"Rettungstöten" in der Corona-Krise?

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jaeckel
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"Rettungstöten" in der Corona-Krise?

Beitrag von jaeckel »

- so lautet ein aktueller Artikel in der Neuen Juristischen Wochenschrift 20/2020 (1) der Juraprofessoren Engländer und Zimmermann. Sie zielen auf die sog. DIVI-Empfehlungen (2) über die Zuteilung von Ressourcen in der Notfall-und der Intensivmedizin ab. Im Ergebnis kommen Sie zu dieser alarmierenden Beurteilung
Professor Dr. Armin Engländer und Professor Dr. Till Zimmermann hat geschrieben:"Die unverbindlichen fachgesellschaftlichen Empfehlung sind unter strafrechtlichen Aspekten weitgehend misslungen."
"… wird den Ärzten für bestimmte Konstellationen ein Verhalten empfohlen, das als strafbares Tötungsdelikt zu werten ist. …"
Im aktuellen Newsletter des BDIe.V. (Berufsverband Deutscher Internisten e.V.) schreibt
Prof. Dr. med. Hans Martin Hoffmeister hat geschrieben:Die hier geäußerten strafrechtlichen Aspekte lassen die sogenannten „Helden an der Front“ in einem deutlichen strafrechtlichen Risiko stehen. Diese Situation müsste dringend von der Bundesärztekammer aufgegriffen werden und möglichst zeitnah eine Klärung herbeigeführt werden.
(1) NJW 2020, 1398: „Rettungstötungen“ in der Corona-Krise? Die Covid-19-Pandemie und die Zuteilung von Ressourcen in der Notfall- und Intensivmedizin
(2) Entscheidungen über die Zuteilung von Ressourcen in der Notfall-und der Intensivmedizin im Kontext der COVID-19-Pandemie
Klinisch-ethische Empfehlungen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv-und Notfallmedizin (DIVI), der Deutschen Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall-und Akutmedizin (DGINA), der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), der Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN), der Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP)und der Akademie für Ethik in der Medizin (AEM)
(3) VGl. auch: LTO: Wer stirbt zuerst? Gastbeitrag von Prof. Dr. Till Zimmermann

Eine schnelle umfassende gesellschaftliche, politische, juristische und medizinische Diskussion ist wünschenswert.
Alles Gute!

Herzlichen Gruss
Ihr

Dr. med. Achim Jäckel
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jaeckel
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Re: "Rettungstöten" in der Corona-Krise?

Beitrag von jaeckel »

Aus GERECHTE GESUNDHEIT
Der Newsletter zur Verteilungsdebatte

Kontroverse um Triage
Wer ist in der Pflicht: Gesetzgeber oder Ärzteschaft?
Berlin (pag) – Mit der Corona-Pandemie muss über Triage-Entscheidungen nachgedacht werden. Nach welchen Regeln sollen sie getroffen werden? Und wer soll diese festlegen? Eine Herausforderung für die Beschäftigten des Gesundheitswesens. Und auch Experten sind sich bei diesem Thema keineswegs einig.

Lesen Sie weiter....
http://www.gerechte-gesundheit-magazin. ... um-triage/
Alles Gute!

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Barnie Geröllheimer
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Re: "Rettungstöten" in der Corona-Krise?

Beitrag von Barnie Geröllheimer »

Wer ist in der Pflicht: Gesetzgeber oder Ärzteschaft?
Beide. Und der Träger der Klinik!
Wenn es stimmt, was mein Töchterlein in der Notaufnahme erfahren hat, scheitert das Ganze ja weniger an zu wenig Fachpersonal, sondern vielmehr an zu wenigen Geräten.
Aber: In jeder Triage manifestiert sich das Versagen des Systems. Ich habe es an anderer Stelle schon mal erwähnt: Nicht mal der Gekreuzigte würde an vorderster Stelle der Manchester-Triage stehen, die meist in D angewandt wird.

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Re: "Rettungstöten" in der Corona-Krise?

Beitrag von jaeckel »

Barnie Geröllheimer hat geschrieben:
24.06.20, 08:43
scheitert das Ganze ja weniger an zu wenig Fachpersonal, sondern vielmehr an zu wenigen Geräten
In Italien ja. War hier nicht so und ist auch nicht zu erwarten.
Barnie Geröllheimer hat geschrieben:
24.06.20, 08:43
Nicht mal der Gekreuzigte würde an vorderster Stelle der Manchester-Triage stehen, die meist in D angewandt wird.
:wink: Man muss sich klar machen, das sind Stammtischparolen, die durch Wiederholung auch nicht wahrer werden. Ich halte dagegen: Der Gekreuzigte würde heute als SK1 über den Rettungsdienst gebracht werden und ein sofortiger Arztkontakt wäre garantiert.
Barnie Geröllheimer hat geschrieben:In jeder Triage manifestiert sich das Versagen des Systems.
Auch das ist nicht richtig. Bei jedem Busunfall (MANV) wird zeitweise triagiert, bis die Individualversorgung wieder etabliert werden kann. Meist kann man hier dank unserer Strukturen eine hochqualifizierte schnelle Versorgung beobachten. Es sei denn, irgendwelche Idioten blockieren die Rettungsgasse. Vgl. z.B. http://www2.medizin.uni-greifswald.de/i ... ANV_RD.pdf
Alles Gute!

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Barnie Geröllheimer
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Re: "Rettungstöten" in der Corona-Krise?

Beitrag von Barnie Geröllheimer »

@Jaeckel
1. Meine Tochter ist Ärztin in D.
2. Am Telefon und im Wartesaal der Notfallambulanz im Klinikum Krefeld wird explizit aufgeführt, dass Vitalfunktionen ausgefallen sein müssen oder auszufallen drohen, um Priorität erwarten zu dürfen.

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jaeckel
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Re: "Rettungstöten" in der Corona-Krise?

Beitrag von jaeckel »

Barnie Geröllheimer hat geschrieben:
24.06.20, 14:11
Meine Tochter ist Ärztin in D.
Und dort hatten die zuwenige Geräte um den Menschen zu helfen? Das widerspricht direkt den täglich aktualisiereten DIVI-Kapazitätsnachweisen über verfügbare Beatmungsbetten in Deutschland (vgl. https://www.divi.de/register/tagesreport ) auf den ich täglich Zugriff habe/hatte. Auch ist es in D so, dass wir genug Intensivverlegungskapazitäten (Hubschrauber, fahrende Intensivstationen...) haben, um jederzeit überregional in ein anderes Zentrum verlegen zu können. In D wurden ja sogar Pat. aus anderen EU-Ländern behandelt, weil wir in ERwartung der Welle sogar sehr schnell Überkapazitäten geschaffen hatten.
Barnie Geröllheimer hat geschrieben:
24.06.20, 14:11
Am Telefon und im Wartesaal der Notfallambulanz im Klinikum Krefeld wird explizit aufgeführt, dass Vitalfunktionen ausgefallen sein müssen oder auszufallen drohen, um Priorität erwarten zu dürfen.
Das glaube ich gerne. Eine chronische Überlastung insbesondere des Personals ist weit verbreitet. Ein Skandal und chronisches Organisationsverschulden. Aber damit können wir uns ja nicht zufriedengeben.
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