Blutprodukte bei Notfällen

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Izzy
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Blutprodukte bei Notfällen

Beitrag von Izzy » 31.05.12, 19:41

Hallo Community,

bedingt durch den Gallileo Bericht heute (31.05.) über die Zeugen Jehovas und deren Verweigerung zu Blut und Blutprodukten stellte ich mir ein paar Fragen, die vielleicht hier zur Diskussion gestellt werden können.

Ich konstruiere mal folgendes Szenario:
Patient wird Bewußtlos eingeliefert, im Schockraum stabilisiert und benötigt aufgrund des vorhergegangenen Geschehens EKs oder auch Medikamente auf Blutbasis (meinetwegen Polytrauma mit massivem Volumenverlust oder so ähnlich).

Variante A:
Dem Team und dem behandelnden Arzt ist bekannt, dass der Patient Zeuge Jehovas ist. Was wäre die adäquate Vorgehensweise? Sich darüber hinaussetzen und dem mutmaßlichen Willen des Patienten annehmen, weiterleben zu wollen (also Geschäftsführung ohne Auftrag ähnlich wie bei einem Suizidpatienten)? Oder die Behandlung alternativ fortsetzen, damit nicht nach lege artis zu behandeln und die Beschuldigung der Körperverletzung durch Unterlassen eingehen?

Variante B:
Dem Team und dem Arzt ist NICHT bekannt, dass der Patient Zeuge Jehovas ist (mal ehrlich, gibt ja schließlich wichtigeres als das Portmonaie eines Patienten nach so nem Kärtchen zu durchsuchen!!!) und es wird nach Lege Artis behandelt, die EKs verabreicht, aus medizinischer Sicht alles Super, Patient überlebt und erlangt auch irgendwann wieder das Bewußtsein.
Hätte der Patient dann irgendeine Handhabe gegen den behandelnden Arzt und das KrHs? Schließlich herrscht in Deutschland ja Religionsfreiheit und den Vorwurf, diese übergangen zu haben ist de fakto nicht von der Hand zu weisen. Sieht die deutsche Rechtssprechung da überhaupt eine Handhabe vor? Würde so ein Verfahren dann nicht in dubio pro reo eingestellt, da der Arzt ja so gehandelt hat, wie es von ihm erwartet wird und er formal alles richtig gemacht hat? Wurde dann nicht aus juristischer Sicht, ein größeres Rechtsgut, also das Leben des Patienten, geschützt?

Es gibt hierfür kein aktuelles Beispiel, obiges ist alles frei erfunden. Ich bin nur neugierig wie solch ein Fall in der Realität behandelt würde (medizinisch wie juristisch). Ebenso verbindet mich rein gar nix mit dieser "Religionsgemeinschaft".

So, feuer frei für Antworten, ich freu mich auf eine interessante und hoffentlich allseits bereichernde Diskussion! :-D
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der Matze
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Re: Blutprodukte bei Notfällen

Beitrag von der Matze » 31.05.12, 22:03

Vorab: Das Posting stellt meine Sicht auf die Situation dar, wie ich sie durch meine berufliche Tätigkeit erlebt habe. Ich möchte dieses Posting Vorurteils- und wertfrei gegenüber der Glaubensrichtung verstanden wissen!
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Guten Tag Izzy,

eigentlich diskutiere ich grundsätzlich keine konstruierten Fälle, es gibt genug reale Probleme.
Das ist allerdings ein sehr interessanter Fall, den ich auch schon mehrfach live erlebt habe, daher mache ich hier mal eine Ausnahme ;-)

Ich verwende hier "Blutprodukte" stellvertretend für das, was die Zeugen Jehovas definitiv ablehnen. Stellenweise werden wohl z.B. Gerinnungsfaktoren akzeptiert...

Variane A: Die Verabreichung von Blutprodukten bei klarer Situation wäre eindeutig ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit des Patienten.
Mit der Verabreichung von Blutprodukten würde der behandelnde Arzt gegen Artikel 1, 2 und 4 des Grundgesetzes (und vermutlich noch gegen einen Haufen anderer Gesetze) verstoßen. Macht er es dennoch, muss er die Konsequenzen tragen, genauso wie der Patient, der ebenfalls weiß, worauf er sich mit dem Verzicht auf Blutprodukte im Notfall einlässt. Es handelt sich hierbei nicht um eine psychische Erkrankung sondern eine religiös motivierte Lebensweise, die zu respektieren ist und durch das Grundgesetz geschützt ist.

Da es in einem solchen Fall vermutlich nicht bei einer einmaligen Gabe von Blutprodukten bleiben wird, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis Angehörige im Krankenhaus stehen und weitere Verabreichungen verhindern werden. Notfalls mit einem Team von Anwälten, die darauf spezialisiert sind. Und die sind meiner Erfahrung nach sehr überzeugend.
In der Realität sieht es so aus, dass versucht wird den Patienten ohne Blutprodukte und beispielsweise mit der Gabe von Erythropoetin zu stabilisieren. Es ist jedoch nicht selten, dass der Patient dann verstirbt.


Variante B: Ich habe es nicht erst einmal erlebt, dass vor dem eigentlichen Patienten bereits Angehörige oder Gemeindemitglieder im Krankenhaus eingetroffen sind, die dann darauf bestanden haben. Das Informationsnetz innerhalb der Gemeinden funktioniert hier wohl sehr gut.
Ich sag es mal so: Wenn der Patient bewusstlos ist, keine Angehörigen anwesend sind oder keiner, der unmissverständlich klar macht dass der Patient das ablehnt (wobei man auch darüber diskutieren könnte in wiefern Gemeindemitglieder so etwas angeben "dürfen", aber das ist eine andere Sache) wird der Patient wie jeder andere auch behandelt, man sieht es ihm ja nicht an. Um die rechtlichen Konsequenzen kann man sich anschließend Sorgen machen, allerdings denke ich nicht, dass die deutsche Rechtsprechung in dem Fall den Arzt schuldig sprechen wird.
Wir können das ja mal umdrehen und sagen: Der Arzt kann ja auch, weil er besonders sparsam mit dem Inhalt der Blutbank umgehen möchte, erstmal jedem bewusstlosen Polytrauma Blutprodukte verweigern, bis bewiesen ist, dass er oder sie Blutprodukte nicht ablehnt.

Ich denke aber das hiert ist definitiv ein Fall für das FDR!


Mit freundlichen Grüßen,
der Matze,
(dieser Benutzer ist nicht mehr im DMF aktiv)

Info: Koma und Aufwachen auf der Intensivstation

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