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Einbruch im Eis ALS oder scoup and run?

Verfasst: 24.01.10, 15:34
von fa7x110
Hallo in die Runde,

nach untem beschriebenen Einsatz habe ich mir nun doch länger Gedanken über mein Vorgehen gemacht und von Kollegen und Ärzten aus der Klinik nur unterschiedliche Meinungen gehört. Deshalb entschied ich mich dies hier einmal zur Diskussion zu stellen.

Einsatzmeldung vor ca. 2 Wochen, "Person in Wasser" in einem nah gelegenen Fluss von ca 100 meter Breite, war komplett zugefroren, allerdings nicht tragfähig.
Einbruchstelle ca 5 Meter vom Ufer. bei unserem Eintreffen befand sich die Person seit ca. 10 Minuten unter Wasser. Fahrzeug ca. 100 meter vom Ufer entfernt, Deichanlage.
ich entschied mich gegen die Mitnahme von jeglichem Material da eine Lebendrettung mir unwarscheinlich erschien und ich eine Reanimation bei den Temperaturen (-8 Grad) nur im RTW durchführen konnte. (Einverstanden?)
Suche des Patienten durch Feuerwehr Taucher, durch ein geschlossenes Sperrwerk kaum Strömung, deshalb Hoffnung auf Verbleib der Person nahe der Einbruchstelle.
Polizeihubschrauber landet 20 Meter vom Ufer mit Angebot auf Transport in die Uniklinik, keine medizinische Ausrüstung nur eine Art "Ladefläche" und Platz für eine Person als Begleiter. Flugzeit 4 Minuten, Fahrzeit um die 22. Ich entschied mich für den Hubschrauber. (einverstanden?)
Rettung des Patienten nach insgesamt 35 Minuten submersion männlich in den 50ern, pulslos. Ich hatte mir in der Zeit des Wartens alles nötige für ein ALS Protokoll an den Hubschrauber bringen lassen. Zur verfügung hatte ich außer mir, einen "advanced emergency medical technician" ca. RA Ausbildungsstand, 3 Polizisten und 2 Feuerwehrleute auf Sanitäter niveau. Die Örtlichkeit wie beschrieben. Ich entschied mich gegen ein ALS Protokoll aufgrund der geschätzten Kerntemperatur von unter 30 Grad und führte nur eine Atemwegssicherung mit einem ET tubus durch verzichtete auf Monitoring oder i.v. oder i.o. Zugang und transportierte den Patienten alleine unter BLS mit angeschlossenem Beatmungsgerät 4 Minuten Zur Uni-Klinik im Hubschrauber. Dort Übernahme im Schockraum aktive erwärmung mit Heizdecken und warmen Infusionen. Kerntemperatur bei Eintreffen 31 Grad, anschluss an eine Lukas 2 für die Thoraxkompression, erste EKG Ableitung zeigte eine Asystolie.

Wie wärt ihr mit diesem Patienten umgegangen? ALS auf dem Deich, dann Transport im Hubschrauber, oder das Verbringen in den RTW und dort ALS, danach Transport mit Hubschrauber oder Fahrt mit RTW? Wie sich herausstellte war meine Kerntemperatureinschätzung falsch und der Patient hätte evtl. von Adrenalin oder ggf. Defibrillation profitieren können.

Freue mich über Vorschläge..

Marcus

Verfasst: 24.01.10, 19:52
von Dr. A. Flaccus
Moin,

spannendes Beispiel.

ich entschied mich gegen die Mitnahme von jeglichem Material da eine Lebendrettung mir unwarscheinlich erschien und ich eine Reanimation bei den Temperaturen (-8 Grad) nur im RTW durchführen konnte. (Einverstanden?)


Absolut. Ich sehe da keine Alternative.

Polizeihubschrauber landet 20 Meter vom Ufer mit Angebot auf Transport in die Uniklinik, keine medizinische Ausrüstung nur eine Art "Ladefläche" und Platz für eine Person als Begleiter. Flugzeit 4 Minuten, Fahrzeit um die 22. Ich entschied mich für den Hubschrauber. (einverstanden?)


Klar - alles andere hätte unnötig Zeit verschwendet. Allein der Transport zum RTW hätte ja schon die ersten 60 - 90 sec. verbraucht.

Wie wärt ihr mit diesem Patienten umgegangen?


Genau so. Hier war "vor Ort" nicht viel zu holen. Der Pat. braucht spezielle Therapie in der Klinik: Aktive Erwärmung, entsprechende Zugänge vernünftiges Monitoring usw.
Auf dem Deich oder im RTW hätte man m.E. unnötig Zeit verloren.

Wie sich herausstellte war meine Kerntemperatureinschätzung falsch und der Patient hätte evtl. von Adrenalin oder ggf. Defibrillation profitieren können.


..er "hätte....können". Oder aber auch nicht. Vielleicht wäre auch unnötig Zeit verloren gegangen: Transport zum RTW, Entkleiden, Abtrocknen, dabei Herzmassage / Beatmung / Zugang - alles im engen RTW...

Hier galt es abzuwägen zwischen Klinik-Ankunft in 5 oder in 30 Minuten. Und nur die Klinik kann hier adäquat helfen.

Ich hätte die 5-Minuten-Variante gewählt.

Wie ist denn der Outcome des Patienten ?

Gruß

A. Flaccus

Verfasst: 24.01.10, 20:35
von mbela
Ich würde mir wünsche deine Einfälle gehabt zu haben und hätte dann nichts anders gemacht.

Aber es hätte eh eine andere Meinung gezählt :)

Grüße

Markus

Verfasst: 25.01.10, 22:32
von fa7x110
Würde mich freuen wenn noch ein paar andere Gedankengänge und Sichtweisen geäußert werden, aber danke für das geschriebene.

Der Patient wurde ohne höhere Hirnfunktionen stabilisiert und ist ein paar Tage später durch den apnoe Test gefallen, Lebenserhaltung abgestellt. Ich denke Erwachsene haben einfach zu viel Masse um schnell genug abzukühlen das der Stoffwechsel stark genug gedrückt wird.

Verfasst: 29.01.10, 00:01
von VK-Retter
Ich hätte wohl ähnlich/gleich gehandelt wenn ich schnell genug geschaltet hätte.
(Und die Polizei so hilfsbereit ist)
Was für mich als Frage(n) offenbleibt:
Habt ihr präklinisch die Temperatur gemessen? (Habt ihr überhaupt die Möglichkeit?)
Davon Abhängig wäre dann ja Medikamentengabe/Defibrillation.

Würde aber entsprechend der Schilderung auch sagen, dass der Patient von einem schnellen Transport unter suffizientem BLS in ein geeignetes Zentrum am besten profitiert. Alles andere wäre auf ein hätte, wäre, könnte hinausgelaufen...

Verfasst: 29.01.10, 10:05
von fa7x110
Wir haben leider nur tympanische Thermometer, und keine Möglichkeit zur Kerntemperaturmessung. Wüsste aber auch nicht wie ich diese in der Situation sinnvoll hätte messen können, ohne wichtigere Maßnahmen zu beeinträchtigen. Der Punkt das mit warscheinlich 32 Grad Kerntemperatur Elektotherapie und cardioaktive Substanzen einen benefit gehabt haben könnten ist genau der Grund warum ich überhaupt Zweifel habe.