Blutverdünner nach Bedarf ?

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quicklie
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Blutverdünner nach Bedarf ?

Beitrag von quicklie »

Guten Tag sehr geehrte Mitleser,

ich bin 60 Jahre alt und habe seit langem paroxysmales VHF. Bereits 3x abladiert worden, ohne anhaltenden Erfolg.
Das VHF kommt so alle 2-4 Wochen plötzlich. Meistens nachts, bzw. abends nach dem zu Bett gehen und hält so ca. 12-18 Stunden an.

Auf dem Entlassungsbericht von der letzten Ablation (11/18) stand ein Score „0“ und die Empfehlung nach 3 Monaten mit den Blutverdünnern aufzuhören. Dies setzte natürlich voraus, dass die Ablation erfolgreich war.

Da ich aber immer wieder Anfälle habe, wollte mein Hausarzt bzw. Kardiologe den Blutverdünner nicht absetzen.

Derzeit nehme ich den Wirkstoff Edoxaban 60mg 0-0-1-0 und Metoprolol 47,5mg ebenfalls 0-0-1-0.

Problem ist, dass ich in letzter Zeit ebenfalls nachts gehäuft Nasenbluten habe über einen längeren Zeitraum.

So kam mir die Idee, den Blutverdünner als „pill-in-the-pocket“ zu verwenden. Also nur dann, wenn das VHF anfängt, sofort eine Tablette zu nehmen und dann halt einige Tage nach Ende von VHF wieder damit aufzuhören.

Kein Arzt fand dies eine gute Idee, konnte mir aber keine Begründung liefern.

Deshalb stelle ich nun hier die Frage, in der Hoffnung auf eine entsprechende Antwort.

Besten Dank im Voraus und einen guten Rutsch ins 2020.

Viele Grüsse
Michael

Schrittmacher
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Re: Blutverdünner nach Bedarf ?

Beitrag von Schrittmacher »

Guten Abend,

haben Sie zunächst Dank für Ihre guten Wünsche zum neuen Jahr, ich wünsche dasselbe glattweg zurück!

Zu Ihrer Frage:
Das Dumme ist, dass es eine starke Korrelation von Vorhofflimmern (auch paroxysmal) und Schlaganfällen gibt.

Hintergrund: Während des Vorhofflimmerns pumpen die Vorhöfe nicht oder nicht richtig; in Bereichen der Vorhöfe mit wenig Blutfluss kommt es zum "Stehenbleiben" des Blutes, Stase genannt. Hier bilden sich in der Zeit des Flimmerns gern Blutthromben (Gerinnsel). Ist eine Flimmerepisode vorbei, Sinusrhythmus mit regelrechter Vorhofaktivität setzt wieder ein, können sich diese Thromben, die bisher in ihrer "Ecke" des linken Vorhofes irgendwie herumlagen, lösen, geraten in den Blutstrom, und werden dann oft in die Hirnarterien gespült, diese sind die ersten "Abzweigungen" der Aorta. Damit sich die Thromben gar nicht erst bilden, werden Medikamente, Antithrombotika genannt, gegeben; dazu gehört Ihr Wirkstoff Edoxaban.

Das weitere Dumme ist, dass es keine gesicherten Kenntnisse darüber gibt, nach wieviel Minuten oder Stunden des Vorhofflimmmerns sich denn Thromben tatsächlich bilden. Und auch darüber nicht, dass, wenn man merkt, dass VHF aufgetreten ist, dieses nicht unbemerkt schon eine Zeitlang vorher dagewesen ist, "silent AF" (AF = atrial fibrillation = Vorhofflimmern) genannt. Möglicherweise ist ein Thrombus dann bereits schon da.

Bei Patienten, die Vorhofflimmern haben, das nicht von allein aufhört ("persistierend"), kann es durch einen Elektroschock von außen (externe Kardioversion) beendet werden. Vor solch einer Kardioversion wird mit Echokardiographie (über die Speiseröhre - mit Kurznarkose "Schluckecho" ) überprüft, ob nicht evtl. ein Thrombus da ist. Dieser könnte sich nach Beendigung des VHF lösen: erhöhte Schlaganfallgefahr. Wird ein Thrombus entdeckt, werden für mindestens 4 bis 6 Wochen Medikamente zur Antikoagulation gegeben, auf dass sich der Thrombus auflösen möge. Erst dann würde kardiovertiert werden.

Fazit bis hierher: Thromben können sich recht schnell bilden (eine Stecknadelkopfgröße reicht ja schon für einen fulminanten Schlaganfall!) und lösen sich unter Antikoagulation dagegen nur recht langsam auf.

Das mag erklären, weshalb sich kein Arzt für ein Absetzen der Antikoagulation erwärmen kann. Nur eine permanente Antikoagulation verhindert zuverlässig die Thrombenbildung. Das hätten Ihnen Ihre Mediziner durchaus erläutern können. Aber nun sind Sie ja hier.

Nun kommt Ihr Probelm mit dem Nasenbluten hinzu, das mit Antikoagulation ja durchaus noch größer werden kann, und Ihre Abneigung zur Blutverdünnung plausibel macht.

Hier gibt es zwei Lösungsansätze, beide sollten gleichermaßen in Angriff genommen werden:

1. Das Nasenbluten: Hier sollten Sie einen HNO Arzt aufsuchen. Es gibt eine Stelle in der Nase, die geradezu prädestiniert für Nasenbluten ist: Der "Locus Kiesselbachii" mit sehr starker -oft zu starker- Durchblutung der Nasenschleimhaut. Dieses Gebiet kann teilweise verödet werden, Nasenbluten tritt nicht mehr, oder nicht mehr so häufig auf. Nebenwirkungen: Keine.

2. Die Antikoagulation: Der Ort im (linken) Vorhof, wo sich gern und häufig Thromben während Vorhofflimmerns bilden, ist das linke Herzohr. Dieses ist die oben von mir genannte "Ecke" des Vorhofes, wo während Vorhofflimmerns das Blut nicht fließt, also Stase mit Thrombenbildung auftritt. Üblicherweise wird mit Antikoagulation Abhilfe geschaffen, das kennen wir bis hierher bereits.
Nun gibt es Patienten, bei denen aus unterschiedlichsten Gründen keine Medikamente zur Antikoagulation gegeben werden können (Kontraindikation zur Antikoagulation).
Für solche Patienten ist die Idee zur Therapie diese: Wenn sich hier im linken Herzohr Thromben bilden können, dann muss man verhindern, dass Blut, das koagulieren könnte, überhaupt hierher ins Herzohr gelangt. Und das erreicht man, indem man Herzohr einfach verschließt, salopp gesagt, dicht macht. Nun können sich im Herzohr keine Thromben mehr bilden, und eine weitere Antikoagulation ist in der Folge tatsächlich nicht mehr notwendig. Die Therapie ist durchaus etabliert, und wird in Kliniken mit größeren kardiologischen Abteilungen standardmäßig angeboten.

Wenn Sie weitere Informationen dazu suchen: Die Anatomie des Herzohres kann man im Internet finden. Der offizielle Name des Verschlusses für das linke Vorhofohr ist "Okkluder", wird von verschiedenen Medizinprodukteherstellern angeboten, und ist die Therpaie der Wahl für Patienten mit Vorhofflimmern und einer Kontraindikation zur Antikoagulation. Stichwort zur Suche im Internet: "Vorhofokkluder".

Fazit insgesamt: Antikoagulation als "Pill in the Pocket" ist keine gute Idee. Mit den Punkten 1 und 2 sollte Ihr Problem jedoch komplett und dauerhaft gelöst werden können. Machen Sie beides!

Anmerkung:
Die Implantation eine LAA Okkluders (Linkes Herzohr - Left Atrial Appendage: LAA) sollte in einer Klinik vorgenommen werden, die eine gute Expertise für diesen Eingriff vorweisen kann, im dümmsten Fall hätte man sonst man einen nicht funktionierenden Okkluder, Thromben im Herzohr und einen Schlaganfall.

Ich wünsche Ihnen die Lösungen 1 und 2 und damit nicht nur ein gutes 2020 sondern noch gleich mehrere gute Jahrzehnte.

Sie können ja bei Gelegenheit dieses Forum und mich über den Ausgang der Therapie informieren.

Mit freundlichen Grüßen,
Schrittmacher

Dr.med.Holger Fischer
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Re: Blutverdünner nach Bedarf ?

Beitrag von Dr.med.Holger Fischer »

Hallo Schrittmacher,
eine hervorragende Ausführung, die dem Anfrager sicherlich weiterhelfen wird. Ihrer Meinung schließe ich mich voll und ganz an.
Grüße Dr. Fischer
Unter Bezugnahme auf § 7 (3) der Berufsordnung für Ärzte ist mein Beitrag eine Stellungnahme,die auf den vorliegenden Angaben beruht .Sie ersetzt aber nicht die persönliche Beratung, Untersuchung und Behandlung durch Ihren Arzt.

quicklie
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Re: Blutverdünner nach Bedarf ?

Beitrag von quicklie »

Hallo Schrittmacher,

ich möchte mich ganz herzlich bedanken für die genommene Zeit, mir eine solch ausführliche Antwort zu senden.

Zu den Vorschlägen werde ich mir Gedanken machen und diese dann mit meinem Kardiologen diskutieren.

Schönen Abend
Viele Grüsse
Michael

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