Juliette zu gefährlich?

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Sommernacht
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Juliette zu gefährlich?

Beitrag von Sommernacht » 06.06.13, 15:26

Hallo Dr. Fischer,

ich habe folgende Frage. Meine Tochter hat schon mit 14 aufgrund zu vieler männlicher Hormone die Pille verschrieben bekommen. Es gab den einen oder anderen Wechsel bis sie die Juliette bekam. Beim vorletzten FA Besuch wurde ihr von der weiteren Einnahme abgeraten aufgrund von erhöhter Thrombosegefahr und eine andere verschrieben.
Sie bekam Belara die sie nun ca. 3 Monate eingenommen hat und hat nun seit über einer Woche Schmierblutungen und zudem bekam sie wieder mehr Pickel. Daraufhin ist sie heute zum FA der ihr nun wieder die Juliette verschrieb.
Ich bin total irritiert und finde das bedenklich. Meine Tochter raucht Gott sei Dank nicht, hat aber in letzter Zeit ein paar Kilo zugenommen.
Was sagen Sie denn dazu? Mache ich mir da zu viele Sorgen? Welche Präparate stehen da noch zur Verfügung die sie durchgängig nehmen kann, da sie sonst so eine starke Monatsblutung hat?

Vielen Dank im voraus!

LG Sommernacht

Dr.med.Holger Fischer
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Re: Juliette zu gefährlich?

Beitrag von Dr.med.Holger Fischer » 07.06.13, 10:25

Guten Tag,
da könnte ich jetzt viele Seiten zu diesem Präparat schreiben. Es ist ja der Nachbau des berühmten Dia... ( Sie sollten keine Handelsnamen erwähnen). Diese Pille gibt es seit 40 Jahren, die Östrogenmenge ist aus heutiger Sicht etwas erhöht, es gibt aber noch massenhaft Pillen, die fast ähnlich stark dosiert sind wie Jul und Dia.. Diese haben 0,30 mg Ethinylestradiol, also nur unwesentlich weniger. Ich habe für meine Patientinnen aus diesem Grund eine Zusammenstellung mit 20 Mikrogramm Ethinylestradiol und dem Cyproteron zusammengestellt und es hat wunderbar funktioniert bei vollem Empfängnisschutz. Man kann jede Pille, die ein Östrogen und Gestagen enthält und zwar in jeder Tablette, durchgehend nehmen.
Grüße Dr. Fischer
Unter Bezugnahme auf § 7 (3) der Berufsordnung für Ärzte ist mein Beitrag eine Stellungnahme,die auf den vorliegenden Angaben beruht .Sie ersetzt aber nicht die persönliche Beratung, Untersuchung und Behandlung durch Ihren Arzt.

Sommernacht
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Re: Juliette zu gefährlich?

Beitrag von Sommernacht » 07.06.13, 18:02

Hallo Dr. Fischer,

vielen Dank für die schnelle Antwort. :wink:

Sorry, dass ich den Handelsnamen der Pille erwähnt habe. Ich war etwas sehr emotional, so dass ich daran nicht mehr gedacht habe. :oops: Werde mich bessern. Versprochen.

So wie ich Sie verstanden habe, gehören sie doch tatsächlich zu "den Bastlern", die weniger belastende Arzneimittel kreieren? Da muss ich mal ein dickes Lob aussprechen. :D
Nun kommt das negative. Es gibt Sie nur einmal! :( Das bedeutet, entweder Sie lassen sich fix klonen (aber auch da müssten wir ja nun doch eine Weile warten bis das Klon funktionstüchtig ist), oder aber es muss eine vernünftige Mitte her, mit der man/frau leben kann. Nun habe ich versucht ein paar seriöse Daten zu bekommen und bin auf diese Seite gestossen:

http://www.risiko-pille.de/index.php/aktuelles.html

Die aufgeführten Fälle sind schon sehr heftig und es fragt sich natürlich, wie viele von diesen Fällen im Zusammenhang mit der Pille stehen? Was ich aber aus einem Link des WDR raushören konnte ist, dass das Gestagen Levonorgestrel das Thromboserisiko "senkt"? Also ist das Gestagen das Problem, nicht die Östrogene? Demnach müsste ich danach schauen, wenn es richtig ist? Wobei hier dann wieder die Problematik mit den Pickeln, oder gar vermehrte Behaarung zum tragen kommt?
Generell verstehe ich das ganze aber so, dass jede Pille ein Thromboserisiko mit sich bringt. Das Risiko ist nun man leider da und lässt sich kaum vermeiden. Außer man kommt auch mit Pickeln und mit vermehrter Behaarung gut zurecht. In der heutigen Gesellschaft ist das aber ein No Go. Insbesondere wenn das Berufsleben ruft.

Schade finde ich bei allem aber immer wieder, dass man nicht richtig aufgeklärt wird. Erst Pille nein, dann wieder ja. So ein hin und her verunsichert total und am Ende weiß man nicht mehr welcher Weg der bessere ist. Ganz besonders die jungen Frauen sind eigentlich noch gar nicht so weit, oder wollen es auch noch gar nicht, sich so intensiv mit solchen Themen auseinander zu setzen.

Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe.

LG Sommernacht

Dr.med.Holger Fischer
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Re: Juliette zu gefährlich? Antibabypille Verhütungsmittel

Beitrag von Dr.med.Holger Fischer » 08.06.13, 10:44

Guten Tag,
bezüglich des Risikos unter der Einnahme oraler Verhütungsmittel sind zwei Hormone zu beachten:
:arrow: die Östrogene, in diesem Fall das Ethinylestradiol
:arrow: die Gestagene.
Zu der 3.und 4. Generation gehören: Gestoden, Desogestrel, Norgestimat, Dienogest, Drospirenon.
Cyproteronacetat ist ein Derivat des Hydroxyprogesterons und seit 1976 in Di.... enthalten.
Nun plötzlich nach 30 Jahren gerät es in Verdacht, vermehrt Thrombosen zu bewirken und sei gleichzusetzen dem Risiko der Gestagene der 3./4. Generation. Das Risiko ist schon erhöht im Gegensatz zu den Gestagenen der 1./2. Generation. Aber das Risiko hängt ja nicht von den Gestagenen alleine ab. Von Bedeutung ist ebenso die Menge des Östrogens. Wir hatten ausschließlich Präparate mit 50 Mikrogramm Östrogen und mehr zu Beginn der Antibabypillenaera. Inzwischen sind wir bei 20 Mikrogramm angekommen, obwohl es immer noch Pillen mit 30 Mikrogramm gibt.
Man muß diese Studien etwas kritisch betrachten, ebenso wie die WHI- Studie bzgl. Brustkrebs. Ich weiß, wovon ich rede, da ich selbst viele Jahre an klinischen Studien teilgenommen habe. In den letzten 30 Jahren nahm nicht nur die Zahl der Pillenanwenderinnen zu, sondern auch die Risikofaktoren. Mutationen im Gerinnungssystem kannte man damals noch nicht und vieles mehr.
Ich will das Problem nicht herunterspielen, es existiert in der Tat in gewissem Maß, aber nicht so dramatisch, wie es immer beschrieben wird-wobei jeder Todesfall unter der Pille sicherlich als Einzelfall " dramatisch" ist. Wer sind die Verantwortlichen? Das sind:
:arrow: 1. Die beiden Hormone
:arrow: 2. Die Frauenärzte
:arrow: 3. Die Patientinnen
Letztere sind noch die Unschuldigsten. Verantwortlich für einen Teil der Thrombosen etc. sind leider zum Teil in gewissem Maße meine frauenärztlichen Kollegen, die allzu sorglos die Pille verschreiben. Selbst im Forum hier lesen Sie immer wieder, daß Frauen , die sich schon fast einem Alter von 50 Jahren nähern, die Pille nehmen. Ich erlebe es immer wieder, daß die potentiellen Risikofaktoren nicht abgefragt werden, zu denen auch die Frage nach Herzinfarkt, Hypertonus, Schlaganfall und Gerinnungsstörungen in der Familie gehört. Adipositas, Krampfadern, wenig körperliche Bewegung und vielem mehr muß mehr Beachtung beigemessen werden. Eine detailliertere Aufzählung darf ich mir an dieser Stelle ersparen. Ich kenne das Studiendesign nicht und die Einteilung in sogenannte Studienarme, vor allem nicht die Ausschlußkriterien. Zum Beispiel dürfte ich ja nie eine Patientin in eine derartige Studie einschließen, die ein oder mehrere Risikofaktoren aufweist. Ich weiß nur, daß namhafte endokrinologische Frauenärzte den diversen Studien kritisch gegenüber stehen. Zum Schluß: leider senkt Levonorgestrel das Thromboserisiko nicht, es ist aber im Gegensatz zu den anderen Gestagen bzgl. seines Risikopotentials deutlich geringer.
Grüße Dr. Fischer
Unter Bezugnahme auf § 7 (3) der Berufsordnung für Ärzte ist mein Beitrag eine Stellungnahme,die auf den vorliegenden Angaben beruht .Sie ersetzt aber nicht die persönliche Beratung, Untersuchung und Behandlung durch Ihren Arzt.

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Re: Juliette zu gefährlich?

Beitrag von Sommernacht » 10.06.13, 18:19

Hallo Dr. Fischer,

herzliche.n Dank für die ausführliche Antwort. :wink:

Inwieweit sich das tatsächliche Risiko bewerten lässt, ist als Laie äußerst schwierig. Das Studien auch immer kritisch zu sehen sind, kann ich mir gut vorstellen, auch wenn ich die genaue Vorgehensweise nicht kenne. Das macht es aber nun auch nicht besser. Dementsprechend kann ich nur auf den behandelnden Arzt vertrauen und hoffen er macht seine Sache gut.
Das es aber scheinbar auch unter ihren Kollegen Irritationen gibt, habe ich ja nun an meiner Tochter gesehen. Sie musste sofort mit der Einnahme aufhören. Nun hat sie erstmalig wieder extreme Blutungen. Ich kann ihr weder abraten noch zusagen die alte Pille wieder zu nehmen. Und ich gestehe ein, die neuen Erkenntnisse machen mir echt Kopfzerbrechen.

Ich selber habe eine Zeitlang auch ein Präparat gegen zu viele männliche Hormone genommen und ich habe es schlecht vertragen. Dementsprechend habe ich meine Bedenken. Leider ist das Problem scheinbar bei meiner Tochter ausgeprägter. Ich hatte mehr mit Haarverlust zu tun. Seit mehreren Jahren habe ich beschlossen keine mehr zu nehmen und ich konnte feststellen, dass sich mein Hormonhaushalt wunderbar erholt hat und alles normal altersentsprechend läuft. Das wird fürchte ich bei meiner Tochter erst einmal nicht funktionieren. Und eine sichere Verhütungsmethode benötigt sie darüberhinaus ja auch noch.
Was das Risikoprofil angeht, so haben Sie definitiv Recht. In aller Regel wird nach den von Ihnen genannten Erkrankungen nicht gefragt. Krebs ja, der Rest nein. So war bisher meine Erfahrung.

LG Sommernacht

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Re: Juliette zu gefährlich? Antibabypille Verhütungsmittel

Beitrag von Damiana » 11.06.13, 09:29

Dr.med.Holger Fischer hat geschrieben:Ich erlebe es immer wieder, daß die potentiellen Risikofaktoren nicht abgefragt werden, zu denen auch die Frage nach Herzinfarkt, Hypertonus, Schlaganfall und Gerinnungsstörungen in der Familie gehört. Adipositas, Krampfadern, wenig körperliche Bewegung und vielem mehr muß mehr Beachtung beigemessen werden.
oder diese Risikofaktoren werden abgefragt und ignoriert. Ich hätte keine Probleme trotz Familienanamnese mit Herzinfarkt, Hypertonus, Schlaganfall und Gerinnungsstörungen (inkl. Thrombosen) und eigener Anamnese mit Hypertonus, Adipositas, wenig körperliche Bewegung (leider :() an ein Rezept für die Pille (auch die höher dosierten hier genannten) zu kommen. Das sind zwar nur einige Ärzte aber aus meiner Sicht einige zuviel. Der nette Hinweis ich würde ja nicht rauchen und könne ja abnehmen und Sport machen ist aus meiner Sicht nicht genügend.
Sommernacht hat geschrieben:Leider ist das Problem scheinbar bei meiner Tochter ausgeprägter. ...Und eine sichere Verhütungsmethode benötigt sie darüberhinaus ja auch noch.
Welche Beschwerden hat Ihre Tochter denn? Wurden lokal wirksame Alternativen ausprobiert? Wegen Unreiner Haut und Pickel lohnt es sich den Hautarzt zu befragen. Es gibt auch hormonfreie Verhütungsmittel die sicher sind.
Vertrauen Sie jedem? :wink:
Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!

Sommernacht
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Re: Juliette zu gefährlich?

Beitrag von Sommernacht » 11.06.13, 12:52

Hallo Damiana,

die Pickel und der Haarwuchs (wobei sich der Haarwuchs überall ja wunderbar beheben lässt! :wink: ) sind nicht das einzige Problem, sondern auch die recht starken Blutungen und Regelschmerzen. Da sie so oder so schon einen etwas erniedrigten Ferritinspiegel hat, sind die starken Blutungen natürlich ungünstig. Und die Sorgen das ausgerechnet zum Berufsanfang entsprechende Symptome auftauchen, sind auch nicht zu vernachlässigen. Sie hat eine Probezeit und es wäre echt doof, wenn sie diese aus gesundheitlichen Gründen nicht gut übersteht.
Ich selber hatte lange Zeit wegen Fatique Problemen massive Probleme während meiner Berufstätigkeit und wünsche mir das nicht gerade für meine Tochter. Deswegen fürchte ich kommt sie um die Pille nicht rum. :wink:

LG Sommernacht

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