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Psychiatrische Störung bei Kind- Ritzen

Verfasst: 10.01.10, 16:00
von d-i-n
Hallo Forum,

ich war im letzten Dienst bei einer 12-jährigen mit Hyperventilation. War mit Hyperventilationsmaske+Eigenanleitung problemlos zu beheben.

Hintergrund der Sache war, daß das Mädel sich ritzt, die Eltern die Ritzinstrumente (interessanterweise Muschelschalen!) versteckt hatten und das Kind sich dann bis zur Hyperventilation in "ich will meine Muscheln!" reingesteigert hatte.

Nun aber zu meiner Frage: das Mädel ist in kinderpsychologischer Behandlung und die Mutter erzählte, daß dieser Therapeut ihr sagte "wenn die Kleine sich wieder ritzt, müssen Sie den Notarzt holen!". Über die Sinnhaftigkeit dieses Ratschlages lässt sich trefflich streiten... aber diese Mutter (bildungsferne Schicht) wird leider den NA holen, wenn das Kind ritzt.

Und dann? Was soll der NA tun? Die Muscheln mitnehmen? Das Kind Sonntags in eine Psychiatrie zwangseinweisen? Pflaster drauf und wieder abrücken? Hoffen, daß man an dem Tag keinen Dienst hat?

Was würdet ihr tun?

Gruß vom ratlosen doc-in-not :wink:

Verfasst: 11.01.10, 16:34
von Land-Ei
Hallo,
schwierige Situation.

Wenn die Eltern so sehr ratlos und überfordert sind und das Kind solche erheblichen Selbstempfindungsstörungen oder Zwangsverhalten zeigt, nur um eigenen Willen durchzusetzen, würde ich schon eine Einweisung in eine psychiatrische klinik in Betracht ziehen. Gerade in der Pubertät sind die Kids so psychisch labil, daß sich da durchaus eine erhebliche Persönlichkeitsstörung Richtung Borderline entwickeln kann, daß dann mit 18 oder 20 alles zu spät ist.

Grüße vom
Land-Ei
(psychiatrische Notfälle sind für mich die anstrengendsten...)

Verfasst: 14.01.10, 15:27
von Pflasterdrauf
Hallo,

ich denke der Gedanke des Therapeuten ist nicht, dass der NA ein Pflaster drauf macht und wieder geht.
Wie du selbst geschrieben hast, gehört die Mutter in die "bildungsferne Schicht".
Bei uns im Haus sind viele Familienhelfer tätig, die ähnliche Situationen zur Genüge kennen. Und denen sind da die Hände gebunden. Wenn der Therapeut einschätzt, dass die bildungsferne Mutter in dieser psychischen Akutsituation des Kindes den richtigen pädagogischen Ansatz nicht findet um ihrem Kind zu helfen, bleibt - so denke ich - wohl nur die (notfalls Zwangs)-Einweisung in eine psychatrische Einrichtung. Und für eine Zwangseinweisung gibt es nunmal grundlegende Vorraussetzungen. Dazu gehört meines Wissens nach eben auch ein Notarzt. Sollte dies die einzige Möglichkeit sein, dass Kind vor weiterem (Selbst-)Schaden zu schützen, weil die Eltern/Familie dazu auf Grund mangelnder Fach- und Sozialkompetenz nicht fähig ist - sorry, dann muß auch mal der Doc dazu, auch wenn es kein medizinischer Notfall im Sinne des NA-Kataloges ist...

Aber wie heißt es doch so schön: Leben retten, Gesundheit schützen... und im Grundgesetz heißt es doch wohl auch: "...Recht auf Unversertheit..." "..Kinder und besonderer Schutz..." "...schutzbefohlene..."
Und wenn man ein 12jähriges Kind (das ja wohl anscheinend nicht im Stande ist sich selbst zu schützen - warum sonst wohl fügt es sich körperlichen Schaden zu??? Vielleicht um auf seelischen Schmerz aufmerksam zu machen?! Steht ja die Frage, wo kommt der her???) nur dadurch schützt und rettet, indem man auf den Rat des Therapeuten hört, dann sollte das nur recht und billig sein.

Ein Pflaster auf ne Wunde kann auch der RS/RA, der SAN und Ersthelfer - vielleicht sogar die bildungsferne Mutter...Aber ein Pflaster auf die Seele - die Mutter konnte es bisher ja wohl nicht...und ganz ehrlich, welcher RTW, KTW o.ä. kann von sich behaupten adäquat auf diese Situation eingehen zu können? Ich würde das weder können, noch wollen. Zumal ein einziges falsches Wort die ganze Situation zum Kippen bringen kann.

Manchmal sind die seelischen Notfälle grausamer als ein abgetrenntes Bein, warum dann nicht auch hier nach bestem Wissen und Gewissen?!
Es gibt eben noch keine Rollstühle für die Seele - schon gar nicht auf Rezept.

Lieben Gruß
Marco

PS. Ich hoffe, ich hab mich jetzt nicht in Gedanken überschlagen...

Verfasst: 14.01.10, 18:59
von VK-Retter
Ich glaube die Situation spiegelt ein Manko des deutschen Gesundheitssystems wieder.
Es scheint nichts (effektives) zwischen privater Versorgung und (Zwangs)Einwesung zu geben. Als Mediziner/Rettungsdienstler vor Ort kann man da - so weh es auch tut - nicht viel machen. Ich denke das könnte in der kurzen Zeit die uns üblicherweise belibt selbst kein Fachmensch. Hier müsste es so etwas wie einen Sozialdienst, oder besser noch (ambulanten) fachpsychologischen DIenst geben.
Glaube in GB gibt es so etwas - zumindest in der Theorie.
Vllt kann fa7x110 da ja etwas dazu sagen.

In der angegebenen Situation würde ich ich wohl zu einer Einweisung tendieren.
Dies erhlicherweise allerdings eher aus einer inneren Unsicherheit und dem Versuch mich rechtlich abzusichern heruas, als aus der festen Überzeugung damit etwas zu bewirken.

Sicher, das Mädchen ist in ihrer Familie in dieser Situation sicherlich nicht ideal versorgt, aber sie wird zumindest therapeutisch versorgt. DIes ist die Grundlage für eine Heilung/Stabilisierung des Patienten.

Dazu muss man wissen das SSV erstens nicht gleich Suizidale Absicht ist und alleine genommen auch nicht so gedeutet werden darf und zweitens eine chronische Erkrankung mit Hochs und Tiefs, die nicht selten lediglich gut eingestellt werden kann, abe rnicht vollständig ausheilt.
D.h. wenn keine lebensbedrohlichen Verletzungen bestehen und keine suizidale Absicht geäußert wurde/erkennbar ist, kann man durchaus kontrovers über die Legetimation einer Zwangseinweisung dikutieren.
Ganz im Gegenteil, ich weiß aus persönlicher Erfahrung, dass ein Patient mit SSV auch als stabil gilt wenn er sich beispielsweise "nur noch" alle paar Monate verletzt. In wie weit die die akute Verletung(sserie) also bedrohlich ist, eine Steigerung darstellt oder eine Krise kennzeichnet muss von einem Fachmann beurteilt werden - und zwar nicht von irgend einem, sondern idealer weise vom behandelnden Therapeuten, denn nur dieser kennt den Patienten.
D.h. aus therapeutischer Sicht ist eine Einweisung bei einem für den Patienten üblichen/normalen Verletzungsmuster nicht notwendig - so schwer dies auch zu ertragen ist. Handelt es sich allerdings um eine akute Verschlechterung kann man gerade abends und am Wochenende überlegen ob nicht zumindest die Zuführung zu einem (abmulanten) psychologischen Notfalldienst sinnvoll ist, damit eine Krisengespräch erfolgen kann.

Sehr sehr schwierig und ich bin ehrlich froh darüber wenn mir solche Einsätze erspart beliben.