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Alternative Medizin - Ethnomedizin - Medizinethnologie

Verfasst: 16.09.09, 20:37
von ethnolog1
Seit 2003 treffen sich Studentinnen und Studenten aus den Fächern Medizin, Ethnologie, Psychologie u.a. aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in regelmäßigen Abständen, um in der interdisziplinären Fortbildung das Thema Ethnomedizin in Theorie und Praxis zu erarbeiten. Es sind immer nur wenige Plätze frei, darum ist es ratsam, sich baldmöglichst für diese Fortbildung zu Bewerben. Die nächste Fortbildung ist vom 09.-11.Oktober 2009.

Programm

Das Herz und seine heilenden Pflanzen - über die Rolle des Herzens bei traditionellen Völkern und in der modernen Zivilisation

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind trotz aller Fortschritte der modernen Medizin die häufigste Todesursache in der westlichen Welt. Ist der für die heutige Lebensweise typische Stress dafür verantwortlich? Oder ist die Ursache in falscher Ernährung, Fehlprogrammierungen der Psyche oder schädigenden Mikroorganismen zu suchen? Verstehen wir das Herz und seine Funktion nicht mehr richtig? Fest steht, dass man bei traditionellen Völkern und in den Zeiten vor der Industrialisierung Herzerkrankungen im modernen Sinn kaum kannte. Als »Herzmedizin« dienten dort Pflanzen, die auf der geistig-seelischen Ebene wirkten und das Herz wieder fröhlich machten. Neben diesen traditionellen, alten Herzpflanzen werden aber auch die pflanzlichen Mittel der modernen Kardiologie vorgestellt, wie Fingerhut (Digitalis), Maiglöckchen (Convallaria) oder Strophanthus.
Referent: Dr. phil. Wolf-Dieter Storl (Ethnobotaniker & Kulturanthropologe)

Duga - eine traditionelle Zeremonie aus dem kolumbianischen Amazonasgebiets

Eine Duga wird durchgeführt, wenn wichtige Dinge zu besprechen sind, um Krankheiten zu heilen, Mythen zu erzählen und um Konflikte im zwischenmenschlichen Bereich zu lösen. In dieser Zeremonie wird mit dem Pflanzengeist des Tabaks (Nicotiana rustica) in Form einer alchemistisch verarbeiteten Paste (Ambil) gearbeitet. Diese Paste übt eine subtile Wirkung auf das Sprachzentrum des Gehirns aus, wodurch nach schamanischer Auffassung „Verständigung in Wahrheit“ entsteht oder, wie die Witoto sagen, „das Wort versüßt“ wird. Der Tabak fördert einen Bewusstseinszustand, in dem Herz und Verstand verbunden werden und somit Worte klar formuliert werden können. Fabio Ramirez wird während der Duga auch mit den Pflanzengeistern der Engelstrompete und mit anderen Medizinalpflanzen der Schamanen des kolumbianischen Urwaldes vertraut machen. Dabei geht es aber nicht um die Einnahme der Pflanzen, sondern um eine Annäherung an deren Wesenheiten.
Referent: Dr. med. Fabio Ramirez, Kolumbien (Arzt und Ethnomediziner)

Medizin in matriarchalen Gesellschaften

Cécile Keller bietet eine Einführung in die "Matriarchale Medizin". Diese Medizin ist ganzheitlich und basiert auf Erfahrungswissen matriarchaler Gesellschaften. Auch heute gibt es noch lebende Kulturen in aller Welt, die das Wissen und die Anwendung dieser Heilweise weitergeben. Die Begriffe von Gesundheit und Krankheit unterscheiden sich wesentlich von der Auffassung der westlichen Schulmedizin und somit auch die Prinzipien und Wirkungsebenen von Heilung. Das Heilwissen und die Heilrituale in diesen Gesellschaften liegen weitgehend in den Händen der Frauen. Schamaninnen sind die ältesten Heilerinnen in matriarchalen Gesellschaften.
Referentin: Dr. med. Cécile Keller (Frauenärztin und Co-Leiterin an der Internationalen Akademie HAGIA)

Dem Geist auf die Sprünge helfen – mit Naturheilkunde logisches Denken und Kreativität unterstützen

Wir leben in einer Zeit, in der geistige Beweglichkeit zum Überleben immer wichtiger wird. Naturheilmittel bieten eine Möglichkeit, die geistigen Fähigkeiten des Menschen zu unterstützen, um zum Beispiel die Lernfähigkeit anzuregen, die richtigen Entscheidungen zu treffen und um angstfrei mündliche Prüfungen oder Vorstellungsgespräche zu bestehen. Max Amann wird uns einzelne Pflanzen vorstellen und praktische Rezepte aus der Phytotherapie und Homöopathie erläutern, mit denen man seine geistigen Fähigkeiten besser ausloten kann.
Referent: Dr. rer. nat. Max Amann (Diplomchemiker und Heilpraktiker)


Nähere Informationen zum Programmplan und über unsere ReferentInnen finden Sie auf unserer Homepage: http://www.Studentenfortbildung.de

Wir freuen uns auf eine fruchtbare, inspirierende Arbeit mit Ihnen im ETHNOMED-Studenten-Team.
ETHNOMED Fortbildungen e.V.
E-Mail: studenten@institut-ethnomed.de

Verfasst: 16.09.09, 23:31
von Adromir
Ich frag mich immer wieder, warum der Mensch so nach irrationalem lechzt, daß ihm eine nachweisbar wirksame Medizin nicht reicht und er sein Leben mit Voodoo bereichern muss. Ich frag mich, ob das ein Wohlstandssymptom ist.
Trauriger ist es eigentlich, wenn Menschen, die es besser wissen müssten, sich sowas ergeben.

lechzen nach irrationalem

Verfasst: 17.12.09, 13:29
von segeln141
nun ja,wir lechzen nach irrationalen dingen,weil unsere unzureichend informierte "rationale" denkweise eben häufig keine erklärung bietet.
daher mehr "auf"klärung und "er"klärungen stellen sich dann ein.
was ist im übrigen gerecht verteilt?der verstand,jeder glaubt genug davon zu haben.

Re:

Verfasst: 17.04.11, 19:08
von ethnolog1
Adromir hat geschrieben:Ich frag mich immer wieder, warum der Mensch so nach irrationalem lechzt, daß ihm eine nachweisbar wirksame Medizin nicht reicht und er sein Leben mit Voodoo bereichern muss. Ich frag mich, ob das ein Wohlstandssymptom ist.
Trauriger ist es eigentlich, wenn Menschen, die es besser wissen müssten, sich sowas ergeben.

Hallo Adromir,
gerne gebe ich dir eine mögliche Antwort auf deinen fragwürdigen Beitrag, wenn auch mit erheblicher Verspätung ;-)

Die Menschen bzw. einige Mediziner suchen nicht nach "irrationalen" und schon gar nicht nach Voodoo, sondern wünschen Sie einfach nur eine patientenorientierte Behandlungsweise. Als aufgeklärte Menschen sind wir fähig, das jeweilige (Medizin-) System zu hinterfragen, wenn wir bei einen (gesundheitlichen) Problem nicht weiterkommen. Die Schulmedizin beruht auf einem euro-amerikanischen Weltbild mit seiner entsprechenden Körperkonzeption und das Wissens- bzw. Handlungsspektrum dieser Medizin richtet sich nach den Naturwissenschaften mit der Biologie als Leitwissenschaft. In diesem Sinne kannst du natürlich von einer nachweisbar wirksamen Medizin sprechen, da sich unsere Wissenschaft an diesen Kriterien orientiert. Wenn mal eine Heilung nicht wissenschaftlich erklärbar ist, ordnen wir dieses Phänomen gerne als Plazebo-Effekt ein, damit wir unser System nicht in Frage stellen müssen. Jedes System hat seine Möglichkeiten und natürlich auch seine Grenzen - egal ob Schulmedizin oder alternative Ansätze. So frage ich dich, wo z.B. die nachweisbar wirksame Medizin bei einer Krebsbehandlung zu tragen kommt. Oder nehmen wir die Behandlung von sog. psychosomatischen Erkrankungen. Ein Erweiterung mit biopsychosozialen Ansätzen kann hier wichtig und richtig sein, auch wenn sich Ergebnisse naturwissenschaftlich nicht direkt belegen lassen.

Auch ist es nicht gerade hilfreich, wenn du alternative Ansätze mit Voodoo oder Aberglauben gleich setzt. Voodoo ist übrigens eine westafrikanische Religion und keine Medizin. Es gibt auf unserer Welt einfach verschiedene Welt- und Menschenbilder. Genau so wie die Tatsache, dass die Erde nicht hinter dem Horizont zu Ende ist. Die einen fühlen sich dem Rationalismus verpflichtet, wie zum Beispiel René Descartes mit seinem mechanistische Menschenbild (Körper = Maschine), andere können vielleicht auch etwas mit Spiritualität anfangen, glauben z.B. an eine Seele im Körper und beziehen diesen Aspekt in ihre Anamnese mit ein. Unterschiedliche Weltbilder können nebeneinander exisieren und sich im besten Fall befruchten. Ich kenne zumindest keinen Mediziner, der aufgrund seiner christlichen Prägung einen inneren Konflikt zwischen der Biologie und seiner Spiritualität austragen muss.

Ich denke, wenn man als Arzt oder Therapeut tätig werden will, sollte man nicht nur in "seiner Medizin" ein Experte werden, sondern sich auch andere Modelle ansehen. Dabei geht es nicht primär um die Integration alternativer Methoden, sondern vielmehr um eine ehrliche und offene Auseinandersetzung mit den jeweiligen anderen Blickwinkel, speziell im Bezug auf Themen wie Gesundheit, Krankheit und Heilung. Wir könnten viel von einander lernen, aber dafür muss man ab und zu seine (kultur- bzw. wissenschaftlich geprägte) Brille abnehmen, um etwas mit neuen Augen zu sehen.
Finde´ich gar nicht so traurig :-)

Re: Alternative Medizin - Ethnomedizin - Medizinethnologie

Verfasst: 17.04.11, 19:58
von Humungus
ethnolog1 hat geschrieben:So frage ich dich, wo z.B. die nachweisbar wirksame Medizin bei einer Krebsbehandlung zu tragen kommt.
An verschiedenen Orten, beispielsweise bei einer Hemmung der Durchblutung eines Tumors. Oder bei der Schädigung metabolisch besonders aktiver Zellen. Der Wirkmechanismus ist doch besonders bei der Krebstherapie bekannt! Sind Sie anderer Meinung?
Ethnolog1 hat geschrieben: Oder nehmen wir die Behandlung von sog. psychosomatischen Erkrankungen. Ein Erweiterung mit biopsychosozialen Ansätzen kann hier wichtig und richtig sein, auch wenn sich Ergebnisse naturwissenschaftlich nicht direkt belegen lassen.
Es gibt mittlerweile Forschung direkt im Hirn, beispielsweise mit fNMR. Natürlich ist der Nachweis hier wesentlich schwieriger, es wird aber bei der Psychotherapie im Allgemeinen von einer Modifikation der Hirnfunktion ausgegangen. Was beispielsweise früher für nicht möglich gehalten wurde - Änderung einer Funktion durch Verhaltenstherapie - ist durch die Erkenntnisse der funktionellen Hirnanatomie und Biochemie mittlerweile akzeptiert. Natürlich wird auch die Entstehung eines Psychotraumas so erklärt.

Die Schulmedizin muss in manchen Bereichen eben mühsame Fortschritte machen. Aber sie macht sie.
Ethnolog1 hat geschrieben:Ich denke, wenn man als Arzt oder Therapeut tätig werden will, sollte man nicht nur in "seiner Medizin" ein Experte werden, sondern sich auch andere Modelle ansehen. Dabei geht es nicht primär um die Integration alternativer Methoden, sondern vielmehr um eine ehrliche und offene Auseinandersetzung mit den jeweiligen anderen Blickwinkel, speziell im Bezug auf Themen wie Gesundheit, Krankheit und Heilung. Wir könnten viel von einander lernen, aber dafür muss man ab und zu seine (kultur- bzw. wissenschaftlich geprägte) Brille abnehmen, um etwas mit neuen Augen zu sehen.
Gleichzeitig hat man als Arzt eine hohe Verantwortung gegenüber dem Patienten, und man sollte sich von Methoden lösen, die weder eine Erklärung für ihre Wirksamkeit bieten noch reproduzierbar sind. Das Ideal einer Therapie ist die Vorhersehbarkeit. Ich will einem Patienten nicht vor Therapiebeginn sagen: "Ich weiß nicht, ob Sie bei Ihnen wirkt. Ich weiß nicht, warum sie wirkt. Ich weiß nicht, wie sie wirkt."

Manchmal ist das nötig, weil Alternativen fehlen. Aber: es ist Ziel der Medizin, solche Methoden durch bessere zu ersetzen.