Organspende neu gedacht

Moderator: DMF-Team

Christianes Herz
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Re: Organspende neu gedacht

Beitrag von Christianes Herz »

Zwiefach gnoppt hält besser:
Herr Nüßlein möchte die doppelte Widerspruchslösung und sowohl der Gebende als auch seine Angehörigen müssten Widerspuch einlegen, wenn es keine Organspende geben soll.
Ich finde es ordentlich gruselig, wie wir weiter verplant werden. Und mit Spende hat das dann in der Tat nix mehr zu tun.
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/ ... rganspende

Frdl. Grüße
Christiane

PR
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Im DÄB steht

Beitrag von PR »

"...wonach sowohl der Verstorbene zu Lebzeiten als auch dessen Angehörige einer Organentnahme widersprechen können..."
Es reicht also, wenn eine/r von beiden widerspricht.


Es gab dereinst mal genügend Organspender. Dann aber hat eine Pressemeute Hand in Hand mit ein paar wildgewordenen Juristen nix Besseres zu tun gehabt, als im 'schland einen Transplantations- und Korruptionssumpf zu entdecken. Die versammelte Politik hat dazu nichts zu sagen gehabt, ging ja bloß um die Ächzte.

Sodass selbstredend jeder halbwegs bei Troste befindliche Krankenhausscheff (Oberbuchhalter in Kliniken heissen neuerdings so) "seinen" Ächzten zu verstehen gegeben hat, man möge doch Organentnahmen möglichst vermeiden, wolle man sich nicht anderntags in der BLÖDzeitung abkonterfeit finden.

Der Spenderorganmangel ist klipp und klar ein Medienerzeugnis.

PR
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Christianes Herz
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Vlt. habe ich ja einen oder zwei Denkfehler ...

Beitrag von Christianes Herz »

Das "können" ist ja eigentlich ein "müssen", wenn vorher festlegt wurde, dass Jedermann als Spender angesehen wird. Ich muss Widerspruch zu Lebzeiten einlegen und meine Angehörigen müssen es im anstehenden Fall ebenfalls. Sonst bräuchte man die Widerspruchsregelung zu Lebzeiten im Grunde gar nicht installieren. Es reicht, im anstehenden Fall die Angehörigen zu befragen.
Herr Nüßlein verkrampft den Krampf weiter. M. E. Und er verstimmt viele Gutwillige. Ich habe das Gefühl, die Widerspruchsregelung, die finanzielle Ausstattung der Kliniken, das Geld, damit die Ärzte Spender "identifizieren" verschreckt die Menschen eher noch mehr. Mich würde es das jedenfalls.

Grüße
Christiane

Euphemia
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Re: Im DÄB steht

Beitrag von Euphemia »

PR hat geschrieben:
"...wonach sowohl der Verstorbene zu Lebzeiten als auch dessen Angehörige einer Organentnahme widersprechen können..."
Es reicht also, wenn eine/r von beiden widerspricht.
Aha. Wenn der Verstorbene also nicht widersprochen hatte, können seine Angehörigen ihn demnach zum Spender machen, obwohl der Verstorbene möglicherweise nicht spenden wollte (und dies ggf. mündlich vorab sogar den Verwandten als Absichtserklärung mit auf den Weg gegeben hatte).
Christianes Herz hat geschrieben:Das "können" ist ja eigentlich ein "müssen", wenn vorher festlegt wurde, dass Jedermann als Spender angesehen wird.
Das sehe ich ganz genauso.
Christianes Herz hat geschrieben:Ich habe das Gefühl, die Widerspruchsregelung, die finanzielle Ausstattung der Kliniken, das Geld, damit die Ärzte Spender "identifizieren" verschreckt die Menschen eher noch mehr.
Auch hier bin ich ganz bei Ihnen. Zumindest nach meinem Empfinden.
"Wer sich nur tragen lässt, lernt weder laufen noch tragen." (Kyrilla Spiecker)

Humungus
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Re: Im DÄB steht

Beitrag von Humungus »

Euphemia hat geschrieben:Aha. Wenn der Verstorbene also nicht widersprochen hatte, können seine Angehörigen ihn demnach zum Spender machen, obwohl der Verstorbene möglicherweise nicht spenden wollte (und dies ggf. mündlich vorab sogar den Verwandten als Absichtserklärung mit auf den Weg gegeben hatte).
Das können sie. Mündlich ist immer so eine Sache (man denke nur an Testamente!), und derjenige, der nicht will, muss bei einer Widerspruchslösung schon die Kraft aufbringen seine Ablehnung bei den geeigneten Stellen zu formulieren.
Das sehe ich ganz genauso.
Das sehe ich anders, denn es reicht, wenn der Verstorbene oder nach dem Tod die Angehörigen ablehnen.
Auch hier bin ich ganz bei Ihnen.
Dem schließe auch ich mich an. Es macht keinen guten Eindruck, wenn man gleichzeitig eine Widerspruchslösung einführt, die Honorare erhöht und die "Harvester-Teams" verstärkt. Das hätte man besser machen können. Aber in der Offentlichkeit wird viel lieber über Skandale geredet als über Mangel. Der Bevölkerung viel klarer machen, welche Wichtigkeit Orgenspenden haben und jeden einzelnen mit einbeziehen - das macht Sinn.
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Barnie Geröllheimer
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Re: Organspende neu gedacht

Beitrag von Barnie Geröllheimer »

Ich empfehle das Mitführen eines Spendeausweises (gerade dann, wenn man NICHT spenden möchte), denn im Ausland ist man nicht unbedingt zimperlich, wenn es darum geht, "Harvesting" zu betreiben.

Bulgarien z.B. scherte sich früher um überhaupt keine Erklärungen der Opfer. Ob dem noch so ist, weiß ich nicht, aber man sollte auch daran denken, dass es eben noch keine europäische Lösung gibt.

PR
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Das kann ja heiter werden,

Beitrag von PR »

wenn bei dem Thema allmählich schon von "Opfern" die Rede ist...

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Barnie Geröllheimer
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Re: Das kann ja heiter werden,

Beitrag von Barnie Geröllheimer »

PR hat geschrieben:wenn bei dem Thema allmählich schon von "Opfern" die Rede ist...
Da hatte ich beim Schreiben Verkehrsopfer im Sinne.

PR
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Gespannt bin ich auf Debatte und gesetzgeberische Umsetzung

Beitrag von PR »

der Spähnchen-Idee „Widerspruchslösung“ im Bundestag !

Ob die da überhaupt auf Fakten Bezug nehmen oder sich wie bisher bei dem Thema aus allen Verantwortungen mogeln ?

Fakten ? Wer kommt denn überhaupt als Spender in Frage ? Junge Gesunde !

Der berühmte unfreiwillig abgestiegene Motorradfahrer. Das vom Balkon gestürzte Kleinkind. Der Ertrunkene und der Selbstmörder (manche Methoden), aber nur wenn er sofort gefunden wird.

Nach meiner Ansicht praktisch nur Verunfallte. Keiner mit einem Tumor. Wahrscheinlich keiner mit einer Sepsis. Eher keiner mit einer Pneumonie. Einer mit Herzfehler ? Ein Erstickter ? Wohl kein Vergifteter. Keiner mit Myokarditis. Keiner mit Hepatitis. Keiner der jemals in den Tropen war.
Fällt noch wem was ein ?

Fakten ? Die Zeit drängt wie verrückt zwischen der Entscheidung: 1. holen wir den wieder ins Leben oder 2. weiden wir den aus ? dürfen nur Minuten vergehen, und doch muss das alles vorher rechtssicher abgeklärt sein. Sonst kommt wieder irgend so ein verruckter Jurist...

Wenn 2., dann muss wer los, die Angehörigen fragen: dürfen wir den ausweiden ? Ähm, herzliches Beileid, Ihr Sohn hat sich eben auf Motorrad das Hirn eingerannt ???

Für mich Arzt eine grausige Vorstellung.

PR
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Christianes Herz
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Re: Ich bin nicht nur gespannt, ich habe ein ganz ungutes Ge

Beitrag von Christianes Herz »

Man hört, "die" Kirchen sind dagegen. Ich habe keine Ahnung, wie gewichtig deren Stimme ist. Ich glaube aber, dass die Debatte nicht so sorgfältig sein wird wie die Sterbehilfediskussionen, weil die Wenigsten sich vorher über das Procedere schlau machen werden. Und weil es sich halt so schön einfach anhört, dass es ja freiwillig ist. Es sickert nicht in deren Verstand, dass wir alle auch ein bisschen noch so eine Art Selbstwertgefühl haben. Und dass wir eben nicht von vornherein zur Verfügung stehen wollen. Und wenn nunmehr die entspr. Fachkräfte finanziell und zeitlich ausgerüstet werden, um sich des Vorganges anzunehmen, frag ich mich durchaus, ob die Aufklärung, wielange der Geber am „Leben“ erhalten werden kann und ob die Schmerzen, die er erfährt, evtl. nur nicht sichtbar werden, viel zu kurz kommt, wenn erst einmal durch die Bank alle Spender sind. Wir werden auf jeden Fall länger leben in den Fällen, in denen wir als Nichtspender evtl. schon für uns hilfreich in den Sterbeablauf eingewiesen würden.
Mir (habe ich schon geschrieben) geht das sehr gegen das Naturell.
Und es spielt sich noch eine weitere Diskussion ab: Empfänger sollen nur die Spender sein. Wo endet das Ganze denn noch? Wer im Krankenhaus liegt und Blut braucht, muss einen Blutspendeausweis vorzeigen können?
Nein. Punkt. Eine Spende ist eine Spende und muss es bleiben.

Frdl. Grüße
Christiane

Humungus
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Re: Ich bin nicht nur gespannt, ich habe ein ganz ungutes Ge

Beitrag von Humungus »

Christianes Herz hat geschrieben:Ich habe keine Ahnung, wie gewichtig deren Stimme ist.
Kaum noch mehr Gewicht, gottlob.
Ich glaube aber, dass die Debatte nicht so sorgfältig sein wird wie die Sterbehilfediskussionen, weil die Wenigsten sich vorher über das Procedere schlau machen werden.
Genau das ist ja gewünscht: jeder, der sich mit der Diskussion nicht auseinandersetzt ist ein potentieller Spender, weil er sich auch mit einer Ablehnung nicht auseinandersetzt.
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Barnie Geröllheimer
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Re: Organspende neu gedacht

Beitrag von Barnie Geröllheimer »

Hab irgendwo gelesen, dass eine Widerspruchslösung (unabhängig davon, ob es um Organspenden geht) in D verfassungsrechtlich unzulässig sei, weil es eine Aktion des Bürgers erfordern würde, seine grundgesetzlich verankerten Rechte zu erlangen (sinngemäß wiedergegeben)
Man stelle sich vor, jeder ist Katholik, es sei denn, er widerspricht :mrgreen:

Träfe obiges zu, macht Spähnchen nur die Pferde scheu.

Erstaunlicherweise besteht aber auch (oder gerade) bei den Befürwortern der Opt-Out-Lösung eine große Wissenslücke bzgl. der Konsequenzen für die Gewebe- oder Organempfänger. Es wird einem ein Leben mit täglichem Sonnenschein vorgegaukelt, wenn nur jemand da ist, der einem eine Leber spendet.
84% aller Befragten seien Organspenden gegenüber aufgeschlossen, aber kaum einer hat einen Pass.
Das erinnert mich ein bissel an den "Mägges", der auch täglich proppenvoll ist, zu dem aber keiner hingeht. :mrgreen:

Parasympathikus
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Re: Organspende neu gedacht

Beitrag von Parasympathikus »

Hallo,

nachdem viele schon ihre Meinung dazu vorgetragen haben, will ich dem auch nicht nachstehen. Einmal abgesehen davon, dass ich es für problematisch halte, wenn medizinische Laien wie Herr Spahn sich solche komplexen Themen politisch zu Eigen machen. Und einmal abgesehen davon, dass ich persönlich durchaus mit den Betroffenen und Angehörigen mitfühle, die letztlich wegen fehlender Spendenbereitschaft auf der Warteliste versterben. Und auch abgesehen davon, dass ich grundsätzlich zur Spende nach dem Tod bereit wäre, meine Organe wegen einer malignen systemischen Erkrankung aber eh keiner haben will: Ich halte es bei solchen Dingen für nicht hilfreich, wenn mit Staatsgewalt und/oder Geld nachgeholfen wird. Das stellt das verlorene Vertrauen der Menschen in das Spendensystem ganz sicher nicht wieder her, noch ist es mit aktuellen Bestrebungen nach Autonomie persönlicher Daten und Selbstbestimmung kompatibel.

Man kann sicher philosophische Diskussionen darüber führen, inwieweit Nächstenliebe eine Organspende ohne explizite Einwilligung selbstverständlich macht. Man kann Spahn auch zugute halten, dass eine Widerspruchsregelung ja faktisch das gleiche wie eine Zustimmungsregelung, nur andersrum, ist.

Isses aber leider nicht. Denn Menschen fühlen sich sehr schnell bevormundet, wenn man sie wie kleine Kinder nach dem Prinzip: "Wenn du mir nicht gibst, dann nehme ich mir eben" behandelt. Solche Regelungen können somit schnell das Gegenteil erreichen. Einerseits werden sich Menschen, mit einem Entscheidungsdruck konfrontiert, bewusst mit dem Thema auseinandersetzen. Andererseits werden sie aber, aus vorgenannten Gründen, mehrheitlich widersprechen. Die Motivation, uneigennützig Gutes zu tun, sprich altruistisches Verhalten, muss von innen heraus kommen. Wenn Altruismus staatlich diktiert wird, kommt erfahrungsgemäß wenig Gutes dabei raus. Und Regelungen und Bevormundungen haben wir in Deutschland ja nun wirklich mehr als genug, so dass das wenigstens mit dem Tod ein Ende haben sollte.

Wenn Herr Spahn der Organspende etwas Gutes tun will, dann sollte er, statt gesetzgeberischer Schnellschüsse, das Vertrauen in das System stärken. Er sollte das Gesundheitssystem verbessern, was allein schon dazu beitragen kann, dass weniger Organe überhaupt erst ausfallen oder innovative Therapien die Organspende vielleicht irgendwann überflüssig machen.
Viele Grüße,

Parasympathikus

dora
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Re: Organspende neu gedacht

Beitrag von dora »

Barnie Geröllheimer hat geschrieben:Ich empfehle das Mitführen eines Spendeausweises (gerade dann, wenn man NICHT spenden möchte), denn im Ausland ist man nicht unbedingt zimperlich, wenn es darum geht, "Harvesting" zu betreiben.

.
so einen Ausweis hat man nicht immer dabei, wäre dann eine Tätuwierungauf der Brust " ich spende nicht " besser ? :P

nein, ich meine man darf sich nicht einfach was nehmen ohne zu fragen.

sophica
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Bitter und lächerlich - dieses Drama um die Organspende

Beitrag von sophica »

Meines Erachtens ist dieses Thema nun wirklich nicht der Hauptmangel, der im Gesundheits- oder besser gesagt Krankheitswesen zu beseitigen wäre;
viele, die mit einem Spenderorgan leben, haben häufig kein wirklich gesundes Leben und bedürfen meist vielfältiger weiterer medikamentöser und auch sonstiger medizinischer Behandlung.

Ich möchte weder als Ersatzteillieferer dienen noch als Ersatzteilkonstrukt leben und sterben.

Dekadent, dekadent, dekadent.

Ziel sollte besser sein, mit allen zusammen gesunde und lebenswerte Bedingungen für alle zu schaffen.

Nicht nur in diesem Bereich werden wir und unsere Lebensbedingungen mehr und mehr durch Institutionen und große Konzerne zwangsweise bestimmt.

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