Fraktur, und ja ich war überrascht...

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mbela
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Fraktur, und ja ich war überrascht...

Beitrag von mbela » 12.10.08, 13:50

Grüße euch,

hatte mal wieder einen mal etwas interessanteren Einsatz an welchem ich euch teilhaben lassen wollte.

Einsatzmeldung:
RTW ohne Sonderrechte
Fraktur
Info: ältere Dame im Flur gestürzt, kann nicht aufstehen, klagt über Schmerzen im rechten Bein, Sohn kommt hinzu und öffnet Wohnung

Besatzung: RAiP, RH-Praktikant, RA (ich)

Auf der Anfahrt sprachen wir kurz über die Möglichkeiten die uns erwarten könnten, im Falle einer nötigen Analgodesierung würde ich Atmungskoffer, EKG und Absaugpumpe nachholen (bei uns für zertifizierte RAs möglich). Beim Eintreffen greift sich der Kollege den Kreislaufkoffer und los gehts:

Szene: Mehrfamilienhaus 1.OG
Sicherheit: keine Gefährdung
Situation: Sohn erwartet uns an der Wohnungstüre, Patientin (ca. 65 Jahre) liegt in Rechsseitenlage ca. 2m hinter der Türe im Flur

Erstbeurteilung:

A: kein Anhalt auf Atemwegsproblematik
B: AF: 15/min., keine Zyanose, Lunge bds. gut belüftet
C: warme, trockene Haut, Rekap < 2 sec., peripherer Puls: arythmisch, gut tastbar, Frequenz ca. 90/min, RR: 150 mmHg palp.
D: GCS 15, keine Bewußtlosigkeit, Schmerzen - Schwellung - Rötung distaler re. Unterschenkel, DMS o.B.
E: Bodycheck sonst o.B., jedoch als der Kollege am li. Unterschenkel nach Beinödemen schaut (Druckprobe) zuckt die Patientin am ganzen Körper zusammen, sie gibt an erschrocken zu sein, habe dort keine Schmerzen *erstes Stirnrunzeln*

Anamnese:

Allergien: keine bekannt
Medikation: Sohn sucht die Medikamentenliste, "Aspirin, was fürs Wasser und was gegen den Blutdruck" laut Patientin
Patientengeschichte: "vor einem Jahr wurde so ein Ding fürs Herz eingebaut" *zweites Stirnrunzeln*
Ereignis: Pat. gibt an ihr wurde im Flur schwumrig, dann sei sie erschrocken und gestürzt *die Falten auf der Stirn vertiefen sich*

Als sie dies angab wird Pat. bewußtlos, ca. 5 Sekunden später zucken der Arme, Pat. kommt weitere 5 Sekunden später wieder zu sich. Das sogleich vom RH nachgebrachte Equipment ermöglicht eine EKG-Ableitung mit folgendem Befund: absolute Arythmie bei VHF, HF ~86/min, SpO2 96% bei Raumluft

Eben als der Sohn mit den Worten: "Sie hat nen Defibrillator" aus dem Wohnzimmer kam klagt Pat. über Unwohlsein, das EKG zeigt eine VT, welche nach wenigen Sekunden pulslos wird, nach Schock des ICD wieder AA.

Maßnahmen:
Reanimationsbereitschaft
Nachforderung NA
O2-Gabe
Anlage venöser Zugang, Blutentnahme
12-Kanal-EKG

Übergabe an NA, Anzahl VTs bzw. Schocks 7 (nur teils mit Bewußtseinsverlust), 10 min. seit Eintreffen

2 mg Midazolam zur Sedierung der Pat.
150 mg Amiodaron beenden das Auftreten der VTs (2 weitere im Beisein des NA)
80 mg Ketamin für Schienung, Umlagern aufs Spineboard

Transport auf die internistische Intensivstation. Übergabe Kreislaufstabil.

Wie ich im Titel schon schrieb, ich war doch sehr Überrascht über den Verlauf dieses Einsatzes, hatte ich mich auf der Anfahrt doch etwas auf eine evtl. Analgosedierung gefreut, dass dann eine lebensbedrohliche Situation draus wurde zeigt mal wieder, dass nur der Alibi-Rote-Koffer nicht sein sollte.

Ich hatte über eine Sedierung nachgedacht, aber Midazolam gehört bei uns nur im Rahmen der Trauma-Analgosedierung zu den Maßnahmen durch zertifizierte RAs, dennoch war dies wieder einer der Fälle, wo ich daran dachte einen Schritt weiter zu gehen, denn zumindest die Schocks ohne Bewußtseinsverlust waren doch sehr unangenehm für die Patientin.

Hättet ihr etwas anders gemacht?

Gruß

Markus
Lehrrettungsassistent / ILS-Disponent / QMB
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Dr. A. Flaccus
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Beitrag von Dr. A. Flaccus » 12.10.08, 17:50

Moin, moin,

ich denke, der Einsatz ist insgesamt gut gelaufen.

dass dann eine lebensbedrohliche Situation draus wurde zeigt mal wieder, dass nur der Alibi-Rote-Koffer nicht sein sollte.


Warum nicht ? Wenn es die Einsatzmeldung hergibt ?

Wir müssen uns davon lösen, immer und überall mit allem vor Ort zu sein. Das macht zwar ´nen super Eindruck, aber nicht selten wird ja vieles "unbenutzt" zurück zum Auto geschleppt.

Man sollte auch an die Gesundheit des Personals denken. Im Zweifel läuft man eben noch einmal runter und holt, was man braucht.

Gruß

A. Flaccus
Dr. A. Flaccus
Facharzt für Anästhesie
- Notfallmedizin -
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