Auswirkungen von Schmerzen während Vollnarkose nur un(ter)bewusst? / Analgetische Unterversorgung bei Opioidgewöhnung

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el.tonno
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Auswirkungen von Schmerzen während Vollnarkose nur un(ter)bewusst? / Analgetische Unterversorgung bei Opioidgewöhnung

Beitrag von el.tonno »

Hallo zusammen,

(für einige ist der Text womöglich zu lang, weshalb ich die wichtigsten Fragen fett geschrieben habe)

da ich noch im Polamidon-Programm bin, wirken Lokalanästhetika bei mir nicht. Ich habe einen entzündeten, offenen (abgebrochenen), kariösen Backenzahn, der deshalb Mitte nächsten Monats während einer Allgemeinanästhesie extrahiert werden soll. Grundsätzlich habe ich vor etwa einem Jahr drei gute Erfahrungen mit Vollnarkosen gemacht. Ich hatte eine Trikuspidalklappen-Endokarditis, weshalb die infizierte Klappe damals in einer achtstündigen OP durch eine tierische Klappe ersetzt wurde. Zwei weitere Eingriffe unter Allgemeinanästhesie liefen ebenfalls gut (u.a. Implantation eines Herzschrittmachers / Defibrillators - ICD).

Nun ist es so, dass ich einerseits wegen meiner Polamidon-Einnahme (Opioidgewöhnung bzw. -toleranz seit Ende 2011) als auch wegen der kardiovaskulären Einschränkungen (oder sind die ersetzte Klappe sowie der ICD in Hinsicht auf eine Vollnarkose gar keine problematischen Einschränkungen?) Angst vor einer analgetischen Unterversorgung und einer möglichen daraus resultierenden Awareness, ergo der bewussten Schmerzempfindung während der Zahnextraktion, habe. Die Angst entstand vor allem dadurch, dass zunächst versuchst wurde, den Zahn unter Lokalanästhesie zu entfernen, wobei ich nach zwei Betäubungsspritzen noch vier weitere erhielt und trotzdem nach wenigen Minuten den schlimmsten Schmerz meines Lebens verspürte (das war Anfang Juni 2020). Der Zahnarzt brach den Eingriff ab, stellte die medizinische Notwendigkeit einer Allgemeinanästhesie fest und gab mir einen Termin für den 23.06.20, den ich allerdings aus Angst und mangelndem Vertrauen zum Arzt vorzeitig absagte.

Da ich seit etwa fünf Wochen Zahnschmerzen habe und der entzündete, kaputte Zahn ein generelles Risiko darstellt (Herzinfarkt, Schlaganfall, etc.), habe ich mich in einer Zahnklinik vorgestellt und nun einen Termin für die Extraktion unter Vollnarkose für den 19.08.20 bekommen. Nächste Woche findet schon das Vorgespräch mit dem Anästhesisten statt und ich habe bereits die Narkoseprotokolle der damaligen Operationen angefordert, damit der Anästhesist schonmal vorab Richtwerte für die Dosierungen, etc. hat und meine körperliche Konstitution und Reaktion auf die Pharmazeutika besser einschätzen kann.

Seit Wochen kann ich oft kaum schlafen, da meine Gedanken ständig um den bevorstehenden Eingriff kreisen und ich Angst habe, etwas von den Schmerzen mitzubekommen. Die meisten Fragen konnte ich schon für mich klären, aber eine grundlegende Sache verstehe ich nicht:

Physischer Schmerz ist doch eine subjektive, bewusste, unangenehme Wahrnehmung, die als Alarmsignal auf eine tatsächliche oder potentielle Verletzung des Körpers bzw.eine Funktionsstörung hinweist. Bei einer Allgemeinanästhesie schaltet das Narkotikum (z.B. Propofol) das Bewusstsein aus, vermutlich durch Abkoppelung der Großhirnrinde von den übrigen Gehirnarealen. Man schläft bei ausreichender Dosierung so tief, dass man nicht durch (Schmerz)Reize geweckt werden können sollte. Daher frage ich mich, welche genaue Funktion das Analgetikum, also das Opioid (z.B. Sufentanil) hat. Die bewusste Schmerzempfindung ist doch durch das Narkotikum ohnehin ausgeschaltet. Das Opioid ändert oder mindert auch nicht die Ursache des Schmerzes, ergo die Operation bzw. Verletzung.

Meine Vermutung ist, dass folgende Korrelation besteht: je stärker die zugefügten Schmerzen sind, umso höher ist das Risiko, dass man trotz des Narkotikums erwacht bzw. sich bewusst wird, weshalb man die Schmerzen trotz ausgeschalteter Wahrnehmung mit einem Opioid dämpft, um die nötige Narkosetiefe beibehalten zu können (?). Es erscheint mir nur etwas paradox, dass man (während man bei Bewusstsein ist) ohnmächtig werden kann, wenn zu große Schmerzen empfunden werden, was mir als diametral entgegengesetzt zum Erwachen (während einer Vollnarkose) unter zu großen Schmerzen erscheint.

Stimmt das oder liegt es stattdessen bzw. auch daran, dass Schmerzen auch auf un(ter)bewusster Ebene vielfältige Reaktionen des Körpers auslösen, die zu Komplikationen während der Narkose führen können? Ich kann mir vorstellen, dass Schmerzen Stress auslösen, aber auch Stress ist für mich eine bewusste Wahrnehmung, weshalb mich interessiert, inwiefern sich physischer Stress auf un(ter)bewusster Ebene manifestiert. Ein Blutdruckanstieg ist z.B. für mich denkbar, aber dass kann doch bei weitem nicht die einzige Auswirkung des Schmerzes sein, da man dann statt eines Opioides einfach ein weniger riskantes Antihypertensivum verabreichen könnte, etwa in Hinblick auf eine opioidbedingte Atemdepression.

Der Zahnarzt wollte mich mit der Aussage beruhigen, dass ihm in all seinen "Interviews" mit den Patienten nach ihrer Vollnarkose noch nie jemand von Schmerzen oder Wachheit berichtet hätte. Darauf erwiderte ich nur, dass mich das auch sehr wundern würde, da das Narkotikum amnestisch wirkt. Sich im Nachhinein nicht daran erinnern zu können, ist natürlich hervorragend, aber das heißt für mich nicht, dass man die Schmerzen in der jeweiligen Gegenwart nicht erlebt haben könnte.

Es ist natürlich fraglich, wie sich eine chronische Schmerzempfindung tatsächlich anfühlt während einer zu geringen Narkosetiefe, wenn das Gedächtnis ausgeschaltet ist und man jede Sekunde vergisst, dass man gerade eben schon Schmerzen hatte und nicht antizipieren kann, was folgt, aber Awareness ist glücklicherweise ein Ausnahmephänomen.

In meinem Fall gehe ich eben nur von einem höheren Awareness-Risiko aus, da einige Anästhesisten wohl bei opioidgewöhnten Patienten ungerne hohe Dosen eines Opioids verabreichen, um einen Rückfall zu vermeiden, obwohl diese Sorge nicht Anlass für eine analgetische Unterversorgung sein darf. Immerhin bin ich stabil im Polamidon-Programm, sodass seine Sorge wohl geringer sein dürfte als bei gänzlich abstinenten (ehemals opioidabhängigen) Patienten.

Zum Glück ist die Technik mittlerweile so weit, dass die Narkosetiefe gut überwacht und gesteuert werden kann. Ich hoffe nun, dass ich beim Vorgespräch einen guten Anästhesisten kennenlerne, der erfahren mit opioidgewöhnten Patienten ist und dem ich vertrauen kann.

Bitte entschuldigt, dass ich mich nicht kürzer gefasst habe, aber es passiert mir jedes Mal, dass ich vom Hölzchen auf's Stöckchen komme. Ich danke euch ganz herzlich, dass ihr euch die Zeit nehmt, diesen langen Text zu lesen und mir vielleicht beim Verstehen der Zusammenhänge behilflich sein könnt.


Wer sich für das Thema "Anästhesie bei opioidgewöhnten Patienten" interessiert, dem kann ich die Diplomarbeit von Carolin Walter an's Herz legen, die man als PDF-Dokument hier findet:

https://siga-fsia.ch/files/Ausbildung/A ... n_2016.pdf


Danke, Alles Gute und viele Grüße,

el.tonno

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