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"Mensch,Maschine, Medizin und Wirtschaft"

Verfasst: 12.09.19, 14:38
von Dr.med.Holger Fischer
Ein bemerkenswerter Artikel.

Ärzte bald Schichtarbeiter mit Stechuhr?

Deutsche Gesellschaft für Urologie
von Dr. med. Thomas Kron
Kernbotschaften

Vom 18. bis 21. September 2019 findet in Hamburg der 71. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie statt. Das Motto lautet: „Mensch, Maschine, Medizin und Wirtschaft“. Diese vier Begriffe „kennzeichnen unser Dilemma in der heutigen Medizin. Einerseits Fortschritt und damit verbundene Heilsversprechen (Stichwort „individualisierte Medizin“), andererseits darf es nicht mehr kosten, aber gerne etwas mehr sein“, erläutert Kongress-Präsident Professor Dr. Oliver W. Hakenberg das Motto.

Der Patient im Mittelpunkt?

Der Patient stehe in dieser heutigen Medizin zwar angeblich immer noch im Mittelpunkt, so der Urologe der Universität Rostock weiter. Aber bei manchen Akteuren im Gesundheitswesen seien da erhebliche Zweifel angebracht. So hätten die letzten Jahrzehnte Einschränkungen bei den Kassenleistungen gebracht, erheblich verkürzte Liegezeiten und ein schleichendes Krankenhaussterben, das für viele Menschen angstbesetzt sei. Für Unruhe sorge auch das aktuelle Gutachten zur Überversorgung mit kleinen Kliniken. Dennoch sei klar, wohin die Reise gehe.

Das Sagen haben Ökonomen

Ärzte seien zu einem Gutteil entmachtet worden, die Leitung hätten andere Berufsgruppen übernommen. In Kliniken etwa hätten vor allem Ökonomen und Betriebswirte das Sagen. Die Fremdbestimmung des Arztberufes sei vielschichtig und komme schleichend, aber sie sei unverkennbar. Und sie sei, so Hakenberg, durchaus gewollt, stelle sie doch eine Entmachtung des einst als übermächtig wahrgenommenen Berufstands dar. Der freie Arztberuf existiere also allenfalls noch in der Niederlassung. Aber hier regiere die Selbstverwaltung oft ebenso gnadenlos wie eine Klinikleitung.

Mehr Arbeit in weniger Zeit

Für die Ärzte und Pflegekräfte hätten die Jahrzehnte seit Einführung der DRG („diagnosis related groups“) eine enorme Arbeitsverdichtung gebracht. Die Verkürzung der Liegezeiten habe „den Patientendurchsatz enorm gesteigert“. Es gebe mehr Aufnahmen und Entlassungen pro Tag als jemals zuvor. Erheblich vervielfacht habe sich der Aufwand an zu leistender Dokumentation. In umfangreichen Datenbanken müssten „alle Maßnahmen am Patienten, deren Qualität und wiederum der Kontrolle der Qualität dokumentiert werden“. Die möglichen Folgen: Arbeitsverdichtung und -intensivierung, verbunden mit gleichzeitiger Reduktion der Arbeitszeiten machten Ärzte – früher oder später – zu Schichtarbeitern mit Stechuhr“, befürchtet der Urologe. Verantwortlichkeiten würden so „zerteilt und verdünnt, jeder muss sich mit dem Problem nur noch bis zum Schichtwechsel retten, dann ist er/sie erst mal raus“.

Immer nur Kontrollinstanzen, Sanktionen und Bürokratie

Längst herrsche das Primat der Wirtschaft. Wie wenig Patienten und Personal zählten und welchen Stellenwert hingegen die Ökonomie in der Krankenversorgung inzwischen hat, zeigt sich laut Hakenberg unter anderem auch daran, dass sowohl Kliniken wie auch Kostenträger bei der Abrechnung enorm aufgerüstet hätten, denn bei der Kodierung gehe es um viel Geld. Es seien „Heerscharen von Kodierern in den Kliniken eingestellt worden, um möglichst ertragreich zu kodieren, ebenso Heerscharen von Ärzten beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen, um möglichst viele Krankenhausrechnungen anzuzweifeln und kürzen zu können.“ Es sei fatal, so Hakenberg, dass „unsere Gesundheitspolitik nie andere Maßnahmen kennt, als eine weitere Aufrüstung der Kontrollinstanzen und Sanktionen, als nur immer Intensivierung der Bürokratie.“ Niemals werde etwas vereinfacht.
Referenzen
Deutsche Gesellschaft für Urologie
Oliver W. Hakenberg: Mensch, Maschine, Medizin und Wirtschaft; Urologe; DOI: https://doi.org/10.1007/s00120-019-01024-8

Re: "Mensch,Maschine, Medizin und Wirtschaft"

Verfasst: 12.09.19, 23:37
von PR
Solli Herr Fischer !
Das sind genau die Umstände, deren Zustandekommen ich seit dreißig Jahren beobachte, teils und zeitweise aus unmittelbarer Nähe, und hier beschreibe.

Mir will fatal scheinen, dass
1. "die Politik", und ihr folgend der ganze Medienapparat bei dem Thema seit Jahrzehnten und bis heute "das Volk" einfach anlügt. (Gucken Sie mal im Archiv nach "gesundbrunnen"). Die Lippenbekenntnisse selbst „konservativer“ und „liberaler“ Politiker zum "freiberuflichen Arzt als Fundament des Gesundheitswesens" werden mit jedem Tag verlogener. Genau das Gegenteil ist geplant und wird herbeiregiert.

2. ein amtierender Gesundheitsminister sich ganz offen und vöhöhöllig ungeniert als IT-Lobbyist betätigen darf. Dies mit gigantischen Sprechblasen und völlig irren Versprechungen. „Bald werden WIR „den Krebs“ besiegt haben“ - wenn Sie UNS bloß alle Ihre Gesundheitsdaten spenden, wäre der der zweite Halbsatz. Ich empfehle durchwegs die Lektüre des Spahn’schen Büchelchens (zusammen mit Müschenich und Debatin, im Herderverlag: „app vom Arzt“. Spätestens danach ist dieser Figur nicht mehr über den Weg zu trauen.

3. der rechtlich und ordnungspolitisch gültige Status der Krankenkassen - hier wiederhole ich mich zum x-ten Mal in diesem Forum - seit Franz Knieps und Schmulla Schmidt nicht mehr klar ist, sondern gezielt verunklart wird, sodass die (meine Nomenklatur) kranken Kassen ungestraft oszillieren dürfen zwischen „gewinnorientiertes Unternehmen“ und „öffentlichrechtliche Körperschaft“, je nach momentanem Vorteil.

4. die grundgesetzlich garantierte Einheitlichkeit des Rechts (Rechtssetzung und Rechtsprechung) nicht mehr gegeben ist, seitdem BGB und SGB ansich identische Sachverhalte unterschiedlich bewerten, und Amts- und Sozialgerichte sie ganz unterschiedlich beurteilen.

Schon heut gibt es so viele SoFAs wie Ärzte. Die innere Verwaltung der „Verteilung der Krankenkassenbeiträge“ kostet schon heute so viel wie die gesamte ambulante Medizin – etwa ein Sechstel vom Beitragsaufkommen.

Gerade die „großen alten“ Krankenkassen hocken auf dem Leichenkeller voller ungedeckter Pensionslasten ausschließlich zugunsten ihrer Altfunktionäre, ah, oh, kaka.

Es wird finanziell immer interessanter, Gesundheit zu verwalten, als praktisch für Gesundung zu sorgen.

Mit uns alten Deppen mit unserer anerzogenen Neigung zur Selbstausbeutung werden die freiberuflichen Ärzte weitgehend ausgestorben sein. Solche sind politisch nicht mehr erwünscht, weil es an denen für unbeteiligte Dritte nichts zu verdienen gegeben hat.

C’est la vie zum Ende der Dienstzeit der sozialdemokratischsten Bundeskanzlerin, die Deut’schland jemals hatte.
Die Kanzlerschaft des großen Totschwätzkünstlers, Zappelspähnchen sei sein Name, werd ich ja hoffentlich gar nicht mehr erleben.

PR

Re: "Mensch,Maschine, Medizin und Wirtschaft"

Verfasst: 14.09.19, 17:44
von Barnie Geröllheimer
Es ist zu billig, die Schuld am Status quo immer nur der Politik zuzuschreiben.

Es ist noch nicht lange her, da erschallten hier im Forum die selbstbewussten Stimmen derer, die noch nicht einmal für ein hypothetisches, ansehnliches festes persönliches Gehalt von monatlich 10.000 Euro als Landarzt arbeiten würden.

Es ist schon etwas länger her, dass wir Leistungserbringer einen einst durchaus vorhandenen Vertrauensvorschuss täglich und rücksichtslos missbraucht haben. Wir müssen akzeptieren, dass in einer Zeit knapper Kassen nicht mehr jeder "Berechtigungsschein" und nicht mehr jede ärztliche Therapieempfehlung eine Zahlungsverpflichtung bei den Kassen auslöst.
Dass das vorhandene Geld der Kassen nicht sinnvoller verwendet wird, steht dabei auf einem anderen Blatt. Als Folge des missbrauchten Vertrauens regieren nun in den Kliniken, bei den Optikern und bei den Krankenkassen die Rechenschieber, die "individuelle ärztliche Versorgung, Empathie und Zuwendung" nicht in ihren Bilanzen quantifizieren können.

Ausnahmsweise bin ich auf CDU-Kurs..: was nützen zusätzliche Studienplätze an den Unis, wenn wir hinterher nur wieder die Speckgürtel ärztlich versorgen können? Wir brauchen eine Quote.

Ergo: ein bisschen muss sich die Ärzteschaft auch an die eigene Nase fassen.

Wenn sie mit "die Ärzteschaft" die Körperschaften meinen

Verfasst: 14.09.19, 23:35
von PR
bin ich bei Ihnen. Das sind aber nicht unsere Vertreter, sondern unsere Zertreter. Der GRÖFAZ hat das damals ja schon richtig gemacht und die Ärzte-Selektions- (Juden raus) und -Disziplinierungsbehörde ausgerechnet "kassenärztliche Vereinigung" benennen lassen. Einfach bloß, damit Ihnen ein bisschen klarer wird, zu welchem Zweck die KVen mal erfunden und eingerichtet worden sind.

Wenn sie Lust haben, erklär ich Ihnen auch mal, wieso die "Landarztquote" Blödsinn ist. Aber vielleicht besser in einem anderen thread.
PR

Haben Sie eigentlich auch schon mal überlegt, Barnie, wer

Verfasst: 15.09.19, 01:00
von PR
das eigentlich ist, der "ärztlich versorgt "

Also ich glaub's ja nicht.

PR

Kranken Kassen - Bilanzen ???

Verfasst: 15.09.19, 01:29
von PR
Solli Barnie, kranke Kassen veröffentlichen k e i n e Bilanzen. Müssen sie nicht, tun sie nicht, können sie garnicht.
Kranke Kassen sind Körperschaften des Öffentlichen Rechts, mithin Behörden, die ausschließlich mit den Zwangsbeiträgen ihrer Zwangsmitglieder finanziert werden. Und Behörden führen nun mal keine Bilanzen. Behörden veröffentlichen auch nix, es sei denn,der Gesetzgeber zwänge sie im Einzelfall dazu.


PR

Re: "Mensch,Maschine, Medizin und Wirtschaft"

Verfasst: 15.09.19, 07:30
von Humungus
Barnie Geröllheimer hat geschrieben:
14.09.19, 17:44
Es ist noch nicht lange her, da erschallten hier im Forum die selbstbewussten Stimmen derer, die noch nicht einmal für ein hypothetisches, ansehnliches festes persönliches Gehalt von monatlich 10.000 Euro als Landarzt arbeiten würden.
Danke für den pluralis majestatis, Barnie, das war ich.

So, und jetzt sehen Sie sich mal die Tarifgehälter von Oberärzten in Krankenhäusern an. Ein Niedergelassener ist dann mit einem Oberarzt zu vergleichen, wenn er keine einzige selbständige unternehmerische Entscheidung trifft. Heißt: dem Landarzt sind die Praxis und das Personal zu stellen. Ist er krank, erhält er Lohnfortzahlung, bezahler Urlaub, bezahlte Fortbildung etc. pp.Dienste werden extra vergütet und zusätzlich abgefeiert.

Sowohl der Landarzt als auch der Oberarzt würden und werden über 10.000 Euro kräftig lachen. Ganz zu schweigen, wenn man dem Landarzt die volle unternehmerische Verantwortung und das Risiko aufbürden will. Kleinigkeiten wie QM, Telematik, DSVGO und TerminservicestellenIdiotieGesetz mal beiseitegelassen. Der Oberarzt kümmert sich um sowas - wenn überhaupt - natürlich nur während der Dienstzeit. Und dann können Sie sich gerne ausmalen, wie viele Stunden pro Woche futsch sind.

Ich bin PRs Meinung, und jeder, der mit der Materie auch nur einigermaßen bekannt ist, auch: Landarztquoten sind völlig untauglich. So, wie jede Quote, die etwas per ordre de mufti ändern will, ohne die Ursachen eines Missstandes zu beseitigen.. Ich weiß auch, wohin die Landarztquote führen wird. Wenn Sie das auch wissen wollen, googeln Sie einfach mal (Sie sind ja kein "Ossi") nach Abkindern. Kennen Sie übrigens den: Was passiert, wenn man einen Planwirtschafter in die Wüste setzt? Erst nicht viel, aber nach 10 Jahren wird der Sand knapp.

Zum Thema Krankenhäuser könnte ich auch viel sagen, weil ich durch Verwandte einen guten Einblick habe und auch als Belegarzt tätig bin. Die Industrialisierung der Medizin führt nicht nur dazu, dass sowohl der Job in der Pflege und als Krankenhausarzt unattraktiv geworden und durch Niedrigqualifizierte besetzt sind, sie hat auch dazu geführt, dass der Patient als Mensch zunehmend verschwindet und zur Ziffer der Bilanz wird.

Die beiden größten Verbrechen und Ursachen dieser Katastrophe sind:
1. die Einführung von DRGs
2. die zunehmende Besetzung der Krankenhausleitungen durch BWL-Schmalspurabsolventen ohne medizinisch-fachspezisische Erfahrung und ohne Herz.

Re: Wenn sie mit "die Ärzteschaft" die Körperschaften meinen

Verfasst: 15.09.19, 10:55
von Barnie Geröllheimer
PR hat geschrieben:
14.09.19, 23:35
Wenn sie mit "die Ärzteschaft" die Körperschaften meinen bin ich bei Ihnen.
Ja, die mein ich auch, aber auch den elitären Zeitgenossen, dem ein Golfplatz in Praxisnähe wichtiger ist als seine ärztliche Ethik. Der Golfplatz steht als Synonym für all das, was ein vergleichbares Luxusleben ermöglicht und "auf dem Land" angeblich nicht in kurzer Zeit erreichbar ist, sei es ein Kindergarten, die Oper, der Supermarkt etc. pp.
Dies finde ich angesichts einer längst abgeschafften Residenzpflicht umso verwerflicher. Und von wegen "ärmliche" Landbevölkerung ohne Privatversicherte..., ich wohne hier am linken Niederrhein und ich kann Ihnen versichern, dass die Leute hier weit mehr Kohle besitzen als das Gros in Duisburg. Von meiner Vorzeigeärztin im vergleichsweise ärmlichen Illertal will ich hier gar nicht mehr reden, da sie offensichtlich nicht als Beleg für die Rentabilität einer Landarztpraxis gelten darf.

Nun gut, wenn die überwiegende Haltung derer, denen auch die Landbevölkerung das Studium mitfinanzieren aber nicht am Ergebnis partizipieren darf, selbst ein -freilich fiktives- zugesichertes Einkommen von 10.000 € nach Abzug evtl. Regressforderungen zu schäbig ist, dann sollte man vielleicht überlegen, ob man die Medizin-Studienplätze mit den richtigen Studierenden besetzt bzw. sie mit den richtigen Filtern auswählt?!

Kein Mensch, ich am allerwenigsten, verlangen von einem jungen Arzt, dass er auf dem Land versauert oder vielleicht sogar noch draufzahlt. Aber ständig nur die Politik und die Politiker dafür zu tadeln, dass die alten (Arbeits- und Einkommens-)Verhältnisse für Ärzte nicht mehr zu schaffen sind, ist zu simpel.

@Humungus
Plural deshalb, weil Sie nicht als einziger in dieses Horn geblasen haben...., was mich umso mehr erschreckt! Bevor die Frage kommt, ob ich in einem dieser arztlosen Gebiete ein Optikergeschäft gründen würde..: Ja, sofort bei 10.000 Ocken monatlich! Dafür darf auch der nächste Supermarkt gerne ein bissel weiter weg sein!
Klar ist und immer wieder richtig betont haben Sie m.E., dass es einer konzertierten Aktion bedarf, um dem ganzen Irrsinn ein Ende zu setzen. Nur dürfte eine Neuordnung des Gesundheitswesen etwas anders aussehen, als Sie sie sich wünschen. Es deutet sich ja bereits an, dass man von teils aber auch absurden "Qualitätsstandards" bewusst abrückt und telemedizinisch versorgt, digital durch den Patienten selbst erhobene Messwerte auswertet, Online-"Doktoren" bemühen kann und nichtärztliches Personal die Versorgung Verletzter und Chronikern teilweise übernimmt.

Wundern Sie sich angesichts triagierter Patienten darüber, dass Ihnen Klinikambulanzen, Optiker und Online-"Kollegen" die Geschäftsfelder beschneiden?

Re: Wenn sie mit "die Ärzteschaft" die Körperschaften meinen

Verfasst: 15.09.19, 12:26
von Humungus
Barnie Geröllheimer hat geschrieben:
15.09.19, 10:55
Der Golfplatz steht als Synonym für
...den Neid, der bei der Bevölkerung auf "die Ärzte" ausgelöst werden soll.
Nun gut, wenn die überwiegende Haltung derer, denen auch die Landbevölkerung das Studium mitfinanzieren aber nicht am Ergebnis partizipieren darf, selbst ein -freilich fiktives- zugesichertes Einkommen von 10.000 € nach Abzug evtl. Regressforderungen zu schäbig ist, dann sollte man vielleicht überlegen, ob man die Medizin-Studienplätze mit den richtigen Studierenden besetzt bzw. sie mit den richtigen Filtern auswählt?!
Genau meine Meinung. Merke: wer mit Erdnüssen zahlt, sollte sich nicht wundern wenn Affen für ihn arbeiten. Machen Sie ruhig Ihre Filterung. Und sorgen Sie unbedingt für Sprachkurse für die neuen Kollegen.

Hab ich Ihnen schon gesagt, dass bei uns in der Nachbarschaft ein Augenarztsitz offen steht? Eine andere Praxis mit 4 Sitzen wird nur von zwei Ärzten im Rotationsprinzip versorgt. Selbst das OP-Großzentrum kriegt keine Tschechen mehr her. Die finden Besseres. Vielleicht mal in Afrika oder Fernasien nachfragen? Über die Sprach- und Ausbildungsmängel mag man gerne hinwegsehen.

Da sind wir wieder beim Thema Krankenhaus: nahezu jedes Mal, wenn mich ein Kollege dort mit der Bitte um ein Konsil anruft, wird gebrochen deutsch gesprochen. Fragen Sie doch mal die Patienten, wie zufrieden die sind. Ach egal, die sind krank, da hat man keine Wünsche zu äußern. :ironie:
Aber ständig nur die Politik und die Politiker dafür zu tadeln, dass die alten (Arbeits- und Einkommens-)Verhältnisse für Ärzte nicht mehr zu schaffen sind, ist zu simpel.
Genauso simpel wie die Tatsache, dass es immer weniger Ärzte gibt bzw. immer mehr Ärzte (Frauen) in Teilzeit und als Angestellte. Ich bin jetzt 20 Jahre niedergelassen und kann Ihnen sagen: es wird immer schlimmer mit der Arbeit. Nicht wegen der Patienten (obwohl die Anspruchshaltung zunimmt), sondern wegen dem Drumherum, das geschickt so gewählt wurde um einem das Arbeiten zu vermiesen und zusätzliche Unkosten zu verursachen.
Bevor die Frage kommt, ob ich in einem dieser arztlosen Gebiete ein Optikergeschäft gründen würde..: Ja, sofort bei 10.000 Ocken monatlich! Dafür darf auch der nächste Supermarkt gerne ein bissel weiter weg sein!
Barnie, Topp! Ich bin einverstanden.
Dafür werden Sie
- 80 Patienten am Tag behandeln, und kommt der 81., werden Sie ihn auch behandeln, und auch den 82. etc.
- Notdienste schieben. Wenn Sie Glück haben in Ihrer Fachrichtung, wenn Sie Pech haben auch allgemeinmedizinisch. Machen Sie keinen Fehler und weisen Sie nicht zu viele ins Krankenhaus ein, weil Sie keine Ahnung haben
- Ein QM-System etablieren, das regelmäßig auf dem neuesten Stand gehalten wird, inklusive Fortbildung - natürlich in Ihrer Freizeit und unbezahlt
- fortbilden werden Sie sich auch, 50 Stunden im Jahr. Freizeit, unbezahlt, Sie wissen ja...
- Mehrumsatz ist nicht. Alles abdrücken, gleich, obs ein Chinaprodukt oder eine 1000-Euro-Gleitsichtbrille ist
- kümmern Sie sich gut um Ihr Personal. Und hoffen Sie, dass Sie die regelmäßigen Lohnerhöhungen nicht aus eigener Tasche zahlen müssen.
- Natürlich brauchen Sie eine EDV, bitte darauf achten dass alles richtig installiert ist. Für Lecks haften nämlich SIE
- Bürokratie? Keine Frage, so viel Sie wollen und gerne auch mehr.
- Zum guten Schluss werden Sie noch von den Medien als geldgeiler Optiker dargestellt werden, der lieber mehr Golf spielt und weniger arbeitet.
Nur dürfte eine Neuordnung des Gesundheitswesen etwas anders aussehen, als Sie sie sich wünschen. Es deutet sich ja bereits an, dass man von teils aber auch absurden "Qualitätsstandards" bewusst abrückt und telemedizinisch versorgt, digital durch den Patienten selbst erhobene Messwerte auswertet, Online-"Doktoren" bemühen kann und nichtärztliches Personal die Versorgung Verletzter und Chronikern teilweise übernimmt.
Damit hab ich kein Problem. Diejenigen, die das planen, sind sicherlich weitsichtig und weise. Und natürlich privat versichert. :lachen:
Wundern Sie sich angesichts triagierter Patienten darüber, dass Ihnen Klinikambulanzen, Optiker und Online-"Kollegen" die Geschäftsfelder beschneiden?
Könne sie gerne machen. Tun sie nur nicht, irgendwie. Die wollen nämlich nur die Sahnestücke und nicht den Alltagspatienten. Ich wüsste ehrlich gesagt auch nicht, dass die Kliniken jetzt auch Sicca-Patienten und trockene MDs, Glaukomroutinen etc. behandeln. Und die Optiker dürfen gerne. Ich werde dann besonderen Einsatz darin legen, wenn ein Patient mit verschleppter Erkrankung zu mir kommt, und den Rechtsweg empfehlen. Auch etwas, was Optiker und Online-Kollegen schnell lernen werden, wenn sie sich in die Niederungen der alltäglichen Medizin begeben wollen.

Um zum Untertitel des Ausgangsbeitrags zurückzukommen:

Verfasst: 15.09.19, 15:19
von PR
Genau so wird's kommen: Schichtarbeit mit Stechuhr. Alle anderen Szenarien, und insbesondere die Rückkehr der Flächendeckung mit wirtschaftlich selbständigen Fach- und Hausärzten sind reines Wunschdenken.

Für meinen Geschmack am Spannendsten wird sein, w i e und w o sich Investoren in MVZs finden lassen werden, und wo deren MVZs dann stehen.

A propos Golf: ich kenne einen einzigen Kollegen Mitte siebzig, das ist einer von den "Hit-Ärzten" aus den Neunziger Jahren. Bei Bedarf erklär ich gern, was damals ein "Hit-Arzt" gewesen ist.

PR

Re: Um zum Untertitel des Ausgangsbeitrags zurückzukommen:

Verfasst: 15.09.19, 16:13
von Humungus
PR hat geschrieben:
15.09.19, 15:19
Genau so wird's kommen: Schichtarbeit mit Stechuhr.
...was die Effizienz im niedergelassenen Bereich schätzungsweise halbieren wird. Im stationären Bereich ist die einfache Frage: lohnt es sich für die Angestellten und entspricht es ihrer "work-life-balance"? Der aktuelle Ärztemangel in den Krankenhäusern zeigt, dass das Angebot der Nachfrage nicht entspricht. Heutzutage kann man in nahezu jedem Krankenhaus in nahezu jeder Abteilung als Arzt anfangen. Im Pflegepersonal ist die Misere ebenso groß: händeringend werden Kräfte gesucht.
Für meinen Geschmack am Spannendsten wird sein, w i e und w o sich Investoren in MVZs finden lassen werden, und wo deren MVZs dann stehen.
Sie meinen eher - am Spahnendsten...die Bewegung ist logisch: Großzentren, die lukrative Operationen durchführen, in Städten, im Zubringerbereich mehr oder minder gut besetzte MVZs, in der Fläche - nicht lohnend - niemand. Müssen die Patienten eben kommen...

Re: "Mensch,Maschine, Medizin und Wirtschaft"

Verfasst: 16.09.19, 20:16
von Barnie Geröllheimer
Vielleicht haben Sie recht, meine derzeitigen eigenen Erfahrungen gehen aber in eine ganz andere Richtung. Das sog. "1000-Fenster-Haus" in Duisburg, ja sogar das Moerser MVZ haben einen besseren Ruf als ein gewisser niedergelassener Kollege von Ihnen ohne Doktortitel.
Dieser wird in Portalen aber immer noch besser benotet als ein ehemaliger Schulkamerad von mir, der jetzt als Augenarzt in Heilbronn tätig ist..
Selten kann man einen derartigen Verriss über einen Arzt lesen.:mrgreen:
Man muss sich fragen, warum Krankenkassen derartige "Leistungen" unsanktioniert hinnehmen. Jeder, der in einem abhängigen Arbeitsverhältnis solche Ergebnisse und Gebaren an den Tag legt, würde sofort fristlos gekündigt.

Meine Göttergattin hat sich wegen einer tief sitzenden Zyste am Auge extra ins Saarland bemühen müssen, weil in Nordbaden keiner willens war, sowas zu operieren. Die Nachsorge der hervorragend gemachten OP übernimmt übrigens o.g. 1000-Fenster-Haus. Ich habe sehr den Eindruck, dass es weniger die Viszeralchirurgie war, vor der man kapitulierte, sondern die Mühe, die man sich nicht einmal für eine privat versicherte Patientin geben wollte.

Re: "Mensch,Maschine, Medizin und Wirtschaft"

Verfasst: 15.10.19, 12:56
von Humungus
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