Landarztquote

Moderator: DMF-Team

Timmie2
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Re: Landarztquote

Beitrag von Timmie2 » 02.08.17, 05:52

PR hat geschrieben:Noch ein Kindskopf hier, oder bloß Trolle ?
Funktionär, Kommunist, Spinner, Kindskopf, Trolle….Wenn das die einzigen ‚Argumente’ sind, die Sie vorzubringen haben, wirft das ein trauriges Bild auf die „Intelligenzija“ hier. Es zeigt aber einmal mehr, dass an konstruktiven Diskussionen keinerlei Interesse besteht. Das Solidarsystem muss auf Teufel komm raus vernichtet werden, es lebe die Privatisierung.

Humungus
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Re: Landarztquote

Beitrag von Humungus » 02.08.17, 07:05

Timmie2 hat geschrieben:Eigentlich wollte ich damit ja nur andeuten, dass dem Ärztemangel auf dem Land auch mit Privatisierung nicht beizukommen ist.
Mir geht es nicht um stärkere Privatisierung, sondern um den Erhalt des aktuellen Systems. Das ist nicht mehr gewünscht, und die "Weiterentwicklung" scheitert, wie man in den letzten Jahren immer deutlicher sieht.

Übrigens: zuletzt mit einem Dänen gesprochen, staatliches Gesundheitssystem. Augenärzte haben da einen festen Sprengel am Ort und beziehen für den ein Festgehalt, gleich, ob da wer kommt oder nicht. Wartezeit auf einen Termin ein Jahr. Und was machen die Leute da? Sie zahlen privat, um schneller dranzukommen. Ganz so, wie ich es für die Zukunft in Deutschland auch schon beschrieben - und befürchtet - habe. Mit mehr Regulation und ohne wirkliche Selbständigkeit wird ein System ineffizienter.
Wer finanziert denn größtenteils die medizinische Infrastruktur und auf wen werden gesamtgesellschaftliche Aufgaben finanziell abgewälzt?
Natürlich finanzieren GKV-Mitglieder überwiegend das System, aber schlicht durch die Masse. Proportional sieht es ganz anders aus. Übrigens: in der Augenheilkunde (wie auch in den anderen GOUDA-Fächern) kann das schnell kippen. Je ausgeprägter sich die Kassen bemühen, Innovationen durch ihre willfährigen wissenschaftlichen Institute abzulehnen, und je bereitwilliger der gBA diese aus der Kassenmedizin haben will, je eher werden Patienten selber zahlen müssen, um gut und sinnvoll und nicht nur minimal versorgt zu werden. Ich finde die Tendenz ausgesprochen bedenklich, geht es hier nicht mehr um onskure Untersuchungen ohne wirklichen Nutzen, sondern um Diagnostik, bei der einhellig in Fachkreisen die Meinung ist, dass es ohne sie nicht geht.
Um ehrlich zu sein bin ich aufgrund meiner Erfahrungen der letzten Jahre schwer enttäuscht, wie viele aus der „Intelligenzija“ nicht mehr in der Lage sind eigenständig zu denken bzw. sich zu denken getrauen.
Ach ja, ein düsteres Thema, und da muss ich Ihnen zustimmen. Selbst in der Ärzteschaft werden die Augen fest geschlossen, so lange nur das eigene Säckel gut gefüllt ist. Sehen Sie sich nur mal Barnies Bekannte an, für die doch alles passt. Die Voraussetzungen, um ein Spitzenabitur zu kriegen und ein Studium durchzuziehen, beinhalten wohl weniger Eigenständigkeit und Reflektion, sondern biegsame Wirbelsäule, Durchhaltevermögen und - nicht zuletzt - Ellenbogenmentalität. Ist habe solche Konsorten genug im Studium erlebt, und ich erlebe sie auch heute noch. Es ist wie mit dem Seerosenteich: am letzten Tag, bevor er vollends zugewuchert ist, sagen alle noch: ist ja nur die Hälfte, ich ja nicht so schlimm. Oder noch schlimmer: da sitzen Biedermänner.
Eine Machtübernahme droht doch eher von rechts als von links. Solange man sich selbst einen Vorteil davon verspricht, scheint das aber offenbar viele nicht weiter zu stören. Es sind nicht die Linken, die rechtes Gedankengut verharmlosen und den Faschisten den Weg ebenen.
In Deutschland werden die Nazis nie wieder die Macht ergreifen. Die aktuellen braunen Horden sind viel zu dumm und zu ungeschickt, und ihre Wähler rekrutieren sich aus Dummköpfen und Frustrierten. Den Linken kann man einen Vorwurf machen: sie bieten aktuell absolut keine Alternative, und das ist schade. Das Konvolut der Unzufriedenen und Ängstlichen würde ihnen genauso bereitwillig zulaufen wie den Piraten und der AFD. Dazu bräuchte man aber Vernunft und Realismus im Wahlprogramm. Fundamentalopposition nutzt nur dem eigenen Ego. Übrigens: wenn man die AFD austrocknen will, muss man nur Brecht lesen: "Erst kommt das Fressen..." Wer den Deutschen einen Fernseher, einen regelmäßigen Urlaub, alle paar Jahre ein Auto und den Traum vom Eigenheim gibt, nimmt ihnen die Angst und hält sie von den Nazis fern. Der kleine Wohlstand reicht aus.

Es gibt in Deutschland zwei Politiker, die Werbung für Zitronentee machen können. Der erste ist Ralf Stegner, der zweite Matthias Höhn. Jedes Mal, wenn ich ihn in der Berliner Runde sehe, denke ich mir: armer Mann. Wieder eins auf die Mütze gekriegt, wieder der SPD anbiedernd, wieder ganz der Frustrierte. Ich würde den Linken ja raten: denkt mal nach und macht ein Programm, das einen Staat und nicht nur einen Sozialismus tragen kann.
Weshalb sehen Sie einen starken Sozialstaat als Rückschritt und was wäre denn dann nach Ihrem Verständnis ein Fortschritt? Nun mal Butter bei die Fische…
Schon x-mal gesagt: geben Sie den Ärzten eine Zukunft, nehmen Sie den Kassen das Geld aus der Hand, verjagen Sie die Bürokraten und die Institute. Es muss - ganz wie Sie selber von Intelligenz sagen - nachgedacht und nicht geregelt werden. Übrigens, wenn Sie verstaatlichen wollen: eine einzige GKV in staatlicher Hand - das spart X Milliarden. Ach ja, ganz nebenbei: das mit der eGK und dem Datensammeln, das ist doch auch kein linker Gedanke, oder?
Die Frage stellt sich doch gar nicht, fraglich ist doch immer nur zu welchen Konditionen
Nur mal angemerkt: Planwirtschaft ging noch immer am Markt vorbei. Angebot und Nachfrage regeln auch die Facharztsituation, das kriegt man mit Gesetzen schlicht nicht hin. Jedenfalls nicht suffizient.
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Re: Landarztquote - mal wieder Maulburg

Beitrag von PR » 02.08.17, 16:42

Da sieht's derzeit so aus:
http://www.badische-zeitung.de/maulburg ... 47973.html

Was da grad passiert - oder eben nicht -, interessiert mich deshalb so besonders, weil sich hier ganz konkret zeigen wird, was es kostet, eine Landarztpraxis vorzuhalten, und ob es jemanden gibt, der das freiwillig zahlt, sodass ein angestellter Arzt ohne eigene Kostenbelastung und gegen Tarifgehalt dort arbeiten kann.

Ich wette, es wird sich ein solcher Sponsor auch weiterhin nicht finden, siehe
http://www.medizin-forum.de/phpbb/viewt ... 0&t=133156

So, und jetzt sind wieder die Trolle und Funktionäre dran, denen die Realität sowas von tierisch aufn Sack geht...

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Timmie2
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Re: Landarztquote

Beitrag von Timmie2 » 02.08.17, 21:40

Humungus hat geschrieben:Mir geht es nicht um stärkere Privatisierung, sondern um den Erhalt des aktuellen Systems. Das ist nicht mehr gewünscht, und die "Weiterentwicklung" scheitert, wie man in den letzten Jahren immer deutlicher sieht.
Ich denke wir diskutieren an diesem Punkt aneinander vorbei. Sie beziehen sich in punkto Weiterentwicklung bzw. linke Politik auf die Sozialdemokraten, die nach meinem Empfinden schon lange nicht mehr links sind. Deren Politik dient nicht dem Erhalt des Systems, da bin ich ganz Ihrer Meinung.
Humungus hat geschrieben:Natürlich finanzieren GKV-Mitglieder überwiegend das System, aber schlicht durch die Masse. Proportional sieht es ganz anders aus.
Wo beteiligen sich denn Privatpatienten an der Infrastruktur? Argumentiert wird ja häufig, dass Privatpatienten eine Kassenpraxis quersubventionieren würden. Betrachtet man sich allerdings die Forderung der Kassenärzte – ein Oberarztgehalt bei 20 Std. Arbeitseinsatz/Woche – wird deutlich, dass der Vergleich gewaltig hinkt.
Humungus hat geschrieben:Ich finde die Tendenz ausgesprochen bedenklich, geht es hier nicht mehr um obskure Untersuchungen ohne wirklichen Nutzen, sondern um Diagnostik, bei der einhellig in Fachkreisen die Meinung ist, dass es ohne sie nicht geht.
Ob obskure Diagnostik oder nicht (da scheiden sich mitunter die Geister), der Trend geht zur Leistungskürzung. Für diesen Zweck wurde evidenzbasierte Medizin schließlich auch im SGB V verankert. Die derzeitige politische Entwicklung zielt eindeutig darauf ab, GKV und PKV anzugleichen. Ich habe zudem den Eindruck, die GKV wird mittels „Qualitätsoffensiven“ langfristig zu einer Grundversorgung zusammengestutzt und zeitgleich regelrecht ausgeblutet. Insbesondere Selektivverträge entziehen der Gesamtvergütung zunehmend finanzielle Mittel, zugleich werden die Zahlungsströme immer undurchsichtiger. Ich hatte vor einiger Zeit ja mal eruiert, wer an einem IVOM-Vertrag (§ 73 c SGB V – besondere ambulante Versorgung) so alles mitkassiert. Neben dem Arzt waren da noch Managementgesellschaft, Abrechnungsstelle, Datenaufbereitungsstelle und Qualitätssicherungsunternehmen; das nennt sich dann „effizient und qualifiziert“. Der nächste Schritt dürfte dann die an der PKV orientierte Wahlversorgung sein und schon haben wir eine Privatisierung durch die Hintertür. So ähnlich ist’s ja auch bei der Beschädigung der gesetzlichen Rente gelaufen. Erst Rentenkürzung, dann Privatvorsorge und alles mit freundlicher Unterstützung der Wissenschaft (Raffelhüschen, gell PR?). Die Versicherungskonzerne wird’s freuen.
Humungus hat geschrieben:Den Linken kann man einen Vorwurf machen: sie bieten aktuell absolut keine Alternative, und das ist schade. Das Konvolut der Unzufriedenen und Ängstlichen würde ihnen genauso bereitwillig zulaufen wie den Piraten und der AFD. Dazu bräuchte man aber Vernunft und Realismus im Wahlprogramm.
Sie wollen damit doch sicher nicht andeuten, dass das Wahlprogramm der AFD auf Vernunft und Realismus baut? Jedem, der dieses Wahlprogramm liest, müssten sich alle Zehennägel aufrollen. Die AFD setzt ganz gezielt auf Provokation. Ich kann schon gar nicht mehr zählen wie oft die auf der Maus ausgerutscht sind. Vermutlich bräuchte es auch bei den Linken ein deutlich provokanteres Auftreten, um von den Protestwählern überhaupt wahrgenommen zu werden. Mit Fakten und Argumenten werden viele Protestwähler gar nicht mehr erreicht. Dazu hat die Linke ein noch viel größeres Problem, denn sie will sich partout nicht dem neoliberalen Einheitsbrei anschließen und gefährdet somit dessen Systemerhalt. Während die ersten CDU-Politiker der AFD bereits die Hand reichen, sieht sich die Linke ungebrochen Diffamierungskampagnen ausgesetzt. Mit Querfront-Kampagnen wurde damals schon die Friedensbewegung platt gemacht.
Humungus hat geschrieben:Übrigens: wenn man die AFD austrocknen will, muss man nur Brecht lesen: "Erst kommt das Fressen..." Wer den Deutschen einen Fernseher, einen regelmäßigen Urlaub, alle paar Jahre ein Auto und den Traum vom Eigenheim gibt, nimmt ihnen die Angst und hält sie von den Nazis fern. Der kleine Wohlstand reicht aus.
Hat ja auch lange funktioniert, Bildungspolitik und Bildungsfernsehen taten ihr übriges. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird aber stetig größer und immer mehr Menschen bleiben auf der Strecke. „Deutschland geht es gut“ ist längst zu einer Farce geworden. Nach dem Armutsbericht der Wohlfahrtsverbände sind bereits 40% der Bürger von der Wohlstandsentwicklung abgekoppelt und leben von der Hand in den Mund. Jedes 5. Kind ist mittlerweile armutsgefährdet. Während Reallöhne stagnierten (1997-2014 Durchschnittsverdiener +15 %) gönnten sich Manager und Großaktionäre jährlich satte Millionenbeträge (1997-2014 DAX-Vorstand +186 %). Das Aufstiegsversprechen wurde längst durch Abstiegsangst abgelöst und die Ungleichheit bereitet den Boden für Rechtspopulisten. Was tat die Bundesregierung? Sie setzte sich für eine Verwässerung der Armutsdefinition ein (Europa 2020-Strategie) und strich kurzerhand unliebsame Passagen aus ihrem Armutsbericht. Problem erledigt. Das wird uns irgendwann gehörig um die Ohren fliegen.
Humungus hat geschrieben:Übrigens, wenn Sie verstaatlichen wollen: eine einzige GKV in staatlicher Hand - das spart X Milliarden. Ach ja, ganz nebenbei: das mit der eGK und dem Datensammeln, das ist doch auch kein linker Gedanke, oder?
Die Linke ist die einzige Partei, die sich gegen Wettbewerb im Gesundheitswesen positioniert und deren Modell der Bürgerversicherung auch keinen Wettbewerb zwischen Krankenkassen vorsieht. Auch das Datensammeln ist kein linker Gedanke. Die elektronische Gesundheitskarte wurde 2004 unter Rot-Grün beschlossen, als die SPD sich längst von linken Positionen verabschiedet hatte. Die Linke dagegen hatte sich schon immer gegen eine elektronische Gesundheitskarte ausgesprochen.

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ein Oberarztgehalt bei 20 Std. Arbeitseinsatz/Woche

Beitrag von PR » 02.08.17, 22:13

Sie sehen also, timmiezwoo, dass "das System" von Grund auf verlogen und verrottet ist,
denn es zahlt zwar dem dort Arbeitenden ein gerechtes Oberarztgehalt, aber die von ihm vorfinanzierte Infrastruktur nicht, oder aber es speist ihn ab mit dem "was die kranken Kassen bereit sind zu zahlen" (U.Schmidt) und enteignet ihn von den Gestehungskosten der Infrastruktur,

und wünschen dennoch nichts als seine Erhaltung ?

Politisch dürfen Sie sowas, timmiezwoo, werden dabei aber natürlich nicht viele Mitträumer finden.
Denn dieses System befindet sich - bürgerlich rechtlich gesehen - im Zustand der Insolvenzverschleppung

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Zuletzt geändert von PR am 02.08.17, 22:45, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Landarztquote

Beitrag von Humungus » 02.08.17, 22:45

Timmie2 hat geschrieben:Sie beziehen sich in punkto Weiterentwicklung bzw. linke Politik auf die Sozialdemokraten, die nach meinem Empfinden schon lange nicht mehr links sind. Deren Politik dient nicht dem Erhalt des Systems, da bin ich ganz Ihrer Meinung.
...und Sie wollen das System erhalten, indem Sie die PKV abschaffen? Und Polikliniken flächendeckend aufmachen? (wobei das irgendwie nicht mehr erwähnt wird, wie kommts?) Und was wird eigentlich dann aus den Niedergelassenen? Friss, Vogel, oder stirb?
Wo beteiligen sich denn Privatpatienten an der Infrastruktur? Argumentiert wird ja häufig, dass Privatpatienten eine Kassenpraxis quersubventionieren würden.
Eine ganze Menge Investitionen ist heutzutage nur noch möglich, weil die Leistungen privat bezahlt werden. Weil der gBA sich beharrlich weigert, sie in den Leistungskatalog aufzunehmen bzw. weil die Methoden neu sind und jahrelang "evaluiert" werden. Selbst das BSG hat offensichtlich festgestellt, dass Privateinnahmen für die Existenz einer Kassenarztpraxis notwendig sind. Dass die Richter solch klare Worte nicht gewählt haben, mag ihrer äääh richterlichen Unabhängigkeit geschuldet sein.
Für diesen Zweck wurde evidenzbasierte Medizin schließlich auch im SGB V verankert. Die derzeitige politische Entwicklung zielt eindeutig darauf ab, GKV und PKV anzugleichen. Ich habe zudem den Eindruck, die GKV wird mittels „Qualitätsoffensiven“ langfristig zu einer Grundversorgung zusammengestutzt und zeitgleich regelrecht ausgeblutet.
Da haben Sie in jeder Hinsicht recht. Und was dann? Zahlt jeder selber. Und was wollen die Linken daran ändern? Eines sollte man bedenken: Leistungen kosten Geld und werden dann erbracht, wenn sie sich tragen. Man kann nicht per ordre de mufti festlegen, dass geleistet wird. Tut man das im Rahmen von Kliniken, werden die Kliniken defizitär arbeiten. Was die Folge ist wissen Sie selber.
Ich hatte vor einiger Zeit ja mal eruiert, wer an einem IVOM-Vertrag (§ 73 c SGB V – besondere ambulante Versorgung) so alles mitkassiert. Neben dem Arzt waren da noch Managementgesellschaft, Abrechnungsstelle, Datenaufbereitungsstelle und Qualitätssicherungsunternehmen; das nennt sich dann „effizient und qualifiziert“.
Witzig, nicht, dass trotzdem alle mehr daran verdienen (bzw. die Kassen erheblich sparen), weil solche Verträge an den KVen vorbei Off-Label-Therapie ermöglichen. Die Folge: eine Spritze mit identischer Wirkung und Nebenwirkung kostet anstatt 1260 Euro, von denen man 600 Euro in die Luft spritzt (!), nur noch 60 Euro. Die KV-Honorare für IVOM sind nicht nur absurd niedrig (Nachuntersuchung 10 Euro), sondern die Patienten zahlen auch noch die regelmäßigen OCTs selber. Heißt: bei den Sonderverträgen verlieren genau zwei: Pharmaindustrie und KV.
Der nächste Schritt dürfte dann die an der PKV orientierte Wahlversorgung sein und schon haben wir eine Privatisierung durch die Hintertür.
Ich habe vor vielen Jahren schon gesagt: endgültig löst man das Gesundheitssystem mittels kompletter Privatisierung oder mittels Verbeamtung der Beteiligten - oder nennen Sie die Verstaatlichung wie Sie wollen. Beider Systeme finden meine Zustimmung nicht, denn ich kenne viele Patienten, die dann krank und kränker sein werden und sterben. Und Verbeamtung? "Welcher Tag ist der anstrengendste für einen Beamten? Der Montag, da muss er gleich drei Blätter vom Kalender abreißen." Das mag übertrieben sein, aber: wer in die eigene Tasche arbeitet, arbeitet anders. Da spielen Überstunden auch keine Rolle, da geht man hin, auch wenn man lieber krank wäre, und da überlegt man, wie viel Urlaub man nimmt.
So ähnlich ist’s ja auch bei der Beschädigung der gesetzlichen Rente gelaufen. Erst Rentenkürzung, dann Privatvorsorge und alles mit freundlicher Unterstützung der Wissenschaft (Raffelhüschen, gell PR?). Die Versicherungskonzerne wird’s freuen.
Da bin ich Ihrer Meinung. Ein Trauerspiel!
Sie wollen damit doch sicher nicht andeuten, dass das Wahlprogramm der AFD auf Vernunft und Realismus baut?
Natürlich nicht, aber die Linken sollten es besser machen! Wollen Sie Beispiele? 2x Sabbatjahr für Angestellte, 30 Stunden sind Vollzeit, Wochenhöchstarbeitszeit sind 40 Stunden, Recht auf vorübergehende Arbeitszeitverkürzung - damit torpedieren Sie jeden Kleinbetrieb, damit schaffen Sie viele Arbeitsplätze - in der Verwaltung! Keine Auslandseinsätze der Bundeswehr, keine Polizeieinsätze, keine Militärberater - "splendid isolation"? Lasst uns mit den Diktatoren reden, und besser rot als tot. Abschaffung der 5-Prozent-Klausel, keine lebenslange Freiheitsstrafe (wissen die Linken überhaupt, was das in Deutschland heißt?). "Reichensteuer" - wissen Sie, was die Millionäre machen werden? Lieber gar nix mehr kriegen?
Jedem, der dieses Wahlprogramm liest, müssten sich alle Zehennägel aufrollen.
Wie wahr, wie wahr, und dabei habe ich längst nicht alles gelesen.
Mit Fakten und Argumenten werden viele Protestwähler gar nicht mehr erreicht.
Doch, mit Vernunft und mit einer realistischen (!) Perspektive. Nicht mit Phantastereien, bei denen selbst der Verbohrteste weiß, dass sie weder durchzusetzen sind noch dass sie bei konsequenter Durchführung zum Wohl von Bürger und Staat führen. Leute, Leute, habt Ihr denn wirklich nichts gelernt? Denkt doch mal an das grüne Fiasko mit dem Veggie-Day. Solche plakativen Forderungen führen dazu, dass das Programm sofort zur Seite gelegt wird. Allein wenn man sagt, dass der Firmenboss 75 Prozent Steuern zahlen soll, werden sich die Leser nicht vor Neid und Häme amüsieren. Nein, sie werden sagen, dass Arbeitsplätze abwandern werden. Sorry, wenn ich emotional werde, eigentlich sollte ich mich freuen, aber ich frage mich, ob da nur Phantasten das Wahlprogramm entworfen und durchgewunken haben. So etwas garantiert "four more years", und daran ist die SPD nun wirklich nicht schuld.

Übrigens, wenn wir bei den Linken sind: es ist sicherlich wählerstimmenfürdernd, die Polizei für Krawalle verantwortlich zu machen und nicht den Schwarzen Block. Die Demonstranten haben sicherlich Masern gehabt, darum kamen sie alle in schwarz. Mit solchen Überzeugungen spricht man diejenigen an, die die Linken zu einer Randpartei machen.
Die Kluft zwischen Arm und Reich wird aber stetig größer und immer mehr Menschen bleiben auf der Strecke. „Deutschland geht es gut“ ist längst zu einer Farce geworden. Nach dem Armutsbericht der Wohlfahrtsverbände sind bereits 40% der Bürger von der Wohlstandsentwicklung abgekoppelt und leben von der Hand in den Mund. Jedes 5. Kind ist mittlerweile armutsgefährdet.
Dieser Meinung bin ich auch, und ich frage mich bei vielen Einkäufen: wie kann ein Hartzer oder Niedriglöhner leben?
Die Linke dagegen hatte sich schon immer gegen eine elektronische Gesundheitskarte ausgesprochen.
Das ist ein Anfang. Sie haben noch viel zu tun, bis ich Sie wählen kann. Über 90 Prozent der Deutschen sind meiner Meinung. Und? Sind Sie lernfähig?
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DIE LINKE

Beitrag von PR » 02.08.17, 23:01

achdulieberhimmel, hätt's ich doch geahnt,

die halt ich als politische Partei mit diesem Namen doch allesamt für Etikettenschwindler.
Begründung: Funktionär ist in erster Linie für sich selber da. Das bestätigt alle Erfahrung der Welt.

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Barnie Geröllheimer
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Re: Landarztquote

Beitrag von Barnie Geröllheimer » 03.08.17, 09:56

Timmie2 hat geschrieben: Vermutlich bräuchte es auch bei den Linken ein deutlich provokanteres Auftreten, um von den Protestwählern überhaupt wahrgenommen zu werden. Mit Fakten und Argumenten werden viele Protestwähler gar nicht mehr erreicht. Dazu hat die Linke ein noch viel größeres Problem, denn sie will sich partout nicht dem neoliberalen Einheitsbrei anschließen und gefährdet somit dessen Systemerhalt. Während die ersten CDU-Politiker der AFD bereits die Hand reichen, sieht sich die Linke ungebrochen Diffamierungskampagnen ausgesetzt. Mit Querfront-Kampagnen wurde damals schon die Friedensbewegung platt gemacht.
Ja, da ist was dran, aber die Linke hat auch in ihrer Präsenz vor Ort massive Darstellungsprobleme. Jedenfalls habe ich hier bei uns anlässlich mehrerer Stammtisch-Besuche den Eindruck gewonnen. Auch Riexinger himself, der an einem heißen Tag vor sage und schreibe 17 Leuten, von denen noch die meisten Mitglieder der hiesigen Linken waren, zu linken Themen Stellung nahm, war alles andere als überzeugend und wirkte auf mich - trotz aller Affinität zu linken Ideologien - populistisch und nicht sehr glaubwürdig.
Mit MdB Michael Schlecht hätte ich mich tagelang bestens unterhalten können (wie allerdings mit jedem Volkswirt), aber erstens war die Zeit nicht da und er wirkte etwas überheblich. Das Auditorium war der hiesige linke Stammtisch mit knapp 10 Leuten.
Will sagen, die Linke spielt offensichtlich bei "Deutschen" und "Demokraten" leider noch immer nicht die Rolle, die sie spielen müsste, sollte und könnte. Es muss aber an der Außendarstellung noch schwer gefeilt werden und Einigkeit gezeigt werden, sonst geht es ihr mittelfristig wie "meinen" Piraten.

Timmie2 hat geschrieben:
Humungus hat geschrieben:Übrigens: wenn man die AFD austrocknen will, muss man nur Brecht lesen: "Erst kommt das Fressen..." Wer den Deutschen einen Fernseher, einen regelmäßigen Urlaub, alle paar Jahre ein Auto und den Traum vom Eigenheim gibt, nimmt ihnen die Angst und hält sie von den Nazis fern. Der kleine Wohlstand reicht aus.
Hat ja auch lange funktioniert, Bildungspolitik und Bildungsfernsehen taten ihr übriges. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird aber stetig größer und immer mehr Menschen bleiben auf der Strecke. „Deutschland geht es gut“ ist längst zu einer Farce geworden....
Richtig, das kann man gar nicht deutlich genug betonen!

@Humungus
Das mit dem Urlaub und dem Auto ist ja genau das, was nicht nachhaltig hilft und mich davon abhält, monetäre Forderungen mancher Ärzte zu goutieren, mit denen sie angeblich zufrieden sein wollen.
Wie lange denn wären sie zufrieden?
Morgen schon verdient vielleicht der Kollege oder Nachbar besser, hat das dickere Auto oder die größere Urlaubskasse, dann will man selbst auch mehr haben. Und der Patient soll's richten, auch wenn er keinen Einfluss auf Kostenfaktoren hat, die dem behandelnden Arzt sein Einkommen schmälern.

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Ich glaube, wir werden gerade ganz anders überrollt und ...

Beitrag von Christianes Herz » 03.08.17, 10:10

... es wird über kurz oder lang möglich sein, nicht nur Krankheiten wie hier beschrieben

http://www.spiegel.de/wissenschaft/medi ... 60993.html

für die kommenden Generationen auszuschließen, sondern auch unseren Hang, sehenden Auges jeder, aber auch jeder gesellschaftlichen Gefahr in die Arme zu laufen, obwohl wir aus der eigenen Geschichte und der anderer Länder lernen müssten.

Frdl. Grüße
Christiane

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Re: Landarztquote

Beitrag von Barnie Geröllheimer » 03.08.17, 10:43

....wie immer eine Frage des Missbrauchs.
Einerseits hätte ich vielleicht kein neurologisches Problem und kein Vitiligo, andererseits hätte der GröFaZ seine blonden und blauäugigen Muskelpakete, allesamt mit überdurchschnittlichen IQs.
Wenn die Technik verfeinert wird, gelänge es vielleicht, einen Mediziner zu designen, der ganz geil darauf ist, in Maulburg zu praktizieren. :lachen:

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Re: Landarztquote

Beitrag von Timmie2 » 03.08.17, 15:41

PR hat geschrieben:denn dieses System befindet sich - bürgerlich rechtlich gesehen - im Zustand der Insolvenzverschleppung
Sie sollten weniger Raffelhüschen lesen und dafür mal einen Blick in die Bilanzen wagen. In der Insolvenzverschleppung befindet sich längst die PKV während die GKV Überschüsse erzielt. Nun sind aber Leistungskürzungen mit gleichzeitigem Überschuss schwer verträglich, deshalb wird das Geld in Rücklagen und Gesundheitsfond geparkt und nach Gusto der Regierenden verteilt. Mal wird der Bundeszuschuss gekürzt um den Bundeshaushalt zu sanieren, dann wird für gesamtgesellschaftliche Aufgaben die Liquiditätsreserve angezapft. Den Beitragszahlern wird ihr Geld unter’m Hintern weggeklaut und keiner merkt’s.
Humungus hat geschrieben:..und Sie wollen das System erhalten, indem Sie die PKV abschaffen?
Die PKV soll nicht abgeschafft sondern auf Zusatzversicherungen beschränkt werden. Was bedeutet denn Solidarversicherung? Starke Schultern tragen mehr und alle sind abgesichert. Dann sollten doch auch alle einbezogen werden oder mögen Sie sich gegenüber Ihren Mitbürgern nicht solidarisch zeigen?
Humungus hat geschrieben:Und Polikliniken flächendeckend aufmachen? (wobei das irgendwie nicht mehr erwähnt wird, wie kommts?)
Polikliniken sind nichts weiter als Medizinische Versorgungszentren mit dem Unterschied, dass sie nicht den Kapitalgesellschaften ausgeliefert sind. Mittlerweile sind wir doch schon so weit, dass Bürger ihre Daseinsvorsorge selbst in die Hand nehmen müssen und Bürgerkliniken finanzieren. Wie lange wollen wir dem noch tatenlos zusehen?
Sparen wir uns zu Tode?
Humungus hat geschrieben:Eines sollte man bedenken: Leistungen kosten Geld und werden dann erbracht, wenn sie sich tragen. Man kann nicht per ordre de mufti festlegen, dass geleistet wird. Tut man das im Rahmen von Kliniken, werden die Kliniken defizitär arbeiten. Was die Folge ist wissen Sie selber.
Erschreckend wie sehr sich das neoliberale Denken bereits in die Köpfe gefressen hat. Ist es etwa primäre Aufgabe einer Klinik Renditen einzufahren? Naürlich kostet eine gute, flächendeckende Gesundheitsversorgung Geld. Kliniken in öffentlicher Hand wurden regelrecht kaputt gespart, weil die Länder ihrer Verpflichtung zur Finanzierung der Investitionskosten nicht nachgekommen sind und somit Klinken gezwungen waren notwendige Investitionen aus Eigenmitteln aufzubringen. Nun werden massiv Kliniken geschlossen und die Sahnestückchen verscherbelt man für billig Geld an private Konzerne mit den bekannten Folgen. Das wird uns (nicht nur finanziell) teuer zu stehen kommen.
Humungus hat geschrieben:Witzig, nicht, dass trotzdem alle mehr daran verdienen (bzw. die Kassen erheblich sparen), weil solche Verträge an den KVen vorbei Off-Label-Therapie ermöglichen. Die Folge: eine Spritze mit identischer Wirkung und Nebenwirkung kostet anstatt 1260 Euro, von denen man 600 Euro in die Luft spritzt (!), nur noch 60 Euro. Die KV-Honorare für IVOM sind nicht nur absurd niedrig (Nachuntersuchung 10 Euro), sondern die Patienten zahlen auch noch die regelmäßigen OCTs selber. Heißt: bei den Sonderverträgen verlieren genau zwei: Pharmaindustrie und KV.
Für Umme arbeitet davon keiner, sonst wäre man auch nicht so scharf auf die Verträge. Wie Patienten zu solchen Verträgen regelrecht genötigt werden habe ich selbst miterlebt. Eine verkaufstechnisch hervorragend geschulte Mitarbeiterin im ‚Aufklärungsgepräch’, die gezielt Druck aufbaut und nach der Bitte um Bedenkzeit schließlich mit bevorstehender Blindheit droht. Als die Patientin (über 80) heulend da stand, weil sie nicht mehr wusste wie ihr geschah, habe ich sie mir geschnappt und mit ihr die Praxis verlassen. Erblindet ist sie auch 2 Jahre später noch nicht, obwohl sie jeden weiteren Augenarztbesuch verweigerte. Da hat Ihr Kollege wirklich ganze Arbeit geleistet.
Humungus hat geschrieben:Allein wenn man sagt, dass der Firmenboss 75 Prozent Steuern zahlen soll
Ab einem zu versteuernden Einkommen von über 1 Mio. Euro (zu versteuerndes Einkommen bedeutet: das, was vom Bruttoeinkommen nach den üblichen Abzügen wie Freibeträgen und Sonderausgaben übrig bleibt). Na da würde ich doch gerne tauschen. Unter Kohl hatten wir schon mal einen Spitzensteuersatz von 56 % ab einem zu versteuernden Einkomen von 130.000 Euro, das nur mal zur Erinnerung.
Humungus hat geschrieben:Nein, sie werden sagen, dass Arbeitsplätze abwandern werden.
Diese Floskel ist schon so was von abgenutzt. Das hört man bei jeder Tariferhöhung, jeder Sozialabgabe, Mindestlohn, etc. Wir dürften längst keine Arbeitsplätze mehr haben. Fakt ist doch, dass die Wirtschaft floriert trotz Mindestlohn und Weltuntergangsszenarien.
Humungus hat geschrieben:Übrigens, wenn wir bei den Linken sind: es ist sicherlich wählerstimmenfürdernd, die Polizei für Krawalle verantwortlich zu machen und nicht den Schwarzen Block.

Zwei Wochen nach G20 muss man schon sehr schlecht informiert oder sehr wenig an der Wahrheit interessiert sein, um Polizeigewalt während des Gipfels zu leugnen.
Barnie Geröllheimer hat geschrieben:Es muss aber an der Außendarstellung noch schwer gefeilt werden und Einigkeit gezeigt werden, sonst geht es ihr mittelfristig wie "meinen" Piraten.
Ich zähle mich zu den Demokraten und weiß es daher auch zu schätzen, dass innerhalb der Partei in inhaltlichen und personellen Fragen unterschiedliche Positionen vertreten werden. Es kann keine Partei geben, in der man alles gut findet. Was sich letztlich durchsetzt entscheidet die Mehrheit, das funktioniert nach meinen bisherigen Erfahrungen erstaunlich gut. Dabei kommt es natürlich gelegentlich auch zu offenen Konflikten, die ein schlechtes Bild nach außen abgeben. Die Alternative wäre bedingungsloser Kadavergehorsam wie er in anderen Parteien erwartet wird und wo sich die Parteiführung auch schon mal über Entscheidungen der Basis hinwegsetzt. Das geht gar nicht. Da sind mir meine streitlustigen Linken deutlich lieber. So funktioniert nun mal gelebte Demokratie.

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Re: Landarztquote

Beitrag von Humungus » 03.08.17, 16:44

Timmie2 hat geschrieben:Die PKV soll nicht abgeschafft sondern auf Zusatzversicherungen beschränkt werden.
...und die GOÄ bleibt erhalten? Die Genehmigung für Zusatzversicherungen dient doch einzig dazu, damit Krankenhäuser im Privatsektor weiterhin abgrasen können, denn dort winkt weiter das Geld. Wiederum eine Querfinanzierung defizitärer Kassenleistungen.
Dann sollten doch auch alle einbezogen werden oder mögen Sie sich gegenüber Ihren Mitbürgern nicht solidarisch zeigen?
Ich zahle brav alle Steuern und Abgaben, ohne zu tricksen, genau aus diesem Grund. Warum sagen Sie nicht einfach offen, dass im Rückstellungsbereich fette Zitronen sitzen, die die Linken zu gerne quetschen würden? In Wirklichkeit gehts weniger um zukünftige Kasseneinnahmen, sondern um das, was in der Vergangenheit angespart wurde. Oder meinen Sie, dass ein Eintritt aller privat Kranken- und Rentenversicherten die Situation der Gesamtheit maßgeblich ändern würde? Wohl eher im politischen und nicht im wirtschaftlichen Sinn. Garantiert mir die Linke eigentlich die Rückzahlung meiner Altersrückstellungen?
Polikliniken sind nichts weiter als Medizinische Versorgungszentren mit dem Unterschied, dass sie nicht den Kapitalgesellschaften ausgeliefert sind.
...und wer soll die MVZs finanzieren? Am Land, wo sie nichts bringen? Das Beispiel insolventer MVZ selbst in einer Großstadt spricht Bände. Mal ganz prosaisch: würde der Staat an der Gesundheitsversorgung in der Fläche verdienen können, hätte er sie schon vor zig Jahren übernommen.
Erschreckend wie sehr sich das neoliberale Denken bereits in die Köpfe gefressen hat. Ist es etwa primäre Aufgabe einer Klinik Renditen einzufahren?
Oh, wir können darauf verzichten, wenn der Staat ständig zuschießt. Warum wohl fahren auch Uni-Kliniken Sparkurs und suchen Drittmittel? Weil da spielend Millionendefizite drohen. Mir geht es nicht um shareholder-value, sondern darum, dass eine Klinik sich trägt.
Nun werden massiv Kliniken geschlossen und die Sahnestückchen verscherbelt man für billig Geld an private Konzerne mit den bekannten Folgen.
Ein Grund dafür ist, dass in den Sechziger und Siebzigern jeder Landrat gerne seinen eigenen Kliniksarkophag wollte. So etwas kann sich nicht tragen. Und weil immer mehr auch im ambulanten Sektor behandelt wird (auch, weils günstiger kommt), brechen die Einnahmen weg.
Wie Patienten zu solchen Verträgen regelrecht genötigt werden habe ich selbst miterlebt. Eine verkaufstechnisch hervorragend geschulte Mitarbeiterin im ‚Aufklärungsgepräch’, die gezielt Druck aufbaut und nach der Bitte um Bedenkzeit schließlich mit bevorstehender Blindheit droht. Als die Patientin (über 80) heulend da stand, weil sie nicht mehr wusste wie ihr geschah, habe ich sie mir geschnappt und mit ihr die Praxis verlassen. Erblindet ist sie auch 2 Jahre später noch nicht, obwohl sie jeden weiteren Augenarztbesuch verweigerte. Da hat Ihr Kollege wirklich ganze Arbeit geleistet.
Solche Beispiele sind traurig und ein Hinweis auf Geldgier, von der man auch Ärzte nicht freisprechen kann. Natürlich gibt es auch da Sümpfe, die ausgetrocknet gehören. Dies geschieht abe rnicht dadurch, dass man aktiennotierten Unternehmen jährlich unnötig Milliarden in die Tasche schiebt, den Patienten eine Therapieoption (Bevacizumab) nimmt und sie auch noch schön dafür zahlen lässt. Ihre Patientin hatte großes Glück. Bei feuchter MD kann es wirklich um wenige Tage gehen, und Massenblutungen und anschließende Vernarbung senken die Sicht auf Handbewegungen. Anhaltend.
Ab einem zu versteuernden Einkommen von über 1 Mio. Euro (zu versteuerndes Einkommen bedeutet: das, was vom Bruttoeinkommen nach den üblichen Abzügen wie Freibeträgen und Sonderausgaben übrig bleibt). Na da würde ich doch gerne tauschen. Unter Kohl hatten wir schon mal einen Spitzensteuersatz von 56 % ab einem zu versteuernden Einkomen von 130.000 Euro, das nur mal zur Erinnerung.
Alles bekannt. Und wozu führt das? Zu Steueroptimierung und Abwanderung. Klar würden Sie gerne tauschen, ich auch, so eine Finca in Spanien oder auch die Schweizer Staatsangehörigkeit inklusive Separatvereinbarung ist schon etwas Reales. Zwischen 56 Prozent und 75 Prozent ist schon noch ein Unterschied, der Steuerpflichtige zahlt nämlich glatt ein Dritten mehr Steuern, und zwar ganz von oben. Ob das durch das BVerfG geht halte ich für fraglich. Wären Sie mal bei den 56 oder meinetwegen auch 60 Prozent geblieben. Aber es muss ja plakativ werden - oder sollen wir sagen: populistisch?
Fakt ist doch, dass die Wirtschaft floriert trotz Mindestlohn und Weltuntergangsszenarien.
Auch, weil es den Unternehmen gut geht, dem extrem billigen Geld sei Dank. So etwas kann sich schnell ändern, diese Pflanze ist empfindlich. Wenn man sie beschneidet, dann nur vorsichtig und in kleinen Schritten, sonst ist sie hin.
Zwei Wochen nach G20 muss man schon sehr schlecht informiert oder sehr wenig an der Wahrheit interessiert sein, um Polizeigewalt während des Gipfels zu leugnen.
Klar gab es auch Polizeigewalt. Leider fehlt bei den Videos die Vorgeschichte, die gehört zwingend dazu. Was macht eigentlich ein Polizist, wenn ein Platzverbot ausgesprochen wird und sich der Demonstant weigert? Mit den Füßen auf den Boden stampfen? Übrigens sagt meine Frau immer: in der Exekutive sitzen genauso viele Dissoziale wie die, um die sie sich kümmern. Man muss diejenigen finden und herauswerfen. Auf beiden Seiten.
Was sich letztlich durchsetzt entscheidet die Mehrheit, das funktioniert nach meinen bisherigen Erfahrungen erstaunlich gut.
Ja, bei acht Prozent, Tendenz sinkend. Eigentlich könnte die Linke die SPD von links her aufrollen wie es die CDU von rechts her tut. Dazu muss sich die Linke aber bewegen. Nach rechts, ein wenig in die Richtung, in der viele Wähler sitzen. Das aktuelle Wahlprogramm verspricht Fundamentalopposition oder aber wahlweise "was schert mich mein Geschwätz von gestern". Es ginge wesentlich besser. Übrigens stießen die Piraten eigentlich in das richtige Horn: bürgernahe Politik, transparent und ohne Funktionärskaste. Dann aber kamen die Scherereien und das Wahlprogramm. Und das Ende. Jede Partei, die so etwas bietet, hat aus dem Stand ein Potential von 10 Prozent, eventuell auch 20. Auch die AFD hatte diese Ansätze, bevor zu sehr geschulmeistert wurde und die Nazis das Kommando übernahmen. Die Wähler, um die man sich bemühen muss, sind nicht die Ausländerfeinde oder die Extremgruppen, sondern Deutsche, die sich Sorgen um sich und die Zukunft machen. Timmie, Sie haben es selber gesagt: mindestens 20 Prozent haben kaum etwas zu beißen. Aktuell wählen solche Leute Merkel, weil sie sich etwas von ihr versprechen. Die kann man alle kriegen, wenn man bürgerliche, seriöse Politik macht. Und das können auch Linke.
Augenarzt? Flatrate. Für nur 18 Euro all you can (tr)eat, ein ganzes Quartal lang! DAS ist heutige Gesundheitspolitik.

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Re: Landarztquote

Beitrag von Barnie Geröllheimer » 03.08.17, 16:48

Timmie2 hat geschrieben:
Humungus hat geschrieben:..und Sie wollen das System erhalten, indem Sie die PKV abschaffen?
Die PKV soll nicht abgeschafft sondern auf Zusatzversicherungen beschränkt werden.
Über diesen Punkt haben wir im Arbeitskreis Gesundheitswesen bei den Piraten lange diskutiert. Freilich waren die bei uns mitwirkenden Ärzte auch dafür, die PKV als Zusatzversicherung weiterzuführen.
Ich war dagegen, konnte mich aber nicht durchsetzen. Jede ZUSATZversicherung verspricht den Leistungserbringer ZUSATZumsätze und führt somit zu Fehlallokationen zum Nachteil derer, die sich solche Zusatzversicherungen nicht leisten können. Das kann m.E. keine linke Position sein und es ist auch nicht gerecht.
Timmie2 hat geschrieben:
Humungus hat geschrieben:Nein, sie werden sagen, dass Arbeitsplätze abwandern werden.
Diese Floskel ist schon so was von abgenutzt. Das hört man bei jeder Tariferhöhung, jeder Sozialabgabe, Mindestlohn, etc. Wir dürften längst keine Arbeitsplätze mehr haben. Fakt ist doch, dass die Wirtschaft floriert trotz Mindestlohn und Weltuntergangsszenarien.
Da streu ich doch mal die gestern veröffentlichten 918 Mrd. Euro Sozialleistungen in die Diskussion ein, die man im vergangenen Jahr aufbringen musste. Allein diese Zahl sollte darstellen, wie es im Sozialwesen aussieht.
Timmie2 hat geschrieben:
Barnie Geröllheimer hat geschrieben:Es muss aber an der Außendarstellung noch schwer gefeilt werden und Einigkeit gezeigt werden, sonst geht es ihr mittelfristig wie "meinen" Piraten.
Ich zähle mich zu den Demokraten und weiß es daher auch zu schätzen, dass innerhalb der Partei in inhaltlichen und personellen Fragen unterschiedliche Positionen vertreten werden. Es kann keine Partei geben, in der man alles gut findet. Was sich letztlich durchsetzt entscheidet die Mehrheit, das funktioniert nach meinen bisherigen Erfahrungen erstaunlich gut.
Wirklich? Dann kann ich die Linke nur beglückwünschen. Wir mussten von Monat zu Monat mehr von unserer "Basisdemokratie" beerdigen, um in Arbeitskreisen zu Ergebnissen zu kommen, die nach außen darstellbar waren. Wenn Leute, die in eine Materie nicht eingearbeitet sind, ja sich noch nicht einmal dafür interessieren und deshalb auch nicht damit beschäftigen wollen, trotzdem mitreden und mitentscheiden wollen UND DÜRFEN, geht jede Substanz verloren.
Wenn Sie heute mit Leuten auf der Straße über den vermeintlich "kostenlosen" Arztbesuch diskutieren wollen, am "besten Gesundheitssystem der Welt" etwas zu ändern, damit es nicht den Bach runtergeht, klappen 95% die Ohren zu. Es fehlt jedes Urteilsvermögen, aber den "kostenlosen" Arztbesuch will man überhaupt nicht hinterfragen.
Ich habe LEIDER lernen müssen: Demokratie muss man sich durch sinnvolle Mitwirkung erst einmal verdienen, sie steht einem nicht einfach zu.
Timmie2 hat geschrieben:Dabei kommt es natürlich gelegentlich auch zu offenen Konflikten, die ein schlechtes Bild nach außen abgeben. Die Alternative wäre bedingungsloser Kadavergehorsam wie er in anderen Parteien erwartet wird und wo sich die Parteiführung auch schon mal über Entscheidungen der Basis hinwegsetzt. Das geht gar nicht. Da sind mir meine streitlustigen Linken deutlich lieber. So funktioniert nun mal gelebte Demokratie.
Jeder öffentliche Streit ist Munition für die Gegner. Gerade bei den Linken, denen man weit weniger vertraut als einer CXU.
Was die gelebte Demokratie angeht: siehe oben. Man muss auch mal populistisch sein dürfen, wenn es einem hehren Ziel dient. Und endlich echte Reformen im Gesundheitswesen anzugehen, ist wohl eines der hehresten Ziele, die in unserer Zeit ein Politiker haben kann.

Christianes Herz
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Re: Landarztquote

Beitrag von Christianes Herz » 03.08.17, 18:16

Timmie2 hat geschrieben:... deshalb wird das Geld in Rücklagen und Gesundheitsfond geparkt und nach Gusto der Regierenden verteilt. Mal wird der Bundeszuschuss gekürzt um den Bundeshaushalt zu sanieren, dann wird für gesamtgesellschaftliche Aufgaben die Liquiditätsreserve angezapft. Den Beitragszahlern wird ihr Geld unter’m Hintern weggeklaut und keiner merkt’s.
Was wäre bei einer Einheitsversicherung diesbzgl. anders?

Frdl. Grüße
Christiane

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Kliniken in öffentlicher Hand w e r d e n

Beitrag von PR » 03.08.17, 20:19

regelrecht kaputt gespart. Ihre Worte. Kaputtgespart von den Krawattenschniegeln in den solidarisch ! kranken Kassen u n d von den Ländergesundheizmistern, die sich gegenseitig zu Sündenböcken erklären. Das Argument ist noch immer gleich abgedroschen: die Kwallitääät ! die "Mindeststückzahl" (Frühgeborener unter 1.000g etc.) ! die fehlende Spezialisierung ! die fehlende Zentralisierung ! Jedes Kreiskrankenhaus nix als ein Landrattsdenkmal ! D a s sind die Argumente. Tausendmal gehört.

Das sind die Argumente der B e t r i e b s w i r t e. Und was machen da wohl die Oberbuchhalter ("Klinikscheffs") der Kliniken in öffentlicher Hand, die halt nix Gescheiteres gelernt haben, mit ihren Erfolgsbeiteiligungen in der Hinterhand ? Na, was wohl, timmiezwoo, vor dem Kreistagsplenum ?

Ja, doch schwarze Bilanzen präsentieren, was denken Sie denn ?

PR

PS: Raffeldings kenn ich von Pressefotos, und meine Gedanken mach ich mir schon selber
Zuletzt geändert von PR am 03.08.17, 21:56, insgesamt 1-mal geändert.
Von Fremdinteressen freie an Patienteninteresse orientierte eigene Meinung.
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