Warum "die Medizin weiblich" wird

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Warum "die Medizin weiblich" wird

Beitrag von PR » 08.07.19, 15:32

Das ist ein vielschichtiges Thema mit vielen für Outsider implausiblen Bestandteilen, die sich oftmals auch noch wie Verschwörungstheorien anhören. Die besseren Abischnitte der Frauen erklären das nicht ausreichend, mein jedenfalls ich.

1. Da ist der Wandel im beruflichen Rollenbild. Das ist zunehmend bestimmt durch gewerkschaftlich-tarifliche Errungenschaften (Arbeitszeitgesetze, Familienförderung, andere „Sozialleistungen“ wie Erziehungs-Freizeiten, work-life-balance), die jede/r gern in Anspruch nimmt.
2. Dies und politischer Wille (Parenthese: laaange Geschichte und ein abendfüllendes Extrathema!) führen dazu, dass freiberufliche wirtschaftlich selbständige Arbeit (in selbstfinanzierter m e d i z i n i s c h e r Einrichtung) immer unattraktiver wird zugunsten einer Arbeit in Anstellung.
3. Das Angestellten-setting ermöglicht zudem problemlos Teilzeitarbeit, ist reine Verhandlungssache mit Arbeitgebern, und zwar auf längere Sicht („Ärztemangel“) aus einer starken Position heraus .
(Demgegenüber muss man im Selbständigen-setting entweder sich tagtäglich mit gleichberechtigten Partnern einigen („wer schafft heut nach Feierabend noch das Wartezimmer leer und macht dann die ungeplanten Hausbesuche ?“) , oder aber Kolleg/inn/en zu Tarifbedingungen anstellen und damit die eigenen Einkünfte heftig beschneiden).
4. Da ist auch immer auch noch das Rollenbild des Familienvaters, der mit seiner (Vollzeit-) Berufsarbeit die Familie ernährt. Genau das funktioniert im Regelfall immer seltener.
5. Und da ist natürlich immer noch das Rollenbild der Familienmutter, die eher bereit ist, ihre eigenen Ambitionen zurückzustellen und in Teilzeit angestellt untergeordnete Arbeit zu erledigen.

Extrathema: folgende Entwicklungen sind seit vielen Jahren politisch erwünscht und geplant. (Ich war lange Jahre SPD-Mitglied und Gast gesundheitspolitischer Symposien der Friedrich Ebert Stiftung.) Mein Fazit des dort Gehörten verstört und bestürzt:
1. (In den Neunzigern durfte mich gesundheitspolitischer SPD-BT-Sprecher Klaus Kirschner noch unwidersprochen ankrähen: „das Demographieproblem ist eine böswillige Erfindung geldgeiler Ärzte“). Nach langen Jahren des Leugnens hat die Politik nun endlich begriffen, dass unsere Sozialsysteme ein Demographieproblem haben: sie werden (zumal ohne Zuwanderung) immer un-nachhaltiger und generationen-ungerechter
2. Man will deshalb die Allokation der beschränkten „Solidar“-Mittel denen aus der Hand nehmen, die (per Berufsordnung) „natürliche“ Verbündete der Kranken und Gesunden sind – den Therapeuten und Ärzten.
3. Intern sagen die kranken Kassen das brutaler: die Komplizenschaft zwischen Leistungsempfängern (Patienten) und Leistungsveranlassern (Ärzten) muss mit Gewalt gebrochen werden, denn sie kostet „unser Geld“ (gemeint sind die Beitragsmilliarden der Kassenzwangsmitglieder, die die kranken Kassen ja „eigentlich nur“ treuhänderisch verwalten sollen).
4. Diese kassenschädliche Komplizenschaft bricht man am Leichtesten, indem man persönliche Beziehungen (die langfristige Patienten-Arzt-Beziehung / -Bindung) aufbricht und verhindert.
5. Die laufende Sozialgesetzgebung wird dementsprechend gestaltet.

Folgerichtig entwickelt sich zur Zeit das Kassengesundheitswesen so:
1. zunehmend viele (fast beliebig klein gestückelte) Teilzeitjobs bei immer größeren Arbeitgebern und Investoren.
2. immer höher standardisierte, konkretere und stringenter an den Interessen der Investoren ausgerichteten Vorgaben zur täglichen Arbeit.
3. immer häufiger wechselnde „Leistungserbringer“ (terminus politicus) (Patientenzitat: „Da ist jedesmal grad eine andere Ärztin da“).
4. mit deutlich überproportionalem Frauenanteil, denn sowas funktioniert viel besser (als mit eher eindimensional strukturierten Männern) mit multitasking-fähigen Frauen: die überspielen solche Beschränkungen eleganter oder gleichen sie sozial intelligenter aus.

Langfristig (und wohlgemerkt: ohne Zuwanderung!) wirkt sich das auf die Kosten der „solidarisch“ finanzierten Gesundheitsfürsorge desaströs aus: um einen von uns „selbständigen“ alten Eseln zu ersetzen, braucht es zweieinhalb angestellte Nachfolgerinnen. Aber welcher Politiker interessiert sich noch für Fristen jenseits von vier Jahren ?

Wohlgemerkt: ohne Zuwanderung. Genau an der Stelle seh ich die tiefere Weisheit in der (stets unausgeprochenen) Merkel’schen Toleranz der Zuwanderung. Die Frau hat über Jahre hinweg (stets unausgesprochen) nix als sozialdemokratische Idealvorstellungen in praktische Politik umgesetzt und damit die SPD überflüssig gemacht.

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Timmie2
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Re: Warum "die Medizin weiblich" wird

Beitrag von Timmie2 » 08.07.19, 16:56

Warum werden Ärzte nicht müde vor einer 'Feminisierung' der Medizin zu warnen? Vielleicht weil sie um ihre Honorare fürchten?

Ab einem Frauenanteil von 60 % sinken Löhne und Gehälter
The Feminization of Occupations and Change in Wages: A Panel Analysis of Britain, Germany, and Switzerland

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" Ab einem Frauenanteil..."

Beitrag von PR » 08.07.19, 17:28

Wahrscheinlich haben Sie Recht.

Trotzdem wird die gesamte Schoose viel teurer, weil 1. die Selbstausbeutung der Selbständigen wegfällt, 2. die Angestellten alle Sozialleistungen genießen, 3. viel mehr Teilzeit gearbeitet wird, 4. zweieinhalb mal so viele Köpfe gebraucht werden

u n d die Medizin / ärztliche Betreuung schlechter weil -zigfach diskontinuierlich organisiert und damit störanfälliger.

Warum ich nicht müde werd, diese Umstände anzuprangern ? Wirklich keinste Ahnung, timmiezwoo ?
Ich sag's Ihnen: weil das von kurzsichtigen politischen Idioten trotz zwei Jahrzehnten Warnung so herbeigeführt worden ist.

Mir persönlich ist das jedenfalls vollkommen wurscht, falls Sie das Gegenteil wähnen, denn noch kann ich auf mich selber aufpassen,
und Konkurrent/inn/en um Hohnorare oder Patientengunst hab ich keine mehr.

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Humungus
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Re: " Ab einem Frauenanteil..."

Beitrag von Humungus » 09.07.19, 11:39

PR hat geschrieben:
08.07.19, 17:28
Trotzdem wird die gesamte Schoose viel teurer,
...was denjenigen, die den Rahm abschöpfen, ziemlich egal ist.

Man wird genau beobachten, wer aus der Politik mit wem wirtschaftliche Verbindungen pflegt und wer wem zuarbeitet.
u n d die Medizin / ärztliche Betreuung schlechter weil -zigfach diskontinuierlich organisiert und damit störanfälliger.
Auch das ist den Profiteuren völlig wurscht.

Sowohl die IT-Branche als auch die Anhänger der Planwirtschaft haben nur ein Interesse: ihr eigenes.

Ein Kollege sagte mir kürzlich: wenn ein Beruf weiblich wird, heißt das, dass er perspektivlos ist. Bei der Medizin mag ich ihm zustimmen. Ideal für Teilzeitjobs, weil schlicht immer weniger mehr Vollzeit arbeiten wollen. Die Arbeitgeber MÜSSEN das akzeptieren.
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"Die Arbeitgeber MÜSSEN das akzeptieren."

Beitrag von PR » 09.07.19, 15:49

Ist doch noch viiiel verrückter, lieber Kollege:

d i e e n t- / g e s e t z l i c h k r a n k e n K a s s e n werden es akzeptieren müssen, dass die gesamte Schoose "solidarisches" deut'schländisches Gesundheizwesen
1. durch Anstellung
2. durch Feminisierung
viel teurer wird als vorher. (Und ohne massive Zuwanderung eines n e u e n Lumpenproletariats in Bälde auseinanderfliegen wird).

Denn sie haben's in all ihrer Blödheit selber
1. so gewollt
2. per political pressure so herbeigeführt,
und 3. bildungsferne Politiker haben's abgenickt.

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Re: Warum "die Medizin weiblich" wird

Beitrag von Humungus » 09.07.19, 21:55

Sie haben wie immer völlig recht, PR, aber die Verantwortlichen werden zu diesem Zeitpunkt, wo es klar wird, längst bestdotiert im Ruhestand sitzen.

Aber...

...wissen Sie, was der Gag ist?

Die Drahtzieher der ganzen Sache werden sich vor Lachen kringekn, wenn sie sich noch einmal nacherzählen, wie sie den Weichenstellern vorgemacht haben, es ginge um bessere Versorgung/Abschaffung einer Ideologie/klassengleiche Medizin.

"Diese naiven Gimpel sind uns doch tatsächlich auf den Leim gegangen! Ober, noch einen Champagner, bitte!"

Dazu noch eine bittere Geschichte: ein Zahnarzt stellte in den 60ern eine meiner Verwandten als Azubiene ein. Der Lohn betrug 98 Mark - natürlich kam er niemals auf die Idee, die 100 rundzumachen. Das Geld gabe er lieber für Perser, Nerze und Gold aus. Diese Verwandte war nicht dumm, und so merkte sie schnell, wie dieser Zahnarzt systematisch betrog. Den größten Betrug aber beging er an seinen Angestellten, denn er unterschlug Sozialbeiträge, was erst nach zig Jahren, als diese das Rentenalter erreichten, herauskam. Dieser feine Herr brüstete sich dann im hohen Alter in meiner Anwesenheit darüber, wie er "zig Jahre im Dienste der KV gestanden habe".

So sind sie, die feinen Herrn: alle bescheißen und später so tun, als seien sie Helden gewesen. Mit oder ohne Herzklabaster.
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