Überschlag, KED, Spineboard oder wie?

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frequenzkatastrophe
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Überschlag, KED, Spineboard oder wie?

Beitrag von frequenzkatastrophe » 20.04.09, 00:51

Sorry, mir ist kein besseres Topic eingefallen. Aber ich brauch mal Hilfe beim nachdenken, von Euch. Ich (Intensivpfleger, mit mäßiger RettDiensterfahrung) frage mich, wie ich bei einem Patienten die Wirbelsäule stabilisieren kann, wenn sich dieser z.B. in einem Auto befindet, das auf dem Kopf steht/auf der Seite liegt oder wenn der Pat. z.B. im KFZ nach einem seitlichen Aufprall, Richtung Beifahrersitz gerutscht ist. Das er ein Stifneck anbekommt ist klar und dürfte auch in "merkwürdigen" Positionen nicht das Problem sein, mir gehts also mehr darum, wie ich z.B. ein KED System anlege, wenn der Pat. nicht gerade auf seinem Sitz platziert ist, so wie es häufig bei Übungen der Fall ist.
Jedes Ding ist Gift, allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist.

Land-Ei
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Beitrag von Land-Ei » 20.04.09, 19:06

Hallo Frequenzkatastrophe!

In so einer Situation muß man je nach Lage, die sich bietet, improvisieren. Patentrezepte gibts keine. Ziel: Patient achsengerecht "ohne zu verbiegen oder zu verdrehen" aus dem Wrack retten.

Mal abgesehen davon, daß eine schonende Rettung nur möglich ist, wenn der Patient stabil ist und keine Crash-Rettung vonnöten ist.

Möglichkeiten gibt es viele,
Vom Spine-Board in Bauchlage/Seitenlage über "Patient aus dem Gurt schneiden wenn unter ihm ein kräftiger RA ist, der das "Herunterplumpsen verhindert" bis hin zu "Drehen wir den PKW doch um"

Die Strategie entscheidet sich erst vor Ort.

Viele Grüße,

Land-Ei

Corvinius
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Beitrag von Corvinius » 20.04.09, 19:24

Halloo,

im Grundsatz bin ich auch der Auffassung dass eine Musterlösung nicht gegeben werden kann.
Im Rettungsdienst habe ich aber oftmals die Scheu vor freizügigem Herausschneiden erlebt obwohl dies gerade bei deformierten oder 'komisch' liegenden PKW/LKW das Mittel der wahl ist mir Platz zu verschaffen die Achsengerechte Rettung durchzuführen (Wo keine B-Säule mehr ist behindert mich auch keine mehr ;P)

Ich persönlich bin ein Freund vom KED System. Einfacheres Handling während der Bergung und vernünftige Fixierung des Kopfes. Ein Ausbildungsproblem in Sachen KED ist es sicherlich dass viele Schulen, den berühmten Stuhl in die Raummitte stellen und dann fünf Leute gleichzeitig gemütlich das System in Halbstündiger Frimelei unter massiver Bewegung sämtlicher Patientenachsen dranbasteln. Das kann nicht Sinn der Sache sein.
Um mit einem KED vernünftig umgehen zu können muss ich es im kaputten Fahrzeug üben. Einen alten Fiesta aufzutreiben um diesen aufs Dach zu schupsen kann auch nicht das Problem sein. Man kann sich auch nicht vorstellen wie es ist neben einem laufenden Bergegerät zu arbeiten wenn man es nicht mit der Feuerwehr geübt hat.

Also; keine solide andauernde Rezertifizierung und nix is mit Achsengerechter Rettung. Und ein KED kopfüber anzubringen davon Rate ich ab 8)

MfG

d-i-n

Beitrag von d-i-n » 20.04.09, 20:39

Land-Ei hat geschrieben: Die Strategie entscheidet sich erst vor Ort.
Sehe ich auch so... Theorie und Praxis!

Hatte letzhin einen ganz blöden Klemmer, da waren letztlich weder Stiffneck noch KED noch achsengerechtes Bergen möglich, manchmal geht es halt nicht! :roll:

Crash bei ca. 100 km/h. Ein PKW wurde von einem entgegenkommenden LKW, der lenkunfähig auf die Spur des PKW kam zunächst durch schrägen Aufprall gestoppt und quer vor dem LKW in den Seitenraum geschoben dort an einem Baum "hochgeklappt". Auto kam also auf der Beifahrerseite zu liegen, auf der Unterbodenseite der LKW (zurückkippen ncht möglich), der Baum war genau entlang vorderer Dachkante/ A-Säulen, die Autofront 90 Grad um den Baum gebogen und dummerweise darunter ein Graben, daher ungünstige Arbeitshöhe.
Die Vordersitze waren mittig ins Auto verschoben, Ersthelfer hatten den Schultergurt durchgeschnitten, woraufhin der überkopf hängende Patient "nach unten" hing (der Beckengurt hatte sich zum Glück verklemmt und hielt den Patienten im Sitz), der Kopf war zwischen Dachhimmel und Kopfstütze eingeklemmt, die Oberschenkel (links 2fach frakturiert) klemmten hinter dem Lenkrad.. Hoffe, man kann sich das vorstellen?
Zugang zunächst nur an einem Arm durchs Fahrerfenster, auf Zehenspitzen Wiggo reingekriegt. Kam dann ins Auto durch die zunächst verklemmte hintere Tür auf der Fahrerseite, aber durch die stark zusammengeschobenen Fronstitze u.eingeknicktes Dach nicht wirklich an den Patienten ran, sah nur Hinterkopf und die bluttriefenden Knie...tropf...tropf...Bodycheck nicht möglich, Patient atmete und war ansprechbar...ich wäre nicht an die Atemwege rangekommen!
Die FW schnitt 10 cm vor dem Gesicht des Patienten direkt am Baum das Dach auf, der Schnitt ging durch die Sonnenblenden, dann wurden B- und C-Säulen gekappt, so daß man das Dach wie eine Zugbrücke aufklappen kommte. Problem war aber, daß die zwischen Dach und Sitz eingeklemmte Oberkörperpartie den Patienten hielt, hätten wir das Dach weggeklappt, wäre er frei an den eigeklemmten Oberschenkeln gebaumelt (und am Beckengurt, dessen durchgeschnittenes Ende ein FW-Mann fixierte und damit den Patienten am Sitz hielt).
Mein begnadeter und sehr gelenkiger Kollege schaffte es, auch noch in den Wagen zu kommen, sich durch den Spalt zwischen den Sitzen zu winden und kniete sich auf Händen u.Knien in die Blutpfütze unter dem Patienten (er kniete auf den Seitenfenster der Beifahrerseite, die in der Erde eingegraben lag). Er stützte von unten den Patienten, das Dach wurde weggeklappt, ein Spinebord zwischen Patienten u. Kollegenrücken geschoben. Von außen konnte ein Kollege durch ein 30x30cm-Loch in der Windschutzscheibe den eingeklemmten linken Fuß befreien und der Patient in Seitenlage aufs Spineboard gezogen werden, allerdings mit leichtem seitlichen Abknicken der Wirbelsäule (Kopf wurde aber manuell fixiert)..
Der Patient hatte 4 zum Glück stabile HWK-Bogenfrakturen, OS# 2x, Clavicula# li, 1.Rippe# li, Lungenspitzenkontusion mit Mini-Pneu li u. eine Handverletzung. Also ein wahnsinniges Glück!!!
Es war letzlich eine "Semi-Crash-Bergung", da eine Atemwegssicherung nicht möglich war. Solange der Patient ansprechbar war, haben wir so schonend wie möglich geborgen, wäre er bewußtlos geworden, hätten wir Crash ohne WS-Stabilisierung gemacht.
Es ist letztlich immer eine Ad-Hoc-Entscheidung, wie man vorgeht, auch während der Rettung muß man flexibel bleiben. Ich verlasse mich, was Ideen und Schienen/ KED-Möglichkeit angeht immer auch sehr auf die Meinung "meiner" RDler. Was aber für alle klar angesagt werden muß ist das genaue Vorgehen beim Rausziehen, wer nimmt welchen Körperteil usw.

Gruß von doc-in-not :wink:

PS: wir haben mit dem KEDübrigens etwas ganz Gutes rausgekriegt: es lässt sich wunderbar für Schenkelhals# einsetzen, Halsteil nach unten unter das verletzte Bein.

frequenzkatastrophe
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Beitrag von frequenzkatastrophe » 20.04.09, 22:23

Alter Schwede - Hut ab vor der Aktion! Scheint ja mit viel Engagement, aller Beteiligten recht glimpflich ausgegangen zu sein. Vielen Dank schon mal für die Interessanten Postings. Muss sagen, bin mit meiner "minimalen" Erfahrung auch ziemlich überzeugt vom KED System, kennt irgendjemand ne gute Homepage oder Literatur zu dem Thema?
Jedes Ding ist Gift, allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist.

Corvinius
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Beitrag von Corvinius » 21.04.09, 19:59

Zur Literatur:


http://www.anr.de/de/wissen/bibliothek/ ... n_rett.jsp
http://www.wali118.ch/Das%20KED.pdf
http://www.daniel-kruell.de/temp/firefi ... system.pdf
http://www.st.redcross.or.at/aktprof/pd ... _22003.pdf

Teils sind Empfehlungen enthalten die nicht gerade als Goldstandard bezeichnet werden können. Wann und wie ich welche technischen Rettungsmittel einsetze bleibt uns wohl allen selbst überlassen.

Grüße

SAN_FW
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Beitrag von SAN_FW » 21.04.09, 20:20

Guten Abend!
doc-in-not hat geschrieben: Hatte letzhin einen ganz blöden Klemmer.
"Schönes" Praxisbeispiel, das zeigt, dass die Abarbeitung von Verkehrsunfällen mit eingeklemmten Personen ein hochkomplexes Thema ist, was alle Beteiligten enorm fordern kann und nur dann gut von Statten geht, wenn gut ausgebildetes und in der Teamarbeit geübtes Personal vor Ort ist - sowohl innerhalb Feuerwehr und Rettungsdienst als auch zwischen Feuerwehr und Rettungsdienst.
doc-in-not hat geschrieben: Es war letzlich eine "Semi-Crash-Bergung"
Mittlerweile fasst man in der aktuellen Literatur* unter dem Stichwort "patientenorientierte Rettung" drei Rettungsmodi zusammen:
1. sofortige Rettung (Crashrettung)
2. schnelle Rettung (Zeitvorgabe in Anlehnung an golden hour of trauma: 20 Minuten)
3. schonende Rettung

Modus 2 ist am häufigsten anzutreffen (besser: der Patient erfordert meist Modus 2). Wird dem Lesen nach auch hier erforderlich gewesen sein...


*Soviel gibt es gar nicht, die sowohl medizinische als auch technische Rettung gemeinsam betrachtet: z. B. Südmersen, J. et al: Technische Hilfeleistung bei PKW-Unfällen, 2. Auflage, Landsberg 2008.

SAN_FW
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Beitrag von SAN_FW » 21.04.09, 20:30

Corvinius hat geschrieben:Zur Literatur:

Wann und wie ich welche technischen Rettungsmittel einsetze bleibt uns wohl allen selbst überlassen.
Richtig, vor allem gibt es nicht "DAS" Rettungsmittel. Alle haben Vor- und Nachteile, wobei m. E. jedoch das Rettungsbrett für den VU auf häufigsten einsetzbar ist.

Karsten81
noch neu hier
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Beitrag von Karsten81 » 03.05.09, 22:21

Zum Thema KED System habe ich festgestellt, dass viele eine Abneigung haben, weil Sie es meiner Meinung nach nicht richtig beherrschen.
Ich bin früher viel auf dem Nürburgring Rettung gefahren und da auch Mitglied des Extricationm Teams gewesen. Und wenn ich jemanden mit KED System aus einem Rennwagen kriege, muss ein Auto schon echt blöd liegen bzw. stark demoliert sein, damit es nicht mehr einsetzbar ist. Was ich davon abgesehen immer eine gute Alternative finde, ist ein Soineboard.
Kann man am Patienten nichts anbringen außer Stiffneck, kann man den Patienten zmindest vorsichtig auf das Sineboard verbringen und dort direkt sichern. Und man kommt immer noch an den Patienten ran, um ihn weiter untersuchen zu können.
Letztendlich gilt, was habe ich alles zur VErfügung und was funktioniert bei diesem Fall bei diesem Patienten am besten. Und wie viel Zeit habe ich.

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