der Dr Flaccus beschrieben hat, wird erstmal anhalten. Es wird gute und schlechte Tagen geben. Eine Blutung ist ganz anders wie z.B. "nur" ein Hirntumor OP und der Körper braucht tierisch Energie sich davon zu erholen.
Aus eigene Erfahrung kann ich sagen, in die ersten Wochen ist alles extrem anstrengend, sich zu konzentrieren und sich zu unterhalten, kann schon ein wahnsinns Energie kosten. Das die Augen wegdriften ist ebenfalls in dieses Stadium normal - ist ja erst den 3. Tag.

Wie gesagt, dass deiner Vater so schnell wach wurde, ist an sich eine starke Leistung. Man darf nicht zu viel erwarten.
Das Schwellung kann durch den OP kommen und auch durch die Medikamente, um Hirnschwellungen zu verhindern.
Alles Gute
Muppet

PeterG
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Re: Langzeitprognose bei Basalganglienblutung

Beitrag von PeterG » 26.12.12, 18:30

Vielen Dank für die Antworten!

PeterG
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Re: Langzeitprognose bei Basalganglienblutung

Beitrag von PeterG » 27.12.12, 16:59

Hallo, ich nochmal - sorry.
Wir waren heute wieder bei ihm. Er ist zwar noch benommen, aber bei Bewusstsein - er kann sich bis auf die Zeit unmittelbar vor der Blutung erinnern, er wusste auch, welche Termine er noch hatte und welche Leute wir anrufen sollen usw. Er hat sogar Humor. Allerdings stieg sein Blutdruck deutlich an, während wir bei ihm waren (166/77). Die Schwester war etwas nervös und versuchte ihn mit Medikamenten zu senken. Die Besuchszeit war dann auch schon wieder vorbei. Zuvor hatten sie ihn eine Stunde in einen Stuhl gesetzt - was wir auch etwas merkwürdig finden, da so etwas ja sehr anstrengend für ihn sein muss.
Ist es denn normal, dass der Blutdruck immer wieder ansteigt? Er hatte nie Bluthochdruck, eher im Gegenteil. Ist das ein schlechtes Zeichen? Laut Aussage des Chirurgen war die Blutung "sehr groß", das Volumen konnte er uns aber nicht sagen, da es schon eine "feste Masse" gewesen sei. Sorgen macht uns immer noch die hohe Mortalität bei so großen Blutungen (hab was von 90% gelesen)... :(

PeterG
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Re: Langzeitprognose bei Basalganglienblutung

Beitrag von PeterG » 22.04.13, 12:37

Hallo, ich wollte noch erzählen, wie es seitdem weiterging - für alle ebenfalls Betroffenen, die per Google oder anderweitig auf dieses Thema stoßen.
Mein Vater war drei Monate in der Reha am Bodensee und ist jetzt seit ca. einem Monat wieder daheim. Es geht ihm relativ gut, er ist geistig fit, hat aber immer mal schwierige depressive Phasen. Seine linke Körperhälfte ist noch immer gelähmt, aber er kann wenigstens das Bein so weit bewegen, dass er am Stock gehen kann. Vor etwa drei Wochen hatte er einen epileptischen Anfall, seitdem fällt ihm das Gehen wieder schwerer. Seine Halbseitenblindheit ist wohl eine Mischform aus Hemianopsie und Neglect, laut Aussage der Ärzten besteht aber Aussicht auf (leichte) Besserung. In Anbetracht der Schwere der Blutung sind wir sehr glücklich darüber, dass er es schon so weit geschafft hat und hoffen sehr, dass es gut weiter geht. Seinem Beruf wird er nicht mehr nachgehen können und auch sein geliebtes Auto kann er nicht mehr fahren, aber er nimmt wieder aktiv am Leben teil. Auch in solchen Fällen gibt es also Hoffnung...

Muppet
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Re: Langzeitprognose bei Basalganglienblutung

Beitrag von Muppet » 22.04.13, 14:43

Hallo,
das ist toll! Mit körperliche Schaden kann man erst nach ca. 4 Jahren sagen, was davon bleibt - in der Zeit sind weitere Verbesserungen möglich.

Wg. Epilepsie. Es ist leider eine häufige Folgeeffekt. Es gibt ein Antiepiletika -Lamotrigin, der man auch bei Bipolar einsetzt. Es ist effektiv sowohl als Mono- oder als Zusatztherapie bei fokale und generalisierten Epilepsien. Es hat eine Stimmungsaufhellende Wirkung und viele Epileptiker finden, dass Konzentration steigt und Depressionen werden erheblich besser. Daher wird es auch in depressiven Phasen bei Bipolar eingesetzt. Es hat auch wesentlich weniger Nebenwirkungen als die meisten Antiepileptika. Nachteil: Aufdosierung braucht ca. 6 Wochen.

Das Hirn braucht eine Woche um sich von einem großen Anfall zu erholen, da es sehr viel Energie verbraucht, weil die Energievorrate so schnell verbraucht werden, stellt sich das Hirn auf Sparflamme und kognitive Funktionen werden ein paar Tage lang runtergefahren. Daher ist es auch wichtig der Epilepsie im Griff zu kriegen.
Alles Gute
Muppet

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