Ungewöhnliche Intensivverlegung

Rett-Med.de: Rettungsdienstportal mit Forum, Facharbeitendownload und Knowledgebase

Moderator: DMF-Team

Dr. A. Flaccus
Topicstarter
DMF-Moderator
Beiträge: 4436
Registriert: 06.03.05, 08:30
Wohnort: Hildesheim
Kontaktdaten:

Ungewöhnliche Intensivverlegung

Beitrag von Dr. A. Flaccus » 26.05.06, 22:01

Moin, moin!

Ich möchte die Runde auch mal wieder mit einem aktuellen Fallbeispiel bereichern:

RTW und NEF werden mit dem Stichwort "Intensivverlegung" in die Notaufnahme eines Krankenhauses gerufen. Dort wird dem Team vom diensthabenden Anästhesisten und Pädiater folgender Patient vorgestellt:

14 Jahre, ca. 45-50 kg, bekannte Muskelerkrankung unklarer Ursache, seit 2 Jahren in 40 km entfernter Uni-Klinik bekannt. Herzmuskel war bisher nicht betroffen.
Jetzt mit KTW (ohne Sonderrechte) in die Pädiatrie gebracht wegen zunehmender Luftnot und starken Beinödemen. Dokumentierte SpO2 auf dem Transport: 76%.

Bei der Untersuchung wird ein komplettes Rechtsherzversagen festgestellt - während der Untersuchung (Rückenlage!) wird der Junge kurzfristig bewußtlos. Es erfolgt hausinterner Reanimationsalarm, deswegen ist jetzt auch der Anästhesist vor Ort.
Ohne Rea-Maßnahmen kommt der Junge zu sich, es besteht weiterhin erhebliche Dyspnoe und Orthopnoe, der Junge ist nur sitzend halbwegs führbar. Es wurden inzwischen 40mg Lasix injiziert.

Bei Eintreffen RTW/NEF sitzt der Junge im Rollstuhl, SpO2 unter 8 l Sauerstoff = 94%, deutliche Orthopnoe und mäßige Unruhe. Es liegt eine peripher venöse (!) BGA vor, die beim Braunüle-legen gemacht wurde: pCO2 117 mmHg! Der Junge ist insgesamt wach und voll orientiert.
Die behandelnden Ärzte erklären, Sie hätten das Kind bewußt nicht intubiert, um das Herzversagen nicht noch durch negativ inotrope Narkotika zu verschlechtern.

In der eigenen Klinik bestehen keine ausreichenden Behandlungsmöglichkeiten für das Kind, der "Intensivverleger" wäre erst in 90 min. vor Ort. Die Ärzte vor Ort bezeichnen die Verlegung in die Uni-Klinik als höchst dringlich.

Was tun Sie?

- Transport verweigern, weil das Kind so nicht transportfähig ist?

- der Einschätzung der Ärzte vor Ort folgen und das Kind "mit Bauchweh" transportieren?

Bin gespannt auf die Einschätzungen der Kollegen...

mfg

A. Flaccus
Dr. A. Flaccus
Facharzt für Anästhesie
- Notfallmedizin -
DMF-Moderator

Marc02
DMF-Mitglied
DMF-Mitglied
Beiträge: 277
Registriert: 01.02.06, 16:45

Beitrag von Marc02 » 27.05.06, 07:34

Ich kenne die gesetzlichen Bestimmungen in Sachen Intensivverlegung nicht so genau und frage deshalb : Dürfte ein normaler RTW + NA diesen Transport durchführen ??

Wenn es so wäre, würde ich ihn transportieren allerdings mit Sonderrechten (gesunfheitlichen Schaden abwehren, verringern etc.) Denn 90 Minuten sind eine lange Zei. und der Zustand könnte sich verschlechtern und da die nötigen Behandlungmöglichkeiten fehlen würde ich mit einer Transportverweigerung dem Pat. indeirekt schaden.

Klar, die Behandlungmöglichkeiten sind in einem normalen RTW nicht so gut wie in einem Intensivtransporter aber ich habe nur die Wahl zwischen Ich verweigere den Transport und der Zustand verschlechtert sich oder Ich transportiere ihn und der Zustand verschlechtert sichauch Aber bei letzteter Möglichkeit hätte ich Zeit gewonnen, denn ich bin bereits unterwegs.


Und........wäre ich im Knast gelandet ?? :) [/i]

d-i-n

Beitrag von d-i-n » 27.05.06, 08:47

Hallo Forum,

interessante Fragestellung. Da ich noch nie einen Intensivtransporter von innen gesehen habe, kann ich nicht sagen, wieviele Vorteile ein Transport darin bringen würde.

Ich hätte (da sich die Frage Intensivtransporter in meinem Arbeitsgebiet nicht stellt) transportiert. Allerdings hätte ich vor bzw. auch schon während des Transportes versucht, den Zustand des Patienten weiter zu verbessern. Die Therapie alleine mit Lasix und O2 halte ich nicht für ausreichend -oder ist noch mehr an Medikamenten gegeben worden in der Klinik ?

Ich hätte wohl noch eine Vorlastsenkung per Nitro-Spray oder -Perfusor sowie unblutigen Aderlaß per RR-Manschetten versucht. Und mit 40 mg Furosemid ist auch noch nicht Ende, da hätte ich noch 40 mg draufgesetzt. Patienten sitzend auf die Trage und Beine seitlich herunterhängen lassen, um Herzbettlagerung zu erreichen. Alles unter der Prämisse, daß der RR des Patienten mitspielt. Dann die Intubation schon gerichtet und los.

Habt Ihr eigentlich transportiert und wenn ja, wie ist es gelaufen ?

Gruß von doc-in-not

Land-Ei
DMF-Mitglied
DMF-Mitglied
Beiträge: 144
Registriert: 25.05.06, 16:06
Wohnort: Bayern

Beitrag von Land-Ei » 27.05.06, 19:28

sehr interessante Fragestellungen!

zum Rechtlichen in Bayern:
wenns nicht anders geht, dürfen die Krankenhäuser den Notarzt zu einer dringenden Verlegung anfordern, also den Transport verweigern geht nicht.

Die Intensivmöglichkeiten im NAW sind natürlich nicht so wie bei einem ITW. Es stellt sich die Frage nach der Uhrzeit und die Alarmierung eines ITH/RTH bei Tag mit der Möglichkeit der CPAP-Atemunterstützung.

Ich schätze, daß der Patient, wenn er sich nicht (grobe Einschätzung meinerseits) in den nächsten 10-20 Minuten stabilisiert, intubationspflichtig wird.

Wenn der Patient mit den Möglichkeiten des NAW transportiert werden soll, dann hätte ich gerne von der Klinik aktuelle Gase (natürlich nicht venöse...) und aktuelle Laborwerte (Krea, Kalium etc).

Eine weitere Frage nach der Katecholaminpflichtigkeit stellt sich mir?

Kann man vor der Verlegung nicht kurz einen Schallkopf aktivieren und nach (punktierbaren?) Pleuraergüssen sehen und kurz eine orientierende Echokardiographie durchführen?

Und dann für den Transport die "klassischen" Möglichkeiten der Behandlung der akuten Herzinsuffizienz ausreizen: Diuretika, Nitrate, Oberkörper Hochlagerung/sitzend/ Sauerstoffgabe. Normalerweise gebe ich auch ohne Schmerzzustände einige wenige mg Morphin, hätte aber in diesem Fall Bedenken, daß die Ateminsuffizienz wegen der Grunderkrankung doch zu sehr manifest wird und der Patient doch noch intubiert werden muß.

Vor einer Narkoseeinleitung bei der Intensivverlegung hätte ich noch nicht die große Sorge, vielmehr vor einer kompletten Kreislaufinsuffizienz, denn woher hat der Patient das Herzversagen? Hat die Grunderkrankung den Herzmuskel erfaßt, dann dürfte das Problem nicht von eben auf jetzt begonnen haben und der Patient müßte höchstwahrscheinlich unter den üblichen Maßnahmen stabil verlegt werden können.


Viele Fragen,
bin gespannt, wie es weiter geht.

Land-Ei

Dr. A. Flaccus
Topicstarter
DMF-Moderator
Beiträge: 4436
Registriert: 06.03.05, 08:30
Wohnort: Hildesheim
Kontaktdaten:

Beitrag von Dr. A. Flaccus » 28.05.06, 10:21

Moin!

Land-Ei hat geschrieben:Wenn der Patient mit den Möglichkeiten des NAW transportiert werden soll, dann hätte ich gerne von der Klinik aktuelle Gase (natürlich nicht venöse...) und aktuelle Laborwerte (Krea, Kalium etc).

Eine weitere Frage nach der Katecholaminpflichtigkeit stellt sich mir?

Kann man vor der Verlegung nicht kurz einen Schallkopf aktivieren und nach (punktierbaren?) Pleuraergüssen sehen und kurz eine orientierende Echokardiographie durchführen?


Die Diagnose: "komplettes isoliertes Rechtsherzversagen" wurde mittels Echo gestellt. Pleuraergüsse fanden sich nicht. Die Pumpfunktion des linken Ventrikels wurde als "gut" beschrieben. CPAP-Beatmung wäre also in diesem Fall eher kontraproduktiv gewesen.

Der Pat. kam ohne Zugang via KTW ins Haus, Labor war abgenommen, aber noch nicht da.

Wie gesagt: Die Situation stellte sich für alle Beteiligten "hochakut" dar. Die Ärzte in der Klinik (Chefarzt Pädiatrie und Kinderkardiologe, sowie ltd. Oberarzt Anästhesie) waren sich einig, daß die schnelle Verlegung in die Uni-Klinik oberste Priorität hat.

Eine art. BGA wäre schön gewesen, aber der Junge war hochgradig verstört und ängstlich - jede Maßnahme wurde kritisch beäugt und schon das Braunüle-Legen führte fast zu Eskalation...

Deshalb wurde auch der ITH-Transport verworfen (kann man da überhaupt "sitzend" lagern? Was, wenn das Kind oben dekompensiert?).

Ich wart´ mal noch einen Moment mit der Auflösung und bin gespannt auf weitere Diskussionsbeiträge


:)

A. Flaccus
Dr. A. Flaccus
Facharzt für Anästhesie
- Notfallmedizin -
DMF-Moderator

Land-Ei
DMF-Mitglied
DMF-Mitglied
Beiträge: 144
Registriert: 25.05.06, 16:06
Wohnort: Bayern

Beitrag von Land-Ei » 28.05.06, 12:11

Hallo Doc Alf,

ich nehme mal an, RR, Pulsfrequenz, Auskultation, EKG bringt mich diagnostisch auch nicht so sehr weiter, so daß ich jetzt den kleinen Patienten einfach einladen würde und unter Ihrem zitierten "Bauchweh" transportieren würde. Wenn möglich, ohne den Patienten weiter aufzuregen, also ohne Sirene. Hat der Junge sein "Lieblings-Plüschi" dabei und die beruhigende Anwesenheit der Mama?

Mir stellt sich die Frage, ob das Rechtsversagen überhaupt cardialen Ursprungs ist? Käme eine (in dem Alter ungewöhnliche) Lungenembolie in Betracht? Dann vor Ort Lyse - aber bei 14 Jährigem?? Dazu passen aber die beidseitigen Ödeme nicht ganz??

Ich würde nun "unwissend" unter üblichem Monitoring transportieren, da die Zeit wohl wirklich drängt und die diagnostischen Mittel des abgebenden hauses recht erschöpft scheinen, aber wenigstens die Laborwerte während des Transports telefonisch abfragen.

Grübelnde Grüße,

Land-Ei
:?:

TheHamster
DMF-Mitglied
Beiträge: 61
Registriert: 20.05.05, 14:39
Wohnort: Windeck
Kontaktdaten:

Beitrag von TheHamster » 28.05.06, 19:14

Also ich denke bei den vorliegenden Tatsachen kann es sich nur so darstellen das ich transportieren muss... Da ich noch immer das am besten geeignete Rettungsmittel bin was derzeit verfügbar ist... Oder wäre es geographisch möglich gewesen einen ITW aus einem Nachbarkreis in angemessener Zeit zu bekommen?

Leider kann ich auch nicht viel über die Möglichkeiten eines ITW sagen da ich diese selber nicht kenne.

Also ich würd höchstens noch abklopfen ob es nicht möglich wäre das mich ein erfahrener Doc begleitet, die Eltern?, und dann ASAP los...

borderline
DMF-Mitglied
Beiträge: 47
Registriert: 22.02.06, 16:51

Beitrag von borderline » 29.05.06, 08:32

hallo

ich hätte da mal zwei fragen:

:arrow: 1) was ist eine CPAP-Beatmung????

:arrow: 2) was ist ASAP????

Diese abkürzungen sagen mir nichts tut mir leid :oops:

danke für die erklärungen die kommen werden

Dr. Ch. Erbschwendtner
DMF-Moderator
Beiträge: 983
Registriert: 30.01.05, 10:41
Kontaktdaten:

Beitrag von Dr. Ch. Erbschwendtner » 29.05.06, 08:54

Hallo !

Ich sehe hier zwei verschiedene Probleme:

1.) Ein Kind/Jugendlichen in schlechten AZ, dekompensiert, mit Rechtsherzinsuffizienz (?) ohne Pleuraergüsse, (ohne Beinödeme ???, sorry hab ich überlesen mit massiven Beinödemen !!! ).
Ob da nich doch eine respiratorische Insuffizienz bei bekannter progedienter Muskelschwäche (exacerbiert durch ???) die Ursache ist.

2.) Schwieriger Patient - Transport ist immer dringend, dann ist er nämlich weg (aus meinem Haus).

Da ich die Situation vor Ort nicht kenne, kann ich mich nicht für diesen speziellen Fall festlegen. Meistens beginne ich in Absprache mit den Kollegen einen innerhospitalen Stabilisierungsversuch, was oft auch erfolgreich ist, und dann einen "elektiven" Transport ermöglicht. Gelegentlich muß man die Klinik auch nach dem "Load and Go" Prinzip verlassen. Dies ist sicher immer von der Behandlungsmöglichkeit im ersten und zweiten Haus und der Transportzeit, sowie dem Patienten abhängig.

Um auf den Fall zurück zu kommen: Bei guter LVF wäre eine vorsichtige Volumengabe, Katecholamine und reichlich O2 sicher einen Versuch wert. Davor würde ich allerdings gerne selbst einen Blick auf das Herz (Echo) werfen.

Bin schon gespannt, wie es weiter geht.

Gruß

Erbschwendtner
Zuletzt geändert von Dr. Ch. Erbschwendtner am 29.05.06, 13:00, insgesamt 1-mal geändert.
Dr.Ch. Erbschwendtner
Internist, LNA
Rett-Med
DMF-Moderator im Forum Rettungsdienst und präklinische Notfallmedizin

Stephan Schmidt-Schweda
DMF-Mitglied
Beiträge: 61
Registriert: 17.02.05, 13:08
Wohnort: Niedersachsen
Kontaktdaten:

Beitrag von Stephan Schmidt-Schweda » 29.05.06, 09:36

(ich hoffe ich bin nicht schon wieder zu spät, hatte aber mal 4 Tage frei :wink: )

Für mich richt das Krankheitsbild nach einem dekomp. resp. Pumpversagen (das CO2 der ven. BGA ist durchaus verwertbar, wie ist im Übrigen detr pH und das Bicarbonat?) bei Myopathie. Ob die Rechtsherzproblematik (@Dr. Erbschwendtner: Beinödeme hat er) eher ein akutes oder ein chronisches Problem ist, kann ich jetzt so nicht sagen, würde aber vor Vorlastsenkung warnen.

Abgesehen von der Therapie einer eventuellen verschlechternden Begleiterkrankung (Infektion, Elektrolytstörung etc.), die ganz akut abe rauch nicht helfen muss gehört der Junge primär beatmet, und zwar möglichst nicht-invasiv. (Wir würden zur Vermeidung der Intubation sogar ggf. eine interventionelle Lungenunterstützung verwenden - ist aber zugegenermaßen etwas experimentell). Bei zusätzlichem Rechtsherzproblem würden wir primär versuchen, die RV-Nachlast mit Ilomedin-Inhalation zu senken.
Ob diese Maßnahmen mit erfolg vor Ort durchführbar sind, um den Zustand für den Transport zu stabilisieren, kann ich nicht beurteilen, wage ich aber zu bezweifeln.
Kurz und gut, der Junge gehört ins Zentrum, und zwar schnell (Ziel: möglichst keine Intubation).Transport iIdealerweise zumindest in Bereitschaft zur NIV. Ein geeignetes Gerät (z.B. Oxylog 3000) ist zwar meistens nur auf einem ITW vorhanden, 90min wären mir aber zu lang.

In einem solchen Fall würde ich als aufnehmendes Zentrum anbieten, mit unserer Primärnmaschine und einem Beatmungsgerät zu kommen, um dann den Jungen bodengebunden abzuholen.
Ansonsten würde ich persönlich den Transport wahrscheinlich übernehmen.

Im übrigen können zumindest in den Bundesländern in unserem Einzugsgebiet dringende Sekundärtransporte durchaus mit einem Primärrettungsmittel durchgeführt werden.

Grüsse SSS

PS: Ich habe jetzt hinsichtl des Management bei uns mal so getan, als ob der Pat. mind. 16 Jahre alt ist und somit ein potentieller Kandidat für unserer Station, nicht dass DocALF in Zukunft auf die Idee kommt, 14 Järige primär zu uns zu verlegen :wink:

d-i-n

Beitrag von d-i-n » 29.05.06, 12:19

Stephan Schmidt-Schweda hat geschrieben:Ob die Rechtsherzproblematik (@Dr. Erbschwendtner: Beinödeme hat er) eher ein akutes oder ein chronisches Problem ist, kann ich jetzt so nicht sagen, würde aber vor Vorlastsenkung warnen.


Hallo Stephan,

würde mich interessieren, warum Du hier eine Vorlastsenkung für ungünstig hältst ?

Und außerdem bin ich schon supergespannt auf die Auflösung ! Wäre natürlich schön, noch etwas von der Symptomatik zu erfahren, die der Krankenhauseinlieferung vorausging. Also z.B.

- haben sich Beinödeme bzw. Atemnot plötzlich oder langsam entwickelt ?
- besteht neben der muskulären Grunderkrankung auch ein Lungenerkrankung, durch welche ein Cor pulmonale entstanden sein könnte ?

Zum Akutzustand des Patienten: Lunge frei, oder Bronchospastik/ Raselgeräusche ? Ich denke da ganz entfernt auch mal an eine Aspiration durch Schluckprobleme wegen der Muskelerkrankung. Wie sieht der Rö.-Thorax aus ?

Gruß von doc-in-not :wink:

Uwe Hecker
DMF-Mitglied
DMF-Mitglied
Beiträge: 496
Registriert: 17.08.05, 17:36
Wohnort: Wiesloch (Baden-Württemberg)

Beitrag von Uwe Hecker » 29.05.06, 12:58

Hallo Zusammen,
hallo DocAlf,

der Fall ist schwierig. Wir haben einen 14jährigen Patienten, den wir kaum kennen, ein überfordertes Krankenhaus und eine Situation aus der wir jetzt das beste heraus holen müssen. In beschriebener Situation würde ich den Patienten ebenfalls versuchen innerklinisch zu stabilisieren oder aber zur Transportvorbereitung und damit einer besseren Einschätzung der Situation noch etwas Diagnosik fahren. Wie sieht es aus mit einem 2 Lumen ZVK ? Cave ZVD ?! Wie ist die Thorax a.p. Aufnahme ? Wie wärs mit einer art. BGA ? Gibt es generell die Möglichkeit eines RTH/ITH ?
In einem Krankenhaus, welches mit dieser Situation ehe schon überfordert ist, verstehe ich die Argumentation das der Pat. nicht intubiert wurde obwohl eine klare Indikation besteht. Bei der Diskussion ob nun ITW oder RTW muß ich ganz klar sagen: Wieviele ITW´s gibt es denn ? Hier fahren Intensivverlegungsmobile in der Größenordnung
eines Reisebusses, dort sind es wieder RTW´s die einen Spanngurt zur Befestigung einer Ballonpumpe mit sich führen. Auf dem einen Auto fahren Fachpflegekräfte und jahrelange Intensivmediziner hier sind es Zivis und RA´s. Was ich sagen will ist, das es u.U. wirklich keinen nennenswerten Unterschied zum RTW/NEF gibt.
Ich würde also wie folgt vorgehen:

Leichte moderate Sedierung, Rö Thorax a.p., ZVK - - Anlage, ggf. art. Punktion für BGA, ggf. eine Spur von Nitro (Pulmonalstrombahn) und Arterenol. Vor allem würde ich mal die Uniklinik anrufen die das Kind kennt. Haben die überhaupt ein Bett ? Wie sah die bisherige Therapie aus ? Und zu guter letzt: Wenn der Herzmuskel definitiv den Geist aufgibt, wurde bereits eine Transplantation mit den Eltern besprochen ? Wie bekannt ist der Ernst der Lage bei ihnen ?
Nun geht´s aber ab in die Uniklinik: Halbsitztende Lagerung, ggf. herunterhängende Extremitäten, ggf. unblutiger Aderlass.
Wenns der RTW-Respirator hergibt wäre auch ein Transport unter Masken-CPAP erstrebenswert, zumindest intermittierend. Dann sollte aber auch eine Magensonde liegen.

Naja, das war so der Vorschlag den ich anzubieten hätte. Bin gespannt wie die Diskussion weiter geht.


Grüße an alle

Uwe
Gesundheits- und Krankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie / Rettungsassistent

Stephan Schmidt-Schweda
DMF-Mitglied
Beiträge: 61
Registriert: 17.02.05, 13:08
Wohnort: Niedersachsen
Kontaktdaten:

Beitrag von Stephan Schmidt-Schweda » 29.05.06, 13:04

doc-in-not hat geschrieben:würde mich interessieren, warum Du hier eine Vorlastsenkung für ungünstig hältst ?


Beim akuten RV-Versagen ist der RV extrem Vorlast abhängig, bzw. das Blut läuft quasi passiv durch den RV - dem Druckgradienten folgend.
(anderes Beispiel: RV-Infarkt oder LE: Hier müssen wir das Volumen praktisch von der Infusionsflasche vie Schwerkraft in den LV bekommen)
Die pulmonale Situation bessern wir mit Vorlastsenkung nicht (der LV hat ja kein Problem, is ja oft eher hyperdynam), bei systemischer Gabe von direkten Vasodilatantien erhöhen wir allenfalls das Shunting.
Außerdem ist Nachlastsenkung immer besser as Vorlastsenkung :wink:


doc-in-not hat geschrieben:- besteht neben der muskulären Grunderkrankung auch ein Lungenerkrankung, durch welche ein Cor pulmonale entstanden sein könnte ?


Die muskuläre Grunderkrankung stellt ja gerade die Lungenerkrankung dar, die das Cor pulmonale ausgelöst hat.

d-i-n

Beitrag von d-i-n » 29.05.06, 13:17

Stephan Schmidt-Schweda hat geschrieben: Die muskuläre Grunderkrankung stellt ja gerade die Lungenerkrankung dar, die das Cor pulmonale ausgelöst hat.


Hi Stephan, erstmal dank für die Erklärungen ! Wieder was dazugelernt !

Zum Cor pulmonale: daß es bekannt ist, lese ich aus der (geheimnisvollen !) Schilderung von DocAlf ehrlichgesagt nicht heraus -daher ja meine Frage nach einer möglichen kardialen Vorgeschichte. Ich denke schon langsam daran, daß der Patient eventuell "Läuse und Flöhe" hat, vielleicht eine 2. Erkrankung, welche die rechtscardiale Dekompensation unabhängig von der Muskelerkrankung verursacht. Mir gehen schon ganz seltene Dinge durch den Kopf... z.B. Trikuspidalklappendefekt (hätte man im Echo sehen müssen)... Myokarditis... wie gesagt, ich bin super gespannt !

@Uwe Hecker: für einen ZVD sehe ich Probleme sowohl beim Legen als auch beim Messen. Der Patient hatte im Vorfeld ja beim Flachlegen schon einen schweren Kollaps erlitten, siehe Bericht von DocAlf. Telefonisch an der behandelnden Uni-Klinik genauere Diagnosen zu erfragen, halte ich für eine gute Idee !

Gruß von doc-in-not :wink:

Dr. A. Flaccus
Topicstarter
DMF-Moderator
Beiträge: 4436
Registriert: 06.03.05, 08:30
Wohnort: Hildesheim
Kontaktdaten:

Beitrag von Dr. A. Flaccus » 29.05.06, 13:44

Hallo!

Na, jetzt kommt die Diskussion ja in Gang... :)

Keine Angst, ich löse bald auf - doch erst noch ein paar Anmerkungen in Stichworten:

- zur Vorgeschichte: Beinödeme seit "einigen Tagen", Verständigung und Anamnese schwierig, da die Mutter taub ist (ich wollte es nicht unnötig verkomplizieren, ist so schon schwer genug :wink: ). Bei Untersuchung in Uni-Klinik 2004 keine Herzbeteiligung - das wurde ausdrücklich in einem Brief, der den Beteiligten vorlag, betont! Es gibt seitdem keine neuere Untersuchung!
Und: Mehr als ich hier geschrieben habe, ist allen Beteiligten auch nicht bekannt. Es gibt keinen Rö-Thorax! Der Pat. befindet sich in einem Behandlungszimmer der Kinderklinik - der Weg zum Röntgen ist weit.

- Auskultation: Unauffällig! Keine Spastik, keine RGs

- ZVK wurde nie erwogen - der ZVD wird wohl hoch sein...und das Kind hätte hier nicht kooperiert

- Hubschrauber - sind wir uns da einig? - geht wohl nur mit beatmeteten Kind. Kollege SSS hat aber sehr schön beschrieben, warum man eine Beatmung möglichst vermeiden sollte.

- Die Bettenfrage wurde vor der Alarmierung von RTW/NEF geklärt: Die Uni-Klinik empfahl "sofortige Übernahme"...und bot diese an.

- Masken-CPAP? Nun, der Junge war nur mit Mühe davon zu überzeugen, daß er die "normale Maske" mit Reservoir aufbehalten soll... Stellen Sie sich ein extrem ängliches, unruhiges, panisches Kind vor, das jede ihrer Bewegungen sofort schreiend hinterfragt: "Halt, nein, was macht ihr?"

- Vormedikation: Zu Hause angeblich keine. In der Klinik: 40 mg Lasix und weitere 40 mg unmittelbar nach Eintreffen des NA.

- BGA: pH um 7,20, HCO3 niedrig.

Gibt es noch weitere Wortmeldungen? :wink:
Ich finde das bisherige Spektrum auf jeden Fall sehr spannend und bedanke mich schon jetzt für die rege Teilnahme!

A. Flaccus
Dr. A. Flaccus
Facharzt für Anästhesie
- Notfallmedizin -
DMF-Moderator

Antworten