Freispruch für Göttinger Transplantations-Arzt

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Dr. A. Flaccus
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Re: Freispruch für Göttinger Transplantations-Arzt

Beitrag von Dr. A. Flaccus » 07.05.15, 13:51

Bei einem Ertrinkenden ist das Wasser schuld, das unverschämterweise in die Lunge dringt, nicht der Beobachter, der ihn hätte retten können. Oder wie...?!
Schon wieder falsch - daher verstehen Sie offenbar auch die Problematik dieses Falles nicht:

Der Ertrinkende kann aus irgendwelchen Gründen nicht schwimmen.
Das ist sein Problem, vergleichbar mit einer nicht funktionierenden Leber.


Das Wasser spielt gar keine Rolle. Es ist die Folge des nicht-schwimmen-könnens, vergleichbar mit dem Gift, das die Leber nicht mehr abbauen kann.

Ohne Gegenmaßnahmen (Rettungsschwimmmer / neue Leber ) führt beides zum Tod.

Der Beobachter kann retten...

...wenn er selbst schwimmen kann
...wenn er sich zutraut, den Ertrinkenden retten zu können ohne sich selbst zu gefährden
...wenn er z.b. andere um Hilfe bittet (niemand ist verpflichtet, sich selbst zu gefährden!)

Und dem Pat. mit der kaputten Leber kann geholfen werden...

...wenn es ein passendes Organ gibt
...wenn seine Gesamtkonstitution noch eine Organdspende zuläßt
...wenn er in der Warteliste weit genug oben steht

Aber weder der Schwimmer, noch der Leberkranke sterben ursächlich wegen der "Wenn"-Faktoren.
Sie sterben an dem Grundleiden (Nicht-Schwimmen-können oder Leberversagen).

Es besteht ja auch kein Anspruch darauf, das an jedem Hafenbecken ein Rettungsschwimmer steht, um potentielle Nichtschwimmer zu retten.
Ich glaube auch nicht, dass Sie dem Göttinger Arzt zu seinem Verhalten gratulieren wollen, oder?
Natürlich nicht.
Aber darum geht´s hier gar nicht.
Dr. A. Flaccus
Facharzt für Anästhesie
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Timmie2
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Re: Freispruch für Göttinger Transplantations-Arzt

Beitrag von Timmie2 » 07.05.15, 19:48

Heinerle hat geschrieben:Das ist doch wohl der eigentliche Aufreger. Das Gericht hat die geltenden Ausschlüsse bestimmter Patientengruppen für verfassungswidrig erklärt. In immerhin der Hälfte der Fälle hat der Arzt gegen eine Regelung gehandelt, die selber verfassungswidrig ist
Und dazu ein Aufreger, der immer noch nicht abschließend geklärt ist, denn trotz Nachbesserung behält sich die Bundesärztekammer in den Richtlinien große Regelungsspielräume vor. Auch eine Abweichung von diesen Richtlinien in „begründeten Fällen“ dürfte nach wie vor nicht der Verfassung entsprechen.

Dann gibt es noch das fragwürdige System der Honorierung in Kliniken, bei der dieser Arzt wohl eine Punktlandung schaffte. 20 Transplantationen waren durch das Grundgehalt abgedeckt, danach gab es Boni für bis zu 60 Transplantationen. Verständlich, dass sich die Staatsanwältin wunderte, dass der Arzt es ausgerechnet auf 59 oder 60 Transplantationen pro Jahr geschafft hat, obwohl ihm diese Zahlungen angeblich nicht wichtig waren. Eine weiterer ungelöster Aufreger, denn nach wie vor sind solche Bonuszahlungen in Kliniken keine Seltenheit.
Dr. Flaccus hat geschrieben:Kein Mensch hat ein "Anrecht" auf ein fremdes Organ.
Wohl wahr, aber solche Skandale sind der Sargnagel für jede Organspende.

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So, und wer ist jetzt der Schurke ?

Beitrag von PR » 07.05.15, 21:41

Schlichtefrageschlichtefrage

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Re: Nicht nur, aber auch ein Grund für die Schurkerei

Beitrag von Christianes Herz » 12.05.15, 13:11

Künftig keine falschen Anreize mehr:
Aus der Pressemitteilung der Bundesärztekammer zur heutigen Rede Dr. Montgomery (Eröffnung 118. Dt. Ärztetag):
„Als Erfolg bezeichnete es Montgomery auch, dass der Gesetzgeber die von der Ärzteschaft vorgeschlagene Verschärfung des Paragraphen 136 a (Bonusverträge für Leitende Ärzte) in das Gesetz übernehmen will. Damit werde deutlich, dass falsche ökonomische Anreize keinen Platz in der Medizin haben dürfen.“
http://www.bundesaerztekammer.de/presse ... eroeffnet/

Frdl. Grüße
Christiane

Timmie2
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Re: Freispruch für Göttinger Transplantations-Arzt

Beitrag von Timmie2 » 12.05.15, 14:26

„Als Erfolg bezeichnete es Montgomery auch, dass der Gesetzgeber die von der Ärzteschaft vorgeschlagene Verschärfung des Paragraphen 136 a (Bonusverträge für Leitende Ärzte) in das Gesetz übernehmen will. Damit werde deutlich, dass falsche ökonomische Anreize keinen Platz in der Medizin haben dürfen.“
Nett formuliert, wobei diese "Verschärfung" nicht ganz freiwillig erfolgte. Bereits 2013 wurden BÄK und DKG aufgefordert Empfehlungen abzugeben die sicherstellen, dass Zielvereinbarungen mit finanziellen Anreizen zu Einzelleistungen verhindert werden (§ 136a SGB V). Die daraufhin erstellten Empfehlungen wurden damals schon von Transparency International gerügt, weil zu wachsweich

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