Die Landarztquote – ein teuer Irrtum

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Die Landarztquote – ein teuer Irrtum

Beitrag von PR » 15.09.19, 18:50

denn sie ist pure popolistige Dummenfängerei.

Die Dummen werden keineswegs die sein, denen diese Art Planwirtschaft zum Studienplatz verholfen hat, sondern - wie schon öfter - die Bewohner des „flachen Lands“. So, wie denen das Bürgermeisteramt, die Milchsammelstelle, der Dorfbäcker –metzger und –überhauptkaufladen und die Tanke abhanden gekommen ist, so ist denen die Apotheke und der Arzt auch abhanden gekommen.

Ursache der meisten „Dorfinfrastruktur“-Defizite ist die eigene Betriebswirtschaft gewesen: „der Laden hat sich halt immer weniger gelohnt, Anforderungen und Gängelungen seitens des Staats haben immer weiter zugenommen, und der Großhandel hat uns halt schon lang Verbraucherpreise abgenommen. Dann haben wir den Laden halt zugemacht.“

Der Schwund der Landarztpraxen hingegen findet zunächst fremdbestimmt-planmäßig statt. Ich seh sie noch schenkelklopfen, die Betriebswirtchen der kranken Kassen in den gesundheitspolitischen Symposien: ha ! diese Tante-Emma-Praxen, die haben doch keine Zukunft, die können doch keine Qualität ! Aber WIR werden dafür sorgen ! Mit dieser Absichtserklärung hat das Praxissterben angefangen.
Dann kamen die ersten Gesundheizreformen, und kam das Hamsterrad. In der Zeit hat die erste Hausarztpraxis im Landkreis ohne Nachfolger geschlossen, im Zentrum der Kreisstadt, mit Spezialgebiet Diabetologie. Grund: der Praxiseigner hatte bloß so viel geschafft, wie er guten Gewissens schaffen konnte, das Hamsterrad eben nicht rotieren lassen, und keinen Selbstzahlerschnickschnack „angeboten“.

Wem der Dummenfang zum Studienplatz verholfen hat, die (der) wird jetzt erst mal studieren und sich praktisch ausbilden lassen. Das dauert. Viel länger, als Patienten auf Ärzte warten können. In der langen Zeit wird sich viel ereignen, auch persönlich-biographisch-Biologisches. Chancen, Notwendigkeiten und Zwänge werden auftreten und verschwinden, Einsichten werden reifen, Pläne werden verworfen und neu geschmiedet. Auch die Politik wird natürlich nicht stillhalten. Wer weiß denn schon heut, zur Amtszeit eines Zappelspähnchens, wie die Arbeitsbedingungen eines „Landarztes“ in zehn, zwölf Jahren ausschauen ?

Manche Vertragsinhalte zwischen Landesregierung und Studierenden sind schlicht sitten- und (schlimmer !) verfassungswidrig. So wenig wie der Staat Dritten (nämlich den prospektiven Investoren in die MVZs) vorschreiben k a n n , w o der in ein Geschäft zu investieren habe, und ob überhaupt, so wenig d a r f der Staat dies einem Medizinstudenten vorschreiben. Auch nicht nach einem Vertrag, in dem steht, dass er nach Ausbildungsende mindestens zehn Jahre lang als Vertragsarzt der kranken Kassen zu arbeiten habe. Schon dreimal nicht, wenn er selber in eine vertragsärztliche Infrastruktur (vulgo: Praxis) nicht investieren kann oder will, und auch keinen Investor findet für eine grad offene Planstelle.

Kommt Zeit, kommt Einsicht. Es wird nicht wenige geben, die dann lieber einen Kredit aufnehmen, um sich vom Quotenvertrag freizukaufen, statt ihre Lebensqualität den kranken Kassen und ihren Zappelspähnchen hinterherzuschmeißen.

Nicht nur einmal hab ich „gesundbrunnen“ in dieses Forum hier geschrieben: man kann auch das beste Gesundheitssystem der Welt bloß ein einziges Mal vor die Wand fahren. Die SPD hat das geschafft. Danke, gesundbrunnen, danke SPD !

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Barnie Geröllheimer
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Re: Die Landarztquote – ein teuer Irrtum

Beitrag von Barnie Geröllheimer » 16.09.19, 19:44

PR hat geschrieben:
15.09.19, 18:50
...denn sie ist pure popolistige Dummenfängerei.
Warum? Kennen Sie konkrete Verträge? Und selbst WENN man selbst einen solchen Vertrag nicht unterschreiben würde, weil auf dem Land die "Lebensqualität" fehlt, ist ein Vertrag immer noch eine übereinstimmende Willenserklärung. "Dumme" Leute wie mein Töchterlein gehen gern aufs Land. Ich werde berichten!

Freilich, man verändert sich und die Bedingungen verändern sich. Und nun zeigen Sie mir mal bitte eine Branche, die auf viele Jahre hinaus eine Renditegarantie erhält?!!

Ich weiß nicht, was Sie unter "Land" verstehen?! 60% der Landesfläche in BaWü gelten als "ländlich". Gibt es in all diesen Bereichen keine Bäcker mehr?
Wo es nicht mal mehr einen Bäcker gibt, ist Pampa oder Prärie.
Nehmen wir 89250 Senden, meine (ur-)alte Heimat, 24.000 Einwohner und genau 1 Augenarzt. In Worten: EINER! Es gibt ein riesiges EKZ im Norden der Stadt, das sogar Ulmer zum Kauf anlockt., ein Autobahndreieck, eine wichtige Bahnlinie und sogar ein paar Fußballklubs.

Ist das unattraktives Land oder hat man nur die Pfründe des ehemaligen Pressesprechers des BVA gesichert?

25 km südlich davon praktiziert meine Vorzeigeärztin mit augenscheinlich bestem Erfolg und Porsche bei 4800 Einwohnern. Umland sehr bäuerlich, die nächst größere Stadt ist Memmingen. Ist das das "Land", auf dem sich angeblich keine Praxis lohnt?

1.) eine vertragsärzliche Tätigkeit "auf dem Land" muss nicht in Stein gemeißelt sein.
2.) es gibt genügend Beispiele dafür, dass sich eine Praxis außerhalb der größeren Städte sehr wohl lohnen kann. Die Beispiele oben kann ich gerne durch die Praxen eines Prof. Dr. Wiesemann in einer badischen Kleinstadt oder des "pleite gegangenen" vorderpfälzischen Arztes ergänzen!
3.) man wird die Arbeit auf dem Land attraktiv machen (müssen). Wer sollte Interesse daran haben, den dringend benötigten Arzt zu vergraulen, sofern dieser keinen Anfall von Größenwahn erleidet und ein Kino am Ort verlangt. Die kostenlose Wurstplatte bzw. der kostenlose Haarschnitt müssen reichen :mrgreen: :lachen:

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Ach Schatzele, erzählen Sie hier doch keine Einzelfälle,

Beitrag von PR » 16.09.19, 20:47

sondern gucken Sie einfach bloß zu, was in derf Fläche passiert, und beschreiben das.

Nix Anderes mach ich hier. Ich seh und schreib: die Fläche entleert sich von Deppen, die - wie noch ich einer war - bereit sind, sich für mindestens ein Berufsleben zu verschulden, um kranken Kassen eine Infrastruktur hinzustellen, die erlaubt, im hoch qualifizierten Beruf überhaupt arbeiten zu können.

Klar kommt sowas nicht plötzlich und unerwartet, sondern für sowas gibt's Indikatoren. Einer der Indikatoren ist das Durchschnittsalter der noch tätigen Deppen. Ein weiterer Indikator ist die RATE an Neuniederlassungen, ein weiterer Indikator ist die RATE an erfolgreichen Praxis-Übergaben. Die Entwicklung dieser Indikatoren über die von mir aus letzten zehn Jahre. Egal wie. Jedenfalls Tatsachen.

Ist aber hier überhaupt nicht Thema. Sondern hier ist Thema die Frage: ist es zielführend, der Bevölkerung eine Umkehr der o.g. nicht seriös zu leugnenden Trends zu versprechen, indem man Achtzehnjährige mit unsittlichen und höchstwahrscheinlich grundgesetzwidrigen Verträgen in ein langes Studium mit anschließender langer Ausbildung lockt ?

Jeder kann die Vertragsinhalte kennen, die sind öffentlich, denn diese Quoten und das Drumrum mussten ja in den Länderparlamenten beschlossen werden.

Ich bin sicher, dass diese Quote nicht zielführend ist. Eine ganze Reihe von Gründen hatte ich schon genannt. Weitere sind: die Förderung der Ärzteausbildung kommt um mindestens eine ganze Ärztegeneration zu spät und ihr Umfang ist mindestens um die Hälfte zu klein.

PR

PS: Aaah, Barnie ! Maulburg hat wieder einen Hausarzt ! Die (reiche ! viel erstklassige Industrie !) Gemeinde hat ein Haus gekauft, umgebaut, und ihm samt angrenzenden Parkplätzen zur Verfügung gestellt. Der Kollege ist da hin gegangen, weil seine Alternative, eine große Große Kreisstadt, in der auch ich Depp 25 Jahre lang auf eigene Rechnung geschuftet hatt, die Blödheit besessen hatte, von ihm für den Fall der Übernahme einer der drei Hausarztpraxen am Ort zur Bedingung zu machen: Sie müssen aber eine zweistellige Zahl von Parkplätzen um's Haus rum nachweisen. Und das konnte der natürlich nicht, in einem Dorfkern, bei gemieteten Räumen.
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