Eisspray bei Sportverletzungen/PECH-Regel

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Thomas H.
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Eisspray bei Sportverletzungen/PECH-Regel

Beitrag von Thomas H. » 10.09.06, 11:15

Hallo Forum,

bei meinen früheren Ausbildungen (SanH...) hörte ich häufig dass Eisspray bei
Sportverletzungen tabu sei, hierfür gäbe es zwei Gründe:

1. Erfrierungsgefahr:
Aufgrund der enstehenden Temperaturen durchaus nicht von der Hand zu weisen.

2. Beeinträchtigung der Röntgenfähigkeit durch den Einsspray-Film.
Und hier liegt nun der Knackpunkt. Da ich mich gerade ausführlich mit dem Thema
beschäftige benötige ich weitere Infos, Google hat mir leider nicht geholfen.
Letztendlich bräuchte ich mal eine Bestätigung dass dies stimmt, oder eben nicht
(ggf. fundierte wissenschaftl. Grundlagen). Vielleicht hat gerade jemand hierfür
Unterlagen, bzw. Wissen parat.

Eine weitere Frage noch:
In wie weit haltet Ihr es für sinnvoll die PECH-Regel im Kurs "EH für Sportverletzungen"
einzusetzen?

Freue mich auf Antwort und evtl. eine Diskussion.

Gruß

Uwe Hecker
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Beitrag von Uwe Hecker » 10.09.06, 12:08

Hallo Thomas,

ich muß erst mal eines zugeben. Habe gerade nachgeschaut was die PECH - Regel ist... Aber mal der Reihe nach.

Ich denke Eisspray ist und bleibt tabu. Die Gefahr zusätzlichen Schaden anzurichten ist zu groß.(Das sehen erfahrene Sorttherapeuten sicher anders, aber wie gesagt erfahren... :!: ) Dagegen spricht gerade im Sanitätsdienst nichts gegen die Verwendung von Kühlelementen. Sie erlauben dem Sanitätshelfer das durchführen einer kompetenten Erstversorgung, die Gefahr der Schwellung wird gemindert, und der Betroffene erfährt eine erste Analgesie. Prinzipiell sollte aber nichts kaltes direkt auf die Haut aufgebracht werden, sondern immer etwas dazwischen sein um Erfrierungen zu vermeiden, z.b. Coolpack, eingewickelt im Handtuch o.ä. Ich will Dir das nun auch begründen. Stell Dir einfach einen Sportler mit einer disslozierten OSG - Fraktur vor. Der Sanitätsdienst vor Ort verwendet nun Eisspray. Zuvor wurde aber die DMS nicht überprüft. Durch die massive Vasokonstruktion der Kälte kommt es nun zu einer weiteren Minderversorgung des Gewebes. Dies kann zum Zelltod, im übelsten Fall sogar zum Verlust der Extremität führen. Das gerne argumentierte Verfahren mit der Pulsoxymetrie kann hier keine zuverlässigen Aussagen über eine Gefäßbeteiligung leisten!
Hier wäre aber auch die PECH - Regel kontraindiziert gewesen, da eine Kompression vom Patient wohl kaum toleriert werden dürfte. Einzig die frühstmögliche Reposition ist indiziert. Sicher nicht durch den San-Helfer, aber unter Umständen durchaus durch den RA ! Modifiziert hätte eine PEH - Regel, wenn Du es so nennen willst, Anwendung finden können. Die Pause tut dem Sportler sicher gut, auch das Kühlen durch Eis, wie schon gesagt, das Hochlagern (im Optimalfall über Herzniveau) fördert den venösen Rückstrom zusätzlich und kann die Schwellung mit den Gefahren des Kompartmentsyndroms vermindern.
Der Fall ist übrigens nicht frei erfunden... :!: Durch den Einsatz des Eisspray empfand der Patient keine Schmerzen mehr, und wurde anschließend vom RD ohne Reposition :twisted: in eine Klinik gefahren. Der entstandene Weichteilschaden könnte nur durch eine Hauttransplantation gedeckt werden... Der Patient leidet heute noch unter Mißempfindungen im Fuß. War laut der Kollegen ja nur ein Krankentransport, :?: :!: weil so die Begründung keine vitale Gefährdung vorlag.

Gruß

Uwe
Gesundheits- und Krankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie / Rettungsassistent

solutio
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Beitrag von solutio » 11.09.06, 09:15

Hallo

Meines Erachtens wird bei eine dislozierte Fraktur nur dann reponiert, wenn die DURCHBLUTUNG eingeschränkt bzw nicht vorhanden ist.
Uwe Hecker beschreibt sehr schön alle möglichen Gefahren beim Extremitäten Trauma, doch soll hier ergänzend auch auf die Gefahr des Reponierens aufmerksam gemacht werden und die präklinische Indikation hierzu soll nicht zu großzügig gestellt werden...

Sollte dies der Fall sein (keine Durchblutung), wäre das eh eine NA-Indikation (allein schon zur adäquaten Analgesie)
Aber ich würde mich hüten hier was zu reponieren, auch wenn ich das schon öfters gesehen habe, bzw mir in der Theorie klar ist. (Diganoseerstellung -> Therapie = ärztl. Aufgabe)
Die Überlegung der Abwägung, wenn NA nicht verfügbar und distal pulslos: Frage was tun als RA, soll hier bewusst vernachlässigt werden :)

Zu dem Eisspray und dem Röntgen kann ich mir nicht vorstellen, dass das das Röntgen beeinflusst...aber fände ich ja interessant...

Gruß
solutio

Uwe Hecker
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Beitrag von Uwe Hecker » 11.09.06, 17:53

Hallo Zusammen,



Meines Erachtens wird bei eine dislozierte Fraktur nur dann reponiert, wenn die DURCHBLUTUNG eingeschränkt bzw nicht vorhanden ist...

Genau um das festzustellen dient ja die DMS - Kontrolle

...Uwe Hecker beschreibt sehr schön alle möglichen Gefahren beim Extremitäten Trauma, doch soll hier ergänzend auch auf die Gefahr des Reponierens aufmerksam gemacht werden und die präklinische Indikation hierzu soll nicht zu großzügig gestellt werden...

Und welche Gefahr droht, Ihrer / Deiner Meinung nach, durch die Reposition? Davon steht in Ihrem Beitrag nämlich nichts, außer das es eine NA Indikation darstellt. Im übrigen sind sich sowohl Neurologen als auch Traumatologen einig das eine frühzeitige Reposition, das Outcome, insbesondere den funktionserhalt beeinflusst und eine BU bspw. EU verhindern kann !

...Sollte dies der Fall sein (keine Durchblutung), wäre das eh eine NA-Indikation (allein schon zur adäquaten Analgesie).
Aber ich würde mich hüten hier was zu reponieren, auch wenn ich das schon öfters gesehen habe, bzw mir in der Theorie klar ist. (Diganoseerstellung -> Therapie = ärztl. Aufgabe)...

Ganz klar nur eine Antwort: Kopfschütteln !!!

Gruß

Uwe Hecker
Gesundheits- und Krankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie / Rettungsassistent

Marc02
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Beitrag von Marc02 » 11.09.06, 20:23

Nunja, man kann ihm da keinen Vorwurf machen. Wenn er meint eine Reposition nicht hinzubekommen sollte er es auch lassen.

Aber ergänzend sei noch gesagt, dass nicht jede Durchblutungsstörung eine Analgesie erfordert. Klar, der Gedanke ist richtig Minderdurchblutung = Gewebeuntergang = Schmerz aber das passiert nicht von jetzt auf gleich.

Ich meine auch, dass das Outcome durch eine frühzeitige Reposition verbessert wird. Ganz einfach weil dadurch die Weichteile nicht unnnötig belastet/geschädigt werden. ABER reden wir von Reposition oder von Extension mit anschließender Schienung ??

Denn die Reposition von Frakturen würde meine Kompetenz überschreiten und soweit ich weiß, wird das nicht von uns (Nichtärzten) verlangt. Mir hat es zumindest noch keiner beigebracht.

solutio
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Beitrag von solutio » 12.09.06, 09:48

Also kurz drauf eingegangen:

Ich meinte nicht die Schmerzen durch die Hypoxie (<-DAS macht Schmerzen, nicht die Vasokonstruktion oder Minderperfusion oder was sonst noch kam)
sondern durch das Reiben der Knochendstücke.

Und wenn hier dann reponiert wird ohne Analgesie, dann frag ich mich wer hier Kopfschütteln muss...(Auf die Abwägung, kein NA verfügbar, bin ich eingegangen)

Und die Gefahren hierbei lieber Herr Hecker wären z.B. weitere Verletzungen von Gewebe, Nerven, Gefäßen, was auch immer...
Und DESHALB ging es mir darum in meinem Beitrag heraus zu stellen, dass das Reponieren nicht eine Basismaßnahme oder EH-Maßnahme ist, die einfach mal so durchgeführt wird, sondern eine strenge Indikationsstellung darstellt .

Marc02: JA, wir reden von Reponieren und nicht von irgendwelcher Extensionsschienung, deshalb steht da ja auch Reponieren :roll:

detzwen
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Beitrag von detzwen » 03.04.07, 19:23

Meines erachtens sind diese Regel mal wieder von zwie Seiten zu betrachten:

Wer bei einem frakturierten Fuß weder DMS überprüft, noch dauerhaft kontrolliert, versucht ne Fraktur zu kompriemieren und nicht auf den Gedanken kommt, dass evtl. eine Reposition von nöten sein könnte (Durch nen Arzt) hat auf einem San-D nichts verloren.

Regeln aufzustellen, nur weil die eingesetzten Helfer dumm sind sollte nicht auf durchaus Sinnvolle Mittel in der behandlung von Sportverletzungen verzichtet werden. Ist genauso wie "Helfer sollen Brandwunden nicht mehr kühlen, weil der Patient unterkühlt" , klar ,wenn ich nicht sinnvoll vorgehe.

Eisspray ist gerade bei Prellungen etc. ein gutes Mittel um in einem kurzen Zeitintervall den PAtienten wieder "Spielfit" zu machen und seine Schmerzen zu lindern. Dies geht mit lauwarmen Akkus meist eher schlecht, und ich kenne kaum eine Org, welche regelmässig frisches Eis liefert oder einen Eisschrank vorhält.

#Hier ist mal wieder die Ausbildung der Helfer zu hinterfragen. Ein SanKurs mag einen Helfer Sinnvoll auf eine Katastrophe vorbereiten, den erwartungen des Kunden als "Dienstleister im Bereich Sportmedizin" wird aber kaum einer gerecht. Hier sind Schulungen und Supervision durch erfahrene Sportmediziner (allgemein) sinnvoll, es werden aber kaum Fortbildungen im Bereich Sportverletzungen im Bereich der SanD gehalten.
Dies ist mir als Betreuer und Trainer bei vielen Tunieren in ganz Europa aufgefallen.
Frage ist: Haupteinsatzgebiet der meisten SanH ist der Sportplatz/Sporttunier ... Schulungen fallen aber eher schwach aus und werden durch "Eisspray tötet" Regeln ersetzt.

Gruß!!

blackylein
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Beitrag von blackylein » 06.04.07, 14:25

Man muss auch ganz klar unterscheiden zwischen den Kühlsprays, die umgangssprachlich als Eissprays genannt werden, und dir richtigen Eissprays, wo in der Lokalanästhesie verwendet werden.
Kühlsprays können noch lange nicht so kalte Temperaturen erzeugen, daß sie, wenn sie einigermaßen richtig eingesetzt werden, zu Kälteschäden führen. Ich habe mit den Sprays gerade im Sommer gute Erfahrungen gemacht, gerade, wenn die Veranstaltungen etwas länger gehen.
Wenn ein Kühlpad frisch aus dem Eisschrank auf die Haut kommt, und dort liegen bleibt, sehe ich viel größere Gefahren.

Die richtigen Eissprays kann man gar nicht so einfach bekommen, und scheiden somit mal aus. OK, die Schäden, wo diese Sprays verursachen können, sind auch um einiges größer.

Pflasterdrauf
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vielleicht mal auf die frage antworten :S

Beitrag von Pflasterdrauf » 25.04.07, 11:09

viel geschriebener text, aber eine wirkliche antwort auf die frage ist nicht zu sehen :S schade eigentlich.
nun gut, ob eine schicht eisspray die röntgenfähigkeit beeinflußt wage ich zu bezweifeln, aber eine aussage dazu würde ich nicht machen wollen - was dass kühlen angeht wurde ja auch genug geschrieben.
aber es geht hier um eine frage, die einen erste-hilfe-kurs für die breitenausbildung betrifft.
und da finde ich PECH schon ganz ok - sogar sinnvoll
die massnahmen sollen für den ersthelfer vor ort so einfach und überschaubar wie möglich sein - und die compression/der stützverband wird doch vom helfer in der regel sowieso nur so fest angelegt, wie der patient es toleriert
die wahrscheinlichkeit bei einer sportverletzung mit PECH etwas falsch zu machen ist wohl verhältnismäßig gering - und im gegensatz zu keiner hilfe wohl auch gerne in kauf zu nehmen.

im übrigen: der patient ist ja nicht bewußtlos - der kann noch sagen was er will und was nicht - obwohl...der ein oder andere NA nimmt ihm dieses recht wohl gerne mal ab...

mfg
Wenn jeder nur ein bißchen mehr noch Kind wär´, dann wäre die Welt viel erwachsener...

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