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 Betreff des Beitrags: Unterwegs im Christoph Hessen
BeitragVerfasst: 20.03.12, 13:21 
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Administrator

Registriert: 15.09.04, 10:49
Beiträge: 7403
Wohnort: Bad Nauheim
Liebe Kolleginnen und Kollegen,

mal eine Fallschilderung eines RTH/ITH-Einsatzes:

Wie wohl auf allen Rettungswachen, geht es auch auf der Luftrettungswache etwas beengt zu, wenn sich zwei Besatzungen im Gemeinschaftraum aufhalten. Das Fernsehgerät läuft, lockere und witzige Kommentare hellen die Stimmung auf. Ein Notarzt schläft im Fernsehsessel, ein HEMS/RA schläft in ungesunder Bauchlage auf der durchgesessen Couch. Als das Telefon klingelt, schauen alle gespannt auf den Kollegen, der sich eifrig Notizen macht und einen umgehenden Rückruf zusagt. Angerufen hat die KST, die zentrale Koordinierungsstelle eines anderen Bundeslandes für Intensivtransporte. Kurz vor Sonnenuntergang gibt es in D nur wenige RTH/ITH, die noch einen längeren Flug antreten. Insbesondere ist das Wetter gemischt, die Sicht teilweise schlecht. In den nächsten 2 bis 3 Minuten checkt der Pilot das Wetter und gibt grundsätzlich grünes Licht. Während der Rückmeldung an die KST springen wir schon in die Stiefel und Jacken. Ich stecke mir noch das Apullarium mit den BTMs ein. In der Zwischenzeit ist schon das Fax mit den Einsatzdaten inkl. der Durchwahlen der Ärzte der Quellklinik und Zielklinik angekommen. Jetzt folgt das für den medizinischen Einsatz enorm wichtige Arzt-Arzt-Gespräch. Ich hatte mir, um in der ersten Aufregung nichts zu vergessen, dafür ehemals eine kleine Checkliste laminiert, die ich längst auswendig kann: Name, Alter, akutes Ereignis, Vitaldaten, Beatmungsregime, BGA, Labor, Bildgebung, Medikation, Perfusoren, Vorerkrankungen, Infektionsstatus usw. usw.. "Sollen wir ihn intubieren und beatmen? Was brauchen Sie noch?" (Eine Idee dazu?)

Das Krankheitsbild ist ein medizinisches Horrorszenario - die einzige Chance des Patienten ein schneller Transport aus einem abgelegen Provinzkrankenhaus in ein universitäres Zentrum:

Der 45-jährige Patient hatte beim Sport mit seinen Freunden plötzlich massive Brustschmerzen. Nach Einweisung per Primärnotarzt wurde in der Notaufnahme bei unauffälligem EKG primär ein Echo gemacht. Schon dabei fiel die erweiterte Aorta ascendens auf. Ein Notfall-CT ergab dann auch eine Aortendissektion der Aorta ascendens sowie des gesamten Aortenbogens bis runter zur linken Nierenarterie. Er sei nicht intubiert, die Vitalwerte seien stabil, nicht katecholaminpflichtig, die Schmerzen seinen mit Morphin zu beherrschen. Wers glaubt...?

Also eilen wir in die Maschine und starten eilig. Die Flugzeit beträgt ca. 35 Minuten. 10 Minuten vor Eintreffen am Landeplatz (natürlich 3 km weit von der Quellklinik entfernt) versichern wir uns bei der Leitstelle vor Ort, dass ein RTW für den Transfer bereitsteht. Nach der Landung laden wir dann mit geübten Griffen unsere Trage auf die des RTW. Wir nehmen unser gesamtes Beatmungs-Equipment, Monitor, 2 Perfusoren usw. mit und donnern mit Signal in die nahe gelegene Quellklinik, dort eilig auf die Intensivstation.

Der Kollege dort ist professionell, alles ist gut vorbereitet, insbes. die arterielle RR-Messung, die ich wollte. Er ist sehr erleichtert. Er betreut heute insgesamt 24 Überwachungspatienten! Der Pat. ist schläfrig, stabil, Puls 75, RR 178/88, 02-Sätt. 98% mit 5L O2, er stöhnt dabei vor Schmerzen. Ich hatte mich dazu entschlossen, mir erst vor Ort ein Bild zu machen, ob der Pat. für den Transport in Narkose gelegt werden muss. Ich stelle mich beim Pat. vor, der adäquat reagiert. Schmerzen derzeit 8/10. Wir titrieren der Druck mit Nitrolingual und Ebrantil auf 130 syst., geben 5 mg Morphin gegen Schmerzen und Dimenhydrinat gegen Übelkeit. Nach dem Umlagern ist der Pat. normoton, die Schmerzen sind jetzt bei 4/10, der Pat. ist ruhiger. Ab die Post. Die Präferenz ist hier ähnlich wie bei der Polytraumaversorgung: Er kann von uns und in dieser Klinik nicht gerettet werden. Es zählt nur der schnelle und dabei sorgfältige Transport zur definitiven operativen Versorgung. Rückfahrt zum Heli und Verladen des Pat. klappen sehr gut. Er bekommt einen Schallschutz auf die Ohren, schläft schnell wieder entspannt ein. Alle Monitoringdaten (welche?) bleiben gut, so dass wir keinen Grund zum Eingreifen haben. Die Flugzeit zur Zielklinik beträgt nur unglaubliche 12 Minuten. Dort wird wieder rechtzeitig ein Zubringer-RTW hinzualarmiert. Mit der dortigen RTW-Besazung bringen wir den Pat. direkt vor die OP-Schleuse, wo uns rund 7 Personen in OP-Kleidung erwarten. Wir übergegen den Patienten und unser gesamtes Equipment an der OP-Schleuse an den Anästhesisten und sein Team. Nach 15 Minuten bekommen wir alles bis auf den Patienten wieder. Der Herzchirurg hat schon sämtliche Vorinformationen und bekommt indessen nur noch eine Übergabe bzgl. des Transports sowie die Röntgen und CT-Bilder von mir. Uff - das wär geschafft.

In der Notaufnahme reinigen wir unsere Trage, Kabel und Gerätschaften. Meine offizielle Dienstzeit wäre jetzt eigentlich zu Ende. Da klingelt bei meinem Kollegen das Telefon. Die KST. Einen hätten sie noch, wo wir doch schon mal in diesem Bundesland wären... Zurück zum Heli. Pilot checkt Wetter, diesmal telefonisch. Glücklich sieht er nicht aus. Im Verlauf bewahrheitet sich das auch. Für den nächsten Einsatz waren 15 min Flugzeit geplant aber gebraucht haben wir über eine Stunde bis zu Quellklinik. Solches Wetter nachts braucht kein Mensch. Gut, dass ich nicht seekrank werde. Aber das ist schon ein anderer Einsatz...

Unser Pat. wurde erfolgreich operiert. Wieviele Menschen bei der Rettung dieses Menschenlebens mitgewirkt haben, läßt sich wohl nur erahnen. Uns wurde beispielsweise sogar ein Flug-Korridor zwischen den im Landeanflug befindlichen Passagiermaschinen gewährt. Immer wieder werde ich gefragt, warum ich so einen Job freiwillig in meiner knappen Freizeit mache? Solche Einsätze geben mir ein Gefühl dafür, dass ich das Richtige tue.

Herzlichen Gruss

Ihr/Euer Achim Jäckel


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