Fallbeispiel: Entbindung

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Dr. A. Flaccus
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Fallbeispiel: Entbindung

Beitrag von Dr. A. Flaccus » 05.09.07, 09:01

Moin, moin,

angeregt durch die Diskussion zum Thema "Appendizitis bei Schwangeren" im öffentlichen Forum möchte ich hier mal ein echtes Fallbeispiel einstellen.

Ich habe dabei natürlich :wink: bestimmte Hintergedanken, die ich hier gern im Verlauf diskutieren würde.

Los geht´s:

RTW wird zur "Entbindung" bei einer sonst völlig gesunden Schwangeren alarmiert.

Bei Eintreffen des RTWs im 3. Stock empfängt die Pat. das Team mit den Worten: "Die Fruchtblase ist gerade geplatzt". Die Wehen sind kräftig, alle 2 - 3 Min., die Pat liegt im Bett und es ist Ihr 2. Kind.
Das Treppenhaus ist nicht besonders groß, bietet aber sowohl für Stuhl, als auch für Tragetuch genug Platz.

Fahrzeit zur Klinik mit Gynäkologie: 2 min.

NEF ist nicht alarmiert.

Wie geht´s weiter ? Vorschläge bitte...

Dr. A. Flaccus
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Laire
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Beitrag von Laire » 05.09.07, 09:15

Guten Morgen,

erstmal schöne Grüße in meine Heimat Hildesheim...

Also meine Frage wär erstmal, was steht im Mutterpass, irgendwelche Komplikationen bekannt? Wie verlief die Geburt des ersten Kindes? Wie ist der Zustand der Mutter? Wie lange würde ein NEF bis zum Einsatzort brauchen? (Da bis zu KH nur zwei Minuten würde ich schätzen Hildesheimer Innenstadt, und an diesem KH steht ja auch ein NEF)

Die Problematik sehe ich darin, das ja meistens die zweite Geburt schneller geht als die erste, als würde ich ohne weiteres damit rechnen, das das Kind ziemlich bald auf die Welt kommt. Ich würde in diesem Fall wahrscheinlich das NEF und ggf. die Hebamme nachalamieren und vor Ort verbleiben (wenn es keine bekannten Komplikationen gibt)

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Beitrag von Dr. A. Flaccus » 05.09.07, 09:19

Tach auch,

Es gibt keinerlei bekannte Komplikationen. Weder bei der Geburt, noch bei der jetzigen Schwangerschaft.

NEF nachalarmieren bis Ankunft in der Wohnung macht sicherlich weitere 5 - 7 Minuten aus...

Gruß

A. Flaccus
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Beitrag von Dr. Ch. Erbschwendtner » 05.09.07, 09:48

Morgen !

NEF nachalarmieren bis Ankunft in der Wohnung macht sicherlich weitere 5 - 7 Minuten aus...


Also enges Treppenhaus, schwieriger Abtransport, bis Patientin im RTW ist (liegend bei Blasensprung) 10 min - 15 min ?

nur so als Gedanke

mfG

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Dr. A. Flaccus
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Beitrag von Dr. A. Flaccus » 05.09.07, 10:03

Hallo!

...netter Gedanke, aber dann addieren sich die 10-15 min. zu den 7 min für´s NEF :arrow: macht dann > 20 min...

Nur so als Hinweis :wink:

Gruß

A. Flaccus
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Beitrag von Laire » 05.09.07, 15:35

Wieso addieren sie sich? Wenn ich gleichzeitig mit dem Transport durch das Treppenhaus in den RTW das NEF alamiere? Kommt das NEF an, bevor ich im RTW bin...

So würde ich es wahrscheinlich machen... NEF alamieren und während der Anfahrt die PAtientin Richtung RTW transportieren, oder wohnt die Hebamme evtl. nebenan?

nebel
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Beitrag von nebel » 05.09.07, 16:41

Hallo,
interessant, interessant...

aufgrund der Tatsache, dass alle 2 - 3 Minuten Wehen vorliegen, müsste sich die Frau in der sogenannten " Austreibungsphase" befinden. Zu Überprüfen wäre ob man Teile des Köpfchen sehen kann (?) und / oder Presswehen vorliegen (?).
Ab der Austreibungsphase mit Presswehen und spätestens bei sichtbaren Köpfchen würde ich den Weg ins Krankenhaus vorerst nicht mehr anstreben, sondern alle Maßnahmen, dazu gehören natürlich auch Hebamme und Notarzt schnell zum Einsatzort nachalarmieren, treffen, um eine regelgerechte Geburt zu Huase unterstützen zu können und das Kind anschließend bestmöglich zu versorgen zu können.
Es handelt sich ja bei dieser Frau , um die 2. Geburt, wodurch eine Geburt jederzeit und schnell stattfinden kann...sollte dies dann im Treppenhaus passieren....oh man.

Außerdem würde ein kurzer Basischeck bei der Frau (RR, Puls, SpO2, BZ, EKG) wichtige Informationen liefern (Ausschluss Vena Cava Kompressionssyndrom z.b.). Zudem könnte man der Frau noch Sauerstoff geben.

Hm,....Inkubator im 2.RTW zur Einsatzstelle möglich?

Zoidberg
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Beitrag von Zoidberg » 05.09.07, 18:27

Wieso Kompressionssyndrom? :shock:

Für mich sieht das bis jetzt nach einer völlig problemlosen Geburt einer gesunden, symptomfreien Patientin aus. Bei Wehen alle 2-3 Minuten und geplatzter Fruchtblase würde ich nicht mehr versuchen, ins Krankenhaus zu fahren, selbst wenn das nur 2 Minuten entfernt ist. Die Problematik mit dem Treppenhaus wurde ja bereits angesprochen.

NEF + Hebamme nachalarmieren, die Patientin mit erhöhtem Oberkörper lagern, Entbindungsset/Kinderkoffer vorbereiten , versuchen Ruhe und Kompetenz auszustrahlen, dann mal vorsichtig gucken, ob das Köpfchen schon zu sehen ist.

Auf alle anderen Maßnahmen (EKG, SpO2, RR, BZ, Sauerstoffgabe etc.) würde ich zu diesem Zeitpunkt verzichten. Wir reden hier immer noch von einer Geburt, einem doch ziemlich natürlichen Vorgang, der normalerweise auch ohne die Anwesenheit von "Profirettern" komplikationsfrei abläuft. Ruhig bleiben ;)

Dr. A. Flaccus
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Beitrag von Dr. A. Flaccus » 05.09.07, 18:30

´n Abend...

O.k. - hier kommen die ersten "stay an play" - Stimmen: Diagnostik machen, wenn der RTW schon mal da ist.

Dazu sage ich mal:

Im Kreissaal wird weder die SpO2 regelmäßig gemessen, noch wird Sauerstoff gegeben.
Auch RR und Pulskontrolle werden nur angelegt, wenn wir Anästhesisten eine PDA machen...

Warum all´ dies tun - nur weil wir "rote Jacken" anhaben ?

Zum Fortgang nur soviel: Das RTW bestellt nicht das NEF und keinen Inkunator/Hebamme nach.

Aber sie starten auch noch nicht mit dem Transport.

Der Kopf ist nicht zu sehen. Was haben die vor ?

Gruß

A. Flaccus
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nebel
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Beitrag von nebel » 05.09.07, 20:14

Nunja,
wenn man schon nach dem "Stay and Play" Prinzip handelt, was ich in dieser Situation als angebracht ansehe, finde ich, dass ein kurzer Basischeck...
1. für mehr Sicherheit beim RD-Personal sorgt = Ruhe,
2. eine gewisse Kompetenz gegenüber der werdenden Mutter ausstrahlt,
3. die Personen (Hebamme) im Kreißsaal kennen die Patientin oft schon ein paar Stunden bzw. den Schwangerschaftsverlauf und haben in windeseile mehrere Ärzte um sich, daher können sie optimal auf plötzliche Komplikationen reagieren. Im RD kennt man die Frau oft erst ein paar Sekunden und sollte unendeckte Komplikationen mit einem kurzen Bodycheck aufdecken.
4. was schadet es ( solange es in Ruhe und nicht in Hektik durchgerführt wird) ?

Denke....ich würde es machen...:wink:.

...hm :? nun zum Fall zurück....was könnte man noch vor Ort machen, wenn man sich für einen Transport entscheidet?

- Mutterpass einpacken
- Kleidung einpacken
- Fritsche - Lagerung, um die Geburt zu verzögern
- Fruchtwasser begutachten ( ist es grünlich = Mekoniumanteil, Gefahr einer Mekonium-Aspiration)

...mehr fällt mir leider nicht ein, bin aber um so mehr gespannt auf die Lösung.

Wünsche allen einen schönen Abend

DocL
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Beitrag von DocL » 05.09.07, 21:17

Hallo Forum,

Ist es wirklich Fruchtwasser, was abging oder etwas anderes?
Wie beschreibt die Frau die "Wehen" (Presswehen?)?

Warum all´ dies tun - nur weil wir "rote Jacken" anhaben ?


...weil sich vielleicht auch etwas anderes dahinter verbergen kann...?
(...war auch nur so ein Gedanke...:wink:

..fragt sich
Lutz

Zoidberg
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Beitrag von Zoidberg » 06.09.07, 07:25

@nebel: Da die Frau bereits eine Geburt hinter sich hat wird sie das normale Prozedere im Kreißsaal kennen und es steht zu befürchten, dass sie durch irgendwelche unbekannten Überwachungsmaßnahmen eher verunsichert als beruhigt wird. Außerdem sind laut Mutterpass keine Risikofaktoren vorhanden, die ein Monitoring zum jetzigen Zeitpunkt nötig machen würden.

Ich bleibe bei meinem Standpunkt, in aller Ruhe auf die bevorstehende Entbindung vorbereiten, ohne Monitoring, O2 etc.

Dr. A. Flaccus
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Beitrag von Dr. A. Flaccus » 06.09.07, 07:59

Moin, moin,

noch werde ich die Auflösung nicht verraten, dafür ist die Vorabdiskussion viel zu spannend. :wink:

Ich halte noch einmal fest:

    - Abgang von klaren Fruchtwasser
    - keine Hinweise auf komplizierende Faktoren
    - Kopf nicht zu sehen
    - Wehen alle 2 - 3 min.
    - Klinik 2 Fahrminuten entfernt


Hier dürfen gern noch Argumente pro oder contra load and go ausgetauscht werden...

Wie groß ist die Chance, Kind und Mutter ohne Geburt in die Klinik zu bringen?
Wie groß ist das Risiko, wenn "Laien" in der Geburtshilfe eine Hausgeburt versuchen ?
Was ist kritischer zu bewerten - schneller Transport mit Risiko "Geburt im RTW/Treppenhaus" oder "Hausgeburt ohne wirkliches Fachpersonal" ?

Bin gespannt auf weitere Beiträge... :)

Gruß

A. Flaccus
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nebel
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Beitrag von nebel » 06.09.07, 12:36

Es ist schön spannend :D

Die Zeit für Treppenhaus + Transport ist glaube vergleichbar mit der Zeit des Nachrücken von Hebamme und Notarzt. Letzteres schließt eine unvorbereitete Geburt im Treppenhaus aus und bringt zudem Zeit für eine adäquate Geburtsvorbereitung.
Natürlich kann ein Krankenhaus mögliche Komplikationen besser auffangen, aber die Schwangerschaft verlief bisweilen ja ohne Schwierigkeiten...hm...bleibe bei "stay and play".

Nunja...was könnte man noch vor Ort machen, wenn man sich für einen Transport entscheidet?...schwer...

- befindet sich die Frau denn alleine zuhause(?)...denke da so an das 1. Kind...wäre schlecht, wenn man es in der Aufregung vergessen wird :shock: oder man könnte den Mann anrufen, um die freudige Botschaft zu übermitteln oder Herd, Bügeleisen etc. ausmachen
- vielleicht besitzt die RTW Besatzung ja ein Ultraschallgerät und die nötige Fachkenntnis es auszuwerten (?)....habe ich zwar bisher nur von Notarzt besetzten Einsatzfahrzeugen gehört, aber....nichts ist unmöglich.
- die Frau bekleiden, um den neugierigen Blicken der Nachbarn im Treppenhaus zu entgehen


Zoidberg...unbekannten Überwachungsmaßnahmen eher verunsichert als beruhigt wird

...deswegen sollte man eine Maßnahme, wenn möglich, vorher immer kurz erkären :wink:
Zudem ist das für mich keine Arbeit und wenn ich eine Geburt mal ganz plumt mit Sport vergleiche, da freue ich mich auch immer über Sauerstoff

...was bin ich gespannt...

allen Usern einen schönen Tag

Zoidberg
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Beitrag von Zoidberg » 06.09.07, 14:37

Argumente für stay and play:
    - keine Gefahr einer Geburt im Treppenhaus (Austreibungsphase bei Mehrfachgebährender sollte <30 min. dauern)
    - keine Gefahr einer Geburt im RTW
    - keine abzusehenden Komplikationen
    - eine Geburt ist ein natürlicher Vorgang, der in der Regel komplikationslos abläuft
    - NEF ist schneller da als wir im RTW
    - ein bisschen geburtshilfliche Kenntnisse (Dammschutz, Mithilfe beim Entwickeln der Schultern) sollte man meiner Meinung nach von jedem RA verlangen können

Argumente für load and go
    - Fachpersonal im Krankenhaus


Spricht in meinen Augen alles für das Verbleiben an der Einsatzstelle.

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