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Fallbeispiel: Stärkste Schmerzen bei Nierenstau in 19. SSW

Verfasst: 21.10.06, 11:33
von Dr. A. Flaccus
Moin!

Sie kommen zu einer Pat. in der 20.SSW, die sich mit stärksten Schmerzen im Bett hin- und herwälzt. Bei der Pat. ist ein "Nierenaufstau" bekannt,weil der Uterus auf den Harnleiter drückt. Es bestehen keine(!) Nierensteine.
Eine ähnliche (aber nicht so ausgeprägte) Situation wurde vor 5 Tagen beim niedergelassenen Gynäkologen mit Buscopan (R) erfolgreich therapiert.

Sie geben als Notarzt daraufhin ebenfalls 1 Amp. Buscopan (R) - allerdings völlig ohne Effekt! Die Pat. ist völlig am Ende, die Klinik mit Gynäkologie und Urologie ist 7 min. entfernt.

Was machen Sie?

- "Scoop an run" ?
- Analgesie mit einem Opiat (zumindest für Morphin wird eine "spasmogene Wirkung" auf den Harnleiter beschrieben...) ?

Bin gespannt auf Vorschläge :)

Gruß

A. Flaccus

Verfasst: 21.10.06, 17:47
von Land-Ei
Hallo,

wird der Uterus bei den Schmerzen hart?
Ich habe dabei ein wenig "Bammel" vor einem Spätabort und denke an einen Therapieversuch mit Berotec/Fenoterol/Partusisten.

Scoop and Run hätte tatsächlich Charme, wenn aber der Zugang nun schon mal liegt, spricht eigentlich nichts gegen eine Analgesie mit einem Opiat, was zeitlich keine relevante Verzögerung des Transportes nach sich ziehen dürfte.

Gespannte Grüße,

Land-Ei

Verfasst: 22.10.06, 15:48
von Marc02
Ich als RA i.P.`ler ohne NA würde wohl Load and run-mäßig verfahren. Allerdings können 7 Minuten ziemlich lang sein und wenn es dann noch holperige Straßen sind.......

Soweit ich weiß müßte man Berotec hoch dosieren um eine Geburt oder einen Spätabort zu verhindern. Wenn die Pat. sich vor Schmerzen windet, wird sie wohl tachykard sein. Deswegen würde ich es damit nicht gar nicht erst versuchen.

Kurze (hoffendlich nicht blamabele) Frage : Novalgin, wenn es der Blutdruck zuläßt ??

Verfasst: 22.10.06, 15:59
von Thomas H.
Hallo DocAlf,

wie sind/waren die Werte?

Abdomen hart/weich, druckschmerzhaft?

Gibt der Mutterpass etwas her?

Ändern sich die Schmerzen durch Lageänderung der Pat.? (z. B. Bauchlage?)

Dazu kommt die übliche "Akute Abdomen" Anamnese: Stuhlgang, Wasser lassen,
letzte Mahlzeit (was, wieviel, ungewöhnliches?).

Gibt es neben der Intensität der Schmerzen noch andere Unterschiede zum letzten
"Anfall"? Woher ist der Patientin bekannt, dass es sich um Buscupan (R) handelte?
Ist sie vom Fach oder habt ihr Kontakt zum Gynäkologen aufgenommen? Wenn ja,
weitere Infos von diesem?

"Scoop and run" hat hier in Deutschland häufig einen etwas faden Beigeschmack. Von
manchen wird es als "ich weis nicht was ich damit machen soll"-Therapie verstanden
(schließlich hat dieser Begriff eine enge Bindung zu Paramedic-Systemen). Ich
persönlich bevorzuge eher "run and treat".

Ist die Patientin kreislaufstabil sollte eine suffiziente Schmerztherapie erfolgen. Sind
Wehen nicht auszuschließen spricht m. E. nichts gegen die Tokolyse.

Ist die Patientin kreislaufinstabil ist es äußerst fraglich sie suffizient stabilisieren zu
können, zumal die genaue Problematik ja schleierhaft ist/scheint. Hier scheint für mich
der Transport primär zu sein. Eine effektive Therapie kann während dem Transport
begonnen, bzw. weitergeführt werden (z. B. Schocktherapie).

Je nach Art des angefahrenen Krankenhauses sollte aber die Gyn auf jenden Fall
vorinformiert werden, um alle Resourcen zur Verfügung zu haben.

Gruß

Verfasst: 22.10.06, 18:47
von Dr. A. Flaccus
Hallo!

Zur Verdeutlichung:

Die Schmerzen rühren relativ eindeutig (einseitiger Flankenschmerz, der bis in die Leiste zieht) vom beschriebenen Nierenaufstau her.
Wehen schließt der Notarzt aus (Dauerschmerz!).

Die Patientin krümmt sich, läuft hin und her, legt sich wider hin, krümmt sich...es muß höllisch wehtun...

Buscopan (R) ist "sicher" verwendet worden - es gibt auch Nicht-Mediziner, die so etwas gut wissen.

Also - was tun?

Und nochmal: Für Morphin ( und damit für alle Opiate?) ist ein möglicher Spasmus des Harnleiters als NW beschrieben...

Gruß
A. Flaccus

Verfasst: 22.10.06, 20:13
von Dr. Ch. Erbschwendtner
Hallo !

Was fällt mir da so spontan ein ?

Es hängt natürlich davon ab, was am NAW vorgehalten wird.
Paracetamol sollte keine KI in dieser Situation haben, ob die analgetische Potenz hoch genug ist, wage ich allerdings zu bezweifeln. Bei der kurzen Transportzeit werden wir als NA auch den Wirkungseintritt nicht mehr sehen.
Pethedin wäre eine denkbare Altenative, es wirkt am wenigsten spasmogen.

In diesem Fall liegen den Schmerzen ja keine Obstruktion durch ein Konkrement, sondern eine Kompression von außen zu Grunde. Einen Versuch durch physikalische Maßnahmen (Lagerung auf der gesunden Seite), Reduktion des Druckes und Verbesserung des Abflusses im Urether würde ich ebenfalls unternehmen.

Um nicht Abzuschweifen, habe ich differentialdiagnostische Überlegungen bewusst ausgeklammert.

Auf die Ideen von anderen Kollegen bin ich schon gespannt

Erbschwendtner

Verfasst: 26.10.06, 13:22
von solutio
Unter Berücksichtigung der Kreislaufsituation: 2g Novalgin (+1 MCP *g*)

@DocAlf: Was passiert?

Verfasst: 27.10.06, 12:13
von Dr. A. Flaccus
Moin!

solutio hat geschrieben:Unter Berücksichtigung der Kreislaufsituation: 2g Novalgin (+1 MCP *g*)


Novalgin in der 19. SSW ? Wirklich?

Habe gerade nachgelesen (Rote Liste) und da steht: Kontraindikation im 1. und 3. Trimenon! Nicht im (vorliegendem) 2. Trimenon, dort nur "strenge Indikationsstellung".

Wäre eine Alternative gewesen :cry:

Wurde aber nicht gemacht, weil der NA dachte, es wäre während der gesamten Schwangerschaft kontraindiziert... :oops:

Gibt´s noch andere Vorschläge?

Gruß
A. Flaccus

Verfasst: 29.10.06, 20:34
von DocL
Moin,

ich hätte vermutlich versucht mit Pethidin einzusteigen. Falls auch das nicht hilft würde ich mal Fentanyl probieren. Auch wenn es zu Spasmen führen _kann_, wielleicht bringst ja auch ein wenig Schmerzlinderung.
Ansonsten ätte ich nur noch MO oder Ketamin auf dem Fzg.
Hat man auch mal an Nitro-Präparate gedacht? Habe damit mal bei einer Gallenkolik einen guten erfolg erlebt.
Evtl. hätte ich versucht eine Spur Midazolam zu geben, zur "Entspannung"...Das hätte ich mir aber noch überlegt.
Aber obwohl vor lauter Überlegen wäre ich jetzt auch schon in der Klinik gewesen.

Wie oft kamen den die Krämpfe? Könnte da auch eintzündlicher Prozeß des Urogenitaltraktes dahinterstecken?

GRTX

DocL
DocL

Verfasst: 09.11.06, 13:40
von Dr. Ch. Erbschwendtner
Hallo !

Jetzt bin aber gespannt, wie DocAlf die Situation angegangen ist (wäre) !

mfG

Erbschwendtner

Verfasst: 09.11.06, 18:12
von Dr. A. Flaccus
´n Abend!

Stimmt - es fehlt ja noch die "Auflösung" - sorry :oops:

Also: Der NA hat sich für "Scoop and run" entschieden, weil:

- er kein Pethidin auf dem Koffer hatte
- er "Angst" hatte vor zusätzlichem Spasmus durch andere Opiate
- er der Patientin schnellstmöglich fachkundige Hilfe durch "Problembeseitigung" zukommen lassen wollte (Urologe, Pigtail-Kath?)
- er bei Nitro die Möglichen Kontraindikationen nicht im Kopf hatte...:(
- die Transportzeit in die Fachklinik nur 5 min. betrug

Ergo Telefonische Voranmeldung (Gyn. und Urologe und Ultraschall bereit!) und dann los (schonend, aber fix :wink: ).

Wie es dann - nach Ankunft in der Klinik - weiterging, kann ich leider nicht berichten.

Übrigens: Ich habe nie geschrieben, das ich der NA war...es ist "ein Fallbeispiel", das sich irgendwo so oder so ähnlich ereignet hat. (CAVE: Datenschutz und Schweigepflicht ) Aber das eigentlich auch nicht wichtig, oder ? :wink:

Gruß
A. Flaccus