Fallbeispiel: Entbindung

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Uwe Hecker
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Beitrag von Uwe Hecker » 06.09.07, 18:26

Tag auch Zusammen,

bin eben gerade auf den Tread gestoßen. Interessant, interessant...

Also, von mir ausgehend, der schon einige Geburten erlebt hat, und dennoch bei der letzten Geburt ( die meiner Tochter ) sich am Ende doch an der Mutter festgehalten hat... würde ich mich vor allem erstmal eines fragen:

RTW, wie besetzt RA, RS; RA, RA, wie fit bin ich, wie fit ist mein Kollege in Sachen Geburtshilfe?
Gibts ´nen 3 Mann / Frau, der irgendwie was tun kann, Erfahrung hat ?
Was bringt ein NA ? Sorry, nicht gegen die Akademiker, aber ich kenne auch Orthopäden die NA Dienst fahren, und bei derren Fachdisziplin ist die Entbindung doch tendentziell eher selten.

Und die Zielklinik ist nur 2 Minuten weit weg ?

Mein Vorschlag daher:
Da die zweite Geburt meist dann doch etwas schneller geht, bleibt die werdende Mama zu Hause. Alles was benötigt wird kommt aus dem RTW in die Wohnung. Papa, wenn gerade zu Hause mit einspannen, kann wunderbar den Rücken massieren und beim pressen helfen, steht dann zudem nicht unnötig herum. Bei allen Maßnahmen Ruhe und Kompetenz ausstrahlen. Auf angenehme Atmosphäre achten,( auch wenns jetzt nicht evidenzbasiert ist, aber Duftlampen und ruhige Musik, haben oftmals schon mehr zur Entspannung Schwangerer beigetragen als alles beruhigende Gesülz von Rotjacken). Vitalwertecheck, etc. Ist zwar nicht wirklich notwendig, schafft aber einen leichteren Zugang zur Mama. Zielklinik und / oder Leitstelle anrufen, da wenn diese nur 2 Minuten weg ist, ob nicht von denen jemand kommen kann, wenn schon wir im Moment nicht kommen können. Im Prinzip würde ja eine Hebamme ausreichen. Und um auf meine Eingangs erwähnte Frage nach dem 3Mann zurück zu kommen, diese notfalls durch ihn abholen zu können.

Soweit mal mein Vorschlag und jetzt ???

LG

Uwe
Gesundheits- und Krankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie / Rettungsassistent

Dr. A. Flaccus
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Beitrag von Dr. A. Flaccus » 07.09.07, 13:47

Moin, moin,

...dann will ich´s mal auflösen:

Das RTW-Team wollte ohne Notarzt transportieren.
Aber Sie haben sich vorab viele Gedanken gemacht (daher mein ketzerischer Hinweis auf die Appendizitis-Diskussion im öff. Rett-Med-Forum).

Hauptgedanke war: Mit dem Bergetuch und Füssen voran geht das nicht im Treppenhaus - dann kommt dass Kind womöglich noch :shock:
Also forderten Sie eine Drehleiter zur schonenden Bergung nach!

Gleichzeitig wurde die Pat. noch komplett verkabelt (EKG, RR, SpO2 und Zugang mit Ringer), sodaß man beim Transport auch schön viel an- und abzubauen hat... :wink:

Tja - und dann hat sich das Kind gedacht, "das dauert mir alles zu lange" und kam einfach. Zum Glück noch in der Wohnung!

Als sich dies abzeichnete wurde das NEF nachgefordert und der NA staunte natürlich nicht schlecht, als ihm die gerade im Aufbau befindliche Drehleiter den Weg versperrte.

Fazit: Zwischen Ankunft RTW in der Wohnung und Nachforderung NEF lagen rund 35 min. ! Ohne viel nachzudenken, mit Bergetuchtransport und Kopf der Pat. zuerst (voran), hätte man es wohl in die Klinik schaffen können.

Hätte sich die RTW-Mannschaft gleich für "stay and play" entschieden, wäre es ja völlig o.k. gewesen, aber man wollte die Frau tatsächlich "schnell" mit der Drehleiter bergen...

Komisch, das hier keiner darauf gekommen ist... :wink:

Schmunzelnde Grüße ins Wochenende

A. Flaccus
Dr. A. Flaccus
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nebel
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Beitrag von nebel » 07.09.07, 15:15

Schöner Einsatzbericht....mit einem nicht vorhersehbaren schönen Ausgang :)
...vielen Dank, Dr. A. Flaccus

An die Tatsache, dass man mit den Füßen zuerst die Treppe runter muss und dadurch eine Geburt provoziert, habe ich garnicht Gedacht :roll:

Einen schönen Tag allen Usern

d-i-n

Beitrag von d-i-n » 08.09.07, 12:34

Echt interessanter Bericht, Dr.Flaccus -danke!!!

Ich hab bisher 2 Hausgeburten "geleitet" (eher durchzittert...) und natürlich viele "unter der Geburt" noch rechtzeitig in die Klinik gebracht.

Nach den Hausgeburt-Erfahrungen würde ich persönlich bei kurzer Entfernung wann immer es geht zu load and run entscheiden. Zwar ging es beide Male gut, aber es waren glücklicherweise auch jeweils Mehrfachgebährende (2.bzw. 3.Geburt) mit normaler Kindslage, was gut festzustellen war, weil das Köpfchen schon sichtbar wurde. Bei einem der Babys war allerdings die Nabelschur über dem Kopf vorgefallen und wurde beim Kopfdurchtritt, der zum Glück mit nur einer kräftigen Preßwehe der tapferen Mutter erledigt war, auch abgeklemmt.

Selbst bei einer ganz normalen SS ist m.E. das Risiko, daß es daheim zu Komplikationen kommt, nicht auszuschließen und die Handlungsmöglichkeiten bei bereits eingetretener Komplikation mehr als schlecht. Und ich will es nicht riskieren, mit einer feststeckenden Beckenendlage, vorgefallenem Ärmchen oder die Faust bei Uterusatonie auf die Aorta drückend dann zu transportieren. Ich bin kein Gyni und kann z.B. (trotz Famulatur auf Gyn) nicht sicher von außen tasten, wie die Kindslage ist. Oder sehen, ob die Nabelschnur unter der Geburt noch vorfällt.

Meine Erfahrung aus den 2 Hausgeburten:

Es wäre mir in beiden Fällen nicht möglich gewesen, einen Dammschnitt zu machen, weil ich durch das Einsinken des Patientinnen-Po`s in die weiche Ehebettmatratze gar nicht an den Damm rangekommen wäre. Ich würde mir ehrlich gesagt auch gar nicht zutrauen, einen Dammschnitt korrekt zu setzen... man muß auch erstmal da rankommen, wenn das Köpfchen schon alles blockiert. Es kam bei beiden Patientinnen zum Glück nur zu kleinen Dammrissen 1.Grades.
Nachdem das Baby ausgetreten war, ging bei einer Patientin noch massenhaft blutiges Fruchtasser ab. Es war für mich zunächst kaum festzustellen, ob das wirklich nur Fruchtwasser oder evtl. eine starke Nachblutung war. Wir haben kein Oxytocin auf dem RTW, wodurch man eine Blutung evtl. stillen könnte.

Ich habe mich zwar um Ruhe und Kompetenz bemüht, aber die eigentlich nötige Gelassenheit fehlt mir auch mangels wirklicher Kompetenz für eine Geburt ganz entschieden, bei dieser Einsatzmeldung kriege ich selbst Herzrasen, das gebe ich trotz fast 20 Jahren Notdiensterfahrung offen zu. :(

Gruß von doc-in-not :wink:

Dr. A. Flaccus
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Beitrag von Dr. A. Flaccus » 09.09.07, 10:31

Moin, moin,

...auch ich bin in Sachen "Hausgeburt" ein gebranntes Kind.

Ich vefüge über n=1 Erfahrung, aber die hatte es in sich:

2. Kind, Kopf steckt im Geburtskanal fest, Nabelschnur eingeklemmt, nachts um 0 Uhr, Hebamme, Kinderarzt etc. 20-30 min entfernt.

Irgendwie hab´ ich meine Hand in den Geburtskanal hineinbekommen und dann kam das Kind :arrow: leblos. :arrow: Reanimation des Kindes zwischen den Beinen und vor den Augen der Mutter...

Am Ende ging´s gut aus: Alle wohlauf. :)

Aber ich bin um Jahre gealtert und seitdem ein großer Freund der Geburt in der Klinik, wann immer dies möglich ist... :wink:

Gruß

A. Flaccus
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Erik Eichhorn
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Beitrag von Erik Eichhorn » 09.09.07, 11:05

Ich mache nach jedem Dienst in dem ich um eine (wäre meine Erste) Hausgeburt drumrumkomme gedanklich drei Kreuze. Das ist so ziemlich der Einzige Einsatzgrund der bei mir nach Jahren immer noch vegetative Reaktionen auslöst :-)

Wenn ich mir das so anhöre lieber Alfred, werde ich das auch die nächsten Jahre beibehalten :-)

In diesem Sinne,
Erik Eichhorn
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d-i-n

Beitrag von d-i-n » 09.09.07, 21:02

Mensch :D , ich bin ja richtig erleichtert, daß auch andere Kollegen hier bei Geburt noch einen Adrenalinstoß kriegen... :roll: ich dachte immer, nur ich sei so uncool, mir die schrecklichsten Komplikationen auszumalen, wo Geburten doch angeblich immer "ganz von alleine" über die Bühne gehen. Ich hab erst kürzlich eine 14-Jährige mit Wehen alle 2-3 Minuten unter Partusisten-Tropf 30 km weit verlegt... mein Puls war garantiert schneller, als der meiner Patientin, obwohl die Wehenabstände größer wurden... :oops:

Aber genau vor dem, was Dr.Flaccus erlebt hat, hab auch ich ziemlich Schiß! Ist ja toll, daß es so gut ausging!

Gruß von doc-in-not :wink:

besorgter_rettass
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Beitrag von besorgter_rettass » 15.09.07, 11:16

Schönes Thema

Ich hatte auch schon das Glück bei zwei Hausgeburten dabei seien zukönnen, Nummer eins war eine dritt Gebährende, die uns eher angeleitet hat als wir sie (damals noch junfreulicher Rettsan), was mich zu einem mehrtägigen Aufenthalt im Kreißsaal bewegt hat.
Nummer zwei war ne Sturzgeburt im warsten Sinne des Wortes. "Ich dachte ich muss auf Toilette und dann lag das Kind drin" leider etwas schlecht abgenabelt (wir wissen bis heute nicht womit) und das bei ner Erstgravida. :shock:

Tolle Beiträge aber ein paar Sachen fehlen doch irgendwie. Es gibt ein paar ganz einfache "Handgriffe" um zu beurteilen fahren oder bleiben und die kann jeder Sani durchführen.
Wenn die Geburt wirklich kurz bevor steht wie im genannten Bespiel wären die vier Leopold Handgriffe indiziert um ganz einfach die Lage des Kindes zu beurteilen. Denn ob nun Austreibungsphase oder nicht, wenn sich das Kind in einer Geburtserschwerten bzw -unmöglichen Lage befindet, brauche ich ein OP Team für den Fall der Fälle und das kommt leider noch nicht in die Häuslichkeit.
Prinzipiell um zu entscheiden zu Hause bleiben oder Abtransport, Zangenmeister Handgriff, dann weiß ich ob der Kopf sich noch vor oder schon im Geburtskanal befindet. Was meine Entscheidung sehr erleichtern kann.
Alles Entstandene ist auch der Vergänglichkeit unterworfen!

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