Vollnarkose ohne Anamnese/Aufklärungsgespräch erlaubt?

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Hanna19
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Vollnarkose ohne Anamnese/Aufklärungsgespräch erlaubt?

Beitrag von Hanna19 »

Liebe Forengemeinde,

vor einer Woche war ich für eine ambulante Zahn-OP in einer Zahnklinik. Die OP sollte in Vollnarkose erfolgen, was "man" vergessen hatte, in meine Akte einzutragen.

Dadurch erstand Hektik, da sich der straffe Zeitplan der Klinik dadurch verzögern würde. Es war eine Analogsedierung vorgesehen.

Natürlich wollte ich den Eingriff trotzdem in Vollnarkose durchführen lassen. Schnell kam ein Assistent, legte mir eine Braunüle und fragte, ob ich vorherige Narkosen vertragen hätte.
Ich bejahte dies und dann kam auch schon der Narkosearzt.

Ich erwartete jetzt, wie üblich, trotz der entstandenen Hektik, eine Befragung hinsichtlich meiner Größe, des Gewichts, Unverträglichkeiten, Erkrankungen, Medikamenteneinname usw. Nichts!

Ich fragt den Arzt, ob er das denn nicht wissen müsse? (Ich war inzwischen so aufgeregt und wollte den Eingriff schnell hinter mich bringen.) Der Arzt antwortete: "Nein, das kann ich ja hinterher ihren Mann fragen". Kein Witz und schon hatte ich die Maske auf dem Gesicht.

Hinterher konnte ich kaum sprechen, so heiser war ich. Übrigens hatte sich auch keiner der Ärzte, die die eigentliche Zahn-Op durchgeführt haben, vorher oder nachher blicken lassen. Hinterher hat sich herausgestellt, dass eine der anwesenden Damen im Behandlungszimmer eine dieser Ärzte war.

Zuhause dachte ich über den Vorfall nach, meldete das auch bei meiner Hauszahnärztin, die ebenfalls entsetzt ist. Ich schrieb eine E-Mail an die Klinik, worauf sich die behandelnden Ärzte doch irgendwie entschuldigt haben, dass alles wegen des Zeitdrucks "unglücklich" gelaufen sei.

Der Narkosearzt hingegen schrieb mir eine bitterböse, anklagende Rückantwort, bezeichnete mich als dumm und würde juristisch gegen mich vorgehen, sollte ich weiter behaupten, er hätte fahrlässig gehandelt. Er hat mir all seine Errungenschaften aufgezählt und gesagt, er hätte das schon alles richtig einschätzen können. Dabei hätte er mich doch aufgeklärt.

Ich bin einfach nur entsetzt. Mein Mann war bis zur Einleitung der Narkose anwesend und auch die behandelnde Ärztin (die sich nicht vorgestellt hatte), kann bezeugen, dass hier überhaupt nichts abgefragt wurde. Glück gehabt, dass alles - außer den angekratzten Stimmbändern - gut ausgegangen ist.

Ich möchte diesen Arzt weder verklagen noch möchte ich weiterhin etwas mit ihm zu tun haben. Es geht mir NUR darum zu wissen, OB es rechtlich erlaubt ist, einen Patienten OHNE NOTSTAND einfach ohne die einfachste Anamneseerhebung zu anästhesieren.

Herzlichen Dank fürs Lesen, auch wenn es recht lang war. :(

Chandra
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Re: Vollnarkose ohne Anamnese/Aufklärungsgespräch erlaubt?

Beitrag von Chandra »

Hallo Hanna,

Deine Hauszahnärztin und Du seid meiner Meinung nach zurecht entsetzt, es ist definitiv rechtswidrig, einen geplanten, also nicht notfallbedingten Eingriff ohne vorherige Aufklärung durchzuführen. Es muss sowohl zum OP-Verfahren und den entsprechenden Risiken als auch zur Anästhesie aufgeklärt werden und es ist bei ambulanten OPs zwar zulässig, am Tag des Eingriffs aufzuklären, doch eigentlich sollte der Patient nach der Aufklärung auch eine kurze Bedenkzeit sowie Gelegenheit für Fragen bekommen. Schade, dass der Anästhesist so verständnislos reagiert. Du schreibst zwar schon, dass Du rechtlich nichts einleiten möchtest, doch die meisten Anklagen gegen Chirurgen oder Anästhesisten verlaufen ohnehin "im Sande", werden oft mangels Beweisen eingestellt.

Es müsste übrigens keine Aufklärung durchgeführt werden, wenn es sich um einen wiederholten Eingriff handelt. Die Aufklärung dient ja der Wissensvermittlung. Wenn man aber davon ausgehen kann, dass Du die Risiken bereits kennst und sie abschätzen kannst, weil der Eingriff schon mal durchgeführt wurde, muss nicht zwangsläufig nochmal aufgeklärt werden, sondern da würde es reichen, Dir Gelegenheit zum Nachfragen zu geben. Vorausgesetzt, Du wurdest beim ersten Eingriff ausreichend aufgeklärt und das Risiko hat sich in der Zwischenzeit nicht verändert (z.B. würden Erkrankungen der Lunge oder des Herz-Kreislauf-Systems das Risiko erhöhen --> neue Aufklärung erforderlich).

Liebe Grüße
Chandra
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Muppet
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Re: Vollnarkose ohne Anamnese/Aufklärungsgespräch erlaubt?

Beitrag von Muppet »

Hallo
Normalerweise muss man die Aufklärung unterschreiben - von daher lass ihm gegen dir vorgehen. Es ist sehr gefährlich ohne Aufklärungsgespräch. Er weiss ja nicht ob du z.B. eine Herzerkrankung, Epilepsie usw hast. Auch wusste er nicht, ob du nüchtern bist.

Gruß
Muppet

Hanna19
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Re: Vollnarkose ohne Anamnese/Aufklärungsgespräch erlaubt?

Beitrag von Hanna19 »

Herzlichen Dank für Eure Antworten.

Ich war mir zwar sicher, dass der Anästhesist fahrlässig gehandelt hat, wollte aber doch hören/lesen, wie andere das sehen.

Da ich - dem Schicksal sei Dank - wieder heil aufgewacht bin, möchte ich mit diesem Arzt nichts mehr zu tun haben, keine endlosen Nachrichten schreiben, mich wieder beleidigen lassen.

Mir war wichtig, dass die Zahnklinik, die wohl nur aushilfsweise mit ihm arbeitet, davon Kenntnis hat bzw. versteht, dass ein Patient sich auch wehren kann und nicht immer den Mund hält.

Außerdem werde ich dem Anästhesisten mit wohlgesetzten Worten auf sein dreistes Schreiben antworten, dass nicht ich dumm - wie von ihm behauptet - bin, sondern er absolut im Unrecht ist und mein Leben gefährdet hat.

@Muppet Das war das Einzige :roll: , was der Assistent mich gefragt hat: "Sind Sie nüchtern und haben Sie die vorhergehenden Narkosen vertragen?" . Dann wurde der Blutdruck maschinell gemessen und fertig war die Anamnese. :(

Ich denke, die Zahnklinik wird in Zukunft genau schauen, dass hier alle Richtlinien und Vorschriften eingehalten werden, der nächste Patient könnte vielleicht nicht so gut davonkommen.

Es kann einfach nicht sein, dass man Menschenleben gefährdet, nur weil die Praxis vergisst, die Vollnarkose einzutragen, dadurch in Zeitdruck gerät und der Anästhesist mal eben "pi mal Daumen" die Leute schnell schlafen legt - um es mal salopp auszudrücken.

Sie werden froh sein, wenn ich nichts weiter unternehme, aber sie werden es hoffentlich nicht vergessen. Ich bestimmt nicht.

(Ich bin froh, dass die meisten Ärzte ihren Berufsstand doch ernst nehmen und um ihre Sorgfaltspflicht wissen. Hätte der Anästhesist meines Sohnes nicht sorgfältig alle Daten abgefragt, wäre sein Leben aufgrund einer schweren Allergie in großer Gefahr gewesen. So konnten jedoch die richtigen Medikamente eingesetzt werden und alles war gut.)

Dr. A. Flaccus
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Re: Vollnarkose ohne Anamnese/Aufklärungsgespräch erlaubt?

Beitrag von Dr. A. Flaccus »

Guten Tag,

die Durchführung einer Narkose / Sedierung ohne vorherige Aufklärung ist ohne Zweifel rechtswidrig - es sei denn, es handelt sich um einen lebensbedrohlichen Notfall.
Hinterher konnte ich kaum sprechen, so heiser war ich.

Wenn man es genau nimmt, wäre Ihnen dadurch ein Schaden entstanden, über den vorher nicht aufgeklärt wurde - selbst wenn er nur "vorübergehend" war.

Grundsätzlich könnten Sie sich an die zuständige Schlichtungsstelle Ihrer Ärztekammer wenden, um einen Schaden geltend zu machen.
:arrow: https://www.bundesaerztekammer.de/patie ... gsstellen/

Ob Sie diesen (für Sie kostenlosen!) Weg gehen wollen, müssen Sie selbst entscheiden. Offenbar ist ja sonst alles gut gelaufen und vorübergehende Heiserkeit ist in der Tat eine häufige Nebenwirkung der Intubationsnarkose.

Alternativ könnten Sie ein Beschwerdeschreiben an die Klinikleitung /Geschäftsführung verfassen. In gut organisierten Kliniken wird das zumindest intern für ein paar klärende Gespräche / Schriftwechsel sorgen.
Parallel dazu haben Sie Einsichtsrecht in alle Ihre Unterlagen. Für Kopien darf man Ihnen nur angemessene Kosten berechnen, falls sie diese haben wollen.

Das steht so im BGB:
§ 630g
Einsichtnahme in die Patientenakte

(1) Dem Patienten ist auf Verlangen unverzüglich Einsicht in die vollständige, ihn betreffende Patientenakte zu gewähren, soweit der Einsichtnahme nicht erhebliche therapeutische Gründe oder sonstige erhebliche Rechte Dritter entgegenstehen. Die Ablehnung der Einsichtnahme ist zu begründen. 3§ 811 ist entsprechend anzuwenden.

(2) Der Patient kann auch elektronische Abschriften von der Patientenakte verlangen. Er hat dem Behandelnden die entstandenen Kosten zu erstatten.
A. Flaccus
Dr. A. Flaccus
Facharzt für Anästhesie
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