Knobeleinsatz: Wohnungsöffnung

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DocL
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Knobeleinsatz: Wohnungsöffnung

Beitrag von DocL » 21.04.07, 19:56

Guten Abend Forum,

Vor ca 3 jahren (damals noch auf dem RTW) tätig folgender Einsatz, der mich einwenig erschreckt hat, trotz 9 jähriger Tätigkeit im RettD:

RTW-Einsatz (ohne NEF) zu einer Wohnungsöffnung. Wir treffen zeitgleich mit der Feuerwehr ein, die Polizei ist bereits vor Ort. Der Wohnungschlüssel scheint von innen zu stecken, von einer "Freundin", die uns alamiert hatte, erfahren wir, dass die betroffene Person seit zwei Tagen nicht mehr die Tür geöffnet hat und auch auf Klopfen, Klingeln und Telefonanrufe keine Reaktion kam. Die Patientin sei etwa 50 Jahre alt. Als Vorerkrankungen sei nur ein mit Insulin behandelter Diabetes bekannt.

Es dauert ein wenig, da es sich um eine Sicherheitstür handelt und so über die Drehleiter ein Fenster geöffnet werden muss. Nach etwa 10 Minuten hören wir im Treppenhaus ein lautes Klirren und dann nochmals ein noch noch lauteres Klirren (das zweite war die Vase, die beim Fensteröffnen vom Tisch gefallen war ;-) )...Naja, jetzt scheint das Fenster wohl offen zu sein.
Nach kurzer Zeit wird uns die Tür von innen durch die Feuerwehr geöffnet (der Schlüssel hat von innen gesteckt) und wir betreten die Wohnung schon mit dem Gefühl, dass es wahrscheinlich was für den Polizeiarzt gibt....aber weit gefehlt:

Im Schlafzimmer sehen wir die Patienten rücklings halb nackt auf dem Bett liegen, die Füße hängen über die Bettkannte nach unten. Die Patientin ist etwa 50 Jahre alt, hat am ganzen Körper ein sehr feines Zittern, wirkt kachektisch. Die Atmung ist sehr flach, kaum sehbare Thoraxbewegungen, aber Normofrequent. Keine Reaktion auf Schmerzreize. Sie liegt in Urin und Kot, fühlt sich kalt an. Ansonsten wirkt die Wohnung sehr aufgeräumt, also keine Anzeichen der Verwahrslosung ect. Auch sind auf den ersten Blick keine Zeichen für eine Intoxikation zu sehen.

Was nun tun als RTW Team?

Werde wahrscheinlich erst morgen Antworten können.

GRTX
DocL

redmedic
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Beitrag von redmedic » 21.04.07, 20:20

puls und blutdruck?
pupillenreaktion überprüfen.
äußere anzeichen von verletzungen?
aufgrund der fremdanamnese auf jeden fall blutzucker checken.

in der wohnung spuren von übermäßigem alkoholkonsum?

frequenzkatastrophe
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Beitrag von frequenzkatastrophe » 21.04.07, 20:27

Also ersmal Basismaßnahmen:

- Anprechen/anfassen hatten wir ja schon
- Monitoring: 3 Kanal EKG, Puls, RR, SpO2
- orientierende Untersuchung Bodycheck, Pupillen, neurologischer Kurzcheck
- Notarzt nachfordern
- i.v. Zugang, BZ Check (ggf. mal auf Verdacht 20ml G40% i.v.) 500ml VEL langsame Tropfgeschindigkeit
- Wärmeerhalt
- 12 Kanal EKG
- in der Wohnung umsehen

bin auf die erhobenen Befunde gespannt
Jedes Ding ist Gift, allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist.

Dr. Ch. Erbschwendtner
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Beitrag von Dr. Ch. Erbschwendtner » 21.04.07, 20:31

Hallo !

Interessante Geschichte!

Naja, mal ganz pragmatisch:

die Basics zuerst:
Vitalparameter - GCS - Blutzucker - Körper(kern)temperatur - Neurologie (HSZ ?)

und dann weiterdenken

bei mutmasslich GCS 3 (keine Reaktion auf Schmerzreiz) als RTW sicher Hilfe (NA) anfordern.

Bin schon gespannt, wie es weitergeht.

Gruß

Erbschwendtner
Dr.Ch. Erbschwendtner
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d-i-n

Beitrag von d-i-n » 22.04.07, 07:43

Yep, bin auch schon da :roll: , stell mich mit den Händen in den Taschen erst mal hinter die schon anwesenden Kollegen :D und warte auf Vitalparameter, Körpertemperatur, Blutzucker.

Irgendwelche Spuren der Gewalteinwirkung (da weiblich und wohl wenig bekleidet)?

Gruß von doc-in-not :wink:

FLindi
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Beitrag von FLindi » 22.04.07, 14:25

Moin,

wie sieht es aus mit Gerüchen oder Substanzen (Intoxikation 2. Blick), die mit der Patientin in Verbindung gebracht werden können, z. B. Medikamente, (verdorbene) Lebensmittel, Haushaltsreiniger, etc. . Diese können sich schließlich auch in einem anderen Raum befinden.

Schönen Sonntag
Frank

DocL
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Beitrag von DocL » 22.04.07, 17:06

Es geht weiter...

- Monitoring: 3 Kanal EKG, Puls, RR, SpO2


normofrequenter SR, Pulsqualität unauffällig, RR 110/70 mmHG, Sättigung: 98% bei Raumluft
- orientierende Untersuchung Bodycheck, Pupillen, neurologischer Kurzcheck


keine Verletzungen ersichtlich (außer kleine Druckstellen im Bereich der Oberschenkel, mit denen sie über die Kante hängt), Pupillen bds. mittelweit, prompte LR, isokor, kompl. Reflexstatus nicht erhoben, aber Babinski unauffälig, keine Meningismuszeichen

- Notarzt nachfordern


War der erste Gedanke, als wir gesehen haben "Shi*..., die "Leiche" lebt". Von der Ferne sah sie wirklich tot aus, aber erstmal die Basismaßnahmen, dann wollten wir den NA nachfordern.

- i.v. Zugang, BZ Check (ggf. mal auf Verdacht 20ml G40% i.v.) 500ml VEL langsame Tropfgeschindigkeit


Zugang wird gelegt, beim Punktieren auch keinerlei Reaktion bei der Patientin, BZ 163, RiLac läuft

- Wärmeerhalt


mit Ohrthermometer gemssene Temperatur: 35,7°C, Patientin wird zugedeckt
- 12 Kanal EKG


haben wir nur auf den NEF bzw. RTH

- in der Wohnung umsehen


auch auf den 2. Blick keinerlei Anzeichen für eine Intoxikation, Die Wohnung ist penibel aufgeräumt. Es fällt uns eineTablettenschachtel auf, die schon länger abgelaufen ist mit einem mir damals nicht bekannten Psychopharmakum. Schien aber auch schon länger nicht mehr benutzt worden zu sein. Die Schachtel liegt ganz hinten in einem Küchenschrank. Ansonsten finden wir außer Insulin keine weiteren Medikamente oder Alkoholika in außergewöhnlichem Ausmaß.

Das war eigentlich alles, was wir bis dahin gemacht hatten. Doch eine wirklich wichtige Basismaßnahme, die auch in jedem EH-Kurs gelehrt wird hatte ich bis dahin vergessen...
Was war diese Maßnhme?

(Ich habe sie noch durchgeführt, und deshalb keinen NA bestellt, will euch aber mitraten lassen, deshalb mache ich hier jetzt mal einen Break)

.. bis später...

GRTX aus dem sonnigen Karlsruhe

redmedic
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Beitrag von redmedic » 22.04.07, 17:26

hmm wirklich wichtige basismaßnahme, die auch im ersthelfer-kurs gelehrt wird...

da würde mir in diesem zusammenhang nur das öffnen des mundes und freimachen der oberen atemwege einfallen...
ich geh aber davon aus, dass du das gemacht hast...

ansonsten wird in einem ersthelfer-kurs nicht so viel gelehrt.
höchstens die stabile seitenlage und umlagerung auf festen untergrund...
was in diesem fall eine durchaus richtige maßnahme wäre...

supermattze
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Beitrag von supermattze » 22.04.07, 19:37

aus EH niveau kommt mir da auch nur atemwegsmanagement und stabile seitenlage innen sinn

wie waren denn die atemgeräusche? röcheln etc.?

blackylein
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Beitrag von blackylein » 22.04.07, 20:45

Wärmeerhaltung?

CYP3A4
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Beitrag von CYP3A4 » 22.04.07, 20:57

Atemkontrolle, wenn Atmung ausreichend vorhanden (>10/min. mit subjektiv ausreichendem Atemzugvolumen) --> Stabile Seitenlage, wenn nicht assistierte Beatmung (nicht EH aber San-Ausbildung) hier speziell mit O2.

Also kurz gesagt: Stabile Seitenlage!
Aber so geht es dem Fachpersonal doch immer (ich sag jetzt mal zumindestens beim theoretischen Besprechen eines Falls).

Gruß,

Fabian

DocL
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Beitrag von DocL » 22.04.07, 22:49

nein, noch einfachere Basismaßnahme bzw. Diagnostik...

..man muß zum außersten greifen und den Patient _ansprechen_. Das hatte ich primär nicht gemacht, da auch auf starke Schmerzreize incl. Zugang legen _keinerlei_ Reaktion folgte, nicht mal ein Wimpernzucken.

Ich habe dann die Patientin mal angesprochen und sie hat mir klar und orientiert (Zeit, Raum, Person) geantwortet. Auf Anweisung hat sie dann die Augen geöffnet und uns auf unser Nachfragen gesgat, dass Sie die Tür nicht aufgemacht, weil ihre innere Stimme gesagt hatte, dass es Hausierer sind. Das in ihrem Urin und Kot lag, erklärte uns die Patientin damit, dass sie halt "mal musste", kurze Zeit später verleugnete Sie bzw. nahm die Situation nicht mehr richtig war und bestritt, dass sie in ihrem Kot liegt.

Auf nochmaliges gezieltes Befragen der Freundin kam heraus, dass die Patientin an einer Psychose leidet und auch schon mehrfach in einer psychiatr. Klinik stationär in Behandlung war. Allerdings verleugne die Patietin in gutem Zustand ihre psychiatrische Erkrankung und nehme dann auch ihre Tabletten nicht mehr ein.

Nach dieser Wendung brachten wir die gehfähige Patientin primär in ein Akutkrankenhaus Innere und neurolog. Medizin um sonstige akut-neurolog Erkrankungen (cerebrale Blutung, Apoplex,...), sowie endokrine oder internistische Ursachen ausschließen zu lassen.
Am Folgetag wurde die Patientin dann in eine psychiatrische Fachklinik verlegt, um die akute Phase einer (schizoiden??) Psychose zu therapieren deren Auslöser vermutlich ein eigenwilliges Absetzen der verordneten Antipsychotika war.
Da die aufnahmepflichtige psychatr. Klinik bei uns keine weiteren Abteilungen hat und niacht an eine Krankhaus angegliedert ist und somit erst andere Ursachen ausgeschlossen werden mussten, erfolgte der primäre Transport der Patientin in ein Krankenhaus der Regelversorgung.

Dieser Einsatz hat mich zum einen sehr erschreckt, als jemand "tief bewusstloses" auf Ansprache antwortet. Zum anderen hat mir der Einsatz gelehrt, _jeden_ Patienten anzusprechen auch wenn es so banal erscheint.

Das wars soweit. Hätte jemand anders gehandelt oder noch andere Ideen gehabt?

Grüße
DocL

redmedic
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Beitrag von redmedic » 22.04.07, 23:02

was mich wundert ist, dass die patientin auf eure stimmen und auch vorher das eindringen der feuerwehr nicht reagierte...
kaum zu glauben, dass man nichts sagt wenn ein feuermann in voller montur übers fenster einsteigt und mal eben die tür von innen öffnet.
aber wenn man dann direkt angepsrochen auf einmal reagiert...

ihr habt euch wohl auch über die maßnahmen unterhalten (zugang etc.).

erklärung dafür ist wahrscheinlich die psychose, aber erschreckend ist dieser fall allemal.

frequenzkatastrophe
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Beitrag von frequenzkatastrophe » 23.04.07, 02:23

Nach diesen zusätzlichen Infos hätte ich der Pat. mal 1-2 Ampullen Halperidol 5mg verabreicht und sie unter Begleitung der Polizei (zuviel Mist mit aggressiven Psychotikern in meine 2 Jahren Psychatriezeit erlebt) in die nächste psychiatrische Klinik gebracht.
Ohne Sondersignal, mit Voranmeldung.
Jedes Ding ist Gift, allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist.

Dr. Ch. Erbschwendtner
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Beitrag von Dr. Ch. Erbschwendtner » 23.04.07, 07:33

Danke für den interessanten Fall !

Hier sieht man es wieder:
Man soll halt doch die Basics umsetzten und nicht zwei Schritte vorauseilen.
Wir werden uns für die Zukunft wieder an der Nase nehmen und daran denken. :wink:

Die Akut-Psych in unserem Einzugsgebiet hätte die Pat. wahrscheinlich abgelehnt, also wäre ich auch in eine entsprechende Abteilung zur Abklärung gefahren, und dann wäre die Pat. am Folgetag verlegt worden.

mfg

Erbschwendtner
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