Schädigungen nach Sauerstoffmangel nach beinahe ertrinken

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Laura7777
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Schädigungen nach Sauerstoffmangel nach beinahe ertrinken

Beitrag von Laura7777 » 06.04.12, 22:52

Guten Abend!
Ich hoffe sehr, hier Rat bezüglich Prognosen finden zu können.

Ein sehr guter Freund von mir (44 Jahre, bisher ohne gesundheitliche Probleme/ körperlich fit) hatte am 11.03.12 auf den Phillipinen einen schweren Tauchunfall. Als er dort tauchenden Touristen die Probeme mit der Sauerstoffflasche hatten half wieder an die Oberfläche zu kommen, bekam er selbst zu wenig Luft und fiel in Ohnmacht. In der Klinik wurde er gleich in ein künstliches Koma versetzt, laut den Ärzten hatte er eine Lungeembolie und das Gehirn sei aufgrund des mangelnden Sauerstoffes angeschwollen.
Am 01.04.12 wurde er aus dem künstlichen Koma geholt. Laut der Ärzte habe sich die Lunge wieder erholt und sonst seien keine innere Verletzungen vorhanden. Auch die Schwellung des Gehirnes sei zurück gegangen.
Nach dem aufwachen zeigte sich eine akute Amnesie, so konnte er seine Mutter nicht erkennen und wusste auch sonst nicht wo er war, was passiert ist, etc.
Er spricht sehr schlecht, kann wie es aussieht auch nicht lesen (so hatte die Mutter versucht ihr aufzuschreiben wer sie ist), er kann eine Hand nicht bewegen.
Nach wie vor hat sich der Zustand nicht verändert/ gebessert. Die Ärzte verabreichen ihm Medikamente, damit er viel schläft und Ruhe hat. Er liegt in einem abgedunkelten Raum und darf nur kurz Besuch erhalten, das Gehirm soll so wenig Anstrengung wie möglich erhalten.
Wenn seine Mutter kurz bei ihm ist schaut er sie an, erkennt sie aber nicht.
Ein Rücktransport nach Hause sei laut der Ärzte derzeit nicht möglich, besonders solange das Hirn noch angeschwollen sei.

Leider habe ich nicht mehr Informationen, ich weiß auch nicht, wie lange er ohne Sauerstoff war oder ob es zu einem Herz Kreislaufstillstand kam.

Ich bin sehr verzweifelt und ständig in Gedanken an ihn. Darum hoffe ich auch hier etwas Hilfe, möglichst natürlich Hoffnung zu bekommen.
Wie sehen die Prognosen aus, dass er sich wieder erinnert, dass das Gehirn abschwillt, er nach Hause (in Schweiz) transportiert werden kann? Wie sehen die Chancen aus, dass er wieder so wird wie früher?
Ich habe so fürchterliches über Wachkomma gelesen, gesehen..so wie ich es einschätze, scheint dieses fürchterliche Schiksal auf ihn nicht zuzustreffen, da er ja Menschen ansieht, auch versucht Worte zu formulieren, was ihm leider noch sehr schlecht gelingt.

Wie fürchterlich muss ein solcher Zustand für den betroffenen Menschen sein..was für ein Alptraum!

Ich hoffe sehr auch Hilfe/ Rat und sage im Vorfeld schon herzlichen Dank!

Dr. A. Flaccus
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Re: Schädigungen nach Sauerstoffmangel nach beinahe ertrink

Beitrag von Dr. A. Flaccus » 09.04.12, 10:15

Guten Tag,

leider kann man ohne exakte Information nur sehr wenig zur weiteren Prognose sagen.

Verwirrtheitszustände nach solchen Phasen können monatelang anhalten.

Für eine genauere Einschätzung muß man aber sehr viel mehr über Details einer neurologischen Untersuchung wissen.
Insgesamt braucht man bei neurologischen Schäden vor allem Geduld. Regenerierungsprozesse können oft monatelang dauern und bei jungen Menschen sind oft auch nach einem Jahr noch Fortschritte zu erkennen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. A. Flaccus
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Re: Schädigungen nach Sauerstoffmangel nach beinahe ertrink

Beitrag von AnnettLoewe » 09.04.12, 16:08

Lieber Herr Dr. Flaccus,
darf ich Sie an einem Punkt ein bisschen korrigieren?

Ich bin jetzt seit über zehn Jahren in der Selbsthilfe tätig und dort beobachten wir Verbesserungen unter geeigneter Förderung auch nach mehreren Jahren. Und nicht nur bei jungen Patienten.
Sicherlich sind die Prozesse in den ersten ein bis zwei Jahren am dynamischsten. Aber Ärzte erschweren uns die Arbeit in der poststationären Reha, wenn sie immer wieder von so etwas wie "zeitlichen Grenzen" des Rehapotenzials sprechen.
Der Gemeinsame Bundesausschuss hat jetzt einen ersten Schritt getan und anerkannt, dass neuropsychologische Therapie bis zur Dauer von fünf Jahren und bei feststellbarem Rehapotenzial auch darüber hinaus durch die Krankenkassen bezahlt werden muss.
Also gerade die Therapie, die sich mit der Behebung von Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen etc.befasst.

Liebe Laura7777,
das obige war nur insofern an Sie gerichtet, als es darauf zielt, dass Sie nicht zu früh aufgeben und/oder den Mut verlieren sollten...Es ist eben leider wirklich so, dass Sie sich auf einen mehr oder weniger langwierigen Regenerationsprozess einstellen sollten. Wenn dann alles sdoch viel schneller geht, ist es ja umso besser.

In der Schweiz gibt es eine sehr gute Infrastruktur und Sie können sich für weiter gehende Informationen an die bedeutendste Selbsthilfeorganisation dort wenden, die wirklich eine sehr gute Arbeit macht:
http://www.fragile.ch/

Mit freundlichen Grüßen,
Annett Löwe

Laura7777
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Re: Schädigungen nach Sauerstoffmangel nach beinahe ertrink

Beitrag von Laura7777 » 09.04.12, 17:40

Vielen Dank erstmal für die Antworten!
Es ist mir völlig klare, dass keine genaueren Aussagen gemacht werden können, besonders auch da keine Untersuchungsergebnisse vorliegen.

Was mich am meisten beschäftigt, also worauf ich Antworten suche:

- wie hoch ist nach einem so schweren Unfall die Chance, dass der Betroffene wieder völlig gesund wird (bzw. weitgehend, mit "kleineren" Einschränkungen, wie zb. stärkere Vergesslichkeit, etc.)
Ich kann im Internet einfach keine Berichte von Betroffenen finden, die wieder genesen sind. Zumeist wird auch über Unfälle von Kindern berichtet, ich suche ja gezielt nach Erwachsenen.

Ich habe völlige Horrobilder vor mir, wie er nun noch mir Hilfe leben kann, gar schwer behindert ist, mich nie wieder erkennt. etc.
Hier mehr Hoffnung zu finden, mögliche positive Prognosen zu kennen, dass würde mir sehr helfen.

Danke!

Dr. A. Flaccus
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Re: Schädigungen nach Sauerstoffmangel nach beinahe ertrink

Beitrag von Dr. A. Flaccus » 09.04.12, 20:04

Guten Abend,

so leid es mir tut: Man wird zu diesem Zeitpunkt keinerlei seriösen Zahlen oder gar Prognosen nennen können.

Alle Angehörigen und Freunde brauchen jetzt Geduld. Auch wenn das schwer zu ertragen ist.

Meine Kollegin Frau Loewe hat im übrigen völlig recht: Selbstverständlich sind auch nach mehr als einem Jahr durchaus noch Fortschritte möglich. Der von mir genannte Zeitraum war nicht "fix" gemeint, sondern sollte nur einen Anhalt geben, über welche Dimensionen wir hier reden müssen.

Geduld und zielgerichtete Therapie stehen im Vordergrund.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. A. Flaccus
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Re: Schädigungen nach Sauerstoffmangel nach beinahe ertrink

Beitrag von AnnettLoewe » 10.04.12, 09:11

Hallo Laura7777,

ALLES, wirklich alles hängt davon, ab, wie lange es gedauert hat, bis eine wirksame Widerbelebungsroutine eingesetzt hat. Weil wir genau darüber so wenig wissen, kann niemand derzeit irgend etwas Verlässliches zu einer Prognose sagen.
Wir hatten hier mal einen Ertrinkungsunfall, der ist nach einigen Tagen im Koma völlig folgenlos geblieben.
Da hatte ein Pilot, der zufällig dabei war, unmittelbar mit ner wirksamen Herz-Lungen-Wiederbelebung begonnen. Das konnte der so gut, weil er es dauernd übt...Von den Fällen, die richtig gut ausgehen, liest man aber selten etwas.

Mögliche Folgen, wenn das nicht so ruckzuck geht...sind individuell ganz verschieden und ganz viel hängt davon ab, wann mit gezielten Therapien begonnen werden kann, wie gut sich der Patient dann dazu motivieren lässt usw...

Genaueres ist derzeit leider nicht möglich. Aber es schadet sicherlich nicht, sich inzwischen um Möglichkeiten für einen Rücktransport zu kümmern, eine Klinik in der Schweiz zu suchen und sich über Therapiemöglichkeiten bei Fragile suisse zu informieren.
Das alles ist sicherlich zunächst sinnvoller, als sich den "worst case" in allen Farben auszumalen. Denn auch dafür ist es zu früh.


Herzliche Grüße
Annett Löwe

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