24-Stunden-Lärmbelastung durch Infusionsgeräte

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gould
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24-Stunden-Lärmbelastung durch Infusionsgeräte

Beitrag von gould »

Hallo,

meine Geschichte klingt fast unglaublich, ist aber wahr und sicher kein Einzelfall:

Mein Mann war wegen schwerer Komplikationen nach einer Stammzelltransplantation 4 1/2 Monate im Krankenhaus, wurde dabei parenteral ernährt und erhielt auch fast alle Medikamente intravenös. Die Infusionsgeräte meldeten Alarm, wann immer eine Infusion zuende war etc. - durchschnittlich ca. 1-2mal stündlich, Tag und Nacht! Bei jedem Alarm musste er selbst klingeln, damit die Schwester kam und die Infusion in Ordnung brachte. Ein normaler Nachtschlaf war nicht möglich. Besonders schlimm war es, wenn es technische Schwierigkeiten beim Einstellen des Gerätes gab und es dann nach wenigen Minuten erneut Alarm gab, etc.etc.

Der Zustand meines Mannes besserte sich trotz aller Behandlungen nicht und nach 4 1/2 Monaten starb er auf eigenen Wunsch durch Abstellen der Infusionen...

Meine Frage: Gibt es beim heutigen Stand der Technik nicht die Möglichkeit, den Alarm von Infusionsgeräten, zumindest nachts, so einzustellen, dass der Patient davon nichts mitbekommt, d.h. nachts schlafen kann?

Mit besten Grüßen
Ulrike

Beje
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Re: 24-Stunden-Lärmbelastung durch Infusionsgeräte

Beitrag von Beje »

hallo,

ich selbst war viele Jahre Krankenschwester, auch im Nachtdienst.
Wir handhabten es immer so, dass wir "wussten" wer welche Infusionen oder parenterale Zugänge hatte, auch wenns mehrere waren.
Demnach gingen wir immer nach abgeschätzter Zeit "vor" dem Piepsen ins Zimmer und wechselten auch wenn noch minimal was in der Infusion oder dem Perfusor vorhanden war.
Natürlich kam es auch mal vor, dass einer zu spät kam und es dennoch piepste, dies war aber nie die Regel.

Das was Ihrem Mann wiederfahren ist, tut mir sehr leid und ich hoffe nicht, dass dies alltäglich in Kliniken vorkommt.
Inzwischen weiß ich aber auch von alten Kollegen, dass die Zeit für die Bewältigung der Klinikschichten immer knapper wird..auch wenn das für Sie jetzt kein Trost ist. :kopfstreichel:

Liebe Grüße
Beje

gould
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Re: 24-Stunden-Lärmbelastung durch Infusionsgeräte

Beitrag von gould »

Liebe Beje,

ja, das haben die Nachtschwestern dort auch getan und ich bin sehr dankbar für die Einfühlsamkeit der Schwestern, die wirklich versucht haben, dem "Piepsen" zuvor zu kommen. Aber bei sovielen Infusionen war das eben nicht immer möglich - vor allem, wenn es dann nach wenigen Minuten schon wieder piepste. In manchen Nächten konnte mein Mann, wegen Problemen mit den Infusionsgeräten, praktisch gar nicht schlafen.. und das bei einem so schwer kranken Menschen...

Ganz am Schluss wurde dann überlegt, ob die Alarmsignale direkt ins Schwesternzimmer geleitet werden könnten - leider etwas zu spät. Ich wundere mich nur, warum das technisch so schwer machbar ist .. Man könnte doch das Alarmgeräusch (das schon ziemlich laut war, nicht nur ein Piepsen) ganz abschalten, so dass es nur draußen an der Tür leuchtet, aber die Geräte ließen das nicht zu.

Ich finde, dass da eigentlich auch den Schwestern etwas abverlangt wird, was eigentlich Sache der Krankenhaustechniker ist oder des Krankenhaus-Management, da was zu ändern ..
LG,
Ulrike

der Matze
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Re: 24-Stunden-Lärmbelastung durch Infusionsgeräte

Beitrag von der Matze »

Guten Tag gould,

so einfach wie es sich anhört, ist das nicht.
Alarme sind nicht ja nicht nur dafür da, dass Infusionen rechtzeitig gewechselt werden können, sondern signalisieren eben auch Probleme mit den Infusionen, beispielsweise Luft im System, abgeknickte Schläuche, ein verstopfter Venenzugang etc. Die Alarme auszuschalten oder so leise zu schalten, dass sie niemand hört, ist daher unverantwortlich.

Moderne Infusionsgeräte können ihre Daten an Computer übermitteln, allerdings sind nicht nur die Geräte sehr teuer, sondern das ganze erfordert in der Regel auch umfangreiche Umbaumaßnahmen. Der Informationsgewinn auf einer Normalpflegestation ist demgegenüber nur gering, also wird kein Haus allein aus diesem Grund, die Alarme zentral anzeigen zu lassen, so etwas realisieren. Darüber hinaus muss auch bei einer Zentralisierung sichergestellt werden, dass im Zimmer Alarme hörbar sind, denn was bringt es, wenn im Stationszimmer der Alarm angezeigt wird, die Pflegekräfte allerdings im Zimmer sind und davon nichts mitbekommen.

Ich verstehe, dass es für Patienten und Angehörige sehr stressig ist, es ist jedoch aus Gründen der Sicherheit und Praktikabilität unvermeidlich.


Mit freundlichen Grüßen,
der Matze,
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gould
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Re: 24-Stunden-Lärmbelastung durch Infusionsgeräte

Beitrag von gould »

Guten Tag Matze,

[quote]Darüber hinaus muss auch bei einer Zentralisierung sichergestellt werden, dass im Zimmer Alarme hörbar sind][/quote

Es würde doch ausreichen, wenn der Alarm z.B. als Signalleuchte sichtbar ist.

Und was ist, wenn ein Patient gar nicht mehr in der Lage ist, die Klingel am Bett zu betätigen? Als mein Mann anfangs noch im Zweibettzimmer war, hat er manchmal für einen anderen Patienten mit geklingelt, der das selbst nicht mehr konnte (oder wollte..)

MfG
ulrike
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der Matze
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Re: 24-Stunden-Lärmbelastung durch Infusionsgeräte

Beitrag von der Matze »

Guten Morgen gould,

Sie haben die Frage gerade selbst beantwortet :-)
Wenn der Alarm als Signalleuchte sichtbar ist, bekomme ich das nicht mit, wenn ich nicht alle Geräte kontrolliere - das könnte bei manchen Patienten schnell problematisch werden.
Erst recht nicht, wenn der Patient sich nicht melden kann (davon abgesehen dass er das Blinken so oder so sicher nicht mitbekommen wird, und es ja wohl auch gar nicht soll).

Folgendes Szenario: Ich habe eine 120m lange Station, an einem Ende das Zimmer in dem ich gerade arbeite, am anderen das Stationszimmer. Es ist Nachtdienst, ich bin allein. Zwei Zimmer neben mir alarmiert ein Gerät (z.B. Leitung abgeknickt), und da es nicht piept, höre ich es nicht beim Vorbeigehen, sondern muss erst ins Stationszimmer und dann wieder zurücklaufen. Sehr suboptimal, weil ich nicht nur unnötig laufen muss, sondern das Problem länger wie eigentlich nötig besteht.

Nochmal: Mir ist bewusst, dass es für Angehörige und Patienten eine Zumutung ist. Auch ich fluche, wenn nachts um halb vier ein Infusomat vor sich hinplärrt und meinen Patienten stresst. Allerdings geht für mich die Sicherheit des Patienten (und damit auch meine eigene, denn ich hafte für das was dort geschieht, mit) absolut vor.

In einem "Krankenhaus der Zukunft" stelle ich mir eine komplette Digitalisierung vor: Alle Geräte, alle Zimmer sind vernetzt, jede Pflegekraft hat einen PDA dabei mit elektronischer Krankenakte und einem Überblick, welche Geräte bei welchem Patienten wie laufen, wo es alarmiert etc.
Das ist allerdings reine Utopie, denn bis das soweit ist, gibt es weitaus dringendere Probleme mit den nicht vorhandenen Geldern zu beheben.


Mit freundlichen Grüßen,
der Matze,
(dieser Benutzer ist nicht mehr im DMF aktiv)

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Re: 24-Stunden-Lärmbelastung durch Infusionsgeräte

Beitrag von Adromir »

Vorallendingen muss man daran denken, daß solche zentralisierten Lösungen auch mit den Geräten kompatibel sein müssen. Und so lange es für sowas keinen Standard gibt, steht nen Krankenhaus ggf. blöd da, wenn sie so ein System einrichtet und zukünftige Geräte damit nicht mehr funktionieren.

Michael Voth
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Re: 24-Stunden-Lärmbelastung durch Infusionsgeräte

Beitrag von Michael Voth »

Hallo Ulrike,

als Medizintechniker muss ich leider den vorherigen Autoren recht geben. Das Thema ist komplexer als man es sich als Patient vorstellen mag. Und auch wenn es im Angesicht des persönlichen Leidens das Ihnen widerfahren ist unpassend scheint, muss auch die Kostenseite berücksichtigt werden.
Die Koppelung von Medizinischen Geräten an eine Rufanlage unterliegt Regularien die wiederum der Sicherheit des Patienten dienen sollen. Daher kostet die Herstellung einer solchen Verbindung zwischen 150 und 350 € pro Gerät. Da sind eventuell anfallende Prüfkosten noch nicht mit eingerechnet. Auch bieten nur höherwertige Infusionsgeräte eine solche Schnittstelle. Eine Ernährungspumpe kostet etwa 250 - 300 €. Eine Infusionspumpe mit Schnittstelle an eine Rufanlage kostet im Schnitt 1.000 € - 1.700 €.
Daher werden die hochpreisigen Systeme oft nur im Intensivbereich eingesetzt wo Patienten sich nicht selbstständig bemerkbar machen können. Im normalen Pflegebereich geht man (oft zu unrecht) von Patienten aus, die sich noch selbst bemerkbar machen können. Das Krankenhaus steht nun im Dilemma bei Patienten, denen dies nicht mehr gelingt, entweder in den Intensivbereich zu verlegen oder den Bettnachbarn und Angehörige mit einzubinden.
Leider wird der Kostendruck auf die Häuser immer größer, so das oft Dinge die wünschenswert und augenscheinlich notwendig sind nicht realisierbar sind.
Trotzdem wird in den Häusern die ich kenne durch das Personal eine für Patienten befriedigende Lösung gesucht. Es gibt aber, wie in Ihrem Fall, auch Situationen wo aufgrund fehlender technischer Möglichkeiten keine kurzzeitige Abhilfe realisierbar ist. Oft müssen soche Probleme erst häufiger auftreten bis die Klinikleitung, ausserhalb des Budget der Krankenkassen, in technische Lösungen investiert. Dies geht dann natürlich auch zu Lasten anderer notwendiger Anschaffungen.
Auch wenn diese Erläuterungen kein Trost für sie sein können, bitte ich doch um Verständnis und versichere Ihnen, dass in den meisten Häusern das Personal alles in ihrem Rahmen mögliche für den Patienten tut.

mit freundlichen Grüßen

Michael Voth

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